Jul 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 79 0

Mit Strich und Sternchen zur Gleichberechtigung?

»Frauenbeauftragte will Nationalhymne ändern«, schrie(b) die BILD Anfang März. Daraufhin wurde auch bei mir im Freundeskreis wieder einmal die Diskussion über eine geschlechtergerechte Sprache angefacht.

Illustration: Emilia Peters

Um jetzt die allbekannte Polemik der BILD etwas zu relativieren: Worum geht es? Am 8. März – dem Internationalen Frauentag – äußerte die Gleichstellungsbeauftragte des Familienministeriums Kristin Rose-Möhring in einem Rundbrief an ebendieses Ministerium den Vorschlag, einige Textpassagen der Nationalhymne zu ändern. Dies ist keine völlig neue Idee: In Österreich wurden Formulierungen wie »Heimat bist du großer Söhne« durch »Heimat großer Töchter und Söhne« ersetzt, und auch in Kanada wurde kürzlich eine Änderung der Nationalhymne beschlossen. Dort wurde die zweite Zeile der Hymne »O Canada« von »True patriot love in all thy sons command« zu »in all of us command« umgeschrieben. Nun findet die Debatte über eine Textänderung der Nationalhymne also auch in Deutschland statt. Aus »Vaterland« könnte »Heimatland« werden, die Zeile »brüderlich mit Herz und Hand« soll durch »couragiert mit Herz und Hand« ersetzt werden.

Nationalhymnen sind Relikte der Vergangenheit, zu Recht besteht der Konsens, einige Passagen zu streichen, die mit dem Nationalismus verbunden werden, warum dann nicht auch Textstellen, in denen Frauen ausgegrenzt werden, verändern – fragt Claudia Becker, Redakteurin bei der Welt, in ihrem Artikel »Frauen in den Hymnen sind kein Genderwahn!«.

Ist solch eine Änderung längst überfällig oder doch eher »anmaßend und kulturlos«, wie Götz Frömming von der AfD auf Twitter behauptete? Mit seiner Aussage, Gedichte und Lieder, welche zu altem Kulturgut gehören, dürften nicht einfach geändert werden, steht er nicht alleine da. Auch einige Historiker und Linguisten sind der Ansicht, historische Texte dürften nicht verfälscht werden. Vermeintlich sexistische oder rassistische Textstellen müssten immer in ihrem jeweiligen Kontext gesehen werden.

Laut einem Artikel des Focus erwartet Rose-Möhring »offenbar selbst, dass ihr Vorschlag für heftige Diskussionen sorgen wird. Darauf lässt der Satz schließen, mit dem ihr Rundbrief endet: ›Mit fröhlich gegenderten Grüßen für einen diskussionsfreudigen 8. März‹.«

Nun, wo liegt das Problem – meine Reaktion ist relativ bescheiden ausgefallen, weil ich mit der Nationalhymne nichts verbinde, doch wie sieht es beispielsweise bei fußballschauenden Patriot*innen aus? Dort wird die Hymne jedenfalls regelmäßig gesungen. Ob der Vorschlag dort auf freundliche Ohren stößt oder ob dadurch nicht eher die Wut auf den »Kampffeminismus« geschürt wird, ist fraglich. Für mich war dieser zugegeben etwas übertriebene Aufschrei eine schöne Gelegenheit, mit Freunden und Bekannten über das Thema zu diskutieren und Argumente für und wider die geschlechtergerechte Sprache zu suchen.

Was soll das schon bringen?

Es besteht die Gefahr, durch zwanghafte Änderung der Sprache Wut auf Feminismus zu schüren, wodurch die Sache am eigentlichen Ziel vorbeischießt. Gendern störe den Sprach- und Lesefluss vehement, denn es sei einfach zu ungewohnt.

Fraglich ist auch, wie sehr Political Correctness das Problem des Sexismus überhaupt zu lösen vermag und ob nicht eher die Gefahr besteht, dass solche »Sprachregelungen wie alle Verbote den Wunsch befördern, dagegen zu verstoßen und das Unerlaubte gerade deshalb zu denken, weil es nicht erlaubt ist.« (Die Zeit: »Droht uns die Sprachzensur? – Ja!«)

Außerdem wirkt – im Vergleich zum Beispiel zur metoo-Debatte oder Ähnlichen – eine Diskussion um korrekte Sprache etwas schwach und sinnlos. Ich bin doch nicht gleich sexistisch, nur weil ich nicht immer Frauen und Männer gleichermaßen erwähne.

Ein weiteres, eher sprachwissenschaftliches Argument, sei der Unterschied zwischen grammatikalischem und faktischem Geschlecht. Zumindest bei Gegenständen ist dies gegeben. »Der Mensch« beschreibt ja auch nicht nur Männer, genauso wie »die Person« sich nicht nur auf Frauen bezieht. Berufs­bezeichnungen sind von den entsprechenden Verben abgeleitet. Dies gilt für Personen genauso wie für Gegenstände: »Bäcker« kommt von »backen«, und »Hosenträger« kommt von »tragen«. Das »er« am Ende des Wortes ist nicht gleichzusetzen mit »Er ist Bäcker«. Daher wäre es unnötig, Berufsbezeichnungen, aber auch Titelbezeichnungen wie Doktor oder Professor an die Person, die diesen Titel trägt, anzupassen.

Außerdem würde durch die unterschiedliche Bezeichnung das Frausein nur hervorgehoben – und geht es nicht darum, den Unterschied der Geschlechter aufzuheben?

Anders sprechen = Anders denken?

Nein, es geht nicht darum, den Unterschied auszuradieren. Frauen sind, gerade was höhergestellte Berufe angeht, immer noch unterrepräsentiert, daher soll durch das Gendern betont werden, wenn Frauen einen Doktor- oder Professoren-Titel tragen. Wichtig ist hier die Vorbildfunktion für junge Mädchen, um diesen zu zeigen, dass diese Posten auch von Frauen besetzt werden können.

Oft wird behauptet, geschlechtergerechte Sprache sei schwer zu verstehen oder umständlicher zu lesen, doch bei ewigen Schachtelsätzen in der Wissenschaft beschwert sich kaum jemand über Unverständlichkeit der Texte. Dazu schrieb auch Ulrich Greiner in der Zeit: »Die Verhässlichung, die mit der ›gendergerechten‹ Sprache einhergeht, richtet in der akademischen Welt kein allzu großes Unheil an, weil dort die Schönheit eines Textes seit längerer Zeit kein Kriterium mehr ist.«

Das Problem ist hier nicht nur die Ungewohnheit, für viele ist der Sinn hinter dem Gendern oft nicht erkenntlich. Kann Sprache wirklich unser Denken beeinflussen, kann also eine geschlechtergerechte Sprache auch zu einer geschlechtergerechteren Gesellschaft beitragen? Bei dem generischen Maskulinum werden weibliche Personen doch schließlich mitgemeint. Also, ich fühle mich nicht ausgeschlossen oder diskriminiert, wenn das generische Maskulinum verwendet wird, doch was für einzelne Individuen gilt, ist niemals gesamtgesellschaftlich gültig. Doch Jungs, denkt mal darüber nach: Fühlt Ihr Euch angesprochen, wenn es heißt: »Alle Studentinnen sind herzlich eingeladen«? Der Satz »Männer sind die besseren Autofahrerinnen« macht inhaltlich wie grammatikalisch keinen Sinn, doch die männliche Bezeichnung soll für beide Geschlechter gelten?

Illustration: Emilia Peters

Die Uni Leipzig machte diese Absurdität klar, indem sie 2013 in ihrer Grundordnung nur noch weibliche Bezeichnungen verwendete, unter dem Vorbehalt, damit seien auch Männer mitgemeint. Die Rektorin Beate Schücking erklärte dies als symbolischen Akt, der hoffentlich die Debatte über Geschlechtergerechtigkeit an den Unis belebe. Der Vorschlag selber kam von dem Physikprofessor Josef Käs.

Eine weitere Person, die das generische Maskulinum nicht einfach hinnehmen wollte, ist Marlies Krämer, Kundin der Sparkasse Saarbrücken, die es mit ihrer Klage sogar bis zum Bundesgerichtshof (BGH) geschafft hat. Sie wünscht sich eine Verpflichtung, in Formularen auch von Kundinnen oder Kontoinhaberinnen zu sprechen. Der BGH jedoch hat sich bei seinem Urteil für das generische Maskulinum ausgesprochen. Die Begründung hierbei war, es handle sich »um nichts weiter als die historisch gewachsene Übereinkunft über die Regeln der Kommunikation«. Mit der Verwendung der Vordrucke und Formulare gehe »weder eine Herabwürdigung der Person der Klägerin noch eine Benachteiligung im geschäftlichen Verkehr einher«. Hier kann auf jeden Fall nicht das Argument des besseren Verständnisses geltend gemacht werden, jeder der schon einmal Bank-Formulare gelesen hat, weiß, wie umständlich sie sind – mit oder ohne Gender-Sprache. Die Frage ist also, warum hier keine Änderung gewünscht wird, obwohl es mittlerweile Studien gibt, welche recht eindeutig belegen, dass Sprache unser Denken durchaus beeinflussen kann:

Dries Vervecken und Bettina Hannover von der Freien Universität Berlin fanden heraus, dass durch eine geschlechtergerechte Sprache Kinder ermutigt werden können, »typisch männliche« Berufe zu ergreifen. »Kinder, denen die geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen präsentiert worden waren, trauten sich viel eher zu, einen ›typisch männlichen‹ Beruf zu ergreifen, als Kinder, denen nur die männliche Pluralform genannt worden war«, die Berufe erschienen ihnen leichter machbar durch die Mitnennung von Frauen. Des Weiteren schreibt die Süddeutsche Zeitung über Studien, die zeigten, dass männlich gefasste Stellenausschreibungen Frauen tendenziell von einer Bewerbung abhalten und dass Kinder bei der Frage beispielsweise nach ihrem Lieblingsmusiker oder Lieblingssportler meist Männer nannten, wohingegen die Nennung beider Geschlechter oder die geschlechtsneutrale Formulierung ausgewogenere Antworten hervorbrachte.

Es macht also einen eindeutigen Unterschied, ob Frauen explizit erwähnt werden oder nicht. Durch das generische Maskulinum – welches laut BGH nicht diskriminierend wirkt –
wird die männliche Form als normal und repräsentativ wahrgenommen.

Außerdem gibt es weitere Studien (beispielsweise Friederike Braun et al., 2007), welche herausfanden, dass ein geschlechtsneutraler Text die Verständlichkeit des Textes nicht vermindert, auch wenn es den Leser*innen des Textes so vorkommen mag: Subjektiv gesehen gaben die Proband*innen an, den gegenderten Text schlechter verstanden zu haben, eine inhaltliche Zusammenfassung war ihnen jedoch bei beiden Texten gleichermaßen möglich (die geschlechtsneutralen Texte wurden von den Männern sogar besser aufgenommen). Für Anna-Lena Scholz (Zeit Campus: »Es heißt Studenten! Dierende!«) ist klar: »wenn die sprachliche Brillanz und argumentative Kraft eines Zeitungsartikels am seidenen Faden des generischen Maskulinums hängt, dann taugt er nicht viel.«

Hier ist Kreativität gefragt

Die Studierendenzeitschrift der Uni Potsdam schreibt, der Umgang mit der eigenen Sprache ließe sich durchaus bewusst gestalten. Durch das vielleicht von manchen als unangenehm empfundene Gendern sollen einseitige Assoziationsmuster aufgebrochen werden beziehungsweise das vorhandene Bewusstsein für die Thematik geschärft werden. Hierbei ist Kreativität gefragt: passive Formen, Umschreibungen oder substantivierte Partizipien wie Studierende statt Studenten und Studentinnen.

Für Peter Eisenberg, Linguist und emeritierter Professor der Universität Potsdam, ist diese Lösung jedoch nicht nur inakzeptabel, sondern auch falsch. »Wenn wir das Partizip verwenden, drücken wir damit aus, dass die betreffende Person gerade dabei ist, etwas zu tun. Studierende, Lehrende, Mitarbeitende oder – ganz schlimmes Beispiel – ›LKW-Fahrende‹ sind nicht permanent dabei, zu lehren, zu studieren, mitzuarbeiten oder LKW zu fahren.«

Eine weitere Möglichkeit wäre der dynamische Unterstrich. Dieser findet sich zufällig im Wort, mal schreiben wir also Professor_innen, mal Prof_essorinnen. Wahrscheinlich wird das viele irritieren, doch wenn einmal die Gründe dahinter klar werden, ist der Rest nur Gewöhnungssache. Ich finde das Sternchen im Wort mittlerweile auch eigentlich ganz schön.

Für alle, die nicht wissen, warum jetzt immer öfter Sterne im Wort statt des Binnen-I zu sehen sind: damit wird die Binärlogik des Geschlechts in Frage gestellt. Menschen die sich nicht dem Schema Mann/Frau zuordnen können oder wollen, werden mit dem Sternchen oder dem Unterstrich konkret angesprochen.

Vielleicht sollte sich in dem Rahmen auch darüber Gedanken gemacht werden, ob das Wort »man« nicht auch zu dem sogenannten generischen Maskulinum gehört. Ich versuche gerade in einem kleinen Selbstexperiment dieses Wort zu vermeiden und sehe, es ist gar nicht so einfach, aber durchaus machbar. Versucht es doch einfach mal selbst.

Ich hoffe, mein Artikel regt zur Diskussion und zum Austausch von Argumenten an. Und nein – Menschen, die nicht gendern, sind nicht gleichzusetzen mit Sexist*innen, aber Menschen, denen eine gesamtgesellschaftliche und alle Ebenen betreffende Gleichberechtigung wichtig ist, sollten sich vielleicht bemühen, dies auch in ihrer alltäglichen Sprache umzusetzen und auf Dauer zu manifestieren. Denn eine komplett geschlechtergerechte Gesellschaft braucht eben auch eine geschlechtergerechte Kommunikation.

Illustration: Emilia Peters

Über Johanna Schultheiß

Erstellt: 05.07. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 18:09