Jul 2018 hastuUNI Heft Nr. 79 0

Teilen verboten

Auf Verlangen der Hochschulleitung musste der »Fairteiler«, ein öffentlich zugängliches Lebensmittelregal, abgebaut werden. Die Uni ist nicht bereit, einen neuen Standort dafür zur Verfügung zu stellen.

Illustration: Emilia Peters

313 Kilogramm Lebensmittel werden pro Sekunde weggeworfen, das entspricht etwa 82 Kilogramm Lebensmittel pro Person im Jahr. Weltweit leiden rund 815 Millionen Menschen an Hunger, also jeder Neunte. Das sind ganz schön große Zahlen, die ganz schön weit weg sind, denn es geht ja dabei zum größten Teil um die Entwicklungsländer – falsch! Auch in Deutschland leiden etwa eine halbe Million Kinder an Hunger, hinzu kommen die, die nicht mitgezählt werden, weil sie es nicht zugeben würden. Denn Deutschland ist ja ein reiches Land. So reich, dass wir so viel Essen wegwerfen können und wollen? Wäre es denn nicht schön, man könnte es denen geben, die es gerade brauchen? Oder würde es nicht schon reichen, die Lebensmittel, welche noch genießbar sind, einfach nicht wegzuschmeißen, sondern weiter zu geben?

Das dachte sich zumindest der 2012 gegründete Verein Foodsharing e. V. In Form von Essenskörben ermöglicht er das Teilen von »nicht mehr gewollten« Lebensmitteln. Der Verein bekam immer mehr Zuspruch, sodass sich im Laufe der Zeit auch sogenannte Foodsaver bereit erklärten, von Supermärkten, Bauernhöfen und Co. Lebensmittel abzuholen und diese dann in Fairteilern zu sammeln. Diese könnte man auch als öffentliche Kühlschränke oder Lebensmittelregale bezeichnen, aus denen sich dann die Menschen nach Bedarf übrig gebliebene Lebensmittel einfach mitnehmen können. Das Prinzip schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe: Es werden weniger Nahrungsmittel weggeworfen, das Essen geht dabei an diejenigen, die es brauchen, und sie müssen sich nirgends registrieren, anmelden, Hartz-IV-Papiere vorzeigen oder ähnliches. Teilen ist das Stichwort. Natürlich ist so ein Fairteiler nicht nur bei Hartz- IV-EmpfängerInnen beliebt. Auch StudentInnen, die immerzu mit ihrem geringen BAföG rechnen müssen oder sich einfach nur umweltbewusst, nachhaltig und fair verhalten wollen, nutzen das Konzept.

Foto: Franziska Lachmann

Was hat das mit der MLU zu tun?

Laut § 2 der Grundordnung unserer Universität trägt sie eine »ökologische Verantwortung« und soll Studierende zu »selbstständigem wissenschaftlichen
Denken, Urteilen und Arbeiten« befähigen. Da liegt es nahe, dass sie auch den Fairteiler befürwortet, der im Innenhof des Stura steht. Steht? Stand! Denn am 31. März 2018 endete die von der Hochschulleitung gesetzte Frist für den Abbau des Projektes. Seit dem 10. November 2016 stand der vom Stura finanzierte und stetig vom Foodsharing e. V. befüllte Fairteiler und fand großen Anklang. Während die Food­saver in Halle vor etwa zwei Jahren mit vier Leuten starteten, sind es heute weit mehr als 20 aktive und 140 registrierte Lebensmittel-Einsammler, die regelmäßig Nahrungsmittel, die nicht gekühlt werden müssen, von den kooperierenden Betrieben abholen. Dazu kommen 4400 private Mitglieder in der Food­sharing-Facebookgruppe, sodass der Fairteiler auf dem Unigelände meist innerhalb von einer Stunde nach der Befüllung leer war.

Verantwortung, Genehmigungen und Verhandlungen

Ein Nachhaltigkeitsprojekt, das die Hochschulleitung doch eigentlich voller Stolz unterstützen müsste – aber weit gefehlt. Nicht nur, dass der Stura die Finanzierung und Verantwortung bezüglich des Fairteilers übernahm; auch waren es allein die Foodsharing-Mitglieder, die sich um die tägliche Befüllung, Säuberung und Instandhaltung kümmerten – gänzlich ohne universitäre Unterstützung.

Während Universitäten in Siegen, Ulm und Stuttgart ihre Fairteiler feierlich mit Dekan, Kanzler, Professoren und Studenten einweihen, zeigt sich die Martin-Luther-Universität wenig begeistert. Nachdem sie den Fairteiler zunächst unbefristet genehmigt hatte, erhielt der Stura schriftlich und ganz formell die Aufforderung zur Beseitigung. Auch eine zweiteilige kompromissbereite Antwort des Studierendenrates konnte die Hochschulleitung nicht von ihrer Forderung abbringen. So kam es zum Gespräch zwischen beiden Parteien. Dabei erläuterte die Universität, dass es zu viele Nutzerbeschwerden gab, so Lukas Wanke, Vorsitzender des Sprecher_innenkollegiums des Stura. »Die Hochschulleitung rechtfertigte sich mit Gründen, die keiner nachvollziehen konnte: Die Lebensmittel im Fairteiler würden Tiere anlocken, vor allem Tauben, die dann das Juridicum verschmutzen. Auch würden oftmals verdorbene Lebensmittel im und um den Fairteiler herum liegen.« Nur gesehen hat diese Verschmutzungen keiner und schon gar keine verdorbenen Nahrungsmittel.

Vatan Akyüz, einer der aktivsten Foodsaver in Halle, erzählt: »Die Lebensmittel wurden eigentlich immer innerhalb der ersten Stunde mitgenommen. Wir glauben nicht, dass Tiere oder Müll der Grund für den Abbau sind. Denn es haben sich nicht nur die Foodsaver stets um die Sauberkeit des Innenhofes bemüht, auch der Stura und die meisten Food­sharer achteten auf die Ordnung des Geländes.« Das Projekt passe wahrscheinlich einfach nicht in das universitäre Ordnungsbild, meint Vatan, und so wähle die Hochschulleitung den Weg des geringsten Widerstandes. Denn seitens der Befürworter des Lebensmittel­teilens gab es große Bemühungen zum Erhalt des öffentlichen Lebensmittelregals. In einem Gespräch mit der Hochschulleitung wurde nicht nur der Umbau des Fairteilers angeboten, sondern auch Alternativstandorte, wie der Steintor-Campus oder der Botanische Garten. Doch die Universitätsleitung mauerte und nannte die simpelsten Gründe zur Verweigerung. »Der Kanzler meinte, es handle sich bei der Angelegenheit lediglich um einen Verwaltungsakt, nicht aber um eine Universitätsangelegenheit«, bestätigt Lukas Wanke. Der Kontakt zur Hochschulleitung wurde bis zum Verstreichen der Frist gehalten, neue Vorschläge, Kompromisse und Lösungsansätze unterbreitet, doch die Verantwortlichen blockierten, es kam tatsächlich zum Abbau.

Daraufhin veröffentlicht das Sprecher_innenkollegium des Studierendenrates einen Aufruf »für eine nachhaltige Hochschulpolitik – für den Fairteiler!« Darin stellen sie unter anderem fest, dass der Lehrstuhl für betriebliches Umweltmanagement wegfällt und »Nachhaltigkeit in den Lehrveranstaltungen keine große Rolle spielt und die zusätzlichen Module, zum Beispiel in der Landwirtschaft […] oder in der Wirtschafts­wissenschaft weitestgehend von studentischer Seite aus selbst organisiert werden müssen.«

Die Vernachlässigung der ökologischen Verantwortung gipfele dann in dem Abbau des Fairteilers. »Wir kritisieren hiermit diese Hochschulpolitik, die Nachhaltigkeit eher als lästige Pflichtaufgabe sieht und weniger als dringend notwendige Aufgabe«, heißt es seitens des Stura. In seiner Meinung wird er dann auch unterstützt: Der Arbeitskreis für Ökologie und Nachhaltigkeit, die Initiative Zukunftsfähige Landwirtschaft der Uni Halle, die Offene Linke Liste und auch die SDS-Linke Hochschulgruppe schließen sich dem Online-Aufruf an.

»Es geht nicht darum, die Universitätsleitung schlecht zu machen; doch geht es hier nicht um eine Verwaltungsangelegenheit, der Fairteiler ist eine politisch größere Sache, und das sollte die Hochschulleitung ernster nehmen«, sagt Lukas Wanke. Gleicher Meinung sind auch die Mitglieder der Foodsharing-Gruppe. »Ein Paradebeispiel für Nachhaltigkeit wurde zerstört«, so Vatan Akyüz.

Aufgeben ist keine Option

Aber die Nichtverschwender geben nicht auf: Die Foodsaver legten nicht einfach ihre ehrenamtliche Arbeit nieder – stetig wurden weiterhin Lebensmittel von kooperierenden Betrieben abgeholt. Um bei einem möglichst zentralen Standort zu bleiben, wurden die Lebensmittel am Steintor persönlich verteilt. Doch die Ausgabe dort funktionierte schlecht, das Essen wurde nicht wie üblich innerhalb einer Stunde unter die Menschen gebracht; es kamen viel zu wenige Leute. Ob aus Scham oder falscher Bescheidenheit, es kann sich keiner recht erklären, denn als es den Fairteiler noch gab, wurde die Befüllung selten angekündigt, bei der persönlichen Lebensmittelausgabe hingegen gab es rechtzeitige Facebookposts, welche Nahrungsmittel wann und wo abgeholt werden können. Doch ist es wohl etwas anderes, zu jemandem hinzugehen und zu sagen: »Hallo, ich möchte bitte kostenloses Essen«, als sich dieses einfach und ungesehen aus dem Fairteiler zu nehmen. Die Foodsaver sind verzweifelt und wissen nicht, wohin mit den Mengen an Essen. Zeitgleich bleiben sie auch auf politischer Ebene nicht untätig. Zusammen mit dem Stura ruft die Food­sharing-Gruppe in einer Online-Petition zum Erhalt des Fairteilers auf. Der Studierendenrat hoffte auf insgesamt 500 Unterschriften – die Petition hatte diese aber schon innerhalb des ersten Tages erreicht und kam insgesamt auf 1500 Unterstützer. Die Unterschriften blieben nicht die einzige Hilfe, denn die Aktion hat viel ins Rollen gebracht. Es haben sich neue Befürworter und Partner gefunden, wenn auch nicht unsere eigene Universität.

Foto: Franziska Lachmann

Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein lassen sich nicht aufhalten

»Es wird neue Fairteiler geben. So oder so«, beharrt Vatan Akyüz und behält Recht: Am 28. April wird ein neuer Lebensmittelschrank auf dem Gelände des Hühnermanhattan das erste Mal bestückt. In der Hordorfer Straße 4 steht nun ein kleiner Schrank, der täglich mit Lebensmitteln befüllt wird. Doch liegt das Grundstück in der Nähe der Berliner Brücke und ist damit nicht annähernd so zentral gelegen wie der Innenhof des Juridicums. So bleibt die Hoffnung auf den Wiederaufbau eines Fairteilers auf dem Universitätsgelände. Der genaue Standort soll dabei egal sein, wichtig bleibt die Erreichbarkeit. Doch sei zu bedenken, dass der Innenhof des Juridicums der beste Standort bleiben wird, nicht nur wegen der zentralen Lage, sondern vor allem wegen des Studierendenrates, der immer die Verantwortung tragen werde, erklärt Lukas Wanke.

Unterdessen hat sich noch ein weiteres Projekt aufgetan, das die Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen versucht und sich noch mehr für Nachhaltigkeit einsetzen möchte: »Wir sind Anna und Felix mit dem Projekt »Crummes Eck« (Ceck).Wir wollen die krummen Lebensmittel, die aufgrund ihrer Form, Farbe oder Herkunft ausgestoßen werden, vor dem Müll bewahren. Dazu gründen wir einen kleinen Laden in Halle, in dem diese Produkte für euch zum Mitnehmen bereitliegen«, heißt es auf ihrer Facebookseite. Das Crowdfunding-Projekt findet Anklang, sammelt Spenden und hofft auf weitere, zahlreiche Unterstützung.

Viele der Studierenden nutzen und unterstützen solche nachhaltigen Projekte, die in die Zukunft schauen, und deshalb wäre es schön, sie würden gleichermaßen von ihrer Uni unterstützt werden. Weder die Foodsharing-Gruppe mit ihren Foodsavern und Mitgliedern noch der Stura oder die Studenten können verstehen, weshalb der Fairteiler auf dem Innenhof des Juridicums zu einem so großen Problem werden konnte, dass es bei der Universitätsleitung zu solch einer Blockade führte und für das kein Lösungsvorschlag angenommen wurde. Alle können helfen, Essen vor dem Müll zu retten und unserer Wegwerfgesellschaft entgegenzutreten: Die Foodsharing-Gruppe freut sich über neue Mitglieder, das Crowdfunding-Projekt Crummes Eck ist dankbar für jeden Unterstützer, und der Studierendenrat nimmt jede Hilfe seitens der Universität an.

Über Franziska Lachmann

Erstellt: 05.07. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 16:25