Apr 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 77 0

Wilderei auf Hoher See

Laut dem WWF und der MSC (Zertifizierte Nachhaltige Fischerei) werden pro Jahr fast 90 Millionen Tonnen Fisch und Meerestiere aus den Meeren geholt. Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources schätzt, dass ein Fünftel davon illegal gefangen wurde – ein Marktwert von 20 Milliarden Euro. Fischwilderei ist ein weltweites Problem, auch die Fischmafia beteiligt sich daran.

Foto: Tom Jenkins (CC BY-NC-SA 2.0),
flickr.com/photos/tomjenkins/274925480/

Eines dieser Mafiaschiffe war die »Thunder«. Wie das Schiff agierte und wer die Fäden im Hintergrund zog, versuchen die Journalisten Eskil Engdal und Kjetil Sæter in ihrem Buch »Fischmafia« herauszufinden. Die »Thunder« kam am 22. September 2003 auf die schwarze Liste der »Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources«. Dieses Fangschiff »wurde von Aufklärungsflugzeugen, Patrouillenbooten und legalen Fischtrawlern mindestens 19 Mal bei der Antarktis oder auf dem Weg zum Südpolarmeer und wieder zurück beobachtet«, schreiben Engdal und Sæter. Sogar die Hafenbehörden in Malaysia und Indonesien hatten es »fünfmal inspiziert oder abgewiesen.« Selbst Interpol fahndete nach dem Schiff. Trotz allem brachte die Jagd auf den Antarktisdorsch dem Eigner der »Thunder« über 60 Millionen Euro ein.

Dann kam »Sea Shepherd« ins Spiel: eine sich selbst beschreibende »internationale, gemeinnützige Organisation zum Schutz der marinen Tierwelt«. Der Kapitän Peter Hammerstedt nahm am 17. Dezember 2014 mit seiner Crew die Verfolgung der »Thunder« auf.

Die Autoren beschreiben durch Interviews mit Beteiligten von der »Thunder«, aber auch von »Sea Shepherd« sowie mit Behörden und Interpol die Verfolgungsjagd. Sie fuhren sogar selbst bis nach Galizien, um den Eigentümer zu finden, und belegen ihre 317-seitige Arbeit mit 136 Fußnoten, vollgepackt mit Informationen aus ihrer Recherche.

Der ehemalige Trawler »Wiesbaden« der Deutschen Fischfang Union, mit einer Länge von 92 Metern und einer Breite von 15 Metern, war insgesamt 44 Jahre unterwegs. In den Bunker passten bis zu 820 Tonnen Tiefkühlware und 350 Tonnen Fischmehl. In Dänemark wurde das Schiff abgewrackt, als Erinne- rung findet sich heute das 200 Kilogramm schwere Wappen im Stadtmuseum in Wiesbaden.
Foto: Kleinbahnen (CC BY-SA 4.0), commons.wikimedia.org/wiki/File:Fabrikschiff_WIESBADEN.JPG

Es werden noch weitere illegale Fischtrawler und deren Machenschaften beschrieben und wie die verschiedenen Nationen versuchen, dagegen vorzugehen. Interpol selbst ist eine neutrale Organisation, das heißt, die Agenten helfen, indem sie beispielsweise die Nationen beraten. Die eigentliche Aktion, wie einen illegalen Fischtrawler zu entern, muss immer noch vom Staat selbst ausgeführt werden. Am Beispiel der ebenfalls von Interpol gefahndeten »Kunlun« enterten die australischen Behörden das Schiff auf hoher See. Die Behörden von Äquatorialguinea hatten festgestellt, dass die »Kunlun« nicht bei ihnen gemeldet war. Somit gab es einen bestätigten Verdacht, in dessen Folge Australien agieren konnte. Dennoch fanden sie keine Beweise für zwei Identitäten, und die »Kunlun« fuhr weiter. Glen Salmon, der Leiter der Razzia, erzählte den Journalisten, dass die australischen Behörden seit 20 Jahren versuchten, Fischwilderer zu stoppen. Ein Problem ist, dass nicht mehr unter der richtigen Flagge und mit echten Schiffspapieren in See gestochen wird: »Jetzt benutzen sie die Fantasie und falsche Papiere.« Außerdem laufen die Schiffe Hafen für Hafen an, bis einer ihren Fang annimmt. Die »Kunlun« wurde deshalb bereits 2003 im australischen Parlament debattiert. Dort hieß es, dass das Schiff seinen Fang in Japan, Hong Kong und Kenia anlanden konnte.

Fischwilderei in Deutschland und in Halle

Ist es so einfach, illegal Fisch aus dem Meer zu holen und anzulanden, wenn doch so viele Behörden in diesem Buch machtlos erscheinen und gegen die noch weiteren detailliert beschriebenen Tricks der Piraten nichts tun können? Wäre das auch in Deutschland möglich?

Die »Iris« gehört zur Kutterfisch- Zentrale GmbH, welche sich für das Verbot der Rückwürfe von Bei- fängen einsetzt. Auf den Schiffen sind sogar Kameras angebracht, die das kontrollieren. Außerdem verwenden sie Netze mit größeren Maschenweiten und nicht nur das Mindestmaß, wie von der EU vor- geschrieben. Die Fanggebiete sind in der Ost- und Nordsee.
Weitere Infos:
http://cuxhaven.kutterfisch.de/
Foto: Tuxyso (CC BY-SA 3.0), commons.wikimedia.org/
wiki/File:Kutterfisch_Iris_NC300_in_Cuxhaven_2013.jpg

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hat erklärt, dass 2017 mit ihren drei Fischereischutzbooten 412 Inspektionen stattgefunden haben und darunter 15 Verstöße aufgedeckt werden konnten. Worum es sich bei den Verstößen genau handelt, wurde auf Nachfrage nicht gesagt, es wurden nur Beispiele genannt, die möglich sein könnten: Nicht eingehaltene Maschenweiten, falsche/unerlaubte Fanggeräte, zu kleine Fische, Verstöße gegen das Anlandegebot, Fischen ohne intakte VMS-Anlage (Schiffsüberwachungssystem für die Positionsbestimmung), falsche oder nicht vorhandene Logbucheintragungen, das Fangen ohne Fangerlaubnis oder Fanglizenz und das Nicht-Einschalten der MOFI-App. Mit der App wird der Fang der Fischer kontrolliert, die während der Schonzeit fischen gehen. Die drei Boote des BLE sind in der Wirtschaftszone, aber auch zwischen Kanada, Grönland, Island und Norwegen aktiv.

Auch das Maritime Sicherheitszentrum und der Zoll spielen beim Fischereischutz eine Rolle, allgemeine Informationen zu deren Arbeit finden sich auf ihrer Internetseite. Aber ob es überhaupt bemerkt werden würde, wenn man unter einer falschen Flagge segelt oder gefälschte Papiere besitzt, wurde nicht beantwortet. Stattdessen wurde an die BLE verwiesen, die diese Fragen auch nicht beantwortet hat, weder für sich noch für die anderen Ansprechpartner.

Was innerhalb der EU und damit auch vor der deutschen Küste gefangen werden darf und was nicht, regelt der Rat der Europäischen Union in der Verordnung (EU) 2018/120. Betrachtet wird als Beispiel der Dornhai, umgangssprachlich auch als Schillerlocke bekannt. Dieser Hai ist überfischt. Die EU schreibt in Artikel 12 von einer Schonzeit und in Artikel 13 von einem Fangverbot, welches in Artikel 45 auch auf Drittländer ausgeweitet wird. Im Anhang findet sich eine Tabelle für erlaubten Beifang, wo Artikel 12 aber außer Kraft gesetzt wird: Wenn sich ein Schiff bemüht, Beifang zu vermeiden, darf es pro Monat maximal zwei Tonnen Dornhai, »der beim Anbordholen des Fanggeräts bereits tot ist«, anlanden. In Deutschland dürfen aber nur vier Tonnen entstehen, für Portugal und die Niederlande gar keine, Spitzenreiter sind Frankreich mit 83 Tonnen und das Vereinigte Königreich mit 100 Tonnen. Für die Europäische Union sind für dieses Jahr insgesamt 270 Tonnen erlaubt.

Diesen und generellen Beifang sieht die WWF-Meeresfischereiexpertin Catherine Zucco kritisch: »Nach Experteneinschätzung ist es ein gängiges Pro­blem, dass beigefangener Fisch illegal wieder über Bord geworfen wird. Allerdings lässt sich dies nicht nachweisen, da es keine Kameras oder andere Techniken an Bord der Fangschiffe gibt, die eine Überwachung des Anlandegebots ermöglichen würden.«

Der Kormoran steht unter Schutz, wird aber von Anglern und Fischern als Konkurrenz und Gefahr für Fischbestände betrachtet. Foto: Eduard Bachmann (CC BY-NC-ND 2.0),
flickr.com/photos/eduard-bachmann/33827524001/

Ralf Möller, der Geschäftsführer des Halleschen Anglervereins e. V., hat früher auch Dornhai geangelt, hält sich jetzt aber an das Verbot. Wenn er demnächst zur Ostsee fährt, darf er zum Beispiel vier Dorsche pro Tag angeln. Er angelt ohnehin schon »sehr selektiv« durch einen bestimmten Köder oder sein Equipment. Jeder Fisch wird »wie ein rohes Ei behandelt. Wir fangen einen Fisch, messen den, ist er zu klein, hat er eine über 90-prozentige Überlebenschance, wenn man den zurücksetzt.« Wie sieht es bei einem Fang auf einem Fischtrawler aus? »Wenn ich ein Netz durchs Wasser ziehe, ist alles drin. Wenn Sie eine halbe Tonne Fisch an Deck ziehen, sortieren Sie die mal aus, das geht gar nicht.« Nicht nur an der Ostsee hält er sich penibel an die Vorschriften. In Sachsen-Anhalt unterliegt er ebenfalls einem Fischereigesetz. Nach diesem kontrolliert er mit 54 anderen Fischereiaufsehern circa 800 Hektar Gewässerfläche in Halle, denn auch hier gibt es Fischwilderei. Manchmal durch Unwissen, manchmal mit Absicht verursacht, dann hilft die Polizei weiter, und der Fall kommt zum Staatsanwalt. Entweder wird dann eine vom Richter festgelegte bestimmte Summe gezahlt, oder das Verfahren wird eingestellt. Aber eine Wiederholungstat lohne sich wohl nicht, da es bei einem Vermerk nicht wieder eingestellt wird, meint Möller. Im schlimmsten Fall drohen zwei Jahre Haft für den Fischwilderer. Es sei aber nicht so schlimm, dass man das SEK brauche. Denn Möller macht sehr deutlich, dass der unter Schutz stehende Kormoran mit 24 000 Brutpaaren in Deutschland ein größeres Problem darstellt. »Wenn man 150, 160 Individuen auf dem Teich hat, dann tut das schon weh.« Wo fängt der Fischereischutz an, wo hört er auf, wann wird es illegal und was kann man gegen Wilderei tun? All das regelt die Politik, dennoch gibt es viel zu viel Wasser zum Kontrollieren.

Über Johanna Sommer

Sie ist direkt, ehrlich, neugierig, perfektionistisch, willensstark, satirisch, emotional, wissensdurstig und ab und zu verfällt sie in Panik. Momentan unterstützt sie die hastuzeit als Freiwillige Mitarbeiterin.

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 15.04. 2018 18:34