Mai 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 78 0

Nimm doch mal dein Rad mit

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle. Denn was vielen unbekannt ist: das Fahrrad darf mit. Dieses Mal stellen wir Euch eine Radtour vor, die von Naumburg aus nach Bad Kösen und wieder zurück führt. Über Weinberge, an der Saale entlang und hin zu einem Hauch von Meer.

Illustration: Emilie Peters

Sobald die Sonne wieder ihre wärmenden Strahlen in die Welt schickt, wird es Zeit, den alten Drahtesel aus dem Keller zu holen, die Kette zu ölen und hinaus ins Grüne zu fahren. Wen es über die Stadtgrenze hinaus zieht, der sollte die Möglichkeit nutzen, das Fahrrad kostenlos in die Nahverkehrszüge des MDV-Gebiets mitzunehmen. Denn nur 30 Minuten Zugfahrt entfernt locken viele Radwege durch naturnahe Gebiete. In diesem Artikel führt die Reise entlang der Weinberge im Saale-Unstrut-Gebiet.

Willkommen im Süden

Vom Hauptbahnhof aus fährt der Zug RE 18 stündlich nach Naumburg und bietet mit vier großen Fahrradabteilen genug Platz, um die Radtour als Gruppe zu erleben.

Am Ziel angekommen könnte es direkt losgehen, aber ein kleiner Abstecher durch Naumburg bietet sich einfach an. An der Straße der Romanik gelegen, sollten ein paar Höhepunkte mitgenommen werden, bevor es weiter nach Bad Kösen geht. Mit dem Bahnhof im Rücken fahren wir zunächst über den Parkplatz ein Stück auf dem Saaleradweg entlang. An der großen Brücke fahren wir nach links in die Innenstadt, indem wir der Hauptstraße B 180 folgen. Der gut ausgebaute Radweg führt schnurstracks zum Dom, der mit seinen vier Türmen schon von Weitem zu sehen ist. Mit dem Kreuzgang, den Domgärten und natürlich der Skulptur »Uta« ist der spätromanisch-frühgotische Sakralbau ein beeindruckendes Architekturdenkmal. Nach dem Besuch fahren wir weiter auf der Hauptstraße und sind schon nach fünf Minuten am Wohnhaus Nietzsches, dem großen deutschen Philologen und Philosophen des 19. Jahrhunderts. Recht unbekannt ist, dass der junge Friedrich Wilhelm Nietzsche der Lyrik sehr zugetan war und selbst eine Vielzahl an Gedichten schrieb, aber dazu später mehr. Wir verlassen Naumburg auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind, und überqueren die Brücke, um auf die andere Seite der Schienen zu gelangen. Der Roßbacher Straße folgend erreichen wir den nach ihr benannten Ort nur wenige Minuten später.

Von Straußenwirtschaft und Weinreben

Illustration: Emilia Peters

In Roßbach angekommen biegen wir auf die »Weinstraße«. Wir folgen ihr, passieren die Gleise und fahren dann über die Kreuzung in die Schluppe »Weinberge« ein. An ihrem Ende befindet sich ein kleines Rastplätzchen mit Tisch und Bank, an dem wir nun rechter Hand vorbeiradeln. Nun kommt der wohl schönste Abschnitt des Weges, denn entlang der Straße liegen viele kleine Gasthäuser und Weinschenken. Ein Teil dieser gehört zur sogenannten »Straußenwirtschaft«. Wer jetzt an die großen Laufvögel denkt, liegt allerdings falsch, denn hier ist der Blumenstrauß – oder alternativ ein geflochtener Kranz – gemeint. Es gilt der Leitspruch: »Hängt der Strauß, dann schenkt aus«, und sobald man einen Strauß am Eingangstor einer Kelterei sieht, kann getrost eine Pause eingelegt werden, um die Weine zu probieren. Vor allem an warmen Sommerwochenenden lohnt sich der Besuch in der Wirtschaft »Der Steinmeister«, denn hier lockt ein hübscher Obstgarten mit einer Vielzahl an schattigen Stühlen und Bänken. Neben einer Auswahl an heimischen Weinen und alkoholfreien Getränken kann man auch einen kleinen Imbiss genießen und sich dann, gestärkt und um eine wunderbare Erfahrung reicher, wieder auf den Weg machen.

An historischen Häusern und lebensgroßen Schnitzereien von Eulen und Hexen vorbei radeln wir die »Weinberge« ein ganzes Stück weiter, bis wir zum Weinlehrpfad gelangen. Besonders im Spätsommer lohnt sich der Ausflug, denn zur Rechten stehen die Weinreben in voller Frucht, zur Linken geben Informationsschilder Aufschluss über die angebauten Sorten. Besonders viel Freude macht es, dass bei jedem Schild die passenden Reben wachsen, von denen man nicht nur naschen darf, sondern auch soll. Über all dem thront der Schriftzug »Saale-Unstrut-Wein«, der sogar von dem im Tal vorbeirauschenden Zug zu sehen ist.
Am Ende des Lehrpfades lädt auch schon die nächste Wirtschaft zum Verweilen ein, das »Landesweingut Pforta«. Und wer auch flink zu Fuß ist, kann von hier aus den »Napoleon­stein« erwandern, der hoch über den Weinbergen liegt und eigentlich »Fürst-Heinrich-Stein« heißt. Die Geschichte des Denkmals geht zurück auf den ersten Weltkrieg. Beim Bau der
Schützengräben in die Kalkfelsen musste der Schutt beiseitegeschafft werden. Während des Kriegsjahres 1916 wurden die Steine aufgeschichtet und zu Ehren des 40-jährigen Dienstjubiläums des Fürsten Heinrich Reuß im Oktober desselben Jahres feierlich als Gedenkstätte eingeweiht. Den Namen »Napoleon­stein« erhielt das Denkmal auf einem anderen Wege. 1863 wurde der erste Napoleonstein errichtet, in Gedenken an die Schlacht bei Leipzig. Doch er wurde zerstört, genauso wie der zweite Stein 1865, der an die Schlacht von Waterloo erinnern sollte. Der »Fürst-Heinrich-Stein« steht noch heute, aber im Volksmund heißt er noch immer der »Napoleonstein«.

Weiße Pfauen und ein Hauch von Meer

Illustration: Emilia Peters

Weiter geht es nach Bad Kösen, den Weinberg hinab und an der Saale entlang. Der Weg endet mitten im Kurort, aber Vorsicht, denn um zum Kurpark zu gelangen, muss die Bundesstraße B 87, die durch den Ort führt, gekreuzt werden. Dafür nutzen wir die Unterführung und landen in der nächsten nach rechts abzweigenden Straße im Unteren Kurpark. Es lohnt sich, das Rad vor dem Tierpark anzuschließen und eine Runde zu flanieren, denn hier finden sich nicht nur historische Kunstwerke, sondern auch ein Teich mit Fontäne, kleine Brücken über plätschernde Bäche und sogar ein Kneipp-Becken. Die Runde endet wieder am Tierpark, welcher mit Haus- und Nutztieren aufwartet. Wer möchte, kann für einen kleinen Obolus sogar Tierfutter kaufen. Die Hängebauchschweine werden gerne mit den bereitgestellten Bürsten gekrault, und wer genau hinschaut, wird sich vielleicht in den Anblick der weißen Pfauen verlieben. Sogar eine alte Braunbärin darf hier, nach einem entbehrungsreichen Leben als Zirkusattraktion, ihren Lebensabend genießen.

Ein weiteres Highlight ist das 325 Meter lange und 20 Meter hohe Gradierwerk. Wir sehen es schon aus der Ferne und erreichen es, indem wir zurück auf die Bundesstraße fahren, die historische Brücke überqueren und bei der Konditorei Schoppe einbiegen. Dort gibt es genug Fahrradständer, denn zu Fuß lässt sich der Park am Gradierwerk leichter erreichen.
Erbaut wurde es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Durch eine komplexe hölzerne Pumpanlage wurde das Wasser aus der Saline bis hoch auf das Werk geleitet, wo es über Dornenreisig auf dem Gradierwerk hinabfließt. Dabei bilden sich Salzkristalle, die sich am Reisig festsetzen und es über die Jahre mit einer dicken Salzkruste überziehen. Durch das herunterrieselnde Wasser, das teilweise in der Luft kondensiert, hat man nach ein paar Minuten einen leichten Salzgeschmack auf den Lippen, und durch das Rauschen der Sole kann man sich doch ein wenig fühlen, als wäre man am Meer.

Wieder zurück an der Konditorei kann man die Seele noch bei einem Eis oder hausgemachten Kuchen baumeln lassen, ehe es auf den Rückweg geht. Wir überqueren die B 87, biegen vor dem Restaurant nach rechts ab und fahren an der Kleinen Saale auf dem Saaleradweg entlang, immer auf der rechten Spur bleibend, bis wir die Ortschaft Schulpforte erreichen.

Illustration: Emilia Peters

»In Naumburg im freundlichen Tale, / Da liegt manch reizender Ort …«

»… Der schönste doch aber von allen, / Das ist mir die Pforte dort«, dichtete der junge Nietzsche im Frühling 1858 über das Kloster Pforta, unserem letzten Zwischenstopp. Neben ihm gingen hier auch unter anderem Klopstock oder Goethes Enkel Maximilian zur Schule. Und noch heute ist es ein Internatsgymnasium, das Schüler ab der neunten Klasse aufnimmt. Mit Beginn des Schuljahres 2017/2018 haben laut dem seit 1543 geführten Immatrikulationsbuch 21 291 Schüler das Gymnasium besucht.

Durch die romanische Bauweise fühlt man sich ein kleines bisschen wie in Hogwarts. Allerdings war hier nicht der berühmte Zauberlehrling Harry Potter zu Gast, sondern eine andere bekannte Hexe: 2004 wurde in der Schule unter der Regie von Franziska Buch der Spielfilm »Bibi Blocksberg
und das Geheimnis der blauen Eulen« gedreht. Das Drehbuch stammt von Elfie Donnelly, der Schöpferin von »Bibi«, »Benjamin Blümchen« und »Elea Eluander«.

Zurück geht es durch den Park des Klosters direkt durch den Wald nach Naumburg, vorbei an der »Klopstockquelle«. Es gibt ein Ritual der Landesschule, das Neunerschwoof, eine humorvolle traditionelle Einweihungsfeier für die neuen Internatsschüler, und die Taufe an der Quelle, die Zuweisung eines Paten aus den höheren Klassen sowie die Vergabe eines Spitznamens.
Wenn wir wieder am Stadtrand der Domstadt angekommen sind, muss das Rad etwas gequält werden, denn der Saaleradweg wird in diesem Sommer erneuert und ist entsprechend mehr Baustelle als Radweg. Ein kleiner Umweg bietet sich also an, und so biegen wir nicht nach Naumburg ab, sondern in die entgegengesetzte Richtung auf die Straße »Am Anger«. Die nächste Einfahrt rechter Hand am Wald vorbei, bis erneut der Saaleradweg erreicht wird. Ausgeschildert und an Kleingärten vorbei führt dieser bis zur uns bekannten Brücke und von dort zum Hauptbahnhof, wo die Tour begonnen hat. Wenn die Räder im Zug verstaut sind und wir nun unsere Beine ausruhen können, geht es zurück in die Heimat. Und vielleicht hat man unterwegs ja doch die ein oder andere Flasche Wein ergattert, um sie zu Hause in romantischer Erinnerung mit den Liebsten genießen zu können.

  • Weitere Tagesausflüge mit dem Semesterticket findet Ihr hier

Über Lisa Kollien

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 28.05. 2018 16:44