Apr 2018 hastuINTERESSE Heft Nr. 77 0

Vom Mondhasen bis zum Playboy-Bunny

Hasen gibt es maximal auf dem Teller oder im Streichelzoo? Falsch gedacht! Zu Ostern mag sich Meister Lampe zwar besonders großer Beliebtheit erfreuen, doch tatsächlich hat dieses Tier jederzeit Saison – und zwar nicht nur als Nahrungsmittel. Ein Blick auf die Bedeutung des Hasen in der Popkultur.

Illustration: Gregor Borkowski

Wenn alle Neujahrsvorsätze bereits wieder über Bord geschmissen sind und die ersten Krokusse auf dem Steintorcampus blühen, kann das nur eins bedeuten – es wird Frühling! Und wie jedes Jahr ist damit Ostern nicht weit. Während die einen dabei an arbeitsfreie Tage denken, freuen sich andere auf das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Doch ob gläubig oder nicht, an einer Sache kommt man zu Ostern nicht vorbei: dem Osterhasen. Im Jahr 1682 vom Medizinprofessor Georg Franck von Franckenau das erste Mal in einer Abhandlung über Ostereier erwähnt, gehört der Osterhase heute für Kinder in christlich geprägten Ländern genauso selbstverständlich zum Aufwachsen dazu wie der Glaube an den Weihnachtsmann oder die Zahnfee.

Mit zunehmendem Alter kommen zwar den meisten von uns berechtigte Zweifel daran, dass ausgerechnet ein Hase die Eier und kleinen Geschenke zu Ostern verstecken soll, zu deren Suche wir unter den belustigten Blicken unserer Verwandtschaft genötigt werden. Doch wer glaubt, dass Hasen damit gänzlich aus unserem Leben verschwinden, der irrt: ob als Meister Lampe in Opas Erzählungen, als Logo des Playboys oder als gruselige Erscheinung im Kultfilm »Donnie Darko« – kaum ein anderes Tier erfreut sich nach wie vor so großer Beliebtheit in der Popkultur.

Die überaus vielfältige Darstellung des Hasen beginnt bereits in der Antike: Von zeitgenössischen Berühmtheiten wie Aristoteles als eines der fruchtbarsten Tiere eingeordnet, dienen Leporidae – so die lateinische Bezeichnung – in dieser Epoche als Symbol für Fruchtbarkeit, sexuelle Begierde und Lebenskraft. So wird er unter anderem als Geschenk unter Liebespaaren oder als Glückssymbol abgebildet; sogar als Attribut von Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, Schönheit und Begierde, kommt Meister Lampe daher.

Der Hase auf dem Mond

Einen etwas abgeschwächten, doch ähnlich konnotierten Ruf übernimmt der Hase in der christlichen Kunst. Hier verkörpert er vor allem eine ambivalente Bedeutung: Sinnsuche und Heilsbringung auf der einen Seite stehen ungezügelter Sexualität und Wollust auf der anderen gegenüber. Im Judentum ist das Langohr sogar gänzlich verrufen als unreines Tier, da er nicht den jüdischen Speisegesetzen entspricht; gemäß dem 3. Buch Mose, das nur Tiere als koscher einstuft, die sowohl Wiederkäuer sind als auch zwei gespaltene Klauen haben, sind Hasen somit treife, also nicht koscher. Im Christentum setzt sich allerdings die positive Deutung des Hasen als Sinnbild für Fruchtbarkeit, Wiedergeburt und Auferstehung gemäß der antiken Darstellung durch. So ist es kein Wunder, dass ausgerechnet dieses Tier mit dem christlichen Osterfest in Verbindung steht und vielerorts zu dieser Jahreszeit in Form von Schokolade, gemalt auf Ostereiern oder sogar lebendig in Wald und Flur zu sehen ist.

Doch auch jenseits des westlichen Kulturkreises ranken sich allerhand Mythen um das scheue Säugetier: So stellt der Hase das vierte Tierkreiszeichen im chinesischen Horoskop dar. Eine weitere Konnotation entstammt der ostasiatischen Folklore, in welcher das Tier als Mondhase beziehungsweise Jadehase fleißiger Begleiter der Mondgöttin ist. Dieser Mythos geht auf die Pareidolie zurück, in der Oberfläche des Mondes einen Hasen mit Mörser sehen zu können. Gemäß diesem Phänomen, in Mustern bestimmte Wesen oder Gegenstände zu erkennen, ist die Aufgabe des Hasen in der ostasiatischen Märchenwelt, mit dem Mörser die Zutaten für das Lebenselixier beziehungsweise für Reiskuchen zu stampfen. Eine ähnliche Lesart findet sich auch im mittelamerikanischen Raum; dort wird der Hase ebenfalls mit dem Muster auf der Mondoberfläche in Verbindung gebracht. Um allerdings noch einmal auf die asiatische Kultur zurückzukommen: Die gleichnamige Hauptfigur von »Sailor Moon«, einem der erfolgreichsten Animes und Mangas auch im westlichen Raum, heißt im Original »Tsukino Usagi« – was sich als »Mondhase« übersetzen lässt und Aufschluss über ihren Spitznamen »Bunny« gibt.

Genauso süß wie tödlich

Damit wären wir schon bei der popkulturellen Bedeutung des Mümmelmanns, der oft synonym zum Kaninchen gesehen wird. Zwar gehört Letzteres auch zur Familie der Leporidae, doch unterscheiden sich beide hinsichtlich diverser Merkmale wie beispielsweise der Länge der Ohren oder dem Bedürfnis nach Geselligkeit. In der Popkultur sind beide Gattungen gleichermaßen verbreitet und beliebt.

Geselligkeit – etwas, wonach Donnie Darko, Protagonist des gleichnamigen Films, keineswegs giert. 2001 an den amerikanischen Kinokassen gefloppt, wächst die Beliebtheit des verwirrenden Thrillers um einen psychisch labilen Jugendlichen als Geheimtipp stetig. Die Figur des »Frank«, der in einem Hasenkostüm mit einer Totenkopfmaske bekleidet einzig und allein dem Protagonisten erscheint und ihm nicht nur das Ende der Welt in 28 Tagen, 6 Stunden, 42 Minuten und 12 Sekunden prophezeit, sondern auch zerstörerische Aufträge erteilt, darf sich als wohl gruseligster Hase der Popkultur rühmen. Kein Wunder, dass Donnie Darko an seinem Verstand zweifelt, wenn diese surreal anmutende Gestalt ihm als Antwort entgegendröhnt: »Why are you wearing that stupid mansuit?«

Ursprung der Figur des Frank ist eine urbane Legende aus dem US-amerikanischen Raum: die um den »Bunny Man«, einen aus der Psychiatrie entflohenen und nie gefassten Serienmörder in Hasenkostüm. Die beliebteste Version dieser Schauergeschichte geht auf eine Irrenanstalt im US-Bundesstaat Virginia zurück, wonach bei der Umsiedlung von den Insassen im Jahre 1920 durch ein Busunglück einige Patienten fliehen konnten. Eine andere Erzählung handelt von einem Hasenkostüm tragenden Teenager, welcher am Ostersonntag seine Familie umbringt. Seit den 70er-Jahren fand die blutige Legende auch in anderen Bundesstaaten Verbreitung und dient seither als Inspiration, mal humorvoll wie in der Animationsserie »South Park«, mal bedrückend wie in dem Film »Donnie Darko«. Eine Mischung aus beidem stellt das Killer-Kaninchen in dem Film »Die Ritter der Kokosnuß« der britischen Comedy-Gruppe Monthy Python aus dem Jahr 1975 dar – zwar kommt in diesem Fall das Kaninchen genauso süß daher wie seine Verwandten im Einzeltierhandel, doch wohl kaum unblutiger, als ein Bunny Man wüten würde.

Illustration: Gregor Borkowski

Nicht weniger umstritten als der Humor von Monthy-Python-Filmen ist das berühmte Duracellhäschen: Während den einen die Werbespots um das rosarote Plüschhäschen (ursprünglich mit Trommel in den Pfoten) einfach nur nerven, spricht der andere dem Ganzen einen Kultstatus zu. In China ist das weltberühmte Maskottchen sogar als »nicht gesetzeskonform« eingestuft. Grund hierfür stellt das Verbot dar, in Werbespots zu lügen oder maßlos zu übertreiben.

Um die einheimische Filmindustrie zu schützen, welche sich im Aufwind befindet, wurde im Jahre 2008 die Ausstrahlung ausländischer Zeichentrickfilme zur Hauptsendezeit zwischen 17.00 und 21.00 Uhr verboten. Damit wurde ein weiterer Hase mit Kultstatus in China zum Tabu – nämlich Bugs Bunny! Der wohl weltweit einzige Hase mit einem Stern auf dem Walk of Fame ist gleichzeitig Oscar Gewinner und entsprang dem Warner-Bros.-Zeichentrick-Studio. Für viele stehen die Geschichten um den gewitzten Hasen und seine Abenteuer für Erlebnisse vor dem heimischen Fernseher in der Kindheit. Im US-amerikanischen Sprachraum prägte die Zeichentrickserie, die seit den 1960er Jahren zunehmend Kultstatus erlangte, gar ein geflügeltes Wort: Die Begrüßung des Pfiffikus »What«s up, Doc?« erfreut sich mittlerweile nicht nur im Revier von Bugs Bunnys Konkurrenten, dem Jäger Elmer Fudd, großer Beliebtheit.

Als Wegweiser ins »Wunderland«

Weitere Auftritte kommen den Leporidae in der Buch- und Filmreihe um Alice und ihren Abenteuern im Wunderland nach Lewis Carroll zu. Wahrscheinlich hat ein jeder sich schon mal wie das weiße Kaninchen gefühlt, welches mit Blick auf die Uhr »Jemine! Jemine! Ich komme bestimmt zu spät!« murmelt. Während die Meinungen darüber, was als Inspiration für das Kaninchen gedient haben könnte, vom unpünktlichen Vater der »wahren« Alice bis hin zur stets fünf Minuten hinterherhinkenden Uhr der Kathedrale von Oxford reichen, wird das weiße Kaninchen mittlerweile auch schlicht und ergreifend mit Drogenkonsum assoziiert.

In einem ähnlichen Kontext der Bewusstseinserweiterung ist die Rolle des weißen Kaninchens im Science-FictionFilm »Matrix« zu sehen – der Hauptcharakter Neo, gespielt von Keanu Reeves, erhält auf dem Bildschirm die Aufforderung, dem weißen Kaninchen zu folgen. Als er selbiges später als Tattoo auf der Schulter einer Frau erkennt, trifft er so auf seine spätere Verbündete namens Trinity. Um den Kreis zu schließen: Dreifaltigkeit, wie sich Trinity ins Deutsche übersetzen lässt, stellt eine weitere Symbolik bei der Abbildung von Hasen dar, wie es zum Beispiel bei dem Holzschnitt »Die Heilige Familie mit den drei Hasen« von Albrecht Dürer der Fall zu sein scheint. Vom gleichen Künstler stammt übrigens auch das weltberühmte Aquarell eines Feldhasen, welches heute in der Wiener Albertina zu sehen ist und nach wie vor durch seine Präzision und Detailverliebtheit die Beobachter in den Bann zieht.

Großer Beliebtheit erfreut sich auch das Logo des »Playboy«. So ist der Playboy-Bunny mit Fliege, welcher 1953 vom Artdirector Arthur Paul entworfen wurde, auch heute noch auf zahlreichen Merchandising-Artikeln zu finden und steht längst stellvertretend für den weltweiten Erfolg des US-amerikanischen Männermagazins. Wie der mittlerweile verstorbene Gründer Hugh Hefner 1967 in einem Interview erklärte, wählte er den Hasen als Logo, da dieser im amerikanischen Kulturraum eine gleichermaßen humorvolle wie sexuelle Bedeutung habe. Seiner Ansicht nach ähnelt ein Mädchen einem Hasen; so sei es (im Idealfall) »joyful, joking«. Im Gegensatz zu anderen Medien sei er nicht daran interessiert gewesen, die Femme Fatale abzubilden, die mysteriös, kompliziert, traurig in ihrer eleganten Unterwäsche Männerblicke auf sich zieht. Stattdessen sei es ihm um das »girl next door« gegangen – jung, gesund, glücklich und vor allem vollkommen nackt sich vor der Kamera räkelnd. In der ersten Ausgabe kam Marilyn Monroe diese Aufgabe zu. Das in der Öffentlichkeit stets strahlende Sexsymbol, welches jedoch privat unter Tablettenabhängigkeit sowie seelischen Problemen litt, nahm sich im Alter von 36 Jahren sehr wahrscheinlich das Leben. Ob Monroe langfristig gesehen damit auch wirklich ein »Bunny« nach dem Geschmack Hugh Hefners darstellte oder doch eher die von ihm abgelehnte Femme Fatale, ist wohl fraglich.

Unbestreitbar bleibt letzten Endes die Bedeutung von Hasen und Kaninchen für Literatur, Film und Fernsehen. Bis heute ist die inspirierende Wirkung des Mümmelmanns ungebrochen – und wer weiß, vielleicht freundet man sich eines Tages auch in China wieder mit Bugs Bunny und dem DuracellHasen an.

 

Über Sophie Ritter

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 15.04. 2018 17:25