Jul 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 79 1

Wenn Selfies in den Tod führen

In ihrer Novelle »Das pathologische Leiden der Bella Jolie« beschreibt Ramona Raabe den Tod der jungen Janina Ast, die sich selbst Bella Jolie nennt. Sie ist süchtig nach Selfies, süchtig nach sich selbst, süchtig nach dem Moment. Am Ende bleiben nur ihre Bilder zurück. Und Paul Wachter.

Ramona Raabe: Das pathologische Leiden der Bella Jolie. Novelle. 2018 im Dittrich Verlag. 14,95€.

»Er weiß, dass sie schön ist, bevor er ihr Gesicht zu sehen bekommt. Beinahe ist es so, als könne er es ihrem Kopf ansehen. Oder den blassen Armen, die leblos von ihren Schultern hängen. Die fragilen Finger, von denen manche noch sanft das Gerät berühren, das sie in der Hand hält.«

Paul Wachter ist 91 Jahre alt. Er wohnt im Altersheim, umgeben von Büchertürmen, Relikten aus einer anderen Zeit. Sein Spiegel ist abgedeckt. Fotos von ihm existieren seit Jahrzehnten nicht mehr. Er hält ein Buch in den Händen, das er vor 23 Jahren erworben, aber noch nie gelesen hat. Nun ist er bereit dazu, den wuchtigen Bericht mit hunderten von Fotos zu lesen. Der Titel: »Die letzten Stunden der Bella Jolie. Ein Leiden in Bildern, Sekunde um Sekunde«, verfasst von Margot Wilhelms, seiner Exfrau.

Das Buch im Buch handelt von der jungen Janina Ast, die sich selbst Bella Jolie nennt. Regelmäßig veröffentlicht sie Fotos auf Social-Media-Seiten, hat tausende Follower. Nichts Besonderes, mag man meinen. Doch Bella lebt nicht mehr, denn ihr Zwang, sich selbst abzubilden, endete tödlich. Ausgemergelt findet Wachter, ihr Vermieter, sie in ihrer Wohnung, die Hände um das Smartphone, welches durch die Verbindung mit der Steckdose dauerhaft in Betrieb ist. Tausende Fotos dokumentieren ihren Zerfall. Und für Paul Wachter ändert sich alles.

Illustration: Ailish Trimble

Die (noch) fiktive Krankheit, umgangssprachlich als Selfie-Sucht bezeichnet, wird »erst 2024 als solche von der Medizin anerkannt«. Bella selbst nimmt sich nicht als süchtig wahr. Sie inszeniert sich, schminkt sich, stylt sich. Sie ist wunderschön – sie ist perfekt, für sich und die Augen der anderen. Und sie dokumentiert. Jede Falte, jede Sommersprosse, jede noch so kleine Veränderung. Was in diesem Augenblick ist, wird schon morgen nicht mehr sein, oder in der nächsten Stunde, Minute oder Sekunde. Jedes ihrer Fotos, so Bella, sei eine »Gratulation an die Gegenwart, eine Verabschiedung an das Bald-nicht-mehr-Gewesene und ein Willkommen an das neu Hinzugekommene«. Sie ist in therapeutischer Behandlung. Der Psychologe Florian Kramer, selbst Student, bezahlt sie für die Sitzungen, die mehr Interviews sind. Die Absicht, ihr zu helfen, hat er nicht. Stattdessen ist er auf den Erfolg aus, den er sich durch Bella verspricht. Erfolg, der

ihn nach vorne bringt, ihm Ruhm und eine eigene Praxis verspricht.

In Berichten kommen Bellas Familie, Freunde und Affären zu Wort und teilen ihre Erfahrungen, die sie mit Janina aka Bella verbinden, erzählen von ihrem Verlust und ihrer Vergangenheit. Und über all dem steht Paul Wachter, in seinen Händen der Bildband über Bellas Verfall.

Illustration: Ailish Trimble

Das Spiel mit den Ebenen

Auf gerade einmal 158 Seiten schafft es die Autorin, gleich mehrere Dimensionen des Erzählens zu kreieren. Da wäre zum einen die Margot Wilhelms«, die den Fall auf Papier festhielt und es damit auf die Bestsellerlisten schaffte. Es folgen die einzelnen Darstellungen von Bellas engstem Kreis, ihren Eltern, der besten Freundin, den Followern. In der zweiten Hälfte der Novelle werden Fragmente aus den Sitzungen zwischen dem Psychologen und der Protagonistin beschrieben, wobei Kramer selbst als Erzähler fungiert. Umrahmt wird die Erzählung von Paul Wachters eigener Geschichte: Seiner Verbindung zu Janina, der gescheiterten Beziehung zu Margot, seiner Angst vor dem Narzissmus.

Der Autorin gelingt es, dass jede Person, die im Buch zu Wort kommt, einen eigenen Charakter erhält. Nichts wirkt affektiert oder oberflächlich. Obwohl manche Figuren nur wenig Raum in der Novelle haben, scheint es doch so, als habe sich Raabe mit jeder persönlich unterhalten. Allerdings wird schnell klar, dass Ramona Raabe sich mit ihrem Studium der Literaturwissenschaften intensiv auseinandergesetzt hat: Die bewusste Verwendung der rhetorischen Mittel und der grammatischen Spielregeln baut sie ebenso geschickt ein wie die gesprochene Umgangssprache. So fragt Kramer seine Patientin, ob diese Gefallen an Tautologien (Kombination verschiedener Wörter, die den gleichen Sinninhalt besitzen) habe, und die sonst sehr sprachgewandte Bella antwortet salopp: »Klar, die machen mich ganz scharf«.

Illustration: Ailish Trimble

Bedrohlich wirkt in der Novelle vor allem das Kapitel des Chors der Follower. Oberflächlich und besitzergreifend beschreiben sie die Obsession, die sie für Bella hegen. Sie kannten nichts von ihr, bis ihr Tod durch die Presse ging. Nichts, bis auf ihre Selbstportraits. Sie kennen den Lichteinfall der Bilder, jeden Winkel der Wangenknochen, jede Sommersprosse. »Janina Ast ist tot, aber Bella Jolie ist unsterblich geworden. Wir sind nun so viel reicher«, heißt es am Ende der Passage. Und das Gefühl, beobachtet und ausgeleuchtet zu werden, ebbt nicht ab.

Narzissmus, Sucht und die Angst vor dem Vergessen

Das Thema der Novelle ist im Geiste unserer Generation, denn nie wurden mehr Fotos gemacht und öffentlich geteilt, wie es heute der Fall ist. Morgens nach dem Aufstehen, nach dem ersten Kaffee, zwischendurch beim Shoppen. Instagram ist nach Facebook die beliebteste Plattform, um sich der Welt mitzuteilen. Laut einer Umfrage der ARD und ZDF von 2016 sind allein in Deutschland 28 Millionen NutzerInnen bei Facebook angemeldet. Auf Youtube werden junge Leute zu Stars, zu Influencern, wie zum Beispiel Daarum (1 148 949 Follower) oder Novalanalove (812 000 Follower auf Instagram). Unzählige Portraits könnte man stundenlang betrachten und würde doch nicht zu einem Ende kommen. »Bloß nicht offline sein« lautet eine Schlagzeile aus der ZEIT 46/2017. Darin heißt es, die »Smartphonisierung« gehe zehn Mal schneller vonstatten als die Elektrifizierung im 19. Jahrhundert und erreiche auch weit mehr Nutzer jeder Altersstufe. Das Internet ist billig, öffentliches WLAN gibt es an der Universität, auf dem Marktplatz, in den Zügen der Deutschen Bahn. Und auch Smartphones sind erschwinglich, wenn man es nicht gerade auf das neueste Modell der führenden Marken abgesehen hat. Schnell eingeloggt, ein Schnappschuss hier, ein Hashtag dort und in der Regel regnet es Zustimmung, Likes und Emojis.

Illustration: Ailish Trimble

Ramona Raabe treibt das Spiel in ihrem Werk noch weiter. Was, wenn aus dem Hobby eine Sucht wird, die am Ende in den Tod führen kann? Ist es nur Fiktion oder doch zukunftswirksame Realität? Wie weit sind wir davon noch entfernt?

Philosophisch und ohne Beschönigungen nimmt sie den Leser mit auf eine Reise zu Janinas letzten Tagen und Stunden – aus der Sicht von Paul Wachter, der selbst ein Teil der Generation Smartphone ist. Es dreht sich alles um Bella, die sich weigert, sich ihrer Krankheit zu stellen, und ihre Angst vor dem Vergessenwerden. Und es geht um Paul Wachter, der ihre Geschichte in Ehren hält, der sie versteht, ohne sie je gekannt zu haben.

Ergänzt wird die Novelle von Illustrationen der Künstlerin Ailish Trimble, die es schafft, dem düsteren Unterton eine eigene Note zu geben. Sie visualisiert die Gesichter der Befragten, stellt Bellas Beziehung zu den Followern dar und zeigt Wachters Einsamkeit. Eine gelungene Symbiose aus Text und Illustration.

Die Novelle regt dazu an, sich selbst zu betrachten. Seine Social-Media-Profile zu überprüfen und zu überlegen: Habe ich Angst davor, vergessen zu werden – oder bin ich in den Weiten des Internets nicht schon lange unsichtbar geworden?

Über Lisa Kollien

Erstellt: 05.07. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 18:01