Jul 2018 hastuUNI Heft Nr. 79 0

Studiengeflüster

261 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU; eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 13: Von Charles, dem absolutistischen Herrscher seines Herzogtums, und der Zwangsdeportation eines Inselvolkes.

Kartengrundlage: commons.wikimedia.org/wiki/File:Indian_Ocean_
laea_relief_location_map.jpg

Viele werden folgendes Szenario wiedererkennen: Ein Seminar nach dem anderen, eine endlos wirkende Aneinanderreihung von oft halbherzig vorbereiteten Referaten, gelangweilte Gesichter und die gleichen drei Personen, die etwas zur Diskussion beitragen. Doch natürlich gibt es auch Ausnahmen: die Seminare, die einen nachdenklich, geschockt, wissbegierig und mit dem Drang, in der Freizeit selbst nachzuforschen, zurücklassen. Solch ein Seminar durfte ich letztes Semester besuchen, und immer noch beschäftigen mich einige der Inhalte.

»Little England – Great Britain: Nationalism, British Identity (and the Brexit)« lautete der Titel der Veranstaltung im Rahmen des Aufbaumoduls Kulturwissenschaft, welches für einen Bachelor oder im Lehramtsstudium der Anglistik/Amerikanistik absolviert werden muss. Vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichten die von Dr. Therese-Marie Meyer ausgewählten Themen des Seminars, wobei der Fokus von Religion über territoriale Ausweitung bis zu Identitätsproblemen reichte.

Some national oddities

Zuweilen konnten die Seminarteilnehmer ein gequältes Lachen nicht unterdrücken, so absurd sind manche Überbleibsel der jahrhundertealten Traditionen und Privilegien des britischen Adels. Man betrachte nur den derzeitigen Prinzen von Wales und Herzog von Cornwall: Charles, Sohn Königin Elisabeths der Zweiten. Der älteste männliche Nachfahre des regierenden Monarchen des Königreiches erhält den Titel des »Duke of Cornwall« automatisch bei Geburt oder der Thronbesteigung des Elternteils, inklusive des millionenschweren Besitzes, welches zum Duchy of Cornwall gehört.

Das Duchy umfasst mehrere Anwesen und finanzielle Investitionen, vor allem im Südwesten Englands, wo sich auch der Landesteil Cornwall befindet. Das Duchy of Cornwall trägt zwar den Namen der südwestlichsten Grafschaft Englands, ist flächenmäßig allerdings nicht mit ihr identisch. Der Vermögenswert des Herzogtums liegt derzeit bei knapp 900 Millionen Euro – die Gewinne aus Anlagen und Investitionen sind dabei nicht einberechnet. Nachdem der Ertrag aus Minen im späten 20. Jahrhundert zurückging, kam es zu einer Massenauswanderung und einem rasanten Zuwachs an kornischem Nationalstolz. 2014 wurde der Gruppe der kornischen Bevölkerung sogar Minderheitenstatus durch den Europarat zugesprochen.

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/File:Wrack_MSR_Mülheim_Lands_End.jpg

Interessant wird es, wenn man die außergewöhnlichen Befugnisse dieses Dukes genauer betrachtet, die teilweise nicht nur gute Gefühle wecken. Man könnte sogar schon so weit gehen zu sagen, dass Charles eine Art absolutistischer Herrscher in seinem Duchy ist.

Obwohl er dies freiwillig tut, ist Charles nicht verpflichtet, Einkommens- oder Körperschaftssteuer zu zahlen. Weiterhin hat er das Recht, unter Häusern, die sich in Privatbesitz befinden, ohne die Zustimmung des Besitzers in Minen Material abzubauen. Ebenso gehört dem Duke jedes Schiffswrack an Cornwalls Küsten, wenn es nicht innerhalb eines Jahres eingefordert wurde. Sollte Eigentum aufgrund des Todes eines Einwohners ohne Testament oder Erbe zurückbleiben, geht alles an den Duke über. Jeder Fund in Cornwall, beispielsweise historische Artefakte, unterliegt dem absoluten Recht Charles«; die Interessen von Museen, dem Finder oder dem Grundbesitzer sind dabei unerheblich. Ebenso könnte er theoretisch historische Monumente kaufen, sie in Kleinteile zerlegen oder einfach nur zerstören. Außerdem hat er Vetorecht in der Legislative bezogen auf Gesetze, die das Duchy of Cornwall betreffen, und kann verlangen, dass diese zu seinen Gunsten geändert werden. All diese Privilegien sollten von potentiellen Siedlern auf dem Grund und Boden des Duke of Cornwall im Auge behalten werden.

Rückkehr ins Paradies?

Besonders augenöffnend war der Vortrag zum Thema Chagos Islands. Das Archipel, bestehend aus 58 Inseln, liegt strategisch günstig inmitten des Indischen Ozeans. Die Inselgruppe wurde erst von Frankreich und später von Großbritannien kolonialisiert, wobei die Einwohner zunächst als Sklaven und später als Arbeiter auf Kokos-Plantagen ausgebeutet wurden. Das gesamte gesellschaftliche Leben entwickelte sich aus dieser Arbeit heraus, und die Inseln wurden auch als »oil islands« bekannt.

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/File:Diplomatic_Cable_signed_by_D.A._
Greenhill,_dated_August_24,_1966.jpg

Nachdem die Chagos Islands seit Beginn des 20. Jahrhunderts unter der Verwaltungshoheit Mauritius« standen, welches zu diesem Zeitpunkt eine britische Kolonie war, erwarb Großbritannien 1965 die Inselgruppe drei Jahre vor der maurizischen Unabhängigkeit offiziell und wandelte sie in das British Indian Ocean Territory (BIOT) um.

In den 1960er und 70er Jahren, inmitten des Kalten Krieges, weckte das britische Überseeterritorium das Interesse der USA, welche die ideale Position des Archipels für militärische Zwecke erkannten. Daraufhin entwickelte sich ein Schriftwechsel zwischen Verhandlungsführern und Diplomaten auf beiden Seiten des Atlantiks. Für geschockte Reaktionen sorgte dabei im Seminar besonders dieser Satz auf einem Diplomatic Cable, welches von D. A. Greenhill, einem Vertreter des Diplomatischen Dienstes Großbritanniens und Untersekretär des Außenministeriums, unterzeichnet wurde: »Unfortunately along with the birds go some few Tarzans or Men Fridays« – eine rassistische und degradierende Beschreibung der Einwohner des Archipels.

Die US-Amerikaner hatten erkannt, dass das Seegebiet um die Inseln zwar weitläufig war – eingeborene Bevölkerung konnte man jedoch nicht gebrauchen. Der Plan war gefasst: Die Chagossians mussten die Insel verlassen, und die USA würden einen Militärstützpunkt auf Diego Garcia, der größten Insel, errichten. Zwischen 1968 und 1973 wurden die circa 1400 bis 1700 Einwohner der Insel unter Zwang und gewaltsam deportiert; viele überlebten die Überfahrt nur knapp und sahen sich gezwungen, aus dem Nichts ein neues Leben aufzubauen, denn eine Entschädigung hatten sie zunächst nicht zu erwarten. Auf Diego Garcia wurde im Rahmen eines 50 Jahre umspannenden Mietvertrags mit den USA eine Militärbasis errichtet und jede zivile Bevölkerung verboten.

Bis heute ist es den Chagossians nicht erlaubt, auf die Inseln ihrer Vorfahren zurückzukehren. Nichtsdestotrotz kämpfen sie weiter, auch wenn davon in den Medien selten zu hören ist. In mehreren Verfahren vor britischen Gerichten wurde seitens der britischen Regierung keinerlei Schuld eingestanden. Im Gegenteil – 2010 errichteten sie im Gebiet um die Inseln ein Meeresschutzgebiet, welches das Fischen verbietet. Viele Chagossians zeigten sich empört, sei dies doch Teil ihres kulturellen Erbes und sie selbst Nachfahren von Fischersleuten – ein klares Zeichen, dass Großbritannien in nächster Zukunft nicht vorhat, die Inseln zurückzugeben.

2015 urteilte das Ständige Schiedsgericht in Den Haag, dass die Inselgruppe in der Tat rechtswidrig von Mauritius getrennt wurde. Solch ein Schachzug wurde 1960 in Resolution Nr. 1514 der UN verboten, um die Spaltung von Kolonien zu vermeiden und Entkolonialisierung voranzutreiben. Großbritannien versprach daraufhin, die Inseln an Mauritius abzutreten, wenn sie nicht mehr für Verteidigungszwecke gebraucht werden würden. Ob das jemals der Fall sein wird, bleibt abzuwarten.

Natürlich wurden auch weniger brisante Themen behandelt, und nicht alle Referatsthemen endeten in geschocktem Schweigen und ungläubigen Blicken wie die zwei genannten Beispiele. Doch in vielen Fällen konnte man den ReferentInnen ansehen, dass sie sich für das Thema begeistern konnten, was teilweise in sehr lebhaften Präsentationen mündete. Die Veranstaltung ist der beste Beweis dafür, dass Interesse der Schlüssel für interessante und nachhaltig prägende Seminarsitzungen ist.

Über Anne Jüngling

, , ,

Erstellt: 03.07. 2018 | Bearbeitet: 03.07. 2018 18:11