Jan 2018 hastuINTERESSE Heft Nr. 76 0

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt unser Redakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. Heute geht es um Johann Christian Reil, den Begründer der modernen Psychiatrie.

Illustration: Gregor Borkowski

Den Namen Reil hat wohl jeder in Halle schon einmal gehört; sei es, dass man am Reileck umsteigt, einen wichtigen Termin in der Reilstraße hat oder an der Reilschule vorbeigeht. Auch der Reilsberg dürfte den meisten bekannt sein – allerdings unter anderem Namen: Seit 1901 beherbergt das ehemalige Parkgelände nahe Giebichenstein den halleschen Bergzoo. Doch wer war dieser Mann, dem zu Ehren die Stadt Halle Büste und Gedenktafel hat aufstellen lassen, der nicht nur als innovativer Mediziner, sondern auch als Wissenschaftler und Philosoph gilt?

Johann Christian Reil wird am 20. Februar 1759 im ostfriesischen Dorf Rhaude als Sohn eines aus Braunschweig stammenden Pfarrers geboren. Nachdem die Familie in die nahe Stadt Norden gezogen ist, erhält er am dortigen Gymnasium eine umfassende humanistische Bildung. Dass Reil schon früh großes Interesse an medizinischen Dingen hat, zeigt sich unter anderem in der Abschiedsrede, die er anlässlich seines Abschlusses hält: Sie ist ein aus Alexandrinern bestehendes »Lob an die Medizin«. Im Alter von 20 Jahren verlässt der Pfarrerssohn das heimische Ostfriesland und schreibt sich für ein Studium – natürlich – der Medizin an der renommierten Georg-August-Universität im kurhannoverschen Göttingen ein, die damals als eine der besten und modernsten Bildungsstätten Deutschlands gilt.

Schon nach einem Semester verlässt er jedoch Göttingen und wechselt ins preußische Halle über – wohl deshalb, weil er den freien Geist an der Saale dem »hofrätlichen Ton« an der Leine vorzieht. Rasch findet er hier in dem berühmten Arzt und Anatomen Philipp Friedrich Theodor Meckel einen Mentor und Unterstützer; auch mit dem Kliniker Johann Friedrich Gottlieb Goldhagen entwickelt sich eine enge Freundschaft. 1782 wird Reil in die Freimaurerloge »Zu den drei Degen« aufgenommen. Bereits im gleichen Jahr tritt er bei Goldhagen zur Doktorprüfung an, die er dann auch mit Bravour besteht: »Ich getraue mir mit Wahrheit zu behaupten, daß H. Reil einer unserer würdigsten Candidaten ist.« Um seine Approbation als Arzt zu erlangen, muss der frischgebackene Dr. med. et chir. jedoch noch praktische Erfahrung sammeln – noch 1782 macht er sich deshalb nach Berlin auf, wo er bei dem jüdischen Arzt Marcus Hertz und seiner Frau Henriette, der Gastgeberin eines berühmten literarischen Salons, wohnt. Dort kommt er nicht nur mit dem Sturm und Drang sowie aufklärerischen Ideen in Berührung; besonderen Eindruck macht auf ihn auch Marcus Herz« Verbindung von kantischer Philosophie, Medizin und Naturwissenschaft.

Vom Landarzt zum Wissenschaftler

Nach seiner Approbation kehrt Reil zunächst in seine ostfriesische Heimat zurück, wo er einige Jahre als Arzt arbeitet. 1785 verfasst er einen medizinischen Alltagsratgeber mit dem Titel »Diaetetischer Hausarzt für meine Landsleute«. Zwei Jahre darauf folgt dann der endgültige Durchbruch: Auf Betreiben seines Freundes Goldhagen wird Reil zum außerordentlichen Professor der Medizin in Halle berufen und hält nun Vorlesungen
über Augenheilkunde, Diätetik und Physiologie. Nur wenige Monate später folgt jedoch ein schwerer Schicksalsschlag, als Goldhagen mit 46 Jahren an Typhus stirbt – Reil verliert damit seinen engsten Freund und Förderer. Drei Wochen später tritt er die Nachfolge des Verstorbenen als ordentlicher Professor der Therapie, Stadtphysikus und Leiter der medizinischen Abteilung der Glauchaer Klinik an. Im gleichen Jahr, 1788, heiratet der 29-Jährige Johanna Elisabeth Wilhelmine Le Veaux, Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt.

Nunmehr eine vielbeschäftigte und respektierte Persönlichkeit, wendet sich Reil der Erforschung neuer medizinischer Gebiete zu. Seit 1793 Mitglied der Leopoldina, gründet er 1795 ein »Archiv für die Physiologie«, um theoretische und praktische Medizin wissenschaftlich zusammenzuführen. In den folgenden Jahren erscheint eine Flut an wissenschaftlichen Abhandlungen zu beinahe jedem Bereich der Medizin; so etwa ab 1796 Untersuchungen zu Gehirn und Nerven, in denen Reil mit der Ganglientheorie nicht nur den Grundstein zur Theorie des vegetativen Nervensystems legt, sondern sich auch mit dem altbekannten Leib-Seele-Problem der Philosophie auseinandersetzt. Außerdem beschäftigt er sich intensiv mit der Fiebertheorie: Sein in mehreren Bänden zwischen 1799 und 1815 erschienenes Hauptwerk »Ueber die Erkenntniß und Cur der Fieber« enthält erstmals den bahnbrechenden Ansatz, dass Fieber an sich keine Krankheit darstellt, sondern lediglich das Symptom eines etwa in einem bestimmten Organ vorhandenen Leidens ist.

Reils berühmtestes Arbeitsgebiet sind jedoch die Nerven- und Geisteskrankheiten, die er in seinen Werken umfassend zu erforschen sucht. Als zentral gelten die 1803 erschienenen »Rhapsodien über die Anwendungen der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen«, in denen er nicht nur psychische Störungen auf neurophysiologische Ursachen zurückzuführen versucht, sondern auch das bestehende sogenannte Irrenwesen analysiert und neuartige Reform- und Therapievorschläge macht. Neben einer humaneren Behandlung der Patienten sollen eigene psychische Heilanstalten eingerichtet werden, die zwecks Forschung mit entsprechenden Universitätslehrstühlen verbunden sind. Außerdem entwickelt er neuartige Therapieansätze wie etwa Vorläufer der Beschäftigungs- und Schocktherapie. Die Förderung moderner, wissenschaftlicher Heilmethoden für psychische Erkrankungen ist Reil ein derart wichtiges Anliegen, dass er 1808 in seiner Zeitschrift »Beyträge zur Beförderung einer Kurmethode auf psychischem Wege« sogar einen neuen Begriff dafür erfindet: »Psychiatrie«.

Berühmtheit in Zeiten des Krieges

Schon bald gilt der hallische Professor als medizinische Kapazität, ja sogar als Berühmtheit. Der inzwischen sechsfache Vater engagiert sich neben seinen wissenschaftlichen und philosophischen Forschungen auch für das öffentliche Bade- und Kurwesen; 1809 wird auf sein Betreiben in Halle eine Kur- und Badeanstalt eröffnet. Zu Reils Patienten gehören mittlerweile auch Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Grimm oder Clemens Brentano. Der vielbeschäftigte Mediziner hält Halle und seiner Universität lange die Treue, auch als ihn Rufe an andere Universitäten wie Freiburg oder sogar Göttingen erreichen. Seine Weigerung, 1803 an die Leine mit ihrem »hofrätlichen Tonfall« zurückzukehren, ist dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. sogar eine Belohnung wert: Neben einer Gehaltserhöhung erhält Reil ein großes Grundstück auf einem Hügel nahe Giebichenstein, das er mithilfe des Wörlitzer Hofgärtners in den folgenden Jahren in einen ansehnlichen Park samt Villa und Grablege verwandelt.

Bald jedoch trübt sich der Himmel über der Saalestadt; 1806 marschieren die Truppen Napoleons in Preußen ein, besetzen unter anderem auch Halle und schließen die Universität. Für den aufgeklärten Reil, bisher eher ein Anhänger der Ideale der französischen Revolution, ist dies eine herbe Enttäuschung. Auch ohne Lehrstuhl und unter schwierigeren Bedingungen setzt er seine Forschungen fort.

1810 folgt er schließlich sehr zögerlich dem Ruf nach Berlin, um dort bei der Neugründung der Universität unter der Federführung Wilhelm von Humboldts mitwirken zu können. In der preußischen Hauptstadt wird Reil der erste Dekan der medizinischen Fakultät und übernimmt sogar ein Amt im Innenministerium, um die schlechten Zustände in den preußischen Feldlazaretten zu verbessern. Glücklich ist er jedoch nicht: Streitigkeiten mit seinem Rivalen Christoph Wilhelm Hufeland und das Scheitern seines Versuches, einen Lehrstuhl für psychische Medizin einzurichten, lassen ihm Berlin schon bald überdrüssig werden. Auch wenn er die nächsten Jahre an der Spree bleibt, zieht es ihn im Sommer doch immer wieder nach Halle zurück. Hier bleibt er nicht untätig und erweitert die Kureinrichtung 1811 um ein Theater, das in der Kirche des ehemaligen Barfüßerklosters eingerichtet wird. Goethe verfasst anlässlich der Eröffnung sogar eigens den »Prolog für Halle«.

Reils unermüdliches medizinisches Engagement bewegt ihn im Herbst 1813 schließlich dazu, die Leitung der preußischen Militärhospitäler auf dem linken Elbufer zu übernehmen – in den Tagen nach der Völkerschlacht von Leipzig mit zehntausenden Verwundeten eine gewaltige, fast unlösbare Aufgabe. Er infiziert sich mit Typhus, ebenjener Krankheit, der Jahre zuvor auch schon sein Freund Goldhagen zum Opfer fiel. Gerade nach Halle zurückgekehrt, stirbt Johann Christian Reil am 22. November 1813 im Alter von 55 Jahren. Nur einen Monat später stirbt auch seine Frau im Kindbett. Beigesetzt wird der berühmte Mediziner in einem prähistorischen Grab auf seinem Anwesen. Goethe widmet ihm 1814 das Vorspiel »Was wir bringen«; ein Nachruf für den großen Arzt und Gelehrten.

Reils Erbe jedoch lebt weiter: Seine naturphilosophischen und medizinischen Forschungen dienten als Grundlage der späteren romantischen Medizin, die Geist und Natur als Einheit begriff und das Prinzip der Vitalität oder Lebenskraft als einer allen Lebewesen innewohnenden Kraft in den Mittelpunkt stellte. Auch wenn dieses Konzept heute nicht mehr aktuell ist, gilt Reil, auch »deutscher Pinel« genannt, doch weiterhin als Begründer der modernen Psychiatrie und der Neurologie. Nicht nur an seinem langjährigen Wirkungsort Halle, auch in Ostfriesland wurden zahlreiche Einrichtungen und Orte nach Johann Christian Reil benannt. Eine berechtigte Würdigung einem unermüdlichen Philanthropen gegenüber, der schon im Jahre 1803 Überlegungen zum Stigma der psychisch Kranken, zur Zurechnungsfähigkeit und zur menschenwürdigen Behandlung von Patienten anstellte; Gedanken, die auch 200 Jahre später noch immer aktuell sind.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 28.01. 2018 | Bearbeitet: 28.01. 2018 11:12