Mai 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 78 0

#youtoo?

#metoo? … Da war doch was. Seit Oktober 2017 haben 1,7 Millionen Menschen in 85 Nationen unter dem #metoo ihre Geschichte von sexueller Belästigung geteilt. Alyssa Milano, US-Schauspielerin, rief über Twitter alle Frauen, die sich angesprochen fühlten, dazu auf, den Hashtag zu posten. Damit machte sie auf das Ausmaß von sexuellen Übergriffen und Missbräuchen auf der ganzen Welt aufmerksam. Die Resonanz war beeindruckend: Von den Hollywood-Skandalen um Harvey Weinstein und Kevin Spacey bis zu Dieter Wedel in Deutschland. Doch auch fernab vom Showbusiness ist die Debatte ein Thema, das viele betrifft.

Illustration: Emilia Peters

Wie denken die Studierenden darüber? Welchen Einfluss hat #metoo auf unseren Alltag oder unser Denken? Wo fängt sexuelle Belästigung an? Wo hört sie auf? Was hat sich verändert? Wir haben Euch gefragt und viele spannende Statements aufgeschnappt, aber auch noch einige Fragezeichen über den Köpfen entdeckt. Bei den einen gibt es noch viel Redebedarf, für andere war #metoo nur ein Hype, und bei manchen scheint die Debatte gar nicht angekommen zu sein. In Spanien wurde das Thema in den vergangenen Wochen wieder aktuell: Nach der Vergewaltigung einer jungen Frau stufte das Gericht die Tat als sexuellen Missbrauch ein. Gegen das zu milde Urteil demonstrieren seit dem Tausende unter dem Hashtag #cuentalo (»Erzähl es«).

Liegt die Debatte jetzt, nach fast 7 Monaten, hinter uns oder fängt sie gerade erst an?

Wie hast du was mitbekommen?

Lena, 23, Geschichte und Germanistik: Ich habe recht viel mitbekommen, weil ich viele feministische Seiten auf Facebook gelikt habe.

Johanna, 24, und Karla, 30, Lehramt Englisch und Geographie: Ein paar Freunde auf Facebook haben den Hashtag #metoo geteilt. Irgendwie ist das Thema aber auch schon wieder durch, und die Leute fangen an, sich darüber lustig zu machen.

Christian*, 22, Politikwissenschaft und Ethnologie: Die Debatte fing mit Harvey Weinstein an, es war ein großes Thema in Hollywood, in Deutschland ist das irgendwie noch nicht so ganz angekommen.

Carolin*, 23, BLIK und MuK: Im Moment ist es mehr die Frage, inwieweit sich die Frage verschoben hat, im Moment ist es eher »Was darf der Mann noch?«

Tobias: In meinem Umfeld habe ich davon Null mitgekriegt, dass jemand »metoo-ed« hat.

Lea, 29, Archäologie: Über Facebook vor allem von Freunden. Jeder hat seine Geschichte zu erzählen. Ich habe bis jetzt keine Frau getroffen, die keine Geschichte zu erzählen hat, inklusive mir selbst: von Hinterhergepfeife bis zur wirklichen sexuellen Belästigung.

Alina: Durch die Zeitung – nicht original über Twitter.

Bist du selbst betroffen?

Lena, 23, Geschichte und Germanistik: Zum Glück noch nicht. Aber als ich mal mit meiner Familie darüber geredet habe, haben viele ältere Verwandte erzählt, dass sie schon mal sexuell belästigt wurden, in dem Moment aber nichts tun konnten, eben weil sie in einer Situation waren, in der Macht im Spiel war.

Christoph, 25, Medizin, Ethik und Recht: Ja, schon. Einfach weil jetzt in unserer Gesellschaft der Umgang von Männern diskutiert wird. Und es keine Sicherheit gibt, wie man damit jetzt umgehen soll.

Marcus, 28, Soziologie: Nein, ich bin kein Sexist, und ich weiß, wie man mit Frauen umgeht. Ich finde, dass es gefährlich ist, wie schnell die Debatte in Männerhass umschlägt.

Johanna, 24, Lehramt Englisch und Geographie: Ich habe mir neulich einen alten James Bond angeschaut, da ist mir aufgefallen, wie sexistisch das eigentlich ist.

Vanessa, 23, Jura: Das Thema ist in den Köpfen, es ist kein Randthema mehr. Die Menschen sind viel sensibilisierter und viel aufmerksamer, was das angeht.

Anna*, 21, BLIK und Ethnologie: Ich finde es krank, zu erkennen, wie viel in unserer Gesellschaft noch falsch läuft.

Albrecht, 27, Geschichte: Fühle mich nicht betroffen.

Anne, 30: Das betrifft jeden. Eigentlich betrifft es wirklich die gesamte Menschheit.

Julius, 22, Medizin: Da ist schon auch so eine gewisse Genugtuung, Schadenfreude dabei oder auch Gerechtigkeitsgefühl, weiter habe ich mich aber ehrlich gesagt auch nicht damit beschäftigt.

Was ist jetzt anders als vorher?

Illustration: Gregor Borkowski

Ingrid, Seniorenkolleg: Man hat mal darüber gesprochen.

Lena, 23, Geschichte und Germanistik: Ich finde, in der Gesellschaft hat es nicht viel geändert, es ist eher ein Denkanstoß. Dass man wegkommt von dem Bild von dem Mann, der an der dunklen Straßenecke wartet, sondern dass sexuelle Belästigung viel mit Machtstrukturen zu tun hat, das ist das Problem.

Felix, 26, Medienwissenschaft und Italianistik: Nichts, das ist doch eher eine Welle, die durch die Medien geht. Dass sich deshalb die Menschen ändern, glaub ich nicht.

Christoph, 25, Medizin, Ethik und Recht: Wenig, langfristig muss man das noch sehen.

Carolin*, 23, BLIK und MuK: Nix, wir reden drüber, aber es passiert nichts.

Anna*, 21, BLIK und Ethnologie: Ich glaube bei jungen Leuten wächst ein Bewusstsein dafür, was Frauen passieren kann.

Julius, 21, VWL: Viele Männer wissen nicht mehr genau, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten sollen. Sie sind überfordert. Das ist die größte Veränderung in meinen Augen.

Alina: Nichts in meiner Welt.

Leonie, 24, Zahnmedizin: Es geht um jegliche Form der sexuellen Belästigung. Hier werden aber Dinge miteinander verglichen, die nicht zusammen passen, von Hinterhergepfeife bis zur Vergewaltigung.

Julius, 22, Medizin: Die Öffentlichkeit und die Presse verhalten sich sensibler gegenüber Sexismus. Es wird auch viel relativiert, und einige Männer fühlen sich vielleicht angegriffen. Im Alltag nichts Besonderes, außer, dass ich jetzt halt die Kameras in meinem Schlafzimmer etwas besser versteckt habe.

Die #metoo- Debatte in einem Wort?

Ruben, 24, Politikwissenschaft: Machtmissbrauch.

Johanna, 24, und Karla, 30, Lehramt Englisch und Geographie: Überfällig. Wichtig.

Christian*, 22, Politikwissenschaft und Ethnologie: Notwendig.

Linda*, 20, LA Französisch und Mathe: Provozierend.

Vanessa, 23, und Carl-Jonas, 19, Jura: Aufrüttelnd.

Carolin*, 23, BLIK und MuK: Scheinheilig.

Anna*, 21, BLIK und Ethnologie: Ist zwar mehr als ein Wort, aber: Große Klappe, nichts dahinter.

Julius, 21, VWL: Sensibel.

Tobias: Ich bin da eher pragmatisch aufgestellt. Wenn jemand sowas jahrelang für sich behält und dann groß damit rauskommt, ist das wie ein vorgegaukelter Hilferuf. Die wollen ja alle im Showgeschäft bleiben. Also: Sinnfrei.

Lea, 29, Archäologie: Endlich! Nicht »sie ist endlich vorbei«, sondern sie passiert endlich. Endlich wird einem zugehört, und es wird das Bewusstsein geschaffen, dass es schon sexuelle Belästigung ist, wenn einem hinterhergepfiffen wird.

Ingrid, Seniorenkolleg: Positiv – dass sowas direkt öffentlich besprochen wird.

Philipp, 20, Wirtschaftswissenschaften und Anglistik: Aufklärung.

Anne, 30: Relevant.

Charlotte, 19, IKEAS: Aufsehenerregend.

Alina, vorm Mel: Interessant.

Bjarne, 20, Jura: Hype.

Jonas, 21, Biochemie: Emotional.

Julius, 22, Medizin: Überfällig.

Dennis, 19, Biochemie: Allgegenwärtig.

Vanessa, 20, Biochemie: Beistand.

Was nimmst du für dich persönlich aus der Debatte mit?

Lena, 23, Geschichte und Germanistik: Dass die Gesellschaft nicht so fortschrittlich ist wie gedacht.

Carl-Jonas, 19, Jura: Dass man dafür kämpfen muss, dass Menschen gehört werden. Irgendwo läuft noch was falsch, warum müssen es Millionen sein, um eine Unruhe zu erreichen?

Carolin*, 23, BLIK und MuK: Dass es der Mehrheit so geht, man ist nicht alleine.

Anna*, 21, BLIK und Ethnologie: Grenzüberschreitungen werden eher wahrgenommen. Frauen merken, dass es nicht an ihnen liegt, ihnen wird bewusster, was alles sexuelle Belästigung ist.

Lea, 29, Archäologie: Dass ich mir so«n Kack nicht mehr gefallen lassen muss! Dass man sich und andere Frauen, aber vor allem andere Menschen unterstützt. Man kann sich darauf verlassen, dass einem jemand hilft.

Lukas, 25, Geschichte: Wir brauchen eine Gesprächskultur, in der man sich traut, auch schwierige Dinge auszusprechen.

Anne, 30: Man darf es nicht einseitig betrachten: #metoo ist in den Köpfen nur gegen Frauen, aber was ist mit den anderen? Homosexuelle, Behinderte, man muss das ausdehnen und das ganze Spektrum sehen und nicht nur eine Gruppe miteinbeziehen.

Bjarne, 20, Jura: Vielleicht guckt man mit offeneren Augen, dass es doch ein größeres Problem gibt. Für mich selbst ist das natürlich nicht so greifbar und fremd, schwer nachvollziehbar, aber es ist ja anscheinend trotzdem da.

Hubert*, Seniorenkolleg: Das Blöde an dieser eigenwilligen Angelegenheit ist: Wer hat die Macht? Wer hat das Geld? Und wer ist darauf angewiesen? Und wenn sich da nichts ändert, braucht man sich nicht wundern. Das gilt für jegliche Ausnutzung von Positionen. Und eigentlich sollte man all diejenigen fristlos entlassen, damit sie wissen, wie es ist, wenn man von jemand anderem abhängig ist.

*Namen geändert

 

Beratung

Bei Fällen sexueller Belästigung, Fragen und Beratung könnt Ihr Euch an folgende Anlaufstellen wenden:

Über Susanne Eger

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 28.05. 2018 17:47