Texte mit Tags ‘Halle’

1234

Jan 2012 hastuUNI Nr 40 1

So viel Zukunft, so wenig Zeit

Für den Wissenschaftsrat gibt sich die Martin-Luther-Universität auf die Schnelle ein Profil.

»Das Ganze eilt furchtbar. Wir bitten euch dringend um eure Ideen und Mithilfe«, schrieben die studentischen Senatoren und der Studierendenrat der MLU am 28. November in einer E-Mail an alle Studierenden. Etwas entspannter liest sich eine neue Mail acht Wochen später, in welcher der Stura interessierte Studierende dazu einlädt, ihre Ideen zu den Themen Hochschullehre, Beschäftigungsverhältnisse und Campus-Infrastruktur beizutragen. Mehr, mehr, mehr

Dez 2011 hastuPAUSE Nr. 39 0

Kulturbegabtes Halle

Michael Brenner ist seit August Intendant des Neuen Theaters und wünscht sich von den Hallensern mehr kulturelles Bewusstsein.

Sie sind seit August in Halle, wie gefällt es Ihnen hier?

Ich bin im Grunde genommen schon seit Januar dieses Jahres hier, zur Vorbereitung. Ich habe in der alten Spielzeit schon zwei Inszenierungen gemacht: »Zscherben – Ein Dorf nimmt ab!« und die »Oper Dracula«. Insofern habe ich mich schon ganz gut eingelebt. Dennoch kenne ich Halle noch nicht sehr gut. Auch wenn die Stadt nicht sehr groß ist, dauert es eine Weile, sie zu erschließen, darauf freue ich mich. Die Stadt ist für mich eine sehr große Entdeckung.

Was hat Sie dazu bewegt, am Neuen Theater zu arbeiten?

Das war nicht vorhersehbar. Ich hatte die Information, dass in Halle diese Position frei wird, und mich zwar darauf beworben, aber ohne mir besondere Gedanken darüber zu machen. Ich habe dann die Gelegenheit genutzt, um das Ensemble kennenzulernen und mich vorzustellen. Das waren sehr spannende Stunden, und daraufhin konnte ich mir vorstellen hier zu arbeiten. Aber auch das Gebäude, dieser eigentümlich tolle Theaterbau hat mich überzeugt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Was haben Sie sich für Ihren neuen Job vorgenommen?

Neue Akzente zu setzen natürlich – das ist ein Naturvorgang. Es gibt ein Problem in Halle. Es ist eine kulturell unglaublich reiche Stadt. Leute, die von außen kommen, merken das sofort, nur die Hallenser nicht, sie meckern und nörgeln über ihre Stadt. Was hier nötig schien, war eine neue Brücke, einen neuen Kontakt zwischen Theater und Publikum zu schaffen. Also ein direkteres kommunikatives Aufeinanderzugehen einerseits – und andererseits innerhalb des Ensembles eine neue Transparenz und Offenheit in Gang zu setzen und zu pflegen. Wir haben zum Beispiel das Stück »Zscherben – Ein Dorf nimmt ab!« inszeniert, das mit dieser Region zu tun hat. In der Theaterfachwelt wurde das zum Teil befremdlich aufgenommen und als Volksstück abgetan. Wir versuchen Neues zu machen und haben zum Beispiel »Die Weber« von Hauptmann mit Jo Fabians Tanztheater gekreuzt. Wir hätten nicht gedacht, dass diese Kombination so gut ankommt und das Stück so gut besucht wird.

Wie kulturell ist Halle?

In Halle gibt es so viele Leute aus den unterschiedlichsten Kunst- und Kulturrichtungen. Das ist den Menschen hier leider kaum bewusst, und dieses Image wird auch nicht unbedingt nach außen transportiert. Ob eine Stadt kulturbegabt ist oder nicht, merke ich immer an den Taxifahrern. Als ich neulich in Magdeburg in ein Taxi stieg und zum Schauspielhaus wollte, stammelte der Fahrer und wusste gar nicht genau, wohin ich will. In Halle weiß jeder Taxifahrer genau, wo das Neue Theater ist, alle antworten das gleiche: »Wollen Sie unten in die Ulrichstraße oder an den Uniplatz?« Ich kenne auch viele Künstler, die sich in Halle bewusst angesiedelt haben. Sie sind der Meinung, dass hier der Windschatten noch groß genug ist, um Fehler machen zu können. Die Hallenser sind aber auch sehr bodenständig. Das muss man mögen lernen. Ich gehe sehr viel spazieren, um die Stadt kennenzulernen und in die Gesichter gucken zu können. Es ist angenehm zu erleben, dass die Menschen so unüberheblich sind. Aber auf der anderen Seite wünsche ich mir ein bisschen mehr Stolz der Bürger auf ihre Stadt.

Nov 2011 hastuUNI Nr. 38 0

Es war einmal … Teil II

Halle birgt eine der ältesten Hochschulen Deutschlands. hastuzeit unternimmt einen kleinen Ausflug in die Geschichte der Universität und schaut, wie alles begann. Teil 2

Die Universität und die Stadt Halle sind eng miteinander verbunden. Erkennbar ist das an den grünen Universitätsschildern, die viele Gebäude weit über den Campus hinaus als Einrichtung der Hochschule kennzeichnen. Und spätestens, wenn man zwischen zwei Seminaren von einem Institut zum anderen durch die halbe Stadt eilen muss, merkt man, wie weit sich die MLU über Halle erstreckt. Mehr, mehr, mehr

Nov 2011 hastuPAUSE Nr. 38 0

Neues von der Schauburg

In diesem Sommer fanden die ersten Veranstaltungen in der Schauburg statt. Doch nun wird dem Verein gekündigt, der seit einem Jahr versucht, das Objekt zu sanieren.

Das »Quotentrio« schmettert gerade herzzerreißende Chansons der 20er bis 40er, als der große Sommersturm beginnt. Die Zuhörer, die bis dahin auf der gemütlichen Terrasse sitzen, flüchten in das Gebäude. Teile der Dachpappe fliegen über den Hof und beschädigen das Terrassendach. Die Veranstalter laufen umher und versuchen die Technik zu retten. Nun löst sich die Verankerung, das komplette Dach schleift über die Terrasse. Die Besucher interessiert derweil nur, woher der nächste Prosecco kommt. Während das Barpersonal versucht die letzten Gläser vor dem Sturm zu retten, gießen sich die Gäste selbst ein. Der Strom fällt aus und eine alte Dame holt verschmitzt eine Taschenlampe aus ihrer großen Tasche. Später gibt es Gratiskuchen und noch mehr Prosecco. Danach muss die Schauburg für ein, zwei Wochen schließen, das Dach reparieren und Sicherungsarbeiten durchführen lassen. Wie vom Pech verfolgt, bricht bei der kommenden Veranstaltung wieder ein Sturm los, diesmal bleibt das Dach heil. Doch auch bei Windstille macht der Gebäudekomplex einen baufälligen Eindruck, vom einstigen Glanz ist kaum noch etwas zu erahnen.
Die Schauburg galt als eines der schönsten und größten Kinos der Weimarer Republik. Heute ist es eines der zwei letzten originalen Häuser der Großen Steinstraße. Seit letztem Jahr versucht der »Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt e. V.« den vergangenen Glanz des zerfallenen Gebäudes wieder zu beleben.

Mit marodem Charme

Die Schauburg soll zum größten freien Theater Sachsen-Anhalts werden sowie Ateliers, Künstlerwohnungen und eine Galerie beherbergen. Ein imposantes Vorhaben. Bereits im Februar hatte hastuzeit dem Objekt einen Besuch abgestattet, doch noch immer steckt der Verein in der Sanierungsphase, und große Teile des Hauses sind aus Sicherheitsgründen nicht begehbar. So wurde der Innenhof für die ersten Veranstaltungen hergerichtet, und in der Schauburg ertönte nach langer Zeit wieder lobender Applaus. »Zum Tag des offenen Denkmals wurden wir regelrecht überrannt«, freut sich der Vereinsvorsitzende des Vereins Nico Käfer. Viele ältere Besucher fühlten sich bei der Führung durch die historischen Gebäude an glanzvolle Zeiten erinnert. »Der marode Charme des Gebäudes kam sogar ganz gut an«, meint Nico Käfer. Daneben gab es aber auch relativ leere Veranstaltungen. Trotz einiger Höhepunkte kamen gerade 3000 der geplanten 5000 Besucher. Finanziell sei es nicht zufriedenstellend gewesen, »aber nun haben wir es endlich geschafft, von der Politik und der Wirtschaft ernstgenommen zu werden«, so Käfer. Der Verein konnte sich in den letzten Wochen über zahlreiche Förder- und Sponsoringangebote freuen. Und nach einem Jahr ist nun auch der Wille bei der Stadt Halle erzeugt, das Projekt voranzutreiben. Die Stadtwirtschaft hat angeboten, den Bauschutt kostenlos zu entsorgen. Es habe sich sogar ein Unternehmen gefunden, das das brüchige Dach reparieren will. Gerade im Hinblick auf den bevorstehenden Winter ist das eines der wichtigsten Anliegen. Der Dachstuhl würde im jetzigen Zustand »nicht überleben, und das Objekt wäre ruiniert«, meint Nico.

Schauburg – auch ohne den Verein

Das Haus birgt viele Schätze. Bei den Sanierungsarbeiten wurde ein Gewehr aus dem ersten Weltkrieg gefunden, auch der Originalfußboden aus dem frühen 17. Jahrhundert ist zum Teil noch erhalten. In versteckten Ecken finden sich Basalt und Granit, Bodenmarmorplatten führen zu den Hauseingängen. Vieles findet sich unter Beton, Dreck und DDR-Holzspanplatten. Eindrucksvolle Funde und dank des beinahe erfolgreichen Eröffnungsprogramms in naher Zukunft ein repariertes Dach – das klingt nach Schönwetterlage. Doch gerade jetzt, als der Verein eigentlich schon das Weihnachtsprogramm planen wollte, kündigt der Eigentümer fristlos. »Wir sind sehr traurig darüber, dass wir gezwungen sind, dem Verein zu kündigen«, so Petra Bredehorn-Mayr. Die Eigentümerin hat gehofft, dass sich die finanzielle Lage des Vereins durch das Sommerprogramm verbessert, aber die kalkulierten Besucherzahlen blieben aus. »Nun sind wir an einen Punkt gekommen, wo wir dieses Konzept nicht mehr subventionieren können.« Als sich der Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft letztes Jahr um das Objekt bewarb, war die Eigentümerin froh, dass er sich um die Erhaltung der Schauburg kümmern und die kulturelle Stätte wieder beleben will. Sie habe immer wieder versucht, den Verein zu unterstützen. »Wir haben erst viel später gemerkt, dass sich der Verein bei der wirtschaftlichen Arbeit überhoben hat, das wurde uns erst sehr spät signalisiert«, erklärt der zuständige Bauleiter Jürgen Dieter Wiegel. Die Schlüssel des Wohnhauses, in dem später einmal die Künstlergarderobe untergebracht werden sollte, musste der Verein bereits abgegeben. Ein Auszug kommt für Nico Käfer eigentlich nicht in Frage, der befürchtet, dass das Projekt Schauburg dann nicht mehr realisiert werden kann. »Wir würden den Eigentümern bei der Bewältigung des Objektes gern weiterhin mit unseren Kompetenzen unter die Arme greifen«, so Nico Käfer. Der Vorstandsvorsitzende wird den Eigentümern ein neues bzw. weniger umfangreiches Konzept vorlegen und hofft, dass dadurch ein neuer Pachtvertrag zu Stande kommt. Beide Parteien verfolgen das gleiche Ziel, nämlich der Schauburg wieder den alten Reiz zu verleihen oder sie zumindest erst einmal begehbar zu machen. Aber es gibt auch ohne Verein eine Perspektive für die Schauburg. »Wir hatten damals ein Konzept ausgearbeitet, bevor der Verein an uns herangetreten ist. Dies sollte eine Variante von wohnwirtschaftlichem Nutzen und der Wiederbelebung einer kulturellen Stätte sein«, so Wiegel. Die alten Pläne werden wieder aufgenommen. Das Objekt wird nun grundsaniert, und später können sich Interessenten, die eine künstlerische Plattform suchen, einmieten. Künstler, Vereine, Galerien sollen sich zeitweilig oder dauerhaft darin aufhalten, »sich künstlerisch einbringen und Gedanken entfalten können«, so Bredehorn-Mayr. Auch der Verein zur Förderung der freien Kulturlandschaft könne sich dann gern um Räume bewerben. Die Schauburg soll sich dann von ihrer besten Seite zeigen. Wann das aber genau sein wird, ist unklar. »Wir sind noch in der Planungsphase«, aber die Eigentümerin glaubt, dass nächstes Jahr die ersten Mieter einziehen können. »Vorerst gilt es aber das Objekt sturm- und winterfest zu machen«, so Bauleiter Wiegel.

Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Als internationaler Student in Halle

Wie ist es, zum Studieren in ein völlig fremdes Land zu kommen, um auf unbestimmte Zeit dazubleiben? Ein Einblick in das Leben zweier internationaler Studenten in Halle.

»Das Leben hier war mir anfangs zu strukturiert. Außerdem klang die deutsche Sprache für mich wie Rammstein«, beschreibt Hristo Stoykov seine ersten Eindrücke von Halle. Der 24-Jährige kommt aus Jambol, einer Kleinstadt im Südosten Bulgariens. 2006 zog er hierher, um »Business Studies« zu studieren. Bereits in der zehnten Klasse war ihm klar, dass er im Ausland studieren möchte. »Ich wollte gar nicht unbedingt nach Deutschland«, erinnert er sich. Mehr, mehr, mehr

Nov 2011 hastuINTERESSE Nr. 38 0

Starthilfe Buddy

Ein Auslandsaufenthalt ist nicht nur für die Erasmus-Studenten eine aufregende Zeit, sondern auch für ihre Buddies.

»Was kostet es, wenn man in Deutschland geblitzt wird?« Pawels Antwort auf meine Frage, wie seine Fahrt nach Halle war, verblüfft mich etwas. »Meine Schwester ist gefahren«, grinst er. Auch seine Schwester grinst. Und ich auch. Das Eis ist gebrochen, bevor es entstanden ist. Pawel kommt aus Czeladz/Polen und studiert im fünften Semester »Business English«. Bis Ende März wird er an der MLU ein Auslandssemester absolvieren und an den Instituten für Wirtschaftswissenschaften sowie für Anglistik und Amerikanistik Leistungspunkte sammeln. Mehr, mehr, mehr

Nov 2011 hastuPAUSE Nr. 38 0

Öko-Literatur in Halle: Papka

Bücher müssen nicht immer glänzen, nach Druckerei riechen und aus einem großen Verlagshaus kommen. In Halle kreieren Studenten gemeinsam ganz eigene Buchkunstwerke: Aus altem Pappkarton.

Joana studiert Ethnologie und BLIK an der MLU. Sie hat Papka zusammen mit Nele, die an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Buchkunst studiert, aufgebaut.

Was war der Ursprung für eure Idee?

Nele war eine längere Zeit in Lateinamerika und hat dort Wind bekommen von der Bewegung der sogenannten Cartoneros, dem Pappkartonverlag. Bei Eloisa Cartonera entstehen neue verlegte Bücher aus recycelten Materialien, die günstig verkauft werden. Hier in Deutschland gibt es allerdings einen anderen Hintergrund, Literatur wird uns ja beinahe hinterher geworfen. Uns geht es mehr darum die Bürokratie zu umgehen, und Leute, die Lust haben zu schreiben, bekommen die Möglichkeit, ihre Werke bei uns zu verlegen. Wir möchten die ganzen kommerziellen Wege vermeiden. Denn bei den großen Verlagen werden eingereichte Texte oft abgelehnt, und selbst wenn einmal etwas angenommen wird, muss oft trotzdem noch alles mögliche an dem Text verändert werden. Und genau das wollen wir nicht. Jeder soll seine Texte verlegen können, ohne den kommerziellen Hintergrund und ohne Richtwerte.

Welche Texte verlegt ihr?

Eigentlich alles, zur Zeit gibt es ungefähr sechs Werke, die in verschieden großer Anzahl verlegt wurden. Darunter: Kurzgeschichten, ein Gedichtband, Comics und eine Illustration von Nachrichten.

Illustrierte Nachrichten?

Ja, da hat jemand die Nachrichten des Tages von verschiedenen Sendern aufgeschrieben und dazu Illustrationen gezeichnet. Das war besonders durch den Vergleich interessant, es wurden beispielsweise die Nachrichten von Radio Corax denen von Jump gegenübergestellt. Wenn jemand einen Text hat, den er interessant findet und verbreiten möchte, muss nur die Frage um die Lizenz geklärt sein, und dann kann die Idee umgesetzt werden.

Wie kommt es dann von der Idee zum Pappkartonbuch?

Wir treffen uns meist einmal in der Woche und besprechen Ideen und Organisatorisches. Wenn genug Texte zusammen gekommen sind, treffen wir uns zu Workshops. Dort arbeiten wir gemeinsam an dem Design der Bücher. Im ersten Workshop wurden in zehn Stunden 50 Bücher hergestellt. Das Schöne an Papka ist, dass jeder sich unterschiedlich einbringt. Deswegen sieht jedes Buch anders aus und wird ein kleines Kunstwerk.

Was habt ihr mit den Büchern vor?

Die sollen nicht direkt verkauft, aber auf Spendenbasis weitergegeben werden, damit wir die Druckkosten wieder raus haben. Es geht uns nicht darum, etwas zu verdienen. Wir wollen nur bei plus/minus null rauskommen.

Gibt es denn keine Fördermittel?

Doch, wir haben inzwischen einen Drucker gesponsert bekommen vom Freundeskreis der Burg, aber trotzdem entstehen noch ein paar Kosten, die wir durch Spendeneinnahmen gerne abdecken würden. Es steckt schließlich viel Arbeit in den Büchern, und es geht uns auch ein bisschen um die Wertschätzung

Und wie bringt ihr die Bücher unters Volk?

Meist auf Flohmärkten, oder wir legen sie in Cafés aus und stellen eine Spendendose daneben. Für dieses Jahr planen wir auch einen Stand beim Weihnachtsmarkt und überlegen einen Leseabend zu veranstalten.

Kannst du einschätzen, wie die Idee ankommt?

Ich stelle mir schon manchmal die Frage, ob die Bücher wirklich gebraucht werden. Klar, die meisten finden sie schön und die Idee toll, aber viele von ihnen gehen dann trotzdem am Stand vorbei. Aber vorrangig geht es uns schließlich auch darum, dass wir die Leute verbinden und zusammenbringen. Wir wollen gemeinsam etwas herstellen, und dabei lernen wir viel voneinander. Nele hat uns zum Beispiel einiges über die Buchbinderei beibringen können.

Hintergrund: Mitten in der Krise schaffen Bücher aus Pappe Perspektiven

Gemeinsam mit anderen Underground-Schriftstellern Argentiniens hat Washington Cucurto 2001 den ersten Pappkarton-Verlag gegründet: Eloisa Cartonera. Sie stellen Bücher aus weggeworfenen Pappkartons her und schaffen damit ebenso einzigartige wie ökologisch nachhaltige Kunstwerke. Hintergrund der Idee: Bücher kosten in einem normalen Buchladen in Argentinien etwa 70 Pesos. Eloisa Cartonera verkauft sie für 5 Pesos, umgerechnet also für 90 Cent. Damit macht der Verlag es auch dem armen Teil der Bevölkerung möglich, einen Zugang zu Kultur und der Freude am Lesen zu finden. Inzwischen hat die Idee Wellen geschlagen und verbreitet sich über die Grenzen Lateinamerikas nach China und Europa.

Nov 2011 hastuUNI Nr. 38 0

Sezieren geht über Studieren

Im Dienste der Wissenschaft wird auch an der MLU mit Tieren experimentiert.

© Susanne Wohlfahrt

Ein Affe bekommt unter Narkose Elektroden in seinen Schädel eingesetzt. An einen Stuhl gefesselt soll er geometrische Figuren beobachten und Rätsel lösen. Als Belohnung gibt es etwas zu trinken. Dies ist einer der jüngsten Fälle von Tierversuchen zu Forschungszwecken, der letztlich sogar vor Gericht endete. Jahrelang kämpften Tierschützer gegen die Universität Bremen, in deren Labor diese Versuche stattfanden. Die Tierschützer verloren, und die Versuche durften weitergehen.

In Deutschland sind Tierversuche generell erlaubt, aber das Tierschutzgesetz setzt Grenzen. Viele Naturwissenschaftler, wie auch im Falle der Affenversuche, werden von Tierschützern als emotions- und gewissenlose Menschen bezeichnet, denen der medizinische Fortschritt wichtiger sei als das Wohl der Tiere. Wer noch ganz am Anfang einer naturwissenschaftlichen Karriere steht, muss sich zwangsläufig mit den moralischen Fragen seines Faches auseinandersetzen. An der MLU sind in diesem Semester rund 7400 Studenten eingeschrieben, die ein naturwissenschaftliches Fach gewählt haben. Speziell in den Studiengängen Biologie und Biochemie müssen sie selbst Tierversuche durchführen.

Tierversuche an der MLU?

Der Tierschutzverband SATIS hat im September dieses Jahres sein »Ethik-Hochschulranking« veröffentlicht. Dort wird aufgezeigt, an welchen deutschen Universitäten Tierversuche besonders häufig vorkommen. Auch die Uni Halle wird im Ranking genannt. In der Biologie werden zum Beispiel Versuche an Fröschen durchgeführt. Dabei seziert der Dozent einen Frosch, um physiologische Merkmale aufzuzeigen. In Anatomiekursen werden unter anderem Regenwürmer, Schaben, Weinbergschnecken, Hamster oder Mäuse seziert. Die Tiere stammen aus eigener Zucht, aus Freilandsammlungen und von Anglern. Die Säugetiere werden zuvor mit einem Nervenpräparat getötet, damit für die Sektion die Organe erhalten bleiben. Die Weinbergschnecken werden in heißem Wasser ertränkt. Die Studenten sezieren in diesem Kurs die Tiere, um Organe zu untersuchen. In der Humanmedizin findet schon seit Jahren kein Tiereinsatz mehr statt. Das zoologische Praktikum im Studiengang Biochemie, welches obligatorisch ist, beinhaltet wiederum verschiedene Tierversuche. So gibt es solche, bei denen Insekten biochemische Stoffe gespritzt werden. Anhand ihres Flugverhaltens wird die Wirkung dieser Stoffe untersucht.

Versuche mit größeren Säugetieren, wie Affen, gibt es in Halle aktuell keine. Der hallische Tierschutzverein konnte betätigen: »Uns sind keine Versuche an der MLU bekannt, die gegen das deutsche Tierschutzgesetz verstoßen. Im Übrigen gibt es seit fast 20 Jahren eine Richtlinie für Tierversuche an der MLU sowie eine Tierschutzkommission, die sämtliche Versuche auf gesetzliche Verstöße hin überprüft.«

Wie Ethik zu Biologie passt

© Susanne Wohlfahrt

Um den Umgang mit moralischen Fragen in den Naturwissenschaften zu fördern, wurde die ASQ Bioethik ins Leben gerufen. »Die Initiative zur ASQ Bioethik ging von Studierenden der Biologie aus, die der Ansicht waren, dass ethische Fragen ihrer Fächer in ihrem Studiengang nicht ausreichend diskutiert würden«, erklärt Professor Dr. Matthias Kaufmann, der am Institut für Philosophie und Ethnologie arbeitet und mitverantwortlich für die ASQ ist. Die Biologiestudentinnen Kerstin Gößel und Julia Dieskau hatten die Idee zur ASQ und werden auch in diesem Semester wieder gemeinsam mit Kommilitonen und Dozenten in Seminaren und Sitzungen diskutieren. Die Organisatoren der ASQ sind Mitglieder der studentischen Förderinitiative SFI e. V.
»Wir wollen die Menschen in einer Welt der immer schneller fortschreitenden Technik und der sich daraus neu ergebenden Möglichkeiten dazu anregen, ihr Verhalten und das Verhalten ihrer Mitmenschen kritisch zu hinterfragen«, erläutert Julia. In ihrem Studium musste sie selbst feststellen, dass beispielsweise beim Sezieren von Tieren nicht gefragt wird, ob der Student ethische Bedenken hat. »Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass wir absolut gegen Tierversuche sind. Für uns steht an erster Stelle, dass sich die Leute selber Gedanken machen.« Zu der ASQ gehören neben den Vorlesungen und Seminaren auch Exkursionen, beispielsweise in ein Primatenforschungszentrum in Leipzig. Die Teilnehmer der ASQ sind hauptsächlich Studenten aus den Naturwissenschaften.

Alternativen müssen her

Das Thema Tierversuche wird viel diskutiert in der Politik, der Gesellschaft und nicht zuletzt an der Uni. Die moralische Grenze steht bei jedem an einer anderen Stelle. Wie bei den Versuchen mit den Affen an der Universität Bremen sträuben sich Gerichte und nicht zuletzt Politiker dagegen, Versuche gänzlich zu verbieten. Aber ohne Tierschutzrichtlinien und Gesetze geht es auch nicht. Die Weiterentwicklung von Alternativen muss gefördert und gefordert werden. Computersimulationen und bildhafte Darstellungen werden schon vielfältig in der Forschung und der Lehre eingesetzt. Wenn Naturwissenschaftler und Tierschützer gemeinsam mit der Politik in Zukunft noch intensiver zusammenarbeiten, sollten weitere Lösungsansätze sicher zu finden sein.

Ihr wollt mehr zum Thema wissen?
http://www.satis-tierrechte.de
http://www.tierrechte.de
http://umwelt.verwaltung.uni-halle.de/5105_97121/

1234