Okt 2018 hastuUNI Heft Nr. 80 0

Studiengeflüster

261 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU; eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 14: Aus dem Hörsaal in das Wohnzimmer der Queen.

Foto: Christoph Richter

Jedes Semester das Gleiche: Texte über Texte, die gelesen werden wollen, zahlreiche Bücher, die darauf warten, gewälzt zu werden, und jede Menge trockene Theorie. Im vergangenen Sommersemester jedoch bot das Institut für Anglistik/Amerikanistik unter der Leitung von Dr. Julia Nitz 15 Interessierten die Möglichkeit, aus dem Unialltag auszubrechen und im Rahmen eines kulturwissenschaftlichen Aufbaumoduls eine Exkursion nach London zu machen. Nicht nur für uns deutsche Studierende, sondern auch für das britische Volk selbst ist die Monarchie nicht wegzudenken, denn die Tradition der britischen Krone reicht über drei Jahrhunderte zurück und ist deshalb fester Bestandteil der Identität. Unter dem Motto »The British Monarchy and Spaces of Cultural Identity Formation« untersuchten wir die Identität anhand der royalen Domizile und deren Ausstellungen. Neben Besuchen in Hampton Court, Windsor Castle, Kew Palace und Kensington Palace blieb auch etwas Freizeit, um London auf eigene Faust zu entdecken und das eine oder andere Abenteuer zu erleben. Ausgangspunkt unserer Forschung bildeten erzähl-beziehungsweise kommunikationstheoretische Ansätze, die davon ausgehen, dass Museen nicht etwa schlichte Fakten präsentieren, sondern eine Art »Geschichte« erzählen, die von den Besuchern individuell »gelesen« wird.

Die Entstehung eines so genannten Narrativs wird dabei durch eine Vielzahl von Aspekten beeinflusst, beispielsweise durch die Anordnung der Ausstellungsstücke, die Farbschemen der Räume, die Beleuchtung oder auch die Wahl der Medien. Um nachvollziehen zu können, wie die Ausstellungen Narrative entwickeln, haben wir im Vorfeld Expertengruppen für die einzelnen Schlösser gebildet und begonnen zu recherchieren. Im nächsten Schritt war unsere Aufgabe, innerhalb der Gruppen eine konkrete Forschungsfrage aufzustellen und daran angepasste Fragebögen zu entwickeln. Als wichtigstes Instrument unserer Forschung sollten diese für das Erfassen der Daten vor Ort sowie für die abschließende Auswertung verwendet werden. Mit je einem Frage­bogen für Hampton Court, Windsor Castle und Kensington Palace in der Tasche waren wir bereit, die Studienfahrt anzutreten.

»Your ticket to the past«

Das erste Abenteuer wartete schon auf uns, als niemand damit rechnete. Angekommen am verabredeten Treffpunkt am Berliner Flughafen Schönefeld scherzten wir noch über die Vielzahl der Londoner Flughäfen, immerhin fünf Stück, und wie ungünstig es wäre, zum Rückflug nach Deutschland am falschen auf die Heimreise zu warten, als plötzlich jemand auf das Ticket für den Hinflug sah und kreidebleich wurde: Wir waren bereits jetzt am falschen Flughafen! Freundlicherweise hatte die Fluggesellschaft am Abend zuvor nicht nur die Startzeit, sondern auch den Flughafen selbst geändert – ohne explizit darüber zu informieren. Nun hatten wir nur noch anderthalb Stunden, um von Schönefeld nach Tegel zu kommen, was zwar gut machbar klingt, aber in Anbetracht der Größe unserer Hauptstadt und ihrem Verkehrsaufkommen keine Zeit zum Bummeln ließ …

Foto: Christoph Richter

Gerade noch rechtzeitig erreichten wir Tegel und bekamen unseren heiß ersehnten Flug in die wohl royalste Stadt Europas. Und wer hätte es gedacht? London begrüßte uns anderthalb Stunden später mit strahlendem Sonnenschein und kaum einer Wolke am Himmel – von wegen Regenschirme und miesepetriges englisches Wetter. So konnten wir am Nachmittag unsere erste Erkundung der Nachbarschaft unseres Hostels im Stadtteil Whitechapel mit einem Picknick und herrlichem Blick auf die Themse und den Tower of London beenden.

Am nächsten Tag versprach die Aufschrift »Your ticket to the past« der Eintrittskarten unseres ersten Ziels einen spannenden Tag. Und tatsächlich ließ Hampton Court, die ehemalige Residenz des berüchtigten Königs Henry VIII, die Besucher gänzlich in das 16. Jahrhundert eintauchen. Hufgeklapper und Wiehern, Mägde und Wachen, alte Staatsgemächer und originalgetreu eingerichtete Küchen erweckten das Schloss zum Leben und machten Geschichte – im wahrsten Sinn des Wortes – zum Greifen nah. Die Kuratoren des Schlosses setzten voll und ganz auf Interaktivität. Wir führten also Interviews mit den Schauspielern, die ihrer Rolle entsprechend Geschichten über den König erzählten, und studierten Texttafeln, Zitate sowie historische Gemälde über das Leben des »Young Henry«. Die Sammlung beschäftigte sich vorrangig mit dem Verhältnis zwischen ihm und seiner ersten Frau Katherine sowie seinem Berater Thomas Walsey. Die sich verändernden Beziehungen wurden mit Hilfe von drei Stühlen symbolisiert, die in den Räumen unterschiedlich zueinander positioniert waren. Mal standen sie sich gegenüber, mal nebeneinander oder in verschiedene Richtungen ausgerichtet. Eine einzigartige Visualisierung vergangener Zeiten, die uns besonders im Gedächtnis blieb.

Bei der Queen zuhause

An Tag zwei – wir konnten es kaum glauben – wehte über dem »Round Tower« des Windsor Castle nicht der übliche Union Jack, sondern die königliche Wappenstandarte. Die Queen war also anwesend. Wir befanden uns in einem Schloss, das noch heute von Teilen der Königsfamilie als Wohnsitz genutzt wird – von keiner Geringeren als Königin Elisabeth II höchstpersönlich – und so machte sich ein wenig Aufregung in der Gruppe breit. Noch beeindruckter waren wir von den prunkvoll mit Kronleuchtern, riesigen Gemälden, vergoldeten Sitzmöbeln sowie royalen Wappen dekorierten »State Apartments«. Einziger Wermutstropfen waren die langen Schlangen mit Touristen und die strikten Mitarbeiter, die dafür sorgten, dass man auf der vorgegebenen Route blieb und nicht allzu sehr trödelte. Dies erschwerte unsere Arbeit, für die wir hergekommen waren, immens. Wir benötigten mehr Zeit, als uns zur Verfügung stand, sodass Aufgabenteilung die einzige Möglichkeit war, alle geforderten Angaben zum Schloss zu vermerken. Auch wenn sich der Tag als ziemlich anstrengend erwies, blieb etwas Zeit, um die St. George«s Chapel zu besuchen, in der sich die Ruhestätten zahlreicher Könige befinden und die zuletzt Schlagzeilen als Hochzeitslocation von Prinz Harry und Meghan Markle machte.

Foto: Christoph Richter

Glücklicherweise stand am nächsten Tag ein bisschen Ruhezeit auf dem Programm, und die wussten wir gut zu nutzen. Der beschauliche Kew Palace inmitten einer gepflegten und wunderschönen Parkanlage namens Kew Gardens bot das perfekte Kontrastprogramm. Wenige Touristen, kleine familiäre Räume und das schlichte Sammeln von Eindrücken, ohne besondere Aufgaben zu bearbeiten, waren eine willkommene Abwechslung nach den vielen Impressionen der ersten Tage. Das Anwesen diente nie als offizieller Wohnsitz eines Monarchen, sondern wurde seit dem 18. Jahrhundert von der königlichen Familie unter anderem als Wochenendhaus genutzt und ist deshalb auch der kleinste royale Palast. Ein gemeinsames Zwischenfazit der Exkursion rundete den offiziellen Teil des Tages ab und läutete den (einzigen) freien Nachmittag ein. Das herrliche Wetter lud dabei zum Verweilen in der traumhaften Umgebung ein.

Ein Besuch in London ist quasi undenkbar, ohne wenigstens einmal mit Shakespeares Person oder seinen Werken konfrontiert zu werden. Unter der Devise »Ganz oder gar nicht« trafen wir am Abend wieder aufeinander und besuchten gemeinsam das nur wenige hundert Meter vom Originalstandort entfernt rekonstruierte »Globe Theatre«. William Shakespeares und John Fletchers Stück »Die beiden edlen Vettern« erwies sich als weiteres Highlight und machte auch die Literaturwissenschaftler unter uns glücklich.

»Victoria Revealed«

Der Trend, die private Seite der Monarchen zu beleuchten, setzte sich am letzten Tag in Kensington Palace fort. Nachdem wir vormittags eine Führung hinter die Kulissen der international bedeutenden British Library bekamen, konzentrierten wir uns hier auf die am zweitlängsten regierende Königin (Queen Elizabeth II übertrumpfte den Rekord 2015). Victoria I, die einem ganzen Zeitalter ihren Namen verlieh, war einst Bewohnerin des Palasts, bis sie 1837 mit nur 18 Jahren zur Königin gekrönt wurde und in den Buckingham Palace zog. Die Kuratoren werben online damit, dass die Besucher der Ausstellung »Victoria Revealed« eine Reihe von überraschenden Aspekten ihres Lebens zu sehen bekämen, nämlich Victoria als »devoted wife, dedicated mother, lover of the arts, devastated widow and powerful stateswoman«. Davon inspiriert entschieden wir uns für die übergeordnete Forschungsfrage: »Welche Geschlechterrollen werden an Hand von Victoria und ihrem Mann, Prinz Albert, dargestellt?« Um möglichst viele Informationen sammeln zu können, stellten wir vier Kategorien für die Datensammlung auf.

Foto: Anja Thomas

Als wir in London das Schloss verließen und einige Gedanken austauschten, waren wir uns alle einig: Der Fokus der Ausstellung lag auf Victoria als Privatperson – Ehefrau und Mutter – sowie der großen Liebe der beiden Eheleute. Überraschenderweise aber kamen wir später, nach der Reise, bei der Auswertung der Fragebögen auf ein ganz anderes Fazit: Die Monarchin und ihr Mann, der die männlichen Rollenbilder vertritt, wurden gleichermaßen in privaten/häuslichen und öffentlichen Rollen beschrieben. Die Zuordnung der Objekte sowie Zitate zu den beiden Sphären öffentlich versus privat und deren Auszählung sprachen eine eindeutige Sprache. Als Ergebnis für unsere Forschungsarbeit war diese Erkenntnis ausreichend, schließlich konnten wir nur drei Stunden in Kensington Palace verbringen. Interessant wäre es aber dennoch, weitere Untersuchungen anzustellen, welche Ursachen die massive Diskrepanz zwischen dem persönlichen Eindruck und den Fakten hat. Aber dies ahnten wir während der Zeit in London natürlich noch nicht …

»Exploring history where it happens«

Der Ausklang unseres Trips erfolgte standesgemäß mit einer kleinen Pub-Tour vom »Black Horse« zum »Brown Bear«, wo wir von Ale über Cider bis Guinness alle Spezialitäten, die traditionell auf der Insel getrunken werden, probierten. Zeit, um alles Revue passieren zu lassen: Wir haben zwar keinen Royal persönlich getroffen, aber dennoch Einblicke bis in die privatesten Winkel britischer Monarchen bekommen. Die zum Teil romantisierenden Darstellungen machten deutlich, welch eine zentrale Rolle die Monarchie nicht nur in der Vergangenheit des Königreichs gespielt hat, sondern auch wie groß die Faszination und das Interesse noch heute sind.

Auf alle Fälle belebten die Eindrücke das sonst theorielastige Studium und förderten neue Kompetenzen, unter anderem das eigenständige Denken und Arbeiten in nahezu unerforschten Bereichen. Die Exkursion war die erste ihrer Art am Institut für Anglistik/Amerikanistik, sodass wir die Freiheit genossen, viele Ideen und Kreativität einzubringen und die Forschung innerhalb der Expertengruppen individuell nach unseren Vorstellungen auszurichten. Unser Fazit: Eine Form des Lernens, die mehr Studierenden ermöglicht werden sollte.

  • Die detaillierten Auswertungen der Forschungsreise können in visuali­sierter Form als Plakate im Institut für Anglistik/Amerikanistik, Adam-Kuckhoff-Str. 35, besichtigt werden. Es ist angedacht, eine Exkursion in dieser Form im Sommersemester 2019 zu wiederholen.

Foto: Christoph Richt

Über Anja Thomas

, ,

Erstellt: 31.10. 2018 | Bearbeitet: 31.10. 2018 23:45