Feb 2018 hastuINTERESSE Heft Nr. 76 0

»Wir wollen keinen elitären Elfenbeinturm«

Ein Literaturhaus, welches sich um die Vermittlung von Literatur bemüht und den Diskurs darüber fördern möchte, existiert eigentlich in jeder Großstadt … und was ist mit Halle? Erst vor einem Jahr wurde der Verein »Literaturhaus Halle« gegründet, der nun im März mit einer Reihe von Veranstaltungen aufwarten wird. Doch was hat es damit auf sich? Die hastuzeit hat bei Vereinsmitglied Alexander Suckel nachgefragt.

Foto: Jost Plate

Wie ist die Idee entstanden, ein Literaturhaus zu etablieren?
In einem Gespräch mit Leuten vom Mitteldeutschen Verlag kam die Frage auf, warum Halle kein Literaturhaus hat. In Leipzig existiert eins sowie in Dresden und Magdeburg, aber warum gibt es kein Literaturhaus Halle? Dieser Gedanke ist vor ziemlich genau einem Jahr entstanden, und danach ging es rasend schnell. Eigentlich ist das ein Prozess von mehreren Jahren, bis man Leute in der Politik und in der Stadt von einem solchen Projekt überzeugt hat.

Wie sieht ein solcher Prozess aus?
Ich habe Kontakt zu einigen Literaturhäusern in Deutschland und habe mich dort erkundigt, wie so etwas funktioniert. Und in Deutschland geht nun einmal nichts ohne einen Verein. Nach einer Gründung muss man sich Leute suchen, die einen Namen und ein Gewicht haben und die dieses in den Verein miteinbringen wollen. Der große Vorteil von Halle ist einerseits, dass bereits viel existiert, und andererseits, dass die Wege kurz sind. Man kennt sich innerhalb der Stadt, und somit kann man einen solchen Verein innerhalb von wenigen Tagen und Wochen auf die Beine stellen. Wir haben hier Leute vom Verlag, von der Zeitung, vom Rundfunk, von der Universität und vom Theater; alles Menschen, die sich auf professionelle Weise mit Literatur und dessen Vermittlung befassen.
Nach der Gründung des Vereins und der Entwicklung des Konzepts ging die Ämterprozedur los, man kennt es. Zeitgleich, etwa Ende 2016, wusste ich, dass in der Stadt Debatten darüber geführt wurden, wie es mit dem Kunstforum weitergehen sollte. Wir sind relativ schnell mit unserer Idee zum Oberbürgermeister gegangen, und er war dem Projekt sehr zugetan. Hierüber kam auch der Kontakt zur Saalesparkasse zustande, die auch sehr erfreut über dieses Projekt war.

Foto: Jost Plate

Warum wollte man das Kunstforum und das Literaturhaus in einem Gebäude unterbringen?
Weil ein Literaturhaus, anders als ein reines Ausstellungsgebäude, deutlich mehr für Umluft sorgt, also einen deutlich größeren Ausstoß an Veranstaltungen produziert und somit mehr Publikumsverkehr hervorruft. Zwar ist das Kunstforum bei Vernissagen ordentlich voll, aber sonst passiert in diesem Haus einfach zu wenig, dafür ist es schlichtweg zu groß. Insofern kamen wir mit dem Gedanken eines Literaturhauses zum richtigen Zeitpunkt, was sicherlich auch ausschlaggebend dafür gewesen sein mag, dass der Prozess so zügig voranging.

Die offizielle Eröffnung ist zwar im März, aber finden bereits jetzt Veranstaltungen statt
Ja, offiziell geht es erst im März los, aber wir sind schon mittendrin! Wir haben Kinderlesungen, ein früheres Pro- jekt der Sparkasse, was uns sehr am Herzen liegt, aber es gibt auch vereinzelt Abendveranstaltungen. Wir hatten eine Buchpremiere vom Mitteldeutschen Verlag hier und auch zum 100. Geburts- tag von Heinrich Böll haben wir etwas gemacht. Das Haus ist also wieder deutlich in Bewegung und im Gespräch.

Foto: Jost Plate

Was haben Sie für die Eröffnung geplant?
Der richtig heiße Start ist das erste Märzwochenende, also vom 2. bis 4. März, für den wir gerade unter Hochdruck dabei sind, das Programm zusammenzustellen. Wir haben uns dafür eine Vielzahl an Formaten ausgedacht, da wir uns ein bisschen von der klassischen Darbietungsform entfernen wollen – man spricht ja so salopp von der Wasserglaslesung, wenn der Dichter vor einem ergriffenen Auditorium sitzt und vorliest. Wir wollen neue Formate aus- probieren, mehr ins Gespräch kommen, beispielsweise mit performativen Dingen oder szenischen Formen; an sich soll ein sehr breiter Literaturbegriff angesetzt werden. Das heißt also nicht nur berühmte Romanciers und vereinzelt Lyriker, sondern wir möchten auch Essayistik, Wissenschafts- oder Kinderliteratur einen Raum ermöglichen.
Zu diesem Zwecke versuchen wir, für viele Formate oder Veranstaltungen strategische Partner zu finden. Das hat nicht nur finanziellen und logistischen Nutzwert, sondern das Literaturhaus soll die literarischen Aktivitäten, die sich in der Stadt finden lassen, ein wenig bündeln. Wir machen zum Beispiel die zweite Veranstaltung mit der »Akademie der Künste Sachsen-Anhalt«, einem Verein mit hauptsächlich bildenden Künstlern, die ähnlich prozesshaft arbeiten wie wir, aber auch eine Zusam- menarbeit mit der Leopoldina und den Bühnen Halle ist geplant. Wir möchten keinen elitären Elfenbeinturm, von dem man etwas in die Runde wirft, sondern wir möchten so bunt und vielfältig wie möglich sein, was ebenso soziale Arbeit, Schreibwerkstätten, Leseabende für Kinder und Arbeit mit Geflüchteten mit einschließt.

Wie wird das Programm des Literaturhauses in Zukunft aussehen?
Abgesehen von monatlich wiederkehrenden Veranstaltungen, wird es auch spezielle Formate geben. Im Mai werden wir uns den Krimis widmen und im Herbst unsere Regionalbuchwochen veranstalten. Ebenso werden wir im Rahmen der Leipziger Buchmesse einen Beitrag zum Begleitprogramm »Halle liest mit« leisten. Als Kooperationspartner möchten wir dann auch unser Haus füllen – man darf also gespannt sein.

• Alexander Suckel ist musikalischer Leiter des Schauspiels, Regisseur und Dramaturg am Neuen Theater Halle.

• Mehr Infos zum Literaturhaus Halle e. V. findet Ihr vor Ort in der Bernburger Straße 8 oder ab Februar unter Face- book, Instagram und der Webseite: www.verein-literaturhaus-halle.de

Über Jost Plate

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Erstellt: 06.02. 2018 | Bearbeitet: 11.02. 2018 17:18