Apr 2018 Heft Nr. 77 0

Hallische Köpfte

In dieser Reihe stellt unser Chefredakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. Dieses Mal steht der Komponist Wilhelm Friedemann Bach im Mittelpunkt.

Illustration: Gregor Borkowski

Wer den Namen Bach hört, denkt normalerweise nicht an Halle. Diese vier Buchstaben, B-A-C-H, sind als Tonfolge selbst schon zum musikalischen Klassiker geworden. Sie stehen für eine ganze Dynastie von außergewöhnlich begabten Musikern und Komponisten, die nichts Geringeres als Musikgeschichte geschrieben haben; der bekannteste und wohl auch genialste, Johann Sebastian, ragt unter ihnen geradezu titanisch hervor. Sein Name wird in einem Atemzug mit Beethoven, Mozart oder Wagner ausgesprochen, für nicht wenige ist er sogar der größte aller Komponisten – ein Architekt ganzer Klangwelten. Kein Musikschüler, der nicht schon einmal etwas von ihm gespielt, kaum ein Mensch, der nicht zumindest einmal etwas von ihm gehört hat. Doch um diesen Bach geht es an dieser Stelle nicht. Was folgt, ist die Geschichte eines Mannes, der, vom Glanz des Vaters und des Bruders überstrahlt, von hohen Erwartungen und Misserfolgen geplagt wurde. B-A-C-H, das steht auch für den übermächtigen Schatten, dem der sogenannte »Hallische Bach« nie ganz entkommen konnte. Er war unabhängiger als viele seiner Zeitgenossen, aber niemals frei.

Wilhelm Friedemann Bach wird am 22. November 1710 in Weimar als Sohn des Hoforganisten und Kammermusikers Johann Sebastian Bach und dessen Frau Maria Barbara geboren. Der Vater, damals noch kein sonderlich berühmter Komponist, hat zwei Jahre zuvor vom Herzog von Sachsen-Weimar eine Anstellung angeboten bekommen und verfügt nun über ein gesichertes Einkommen von 150 Gulden im Jahr. Zum Vergleich: eine einfache Köchin verdient etwa 20 Gulden jährlich, ein Ratsherr über 2000 Gulden. Die ersten sieben Jahre seines Lebens verbringt der älteste Sohn Wilhelm Friedemann daher in nicht gerade luxuriösen, aber durchaus annehmbaren Verhältnissen. Nach sieben Jahren in Weimar verschlägt es die mittlerweile sechsköpfige Familie Bach dann berufsbedingt nach Köthen, wo Wilhelm Friedemann die Lateinschule besucht. Mit 117 Kindern im Klassenraum halten sich die Lern­erfolge zwar sicherlich in Grenzen, zuhause jedoch kommt Wilhelm Friedemann schon früh mit der Musik des Vaters in Berührung und erhält auch bald von diesem Unterricht im Musizieren. Besonders das »Clavier« wird für den Jungen zum wichtigen Bezugspunkt. Johann Sebastian Bach ist ein fordernder, aber auch verständnisvoller Lehrer, der Kreativität und Eigenleistung mehr schätzt als stumpfes Nachahmen. So schreibt er sogar ein kleines »Clavier- und Orgel-Büchlein«, das er dem neunjährigen Wilhelm Friedemann widmet. Ungetrübt bleibt das Bach«sche Familienleben jedoch nicht: Wenig später, als der Vater gerade auf einer seiner häufigen beruflichen Reisen ist, stirbt Maria Barbara Bach. Diese Tragödie festigt die zeitlebens enge persönliche und auch musikalische Verbindung zwischen Sohn und Vater, der ebenfalls schon früh zur Waise wurde.

1723 ziehen die Bachs dann schließlich erneut um, als Johann Sebastian die Stelle als Kantor der Thomaskirche in Leipzig antritt, welche er bis zu seinem Tod 1750 innehaben wird. In der weltoffenen und wohlhabenden Messestadt mit ihren Salons und Kaffeehäusern bieten sich ganz andere musikalische und gesellschaftliche Möglichkeiten als an einem vergleichsweise provinziellen Fürstenhof. Als Sohn des Thomaskantors besucht der inzwischen dreizehnjährige Wilhelm Friedemann natürlich auch die angesehene Thomasschule. Über Berufswünsche gibt es keine Diskussion, denn vom Stammhalter der Familie Bach wird selbstverständlich erwartet, dass er Musiker und Komponist wird. Sein beachtliches Talent zeigt sich nicht nur beim Klavierspielen, sondern auch beim Singen: wie auch seine jüngeren Brüder ist er Mitglied im vom Vater geleiteten Thomanerchor. Mit zunehmendem Alter scheint Wilhelm Friedemann jedoch eine gewisse Unlust in der Schule zu entwickeln, vielleicht der Versuch, sich ein wenig vom Vater zu lösen. Zwischen 1726 und 1727 unternimmt er einen »Ausflug« nach Merseburg zu dem Musiker Johann Gottlieb Graun, bei dem er das Violinspiel lernt. Nach seiner Rückkehr nach Leipzig beginnt er 1729 schließlich ein Jura-, Philosophie- und Mathematikstudium an der renommierten Universität; dabei geht es jedoch nicht darum, Anwalt zu werden. Als späterer Komponist ist es schlichtweg von Vorteil, einen akademischen Abschluss zu besitzen; die Söhne Bach können so ihr Ansehen und ihre Berufschancen steigern. Ihrem Vater war dies dagegen aufgrund des frühen Todes seiner Eltern nicht möglich. Im selben Jahr findet auch eine kurze Begegnung mit Georg Friedrich Händel statt, dem der beeindruckte Wilhelm Friedemann in Halle einen Brief seines Vaters überbringt. Das Treffen zwischen dem gerade seine Heimat besuchenden Wahl-Londoner und dem bettlägerigen Thomaskantor kommt jedoch aus Zeitgründen nicht zustande.

Neben gemeinsamen Konzerten in Leipziger Kaffeehäusern reisen Vater und Sohn Bach in diesen Jahren auch einige Male nach Dresden, damals eines der wichtigsten Zentren barocker Kultur und Musik. Im glanzvollen »Elbflorenz« bewirbt sich Wilhelm Friedemann daher auch 1733 für die Stelle des Organisten der Sophienkirche unweit des Zwingers. Nach einer erfolglosen Kandidatur in Halberstadt zwei Jahre zuvor ist nun endlich der Zeitpunkt gekommen, das Elternhaus zu verlassen. In der kurfürstlichen Hauptstadt beginnt der Zweiundzwanzigjährige erstmals auch ernsthaft zu komponieren; im Gegensatz zum Vater entstehen jedoch keine kirchlichen Werke, sondern eher höfische Unterhaltungsmusik. Hier zeigt sich ein Zwiespalt, der Wilhelm Friedemann Bach sein ganzes Leben lang begleiten wird: Auf der einen Seite das enge persönliche Verhältnis zum Vater, auf der anderen Seite das Bestreben, musikalisch unabhängig zu sein. Anders als sein Bruder Carl Philipp Emanuel Bach wird es ihm jedoch nie ganz gelingen, sich von Johann Sebastian zu lösen; der älteste Sohn steht musikalisch immer etwas im Schatten des Vaters.

Auch beruflich steht für den protestantischen Organisten am katholischen Dresdener Hof nicht alles zum Besten; trotzdem scheut sich Wilhelm Friedemann lange, seine verhältnismäßig sichere Stellung aufzugeben. 1746 nimmt er dann endlich die Stelle als Organist der Marktkirche in Halle an, eine Position, die bereits seinem Vater 32 Jahre zuvor angeboten worden war. Der Wechsel von der Elbe an die Saale verdoppelt nicht nur sein Gehalt, sondern verschafft ihm auch einen wichtigen Posten in der Stadt: als »Director musices« ist er für die gesamte Kirchenmusik in Halle zuständig. So ist er nicht nur Orgelspieler und Dirigent, sondern auch Leiter des Stadtsingechores. Künstlerisch ist Wilhelm Friedemanns Freiheit jedoch beschränkt; zudem steht er in Konkurrenz zum eher akademisch-pädagogisch orientierten Kantor Gottfried Mittag. Auch nachdem dieser aufgrund von mysteriösen Diebstählen entlassen wird, beruhigt sich die Situation nicht. Im Streit zwischen den Pietisten und den Aufklärern um Christian Wolff droht auch der philosophisch interessierte und von Thomasius und Wolff beeinflusste »Hallische Bach« in die Schusslinie zu geraten. Dennoch beginnt er sich ernsteren Kompositionen zuzuwenden: in Halle entstehen seine erste Kantaten. 1750 schließlich stirbt Johann Sebastian Bach in Leipzig, was Wilhelm Friedemann plötzlich zum Familienoberhaupt macht; in der Folge zieht seine ältere Schwester Catherina Dorothea als Haushälterin bei ihm ein. Wenig später heiratet der mittlerweile immerhin vierzigjährige Junggeselle Dorothea Elisabeth Georgi, die Tochter eines wohlhabenden Steuereintreibers und Immobilienbesitzers. Die Heirat bietet dem finanziell angeschlagenen Organisten vor allem monetäre Vorteile; dennoch besteht jenseits allen Kalküls zwischen den nicht mehr ganz jungen Eheleuten ein gutes Verhältnis.

In den folgenden Jahren treffen Wilhelm Friedemann jedoch weitere Schicksalsschläge: Die beiden Söhne Wilhelm Adolf und Gotthilf Wilhelm sterben noch im Kleinkindalter, und auch eine gescheiterte Bewerbung in Zittau bringt keine Freude in den Bach«schen Haushalt. Dazu kommen Probleme mit den städtischen Arbeitgebern: Aufgrund von unentschuldigtem Fernbleiben von der Arbeit – der Tod des Vaters erforderte eine Reise nach Leipzig – und Ärger mit beschädigten Leihinstrumenten erhält Wilhelm Friedemann eine Abmahnung. 1762 schlägt er eine Einladung an den Hof des Landgrafen von Hessen-Darmstadt aus, wahrscheinlich vor dem Hintergrund der politischen Unsicherheit während des gerade tobenden Siebenjährigen Krieges. Nur die dem preußischen König Friedrich II. anlässlich des Friedens von Hubertusburg 1763 gewidmete Festkantate ist ein Erfolg. 1764 schließlich sind der beruflichen Differenzen wohl zu viele geworden, und Bach quittiert seinen Dienst als Organist. Der genaue Anlass bleibt allerdings ein Rätsel. Der immerhin schon über fünfzigjährige Komponist verfügt nun über kein geregeltes Einkommen mehr und hält sich leidlich mit privatem Musikunterricht über Wasser. In fortgeschrittenem Alter ist Wilhelm Friedemann Bach nun plötzlich einer der wenigen freischaffenden Komponisten seiner Zeit – mit einer Freiheit indes, die weniger Unabhängigkeit als vielmehr Unsicherheit bedeutet.

Die Marktkirche »Unserer Lieben Frauen«, 18 Jahre lang die Wirkungs- stätte des »Hallischen Bach«. Foto: Gregor Borkowski

Von nun an beginnt für den »Hallischen Bach« ein Reisen von Ort zu Ort, geplagt von finanziellen Nöten: Nachdem er 1768 mit der verzweifelten Bewerbung um seine eigene frühere Stelle in der Saalestadt endgültig zur persona non grata geworden ist, geht der mittlerweile Sechzigjährige 1770 nach Braunschweig, scheitert im Jahr darauf aber wieder einmal mit einer Bewerbung in Wolfenbüttel. Aus Finanznot muss er sogar einige der Originalhandschriften seines Vaters, unter anderem das »Wohltemperierte Klavier«, verkaufen – eine verzweifelte Maßnahme, die ihm die Nachwelt sehr übel nehmen wird. Die letzte Station seines Lebens erreicht Wilhelm Friedemann Bach schließlich 1774 mit dem Umzug nach Berlin, dem neuen musikalischen Zentrum der Zeit. Auch wenn er nicht so berühmt wie sein Bruder Carl Philipp Emanuel ist, erregt er mit seinen Kompositionen und Konzerten die Aufmerksamkeit höchster Kreise. Besonders Prinzessin Anna Amalie, die Schwester Friedrichs II., wird zu seiner Förderin. Dem Komponisten gelingt es allerdings nicht, eine geregelte Anstellung zu finden; trotz der Fürsprache des Thronfolgers Prinz Friedrich

Wilhelm lehnt es der Berliner Stadtrat 1779 ab, ihn zum Organisten der Marienkirche zu berufen. Begründet wird die Ablehnung mit dem »Eigensinn« Bachs, der dem Amt nicht angemessen sei – soziale Umgänglichkeit ist wichtiger als musikalische Kompetenz. Im gleichen Jahr entzieht ihm auch die Prinzessin ihre Gunst; der Komponist steht nun wieder ohne finanzielle Förderung da.

Seine letzten Jahre verbringt er in ärmlichen Verhältnissen in Berlin. Zunehmend verkannt, aber nicht vergessen, stirbt Wilhelm Friedemann Bach schließlich am 1. Juli 1784. Im »Magazin der Musik« erscheint immerhin ein Nachruf für den ältesten Sohn Johann Sebastian Bachs: »Deutschland hat an ihm seinen ersten Orgelspieler und die musikalische Welt überhaupt einen Mann verloren, dessen Verlust unersetzlich ist.« Bis zuletzt hatte er unermüdlich komponiert und auch gern sein großes Improvisationstalent vor jüngeren Zuhörern demonstriert. Das Leben des »Hallischen Bach« ist in der Bilanz ebenso von Widersprüchen geprägt wie seine Musik: Ein enges persönliches Verhältnis zum Vater steht dem im Grunde gescheiterten Versuch gegenüber, sich von ihm musikalisch zu lösen. Sicheren, aber künstlerisch einschränkenden Beschäftigungen folgen Jahre des Umherreisens in finanzieller Not. Während Wilhelm Friedemann Bachs Musik oft in nicht mehr zeitgemäßen Formen verharrt oder sich dem Geschmack seiner späten Gönnerin Prinzessin Anna Amalie anpasst, klingen in manchen Stücken durchaus auch schon Elemente der Frühromantik und des Klassizismus an.

Die Geschichte vom ältesten Bach-Sohn ist mit seinem Tod jedoch noch nicht zu Ende: Schon bald werden von seinem früheren Konkurrenten Johann Friedrich Reichardt und dessen Kollegen Friedrich Marpurg Verleumdungen über den Verstorbenen in Umlauf gebracht. Als Familienoberhaupt habe er, einem Verräter gleich, das Werk seines Vaters für Geld verschleudert und sich exzessiv dem Alkohol hingegeben. Eine wichtige Rolle spielen auch die schwierige Frage der Zuordnung von Werken zu Vater oder Sohn und die damit einhergehenden Plagiatsvorwürfe. Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden diese Gerüchte noch weiter aufgebauscht, bis schließlich der Mensch Wilhelm Friedemann Bach in der historischen Wahrnehmung hinter dem Zerrbild eines missratenen Sohnes und trunksüchtigen Verräters des väterlichen Erbes verschwindet. In die gleiche Kerbe hauen auch der zum großen Teil fiktive »biographische« Roman von Emil August Brachvogel und der darauf basierende DEFA-Film von 1941 mit Gustav Gründgens in der Hauptrolle. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt eine zaghafte Auseinandersetzung mit dem »Hallischen Bach« und seinem musikalischen Werk. Doch dem gewaltigen, mit den Jahrhunderten nur noch gewachsenen Schatten seines Vaters entgeht sein ältester Sohn bis heute nicht. B-A-C-H – bei diesen Buchstaben denkt fast niemand an Wilhelm Friedemann Bach. Seine Tochter heiratete einen Grenadier und wanderte mit ihrer Familie in die USA aus, wo sich die Spur ihrer Nachkommen verliert. Das Grab auf dem Luisenstädtischen Kirchhof in Berlin überdauerte den Zweiten Weltkrieg nicht; dort steht heute eine Gedenk­stele. In Halle, seinem Hauptwirkungsort, erinnern ein Platzname und ein kleines Museum an den Organisten und Komponisten. Sonst bleibt für die Nachwelt nur wenig – bis auf ein relativ schmales musikalisches Werk bestehend aus Fugen und Kantaten, Klavierkonzerten und Polonaisen, Sinfonien und Sonaten: die einzigartigen Früchte eines einzigartigen Lebens.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 15.04. 2018 22:45