Mai 2018 hastuUNI Heft Nr. 78 0

Von der Saale an den East River

Vergangenes Semester entsandte der Lehrstuhl für internationale Beziehungen und europäische Politik zum ersten Mal eine Delegation nach New York zur weltweit größten Simulation der Vereinten Nationen, dem National Model United Nations, kurz NMUN. Insgesamt 12 Studierende aus den verschiedensten Studiengängen reisten für die fünftägige Konferenz nach New York und machten beeindruckende Erfahrungen.

Katharina und Pia in der UN General Assembly Hall
Foto: Katharina Müller

Die NMUN ist eine Nonprofit-Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Studierende aus aller Welt durch die Teilnahme am gleichnamigen Planspiel für globale Probleme zu sensibilisieren. Das geht natürlich mit dem Verständnis der Funktionsweise der Vereinten Nationen einher. Auch die zwischenmenschliche Kooperation und Zusammenarbeit soll ausgeprägt werden. Die Simulation findet in diesem Format bereits mehr als vierzig Jahre statt. Genau wie bei den Vereinten Nationen selbst, findet auch hier die Arbeit in verschiedenen Gruppen, sogenannten Komitees, statt, sodass sich nicht jeder mit allem befassen muss und die Arbeit effizienter durchgeführt werden kann.

Meine Komitee-Partnerin Pia und ich werden in den folgenden Tagen Barbados (welches von den Studierenden der MLU vertreten wird) im United Nations Environmental Assembly (UNEA), dem Organ, welches sich mit Umweltfragen beschäftigt, vertreten. Bei dieser Konferenz sitzen im UNEA über 200 Studierende aus aller Welt, die 111 Länder repräsentieren und, genau wie wir, meist zu zweit ein Land vertreten. Die Konferenz teilt sich in verschiedene Themenbereiche, sogenannte Komitees auf. Nachdem bereits im letzten Jahr das Losverfahren, welche Universität welches Land bei der Konferenz repräsentiert, abgeschlossen war, hatten wir alle viel Zeit, das Land in all seinen Facetten kennen zu lernen. Nach monatelanger Vorbereitung kann ich kaum fassen, dass ich nun tatsächlich hier in New York bin und es endlich losgeht.

Der erste Tag

»Decorum!«, sagt der Leiter einer der Sitzungen. Die Teilnehmenden sollen sich zu ihren Plätzen begeben, die Konferenz beginnt. Vor einigen Stunden haben wir unsere Placard erhalten, eine Art Papierschild, auf dem groß »Barbados« zu lesen ist. Wir werden es gleich brauchen, denn wie jede Sitzung beginnt auch diese mit einem sogenannten Role Call. Dabei werden alle Länder, die anwesend sind, aufgerufen. Sobald ihr Name fällt, muss sich ein Vertreter zu Wort melden, um die Anwesenheit zu bestätigen. Nach dieser Prozedur beginnt die Diskussion; eine Agenda muss aufgestellt werden, in der die drei vorher bekannten Themen »Conservation and Restoration of Ecosystems in Urban Areas«, »Empowering Youth for Sustainable Development« und »The Impact of Pollution on Marine Life« bearbeitet werden sollen. Dazu gibt es eine Rednerliste, auf die man sich setzen lassen kann. Sobald man an der Reihe ist, hat man 90 Sekunden Zeit, vor dem Komitee eine Rede zu halten, in der man versucht, die Mithörer von seinen Prioritäten zu überzeugen.

Pia und ich wissen natürlich, dass für Barbados als Inselstaat außer Frage steht, dass das dritte Thema am wichtigsten ist und als erstes bearbeitet werden soll. Um die anderen von der Dringlichkeit dieses Themas zu überzeugen, lassen auch wir uns auf die Rednerliste setzen und arbeiten sodann fieberhaft an deren Ausarbeitung. Die Statements müssen spontan erarbeitet werden, dürfen nicht vorformuliert werden und müssen an das Gesagte der vorherigen Redner anknüpfen, alles natürlich auf Englisch. Keine leichte Aufgabe, doch als es soweit ist, macht Pia ihre Sache großartig. Nachdem wir zehn Redner und Rednerinnen gehört haben, geht es in die sogenannte Informal Session.

Dabei haben alle die Möglichkeit, sich frei im Raum zu bewegen und mit anderen Delegierten zu sprechen und Networking zu betreiben. Genau wie alle anderen versuchen wir herauszufinden, welche Länder ähnliche Ansichten vertreten, um sie zu überzeugen, bei einer Abstimmung für die von uns vorgeschlagene Reihenfolge der Bearbeitung der Agenda-Themen zu stimmen. Nach 45 Minuten geht es zurück in die Formal Session und wir hören weiteren Reden zu. Später wird zur Abstimmung über die Reihenfolge aufgerufen; eine einfache Mehrheit würde genügen, doch zunächst gibt es für alle Vorschläge zu viele Gegenstimmen und so setzt sich der Wechsel zwischen Formal und Informal Sessions fort. Erst nach einigen kräftezehrenden Stunden kommt es zu einer Entscheidung, nun ist die Reihenfolge zwar nicht ideal für uns, aber akzeptabel. Das erste Thema, das besprochen wird, lautet nun »Empowering Youth for Sustainable Development.«

Wie echte Diplomaten

Foto: Katharina Müller

Am nächsten Tag stehen wir bereits um sechs Uhr morgens auf, denn heute findet die offizielle Eröffnungszeremonie statt, direkt im United Nations Headquarter. Der Zugang zu der dortigen General Assembly Hall ist Touristen nur im Rahmen eines offiziellen Rundgangs gestattet, doch wir dürfen uns auf die Stühle setzen, auf denen für den Rest des Jahres nur die Diplomaten und UN-Mitarbeiter Platz nehmen. Ein tolles Gefühl! Die insgesamt 2500 Teilnehmenden werden vom Organisator der Veranstaltung begrüßt, und auch einige Gäste richten Grußworte an uns und heißen uns willkommen. Nach einer Stunde ist der Zauber leider auch schon wieder vorüber, und wir laufen zurück zu den Hotels Hilton und Sheraton, wo die Konferenz eigentlich stattfindet.

Pia und ich sind zwar müde, aber dennoch sehr aufgeregt. Noch am Abend hatten wir uns überlegt, welche Punkte bei diesem Thema wichtig für Barbados sind, sodass wir heute nach dem Role Call gleich mit konkreten Vorschlägen an andere Delegationen herantreten können. Die Rednerliste wird natürlich weiterhin abgearbeitet, nun geht es darum, die anderen Delegierten von den Standpunkten des eigenen Landes zu überzeugen und somit die angestrebte Zusammenarbeit zu erleichtern. Die Sessions erstrecken sich heute von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr und später noch einmal von 20.00 Uhr bis 23.00 Uhr. Nach dem heutigen Tag sind alle wirklich platt, doch es hat sich gelohnt. Pia und ich haben in einer kleinen Gruppe von etwa zehn Delegierten – die meisten Vertreter kleinerer karibischer Inselstaaten wie wir – eine Art Entwurf aufgesetzt und unsere Hauptziele aufgezeigt. Die Jugendlichen dieser Welt sollen durch speziell ausgebildete Lehrkräfte auf die Dringlichkeit von Umweltschutz und im Besonderen den Schutz der Meere und der marinen Ökosysteme sensibilisiert werden.

Work in Progress

Nachdem wir an den Formulierungen gearbeitet haben, versuchen wir Signatories, also Unterstützer, zu finden. Um einen Entwurf offiziell einreichen zu können, braucht man eine gewisse Anzahl an Unterstützern, die wir nun suchen müssen. Je nachdem, wie groß das gesamte Komitee ist, unterscheidet sich diese Zahl; in unserem Fall mussten wir 21 Staaten von unserem Text überzeugen. Dafür teilen wir uns alle auf, und mit Kladde und Laptop stellen wir anderen Delegierten unser Konzept vor, um sie nach ihrer Unterstützung bei unserer Arbeit zu fragen. Währenddessen ist Barbados wieder weiter oben auf der Rednerliste, diesmal bereite ich mich vor zu sprechen. Als ich an der Reihe bin, bin ich unglaublich nervös, doch sobald ich im Redefluss bin, fällt die Aufregung von mir ab, und ich realisiere gar nicht mehr, dass mir mehr als 200 Menschen zuhören. In meinem Statement setze ich die anderen Delegierten von unserer derzeitigen Arbeit in Kenntnis. Nachdem wir genügend Signatories gefunden haben, wird unser Entwurf nun offiziell als sogenannte Draft Resolution anerkannt, das bedeutet, sie erfüllt alle grundlegenden Anforderungen und darf weiter bearbeitet werden.

UNEA Code/1/7

So lautet nun der offizielle Name unseres Dokuments. Jetzt gilt es, unseren Entwurf weiter auszuarbeiten und ihn in eine Form zu bringen, die den tatsächlichen UN-Resolutionen gleicht. Ganz ohne Diskussionen geht das natürlich nicht vonstatten, schließlich möchte jeder für sein Land das beste Ergebnis erzielen. Keine einfache Aufgabe, aber alle Teilnehmenden verhalten sich kooperativ, und so können wir, hauptsächlich am vierten Tag, an der konkreten Ausformulierung feilen. Am späten Nachmittag kommt es dann zur alles entscheidenden Abstimmung. Über alle im Rahmen der Konferenz erarbeiteten Resolutionen – insgesamt sind es sieben – wird nach einem letzten Role Call abgestimmt. Unser Entwurf ist der Letzte, über den entschieden wird, doch mit 96 Stimmen pro, zwei contra und acht Enthaltungen wird auch er, genau wie alle anderen, mit großer Mehrheit angenommen. Freude und Erleichterung machen sich breit, der Stress der letzten Tage hat sich gelohnt, wir haben es geschafft!

Für unsere im Vorfeld der Konferenz geleistete Arbeit erhalten Pia und ich sogar einen Award, und auch die Delegation als Ganzes bekommt eine Auszeichnung für ihre Arbeit in den Komitees. Wir fühlen uns geehrt, denn solche Awards bekommt durchaus nicht jeder. Abschließend findet noch eine große Party statt, in einem Club direkt am Times Square. Dabei können alle 2500 Teilnehmenden ihre Arbeit der letzten Tage gebührend feiern, was sie auch tun …

Für uns endet diese unglaubliche Erfahrung an dieser Stelle, doch im nächsten Jahr soll wieder eine Delegation der MLU nach New York fliegen. So kehren wir mit einer riesigen Menge an Eindrücken zurück an das Ufer der Saale.

  • Katharina studiert Politikwissenschaft und Germanistik im vierten Semester und durfte hautnah dabei sein.

Über Katharina Müller

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 18:24