Mai 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 78 0

Nicht nur die eigenen Rechte zählen

»Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« So heißt es bei den Vereinten Nationen. Für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte tritt Amnesty International ein. Ein Besuch bei der lokalen Hochschulgruppe.

Foto: Bastian Raabe

Als ich an dem lauen Dienstagabend die Treppe des Reformhauses in der Großen Klausstraße, auf halber Strecke zwischen Hallmarkt und dem hallischen Dom, emporsteige, bin ich schon gespannt, was mich heute hier erwartet. Im dritten Stock angekommen, prangt an der Tür die Aufschrift »Versammlungsraum Reformhaus e. V.«, mehrere kleine Plakate kleben daneben, unter anderem eines der Amnesty-International-Hochschulgruppe Halle.

Ein wenig habe ich mich natürlich schon vorher im Internet informiert. Laut der Website des Reformhauses teilen sich mehrere Organisationen diese Etage, neben Amnesty International auch noch Greenpeace Halle, die Freunde Baschkortostans (Teilrepublik der Russischen Föderation) und der Arbeitskreis Hallesche Auenwälder zu Halle. Auch in den anderen Etagen des etwas älteren Gebäudes sind gemeinnützige Organisationen der Stadt untergebracht. Dementsprechend sieht es beim ersten Betreten etwas durcheinander aus, es gelingt mir dennoch recht schnell, den richtigen Raum zu finden.

Wer sich unter einem Versammlungsraum jetzt ein besonders großes und geordnetes Zimmer vorstellt, irrt sich. Auch hier ist aufgrund vieler Kartons und Kisten, eines Whiteboards und einiger Regale nicht allzu viel Platz. In der Mitte befindet ein großer Holztisch, der von einigen Stühlen umringt ist. An der Wand steht außerdem noch ein kompaktes Sofa, und auf der gegenüberliegenden Seite in einer Nische finden sich noch weitere Stühle sowie eine kleine Küchenzeile. Als ich den Raum betrete, sitzen bereits drei Leute darin und diskutieren. Zur offiziellen Startzeit sind noch nicht viel mehr Teilnehmer da, und ich frage mich, ob es bei den Gruppentreffen wohl immer so leer bleibt. Doch nur eine Viertelstunde später ist es rappelvoll und der begrenzte Platz nahezu komplett ausgefüllt; da nicht mehr alle an den Tisch passen, wird auch das Sofa in Beschlag genommen. Man unterhält sich, und es herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Dann geht es mit einer Vorstellungsrunde los, bei der reihum jeder der etwa 15 anwesenden Teilnehmer sich kurz mit Namen, der Tätigkeit beziehungsweise dem Studiengang und dem Lieblingsessen vorstellt. Dabei ist anzumerken, dass es entgegen meiner Erwartungen tatsächlich Leute gibt, die Auberginen mögen – ich bin verblüfft.

Der Anteil von Männern und Frauen ist recht ausgeglichen. Die unterschiedlichsten Studiengänge von Naturwissenschaften über Geisteswissenschaften bis hin zu Jura sind vertreten, eine Tendenz gibt es eher nicht. Aber nicht nur Studierende beteiligen sich. Einige der Anwesenden sind schon über viele Jahre bei Amnesty, andere erst seit Kurzem. Die meisten kennen sich schon, außer mir sind wohl nur ein oder zwei neue Gesichter dabei. In einem vergangenen Semester nahmen unter anderem auch einmal zwei Geflüchtete aus dem Iran teil, was, in Anbetracht der dort vorherrschenden schlechten Menschenrechtslage, im Austausch wohl sehr informativ war.

Von »Arabisch-Cafés« und Rechtsberatung

Dann geht es zur Tagesordnung über. Diese wird einen Tag vorher online allen Teilnehmern zugestellt, sodass sich jeder ausreichend vorbereiten kann. Als erstes steht der Austausch zwischen den Untergruppen, aus denen möglichst immer jemand beim Gruppentreffen teilnimmt, auf dem Plan. Dazu zählt der Arbeitskreis Asyl, der relativ eigenständig agiert und eine Rechtsberatung, unverbindliche Deutschkurse – so genannte »Deutsch-Cafés« –, aber auch einfach die Begleitung zu Terminen, zum Beispiel bei Ämtern, für Asylsuchende anbietet. Besonders die Rechtsberatung wird gut angenommen, da die offiziellen Beratungsstellen in Halle wohl überlaufen sind. Jedoch ist die Hochschulgruppe hier nur zusätzlich tätig, um etwa eine zweite Meinung abzugeben. Häufig kommen die Geflüchteten erst nach Ablehnung ihrer Asylanträge, um Hilfe zu suchen. Dabei kann nicht jeder die Beratung durchführen, denn dafür sind regelmäßige Schulungen erforderlich, welche von Amnesty International angeboten werden. Und so sind nur zwei Personen des Arbeitskreises dazu qualifiziert. Unterstützung erhalten sie in Halle jedoch von einem ehrenamtlichen Rechtsanwalt, der ihnen zuarbeitet. Neben Angeboten für Geflüchtete wird auch noch ein »Arabisch-Café« durchgeführt, bei dem man als Deutschsprachiger Arabisch lernen kann.

Foto: Bastian Raabe

Des Weiteren gibt es die Untergruppe Radio, welche zweimal im Monat das Amnesty-Magazin auf Radio Corax sendet. Dort wird über aktuelle Menschenrechtsthemen berichtet oder man führt Interviews, zum Beispiel mit Länderexperten. Menschenrechtsbildung ist der Name der nächsten Untergruppe, deren Ziel es ist, über verschiedene Themen, mit Bezug zu den Menschenrechten, aufzuklären. Auf Anfrage gehen sie dabei auch in Schulen und vermitteln Unterrichtseinheiten nach Konzepten von Amnesty International, etwa zu Kinderrechten und vielem mehr. Auch den Stadtrundgang »Täterspuren«, der in Kooperation mit der Gedenkstätte Roter Ochse durchgeführt wird, organisiert diese Untergruppe.

Der letzte der ständigen Arbeitskreise ist die Kooperation mit dem Roten Stern Halle, einem alternativen Sportverein. Mit ihm zusammen wird jeden Sommer ein großes Sportfest für alle veranstaltet. Das Motto: »Gemeinsam gegen Rassismus«. Unter anderem wird geplant, bei dem Event dieses Jahr ein Fußballturnier durchzuführen, aber auch Randsportarten vorzustellen. Je nach Bedarf werden zu bestimmten Themen auch lockere Arbeitskreise gebildet, die aber nur zeitlich begrenzt agieren.

Unter die Leute

Weiterhin werden noch andere organisatorische Themen behandelt, etwa die Zusammenarbeit mit »Halle gegen rechts – Bündnis für Zivilcourage« und die Betreuung eines Standes auf dem Marktplatz am 1. Mai, wo auch eine Petition für irakische Gewerkschafter unter die Leute gebracht werden sollte. Auch am Tag des studentischen Engagements, bei dem wir von der hastuzeit ebenfalls anwesend waren, hat sich Amnesty Halle beteiligt. Außerdem sind eine Podiumsdiskussion während der Langen Nacht der Wissenschaften und die Anwesenheit auf einigen Festivals, zum Beispiel dem Splash, geplant.

Nachdem diese Punkte abgearbeitet sind, wird ein Schreiben aus Indien diskutiert. Dabei geht es um die Diskriminierung und das Nachstellen einer ortsansässigen Minderheit, also eine Verletzung ihrer Menschenrechte. Amnesty International fordert in diesem Fall die örtlichen Behörden zum Handeln auf. Später berichtet man über ein Seminar, bei dem es um Fragen zum Asyl geht. Dort wurde unter anderem erläutert, dass es, im Gegensatz zu manch anderen Organisationen, bei Amnesty keine grundsätzliche Ablehnung von Abschiebungen gibt, wenn im Heimatland keine Gefahr für Rückgeführte besteht. Gerade die nach Afghanistan werden jedoch teils scharf verurteilt und man findet im Netz mehrere Aufrufe, sie zu stoppen.

Der letzte Punkt auf der Tagesordnung ist die Jahreshauptversammlung in Papenburg. Dort werden unter anderem Finanzen und die grundsätzliche Ausrichtung der Organisation festgelegt.

Abschalten ist nicht

Nach fast zwei Stunden ist dann offiziell Schluss, und fast alle begeben sich in das direkt unter dem Versammlungsraum liegende Café Nöö, um den Abend bei ein paar Kaltgetränken ausklingen zu lassen. Dort unterhält man sich locker, aber angeregt, mit Abschweifern zu internationalen Menschenrechtsthematiken. Jetzt nehme ich die Chance wahr, noch ein paar abschließende Fragen zu stellen.

So bringe ich in Erfahrung, dass es in Halle, schon kurz nach der Wende, 1991 einen Ableger von Amnesty gab. In den 2000ern bildete sich eine Jugendgruppe, die sich jedoch wenig später zerstreute. Die verbleibenden Mitglieder bildeten schließlich 2005 die Hochschulgruppe und sind zum Teil noch immer dabei. Derzeit engagieren sich übrigens rund 50 aktive Mitglieder, davon gut 20 im Asyl-Arbeitskreis.

Neben den Workshops, Schulungen und Seminaren, die von Amnesty International angeboten werden, bekommt die Hochschulgruppe zusätzlich noch monatlich Material und Vorlagen für ihre Arbeit vor Ort, und auch Reisekosten werden übernommen. Dazu wird die Gruppe durch den Stura gefördert; vieles wird aber auch aus eigener Tasche finanziert. Als Hochschulgruppe bietet Amnesty Halle außerdem ASQ-Plätze an. Das Modul nennt sich »Studierende für Studierende« und kann bei unterschiedlichen studentischen Initiativen durchgeführt werden.

Bei der Frage, ob es aufgrund der Unterstützung von Geflüchteten schon Anfeindungen gab, überlegt man kurz. Tatsächlich gab es zu den Hochzeiten der Flüchtlingskrise bei Aktionen auf dem Marktplatz ein oder zwei Mal Provokationen durch ortsansässige Rechtspopulisten. Es blieb jedoch stets friedlich.

Zum Abschluss noch die Frage, ob denn der Staat versagt hat, wenn NGOs notwendig sind, um Geflüchteten vor Ort zu helfen. Die Antwort: Der Staat sei oft zu langsam bei der Erfüllung seiner Aufgaben, und es müssten in sehr vielen Fällen ehrenamtliche HelferInnen einspringen, um den großen Berg an Hürden zu meistern. Offizielle Stellen würden erst dann nachziehen, wenn Andere schon den Anfang gemacht haben. So endet dieser aufschlussreiche Besuch, der allem voran eines verdeutlicht hat: Um etwas bewirken zu können, muss man zuerst eine ganze Menge organisieren.

Foto: Bastian Raabe

  • Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann übrigens jeden zweiten Dienstag gegen 20 Uhr im Reformhaus vorbeischauen und ebenfalls an einer Sitzung teilnehmen. Genauere Informationen, wie etwa die nächsten Termine für die Gruppentreffen, findet Ihr auch auf der Website.

Über Bastian Raabe

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 28.05. 2018 16:58