Jul 2018 hastuINTERESSE Heft Nr. 79 0

Gegrillte Grillen

Ob die noch nach Heuschrecken schmecken? Für alle, die von den immer gleichen drei Fleischsorten gelangweilt sind. Ein Selbstversuch.

Foto: Emilia Peters

Asiatisch essen war doch eigentlich jeder schon einmal, Reisnudeln, halbwegs scharfes Curry oder Sushi sind auf deutschen Abendbrotstafeln gewiss keine Seltenheit mehr. Doch obwohl wir uns fröhlich Frühlingsrollen auftauen oder auch mal Tofu anbraten, sind wir doch, zumindest was das Fleisch angeht, der regionalen Tierwelt ziemlich treu geblieben. Dabei vergessen wir zusehens gleich eine gesamte Gruppe von Organismen, die zwar als exotisch gilt, aber eigentlich auch in unseren Breitengraden beheimatet ist: die Insekten. Denn während die westliche Welt ihr Bestes tut, dem Großteil der Tierchen aus dem Weg zu gehen, stehen sie in vielen Kulturen traditionell auf der Speisekarte.

Und dafür gibt es tatsächlich eine ganze Bandbreite an guten Gründen. Wer einmal den Fleischatlas 2018 von der Heinrich-Böll-Stiftung in der Hand hält, wird einen spannenden Artikel über die zahlreichen Vorteile von Insektenfleisch finden. Zur artgerechten Aufzucht benötigen sie weniger Platz, Futter und Wasser, sie stoßen gerade mal ein Hundertstel CO₂ aus und enthalten zudem auch noch mehr Eiweiß. Eigentlich gleich mehrere gute Argumente, um einmal die Proteinquelle zu wechseln.

Gekocht genießbar?

Wie es die meisten Menschen tun, die auf etwas neugierig sind, habe ich erst einmal »Insekten essen« gegoogelt. Die Suchmaschine geizte nicht mit Ergebnissen. Mir wurden gleich mehrere Versandseiten vorgeschlagen, die alle möglichen Arten von Hüpfern und Würmern zum Verzehr bereitstellen, Rezepte präsentieren und für horrende Kosten sogar Kochkurse mit Insekten anbieten.

Auf den Webseiten wird, in Rücksichtnahme auf den zögerlichen westlichen Mitbürger, mit liebevollen minimalistischen und völlig verharmlosenden Illustrationen von niedlichen Grillen der Verzehr von Schädlingen schmackhaft gemacht. Aussagen wie »nach europäischen Standard gezüchtet« oder »knusprig und nicht schleimig« sind omnipräsent, außerdem bunte Grafiken, die noch einmal vor Augen führen, wie viel ökologischer es ist, Insekten anstatt Säugetiere zu verzehren. Nun ja, die Überzeugungsarbeit der Seite hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Mit zunehmender Begeisterung und Mut drückte ich auf »In den Warenkorb« und »Versenden«. Ich muss gestehen, eben beschriebene Gefühle haben erst einmal einen kleinen Dämpfer bekommen, als ich dann das Päckchen öffnete. Die getrockneten Würmer und Grillen hatten irgendwie gar nichts mehr mit den hübschen Zeichnungen auf der Website gemein. Da ich aber nicht kneifen wollte, mit meinem Vorhaben bereits herumgeprahlt und Freunde für die Zubereitung ins Boot geholt hatte, gab es aber sowieso kein Zurück mehr.

Illustration: Emilia Peters

So machte ich mich daran, Rezepte herauszusuchen. Es wurden Zutaten eingekauft, und plötzlich stand ich schon mit den zwei Freundinnen in der Küche, etwas zögerlich den beiden eingeschweißten Tüten gegenüber. Wir hatten uns insgesamt für drei Rezepte entschieden. Einige der Insekten sollten in einen Falafelteig integriert werden, einige geröstet und zu einem Salat gegeben und die dritte Portion mit Nüssen in Schokolade versenkt werden. Nach etwa einer Dreiviertelstunde sah die Küche katastrophal aus. Verstreute Würmer auf der Küchentheke sind sonst eher kein Zeichen für einen netten Kochabend unter Freunden. Dafür aber stand eine einigermaßen ansehnliche und exotische Mahlzeit auf dem Tisch.

Survival of the fittest

Wir begannen mit der Vorspeise, Avocado-Granatapfel-Salat mit gerösteten Hüpfern. Etwas unschlüssig saßen wir alle vor unseren Tellern, und da ich die ganze Sache angeleiert hatte, nahm ich mutig den ersten Bissen. Auf der Versandseite und in einigen Foren wurde der Geschmack der gerösteten Krabbler meist als nussig beschrieben. Wer jetzt allerdings an geröstete Macadamianüsse oder Cashewkerne denkt, den muss ich wohl enttäuschen. Mein erster Eindruck war eher fettig. Und etwas kratzig. Eine mir bis dahin eher unbekannte Kombination an Attributen, aber es ging ja auch darum, mal etwas Neues zu probieren. In Zusammenspiel mit dem frischen Salat empfand ich die angebratenen Tierchen allerdings als durchaus genießbar. Nur eine leicht muffige

Unternote blieb, und ich muss zugeben, dass mir geröstete Pinienkerne vielleicht doch etwas lieber gewesen wären. Der Hauptgang bestand aus den insektengefüllten Falafelbällchen, die wir zusätzlich mit frischem Koriander ergänzt hatten. Auch diese waren auf gewisse Weise recht appetitlich. Die Bällchen waren relativ weich, und die knusprigen Tierchen waren in der Hinsicht eine interessante Ergänzung. Mit dem Tzatziki als Beilage habe ich meinen Teller tatsächlich leer gegessen.

Damit kann ich hier allerdings nicht für die Allgemeinheit sprechen. Meine erste Mitstreiterin kapitulierte bereits nach einigen Bissen mit den Worten: »Die Würmer starren mich aus dem Inneren des Falafels an«. Damit hatte sie tatsächlich auch nicht ganz unrecht, denn da das Auge mitisst, muss auch ich zugeben, dass mir unsere Kreation tatsächlich besser mundete, als ich meinen Blick beim Essen von den Kriechern abwandte.

Süße Tierchen

Illustration: Emilia Peters

Die Nachspeise, die Insektenschokolade, hatte ich dann ganz für mich alleine, denn auch die Zweite im Bunde war nach einem kleinen Probierstückchen erst einmal zu Genüge bedient.
Vorsichtig biss ich in ein Stück der Schokolade. Ich muss zugeben, diesem Teil der Mahlzeit stand ich ursprünglich am kritischsten gegenüber, da ich befürchtete, mir Schokolade im Allgemeinen durch unbedachte Kombination mit fragwürdigen Geschmäckern vielleicht zu verderben.

Glücklicherweise trat dieses Worst-case-Szenario nicht ein. Im Gegenteil, eine wahre Gaumenfreude betörte meine Geschmacksknospen. Da in der Zubereitung mit etwas Butter gestreckt, erhielt die Schokolade eine leicht cremig-karamellige Note, und die etwas salzigen splittrig-knusprigen Insekten und beigefügten Nüsse ließen mich ein bisschen an gebrannte Mandeln oder gepufften Reis mit Schokolade denken.

Trotz der blumigen Umschreibungen der Nachspeise und gierigem Zugreifen meinerseits schaffte ich es nicht, die anderen beiden auch von diesem Teil des Menüs zu überzeugen. Verübeln konnte ich es ihnen allerdings auch nicht, wir hatten bei der Füllung nicht gerade gespart, und der Anblick der teilweise von Schokolade bedeckten Gliederfüßer schien genug Gegenargument zu meinem eben beschriebenen Geschmacks­erlebnis zu sein.

Nur Mut

Abschließend muss ich sagen, dass sich der kulinarische Abstecher durchaus gelohnt hat. Mir ist zwar aufgefallen, dass ich in den mündlichen Überlieferungen meiner Erfahrung dann doch eher auf die Stichwörter »interessant« oder »etwas gewöhnungsbedürftig« zurückgriff, kategorisch ablehnen würde ich Insekten auf dem Teller aber keinesfalls.

Für die Mutigen unter Euch, die dieses Experiment zuhause wiederholen möchten, hier noch einige Ratschläge:

1. Unterschätzt nicht die Menge. Ich habe etwa 50 Gramm bestellt. Das war für drei Personen auch mehr als ausreichend, vor allem, wenn Ihr vorhabt, die Hüpfer als Beilage zuzubereiten.
2. Das Auge isst mit. Gerade in diesem Fall kann einem das Visuelle schnell mal einen Strich durch die Rechnung machen. Vor allem die Würmer verlieren zwar im regungslosen Zustand einen

Illustration: Emilia Peters

großen Teil ihrer abstoßenden Wirkung, eine gewisse angewöhnte Skepsis gegenüber den Kriechern ließ sich aber bei mir zumindest trotzdem nicht ganz abstellen.
3. Auch das Tischgespräch kann eine erhebliche Wirkung auf das Geschmackserlebnis haben. Aus eigener Erfahrung kann ich empfehlen, dass sich der Genuss eher steigert, wenn man das Thema »Insekten im Alltag« außen vor lässt und über etwas ganz anderes redet.

Und zu guter Letzt: Auch wenn diese Rezeptidee vielleicht noch am sonderbarsten klingt: Probiert auf jeden Fall die süße Variante der Insekten, diese Köstlichkeit sollte sich kein neugieriger Gourmet entgehen lassen.

 

Über Emilia Peters

Erstellt: 05.07. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 17:11