Okt 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 80 0

In anmutiger Einsamkeit

Wer in einer Großstadt auf der Suche nach Ruhe und Natur ist, sucht in erster Linie Parks auf – oder verlässt die Stadt ganz. Dabei gibt es eine oft vernachlässigte Alternative: Friedhöfe wie der Gertraudenfriedhof in Halles Norden oder der Südfriedhof locken mit viel Grün, Stille und Einsamkeit.

Foto: Alexander Kullick

»Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.« Es fällt schwer, einem Schriftsteller vom Profile eines Mark Twain zu widersprechen. Doch hin und wieder ist genau das nötig, nämlich dann, wenn selbst dieser große amerikanische Erzähler einem offensichtlichen Irrtum erlegen ist.

Konkret angezweifelt werden müssen auch nur die letzten sieben Worte des genannten Zitats – zudem ist zu beachten, dass Twain bereits 1910 gestorben ist und somit keine Gelegenheit mehr erhalten sollte, den Gertraudenfriedhof in Halle zu besuchen. Andernfalls hätte er diese törichte Aussage wohl kaum treffen können. Twain hätte nur ein paar Jahre älter werden müssen, um theoretisch noch eine Chance haben zu können, den frisch errichteten Gertraudenfriedhof in Halles Stadtviertel Landrain einmal zu sehen.

Vier Jahre nach Twains Tod endeten zunächst die Bau- und Gestaltungsarbeiten des Areals, das in erster Linie den Zweck hatte, den Südfriedhof zu entlasten (welcher 1887 selbst auch schon zum Zwecke der Entlastung errichtet wurde). In den Jahrzehnten zuvor stieg die Bevölkerungszahl Halles wie in fast allen deutschen Städten rasant an; lebten 1880 noch gut 70 000 Menschen in der Saalestadt, waren es 30 Jahre später bereits 2,5-mal so viele – Halle war zur Großstadt geworden. Trotz der ebenfalls ansteigenden Lebenserwartung kam es dadurch natürlich zu deutlich mehr Todesfällen, was nach zusätzlichen Kapazitäten im Bestattungswesen verlangte. Entworfen wurde der Gertrauden­friedhof vom hallischen Stadtbaurat Wilhelm Jost, dessen eigenes Grab sich heute auch in dieser Anlage finden lässt.

Wenn man will, kann man sich in Windeseile verlaufen

Foto: Alexander Kullick

Der 1914 fertiggestellte und in den folgenden Jahrzehnten immer wieder erweiterte Friedhof lädt förmlich dazu ein, sich zu verlaufen – was nicht als Kritik an seiner architektonisch-gestalterischen Form aufzufassen ist. Ganz im Gegenteil: es gibt wohl kaum etwas Reizvolleres als einen Spaziergang auf einem Gelände von dieser schier unüberblickbaren Weite. Wer wie der Autor dieses Textes über ein begrenztes Orientierungsvermögen verfügt, hat oft Grund genug, sich über diesen ärgerlichen Umstand zu beklagen – auf den mal alleebreiten, mal pfadhaft schmalen Wegen dieses Friedhofs wird genau dies zum Vorteil. Der irrationale, aber dennoch existierende angstvolle Gedanke des Auf-ewig-verschollen-Gehens beim Spazier­gang in Wäldern kann hierbei ebenfalls ausgeklammert werden, da die von Mark Twain mit verächtlichem Amüsement bedachten Mauern des Friedhofs den sorglosen Flaneur stets davor bewahren, diesem Szenario zu erliegen.

Die Wege des Gertraudenfriedhofs hat man dabei meist für sich allein; man erschrickt innerlich beinahe ein wenig, wenn dreißig Meter entfernt, in einem besonders wilden Abschnitt, eine Katze den Pfad kreuzt und festgestellt werden kann, dass es diesem kleinen Wesen offenbar genauso erging. Die Gedanken spielen schon so verrückt, dass man auf die Ferne in diesem Tier fast einen kleinen Luchs zu erkennen glaubt. Doch bevor es gelingt, sich zur endgültigen Verifizierung dieser steilen These auf eine für Brillenträger annehmbare Distanz zu begeben oder gar auf dem Smartphone zu googeln, ob sich die sachsen-anhaltische Luchspopulation nun auch schon nach Halle gewagt hat, verschwindet dieses mysteriöse Wesen im Dickicht des Wegesrandes. Auch Menschen, zumindest die lebende Variante dieser Spezies, trifft man hier und auf den meisten anderen größeren Friedhöfen eher selten an. Wer durch diese Tatsache glücklich gestimmt wird, ist an diesem Ort zwischen kunstvollen Gräbern und zum Verweilen einladenden Bänken genau richtig. Falls es aber doch einmal der Einsamkeit zu viel werden sollte, ist die Zivilisation auch nie weit; schließlich befindet man sich nach wie vor auf dem Gelände einer Großstadt.

Foto: Alexander Kullick

Kann man bald »auf dem Friedhof« wohnen?

Die meisten Menschen werden einen Friedhof zweifellos dann aufsuchen, wenn sie einen kürzlich Verstorbenen auf seiner »letzten Reise« begleiten, aber auch, wenn sie dessen Grab in den Monaten, Jahren und Jahrzehnten darauf besuchen. Doch selbst wenn man keinen Toten zu beklagen hat, sei es einem ans Herz gelegt, diesen Ort hin und wieder einmal aufzusuchen. Die philosophisch Veranlagten können hier Gedanken rund um Leben und Tod schweifen lassen, und diejenigen, die einfach nur Ruhe vom städtischen Trubel suchen, werden sie hier mit Gewissheit vorfinden. Natürlich kann man es sich auch mit der neuesten Ausgabe der favorisierten Studierenden­zeitschrift auf einer der Bänke bequem machen.

Doch weil auch ein Ort der vermeintlichen Ewigkeit nur ein Kind seiner Zeit ist, ist es ungewiss, ob dies überall so bleiben wird. Da Verstorbene oder deren Hinterbliebene sich vermehrt zu einer Urnenbestattung entschließen, bleiben auf Halles Grabfeldern (die Stadt verfügt über beinahe 20) zunehmend Flächen leer. Für Aufsehen sorgte 2017 das Vorhaben der Stadtverwaltung, den wenn auch mit 0,36 Hektar sehr kleinen Friedhof in Seeben in den nächsten Jahrzehnten teilweise in einen Spielplatz umzuwandeln und die bestehenden Gräber bis 2038 zu entfernen; aktuell finden dort durchschnittlich lediglich sieben Bestattungen pro Jahr statt. Ambitioniertere Pläne existieren derweil für den ungleich größeren Gertraudenfriedhof: Im nördlichen Teil des Geländes, der bisher für keine Beerdigungen genutzt wurde, könnten in Zukunft Neubauten entstehen, so die Stadtverwaltung.

Wenn das noch Mark Twain erleben könnte …

Über Alexander Kullick

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Erstellt: 28.10. 2018 | Bearbeitet: 31.10. 2018 23:50