Apr 2018 hastuINTERESSE Heft Nr. 77 0

Mein Name ist Hasi, ich weiß von nichts

Vor über zwei Jahren besetzten Aktivisten ein leerstehendes Haus in der Hafenstraße – seitdem polarisiert die »Hasi« wie kaum ein anderes Projekt in Halle. Zeitweise waren die Betreiber legale Nutzer des Grundstücks, doch das ist vorbei. Nun droht die Zwangsräumung.

Foto: Alexander Kullick

Stellt man sich so einen Hausbesetzer vor, einen Radikalen, der fremdes Eigentum beansprucht? Hans sagt selbst, dass er Radikalität schon etwas abgewinnen kann. Man müsse für seine Ideen eben einstehen, auch wenn man dafür ein Haus besetzen muss. Er sagt dies mit seiner ruhigen, sonoren Stimme, darauf bedacht, sich nicht widersprüchlich auszudrücken. Gerade bei einem derart umstrittenen Thema, wie es die »Hasi« nun mal darstellt, will er nichts Falsches oder Unangemessenes sagen. Wenn er spricht, huscht manchmal ein geheimnisvolles Lächeln über sein Gesicht. Es ist ihm anzumerken, dass er wahrscheinlich mehr weiß, als er sagt.

Hans heißt eigentlich gar nicht Hans, seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht gedruckt sehen. Das gilt auch für Theresa, die sich an diesem grauen, spätwinterlichen Tag im März ebenfalls in dem leicht maroden Haus in der Hafenstraße 7 aufhält. Sie kochen gerade Kaffee, später wollen sie aufräumen, es sehe wohl gerade sehr unordentlich aus, wofür sie sich auch entschuldigen. Geht es nach der Halleschen Wohnungsgesellschaft (HWG), dem Eigentümer des Areals gleich neben der Saale, dann sollen die Besetzer das Gelände nicht aufräumen, sondern räumen – und zwar so schnell wie möglich. Die ohnehin nie wirklich entspannte Beziehung zwischen HWG und den »Freunden der Hasi« ist derzeit mal wieder am Tiefpunkt angelangt. Die Zeiten des offenen Dialogs, so es sie denn je gegeben hat, sind endgültig vorüber.

Hans ist von Anfang an dabei. Der Anfang, das war im Januar 2016. Damals besetzten linksorientierte Aktivisten das zuvor zwölf Jahre leer stehende Gebäude. Der Name »Hasi« leitete sich ab von den Anfangsbuchstaben der Hafenstraße und der Hausnummer: der Sieben. Geht es nach Hans, so sollte man ihnen eigentlich voller Dankbarkeit begegnen.

Foto: Alexander Kullick

Schließlich hätten sie das seinerzeit völlig verwahrloste Gelände vom Müll befreit und hier eine soziokulturelle Begegnungsstätte erschaffen. Wenn man nicht gerade offenkundig rechts, sexistisch oder homophob ist, dann sei man hier jederzeit willkommen. Die Frage danach, wie viele Leute sich hier regelmäßig aufhalten, können Theresa und Hans gar nicht so richtig beantworten. »Insgesamt vielleicht 300«, überlegt er, »aber eher nicht zur gleichen Zeit.« Da hier im Grunde jeder ein und ausgehen könne, wie es ihm beliebt, verliere man leicht den Überblick. Eine Hierarchie gebe es dabei nicht, das würde der durchaus anarchistischen Grundidee wohl auch widersprechen. Dafür findet sich an manch einer Tür in dem dreistöckigen und erstaunlich verwinkelten Haus ein Terminplan, dem zu entnehmen ist, wann hier wer seine Veranstaltungen abhält; eine gewisse Ordnung darf es dann schon sein.

Hans und Theresa weisen immer wieder darauf hin, dass sie nur für sich sprechen könnten, nicht für die »Hasi« als Ganzes. Dennoch gebe es immer wieder eine Art Plenum, in dem zentrale Themen diskutiert werden und in dem man stets einen Konsens anstrebe. Hans kennt diese Treffen: »Es ist nicht immer ganz einfach. Aber meistens funktioniert es überraschenderweise ganz gut. Auch wenn es bei der Menge an Leuten normal ist, dass nicht alle voll und ganz derselben Meinung sind.«

Soziokulturell oder linksextrem?

Foto: Alexander Kullick

Nicht ganz einer Meinung zur Besetzung sind die Anwohner der Hafenstraße. Es ist schwer auszumachen, wie hier die Verhältnisse sind. Die Mehrfamilienhäuser gegenüber der »Hasi« werden gut 100 Jahre oder älter sein. Strahlende Fassaden lassen auf eine nicht allzu lang zurückliegende Renovierung schließen. Am Ende der Straße stehen nigelnagelneue Gebäude, besonders hervor sticht ein grauer Klotz, der von offizieller Stelle als »Monitor« bezeichnet wird. Er wirkt ein bisschen wie der Versuch, riesige Wohnblöcke wieder attraktiv erscheinen zu lassen. Gerade in einer Gegend, in der man zumindest im Winter durch die kahlen Baumkronen entlang der Saale bis nach Neustadt blicken kann, ein ambitionierter Versuch. Die Geister werden sich daran scheiden, ob man dieses Unterfangen als gelungen betrachten kann.

Zumindest optisch passt der stark sanierungsbedürftige Bau der »Hasi«, Teil eines alten Gaswerkes, nicht mehr in diese Straße, für die man gut und gerne den viel strapazierten Begriff »gentrifiziert« verwenden kann. Es gilt als sicher, dass auch das Grundstück, welches gegenwärtig von der »Hasi« genutzt wird, eines Tages von modernen Domizilen gesäumt sein wird, die sich nur noch Gutverdiener leisten können. Davon gehen jedenfalls die aktuellen Nutzer des Hauses aus. Die Strategie der HWG sehe es demnach vor, das Gebäude polizeilich zu räumen, es anschließend verrotten zu lassen und zu warten, bis es einstürzt. Das sei nötig, da das Bauwerk denkmalgeschützt ist. Danach könne man hier von vorne beginnen und lukrative Häuser hochziehen, die später für einen achtbaren Profit sorgen sollen. Das wäre dann klassische Immobilienspekulation, wie man sie in zahlreichen deutschen Städten gegenwärtig beobachten kann, nicht zuletzt in Halle.

Foto: Alexander Kullick

Einem älteren Herrn, der einige hundert Meter von dem besetzten Grundstück entfernt wohnt und gerade zwei schwere Beutel mit Einkäufen nach Hause schleppt, ist das Schicksal des Geländes herzlich egal – Hauptsache, die Besetzer räumen das Feld. Vermüllt sei es dort, heruntergekommen die Mauern und der Garten. Ein Vorwurf, den sie in der »Hasi« oft hören, so oft, dass sie ihn eigentlich nicht mehr ernst nehmen können. Über ein Jahrzehnt wurden Haus und Hof sich selbst überlassen, bevor 2016 die Besetzer kamen. Diese misteten Hans zufolge erst einmal kräftig aus, das Gelände könne daher heute wirklich nicht schlimmer aussehen als zuvor.

Ganz alleine scheint der Rentner mit seiner Meinung aber nicht zu sein, ob diese nun gerechtfertigt ist oder nicht. Ende letzten Jahres machte die Rede von einem Brief die Runde, in dem sich 88 Anwohner der Hafenstraße über das »Projekt Hasi« beschwert haben sollen, so die Mitteldeutsche Zeitung. Vorgelesen wurde dieser Brief von Andreas Scholtyssek (CDU), dem Vorsitzenden des Ordnungsausschusses der Stadt. Wenige Tage später berichtet die »Hasi« in ihrem Ereignisblog auf der eigenen Website von einer Fragestunde zwischen Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Bewohnern der Hafenstraße, zu dem die »Hasi« nicht eingeladen

Foto: Alexander Kullick

worden sei. Sie hätten aber erfahren, dass sich die Mehrzahl der Bewohner positiv über das mittlerweile »legal besetzte« Haus geäußert hätte. Dem gegenüber steht eine Klage von Menschen aus der Nachbarschaft, die nicht unmittelbar auf die »Hasi« zielt, sondern auf die städtische HWG: So hätten die klagenden Nachbarn einen »Antrag auf baurechtliches Einschreiten« gestellt, weil das Haus nicht nur zu den Zwecken genutzt werde, die genehmigt seien. So gebe es beispielsweise Konzerte und regelrechten Massenandrang von Besuchern, was die Ruhe der Gegend störe. Hans kann das nicht verstehen, massive Ruhestörungen gebe es nicht.

 

Allein aber ist auch die »Hasi« nicht; so veröffentlichte der Stura der MLU im September eine Stellungnahme, in der er seine bedingungslose Solidarität mit den Hausbesetzern bekundet. Ebenfalls gab es bereits mehrere Demonstrationen von Unterstützern, so beispielsweise die »Freiraumdemo« im Sommer 2017, auf der neben der Hasi auch auf andere alternative Projekte aufmerksam gemacht wurde.

Foto: Alexander Kullick

Wie dem auch sei: die Fronten sind allem Anschein nach verhärtet. Ein Teil der Anwohnerschaft begrüßt das Haus, ein Teil lehnt es ab. Beide Seiten scheinen davon auszugehen, eine Mehrheit hinter sich zu versammeln. Theresa und Hans wundern sich aber auch, weshalb fast nie der »Hasi« kritisch gegenüberstehende Nachbarn zum Reden durch das stets geöffnete Tor kämen. Man sei doch gesprächsbereit und möchte Vorurteile abbauen.

Und wenn die Polizei kommt? »Dann bleiben wir.«

Wenn es nach den beiden geht, dann könnte das mit der »Hasi« ewig weitergehen. »Freiräume sind für uns ein Grundbedürfnis«, so steht es auch auf der Internetseite des selbsternannten Projekts geschrieben. Für Hans hat das auch etwas von Anarchie im Kleinen. Selbstverwaltung, künstlerischer Freiraum, aber auch der rebellische Anstrich verliehen dem Ganzen einen ganz eigenen Charme. Regelmäßig finden im Haus Veranstaltungen statt, etwa ein Eltern- und ein Lesecafé. Dazu kommen politische Diskussionen und Vorträge, Kurse zur Selbstverteidigung oder Tänze.

Foto: Alexander Kullick

Manch Gegner der Hausbesetzer sieht eher linksextremistische Strukturen in der »Hasi«, prominentester Vertreter dieser Denkart ist wohl Holger Stahlknecht (CDU), Sachsen-Anhalts Innenminister. Im November äußerte er sich wie folgt: »Dort werden Pläne geschmiedet, wo man das nächste Trafohäuschen sprengen kann.« Belege für seine These konnte er nicht liefern, eine Kleine Anfrage im Landtag sorgte auch nicht für neue Erkenntnisse diesbezüglich. Die Anschuldigungen der Kritiker werden sicherlich bleiben, zu einem gewissen Teil kann Hans sie sogar nachvollziehen – richtig verstehen aber nicht. Er erkennt, dass die Hafenstraße zunehmend bürgerlich geworden ist und dass das linke Projekt hierzu einen (bewussten) Widerspruch darstellt.

Wie lange er und die anderen Aktivisten sowie die »Freunde der Hasi« überhaupt noch auf dem Grundstück bleiben können, ist aktuell ungewisser denn je, und das, obwohl man zwischendurch schon mal deutlich weiter im Dialog mit der HWG war.

Foto: Alexander Kullick

Ursprünglich wurde das Areal illegal besetzt, auch wenn es leer stand. Kurz darauf unterschrieben die Aktivisten jedoch bereits den Nutzungsvertrag der HWG – die »Hasi« war also nun legal und mindestens geduldet. Vollumfänglich akzeptiert aber wohl nicht – Mitte 2017 wendet sich das Blatt zusehends, es mehren sich kritische Stimmen. Ein Kaufangebot über 50 000 Euro durch den Capuze e. V., den Betreiber der »Hasi«, lehnte die HWG später ab; das Grundstück sei auch aufgrund der Lage deutlich mehr wert. Auch der Stadtrat beschäftigt sich nun intensiver als zuvor mit dem besetzten Haus, eine klare Mehrheit für oder gegen die »Hasi« ist hier zunächst nicht auszumachen. Wenngleich die Fronten klar werden: Auf der einen Seite stehen CDU und FDP, auf der anderen Linke, Grüne und die MitBÜRGER. Die SPD ist in dieser Frage gespalten – ihr sollte am Ende die allesentscheidende Rolle zukommen, das zeichnete sich früh ab. Um es vorweg zu nehmen: sonderlich gut sind Theresa und Hans auf die SPD aktuell nicht zu sprechen.

Der Vertrag mit der HWG wurde Ende letzten Jahres tatsächlich verlängert, aber lediglich bis einschließlich Januar 2018. Offiziell hätte die »Hasi« also die Koffer packen müssen. Dass dies bisher nicht geschah, dürfte niemanden überrascht haben. Geht es nach Hans, wird das auch nicht passieren. Doch auch er weiß, dass man wenig machen könnte, falls in naher oder doch erst ferner Zukunft mehrere Mannschaftswagen der Polizei anrücken, um die Hafenstraße 7 zu räumen. Ein Termin zur förmlichen Schlüsselübergabe zwischen Besitzer und Besetzern endete jedenfalls ohne Ergebnis. Widerstandslos wolle man das Projekt ohnehin nicht aufgeben, damit steht die »Hasi« in der Tradition anderer besetzter Häuser in Deutschland. Von der Stadt kam immer wieder das Angebot, den Standort zu wechseln und anderswo »neu anzufangen«. Gehandelt wird unter anderem die Gegend um den Thüringer Bahnhof. Auch die SPD hat so argumentiert.

Foto: Alexander Kullick

Hans hält davon nicht viel. Die Arbeit und die Energie, die in das Haus und den Garten gesteckt wurden, könne man nicht einfach an einem x-beliebigen anderen Ort wiederholen. Wenn man sich in dem Haus umsieht, dann bekommt man eine Ahnung davon, was er damit meint: Jeder der Räume ist irgendwie nutzbar gemacht worden, und über die Jahre hat sich allerhand Kram angesammelt, der dem Bau eine bunte, aber auch ein bisschen verschlissene Aura verleiht.

Es ist still im Gebäude, außer den beiden sind keine weiteren Besetzer da. Leere Bierkästen und halbvolle Mate-Flaschen sowie die allgegenwärtige Unordnung lassen aber den Schluss zu, dass es hier öfter mal Treffen größerer Gruppen zu geben scheint. Ein menschengroßes Hasenkostüm wurde mit zerknüllten alten Zeitungen gefüllt und sitzt am Klavier, an den Wänden finden sich immer wieder politische Botschaften, aber auch Kunst. Ein bisschen stolz wirkt Hans schon, wenn er durch die Zimmer voller farbenfroher Andenken läuft. Man kann nachvollziehen, warum ihn die gegenwärtigen Ereignisse beschäftigen.

Foto: Alexander Kullick

Ende Februar stimmte der Stadtrat Halles deutlich gegen einen Erhalt der »Hasi«, den Ausschlag gab wohl die angeblich zugesicherte, aber nicht erfolgte Unterstützung der Sozialdemokraten. 20 Befürwortern standen 27 Nein-Stimmen und eine Enthaltung gegenüber; beim Betreiberverein der »Hasi« ging mittlerweile eine formale Räumungsklage vom Amtsgericht ein. Natürlich werde man Einspruch einlegen, das ist für Hans ganz selbstverständlich. Er ahnt, dass die Erfolgsaussichten eher bescheiden sind, da ist er Realist. Aber so könne man immerhin eine eventuelle Räumung noch eine Weile hinauszögern. Etwaige Gedanken über eine Zukunft ohne die »Hasi« lässt er nur schwer an sich ran. Darum wolle man sich kümmern, wenn es so weit sei. Auf die Frage, ob sich die Stimmung im Haus seit der besagten Stadtratssitzung Ende Februar etwas geändert habe, gibt er zu: »Ja, kann man schon sagen. Manchen ist es jetzt ein Stück weit gleichgültiger als zuvor, wie unsere Außendarstellung ist.« Das kann man Zweckpragmatismus nennen.

Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Hans mehrdeutig lächelt, während er das sagt.

 

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 15.04. 2018 17:39