Apr 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 77 0

Feuer im Eis

Ilona Kröselberg ist Filialleiterin der beiden Janny’s-Eisdielen in Halle. Sie wirkt selbstbewusst und strahlt Dominanz aus. Jedes Kind, welches den Laden betritt, wird mit Vornamen angesprochen, die Lieblingseissorten ihrer Stammkunden kennt sie auswendig, und für einen kleinen Plausch ist sie immer zu haben. Sie leitet mit Erfolg ein Kleinunternehmen und wirkt doch immer gelassen. Wir fragen uns: Wie schafft sie das?

Foto: Katharina Jannes und Thibault Xhonneux

Wie haben Sie als Kleinunternehmerin angefangen?
Ich habe Drogistin beziehungsweise Einzelhandelskauffrau gelernt und habe dann 41 Jahre lang im Handel bei »Ihr Platz« als Bezirksleiterin in NRW gearbeitet. »Ihr Platz« eine Drogeriemarktkette, wurde von »Schlecker« gekauft und ist pleitegegangen. Dann musste ich mir mit 54 Jahren etwas anderes suchen. Ich habe durch Zufall gehört, dass die Eisdiele in Halle zu übernehmen wäre, und habe es dann einfach gemacht.

Welche Pläne haben Sie für sich und das Geschäft?
Ich habe die Eisdielen jetzt schon seit 4 Jahren und es macht mir immer noch Spaß. Am Anfang habe ich mir Sorgen gemacht: Habe ich alles richtig gemacht? Mittlerweile habe ich festgestellt, dass ich für diesen Job geboren bin. Drei Jahre muss ich jetzt noch arbeiten und würde dann pünktlich mit 63 Jahren in Rente gehen, weil ich denke, dass die Zeit gekommen ist. Ich suche bis dahin eine/n entsprechenden Nachfolger/in, die das Geschäft mit genauso viel Herzblut betreibt. Wenn es gut läuft, würde ich meinem Nachfolger/in gerne noch 2 Jahre unterstützend zur Seite stehen, sodass man auch nicht den Kontakt verliert zu den Kindern und jungen Menschen, die doch überwiegend hierher zu uns kommen.

An welchem Ort fühlen Sie sich am wohlsten?
Unter Menschen; von netten, sympathischen Leuten umgeben, mit denen ich mich unterhalten und Spaß haben kann.

Gibt es einen Ort, an den Sie gerne fliehen, wenn Sie alleine sein wollen?
Auf jeden Fall mein Zuhause! Ich bin gerne mal alleine und lasse die Gedanken schweifen, Musik laufen, manchmal schalte ich auch einfach den Fernseher an. Das ist für mich ein Rückzugsort, an dem ich gerne bin und wo ich mich erholen und abschalten kann.

Glauben Sie, dass Frauen in der heutigen Gesellschaft benachteiligt sind?
Das kommt, glaube ich, auch immer auf die Frau an. Man hört immer wieder, dass Frauen doch noch, vor allem im Westen, weniger Geld verdienen. Aber von mir würde ich es nicht behaupten wollen. Ich fühle mich nicht benachteiligt. Weder heutzutage, noch in meinem damaligen Job. Aber es gibt sicherlich noch viel zu tun, um ein Gleichgewicht reinzubringen. Es gab bestimmt mal die ein oder andere Kleinigkeit, aber es hat mich nicht geprägt.

Wer hat Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf die Person gehabt, die Sie heute sind?
Ganz gewiss mein Urgroßvater und mein Vater. Mein Uropa hat sich immer um mich gekümmert, hat sich mit mir beschäftigt, mir die tollsten Dinge gezeigt, mit mir gelesen und schreiben gelernt. Mein Vater hingegen hat immer gesagt: »Das hast du jetzt angefangen, da musst du durch!« Er hat mir gezeigt, dass ich stark und widerspenstig sein muss. Er hat mich immer unterstützt und war immer für mich da, aber wenn ich etwas angefangen hatte, musste ich auch alleine durch.

Wenn Sie eine Sache an sich ändern könnten, was wäre es?
Da gibt es bestimmt eine Menge, aber ich sag mal, ich hab mich dran gewöhnt. Ich glaube, dass ich manchmal zu viel rede. Ich weiß zwar oft, wann ich leise sein sollte, aber ich rede mich gern um Kopf und Kragen. Außerdem bin ich zu perfektionistisch. Das würde ich gern teilweise ablegen wollen, denn damit kann man die Leute krank und verrückt machen. Finde ich manchmal selber schrecklich an mir. Aber nicht komplett ablegen, denn das würde nicht zu mir passen.

Was wollten Sie werden, als Sie jung waren?
Ich wollte immer Lehrerin werden, davon habe ich schon als Kind geträumt. Aber das hat sich leider nicht ergeben, da mein Vater nichts vom Studieren gehalten hat. Wir sollten heiraten und Kinder kriegen, und dann wäre das Studium umsonst gewesen. Das habe ich ihm immer nachgetragen. Aber ich kenne einige Fälle, wo die Lehrer nicht so glücklich sind mit ihrem Job, und da glaube ich, dass ich es doch besser getroffen habe als Kauffrau im Einzelhandel, Bezirks- und Filialleiterin, da ich mit netten Menschen zu tun hatte und auch durch Konflikte, die auf mich zukamen, viel gelernt habe und insgesamt zufriedener bin.

Was kann Sie verletzen?
Also, enttäuscht bin ich immer, wenn ich angelogen werde. Da soll man mir lieber die Wahrheit sagen als mich anzulügen. Das macht mich am meisten wütend und auch verletzt.

Was ist das, was Sie noch nie getan haben, aber schon immer tun wollten?
Immer wenn ich einen Heißluftballon sehe, denke ich: »Mann, das muss toll sein!« Da habe ich oft gedacht, das könnte man mal machen. Ich wollte es zu meinem 60. Geburtstag machen, und dann haben wir es leider nicht hingekriegt, da etwas dazwischengekommen ist. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich das noch mache. Vielleicht sogar als Abschied, wenn ich mit der Eisdiele aufhöre und mir denke: »Yippie, jetzt schau ich mir das Ganze mal von oben an.«

Was ist das eine, was Sie von anderen Menschen unterscheidet?
Ich weiß nicht, ob ich in der großen Masse so auffalle. Mir hat mal eine junge Kollegin gesagt: »Du hinterlässt bleibende Eindrücke«, aber ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Es gibt viele, die haben Locken wie ich, es gibt viele, die haben so eine große Fresse wie ich, und deswegen glaube ich nicht, dass ich da so herausrage. Ich und mein Bruder, wir sind uns sehr ähnlich, da unterscheidet uns nur das Geschlecht.

Was würden Sie jungen Frauen mit auf den Weg geben wollen?
Man sollte immer ein Ziel vor Augen haben, aber dem nicht hektisch hinterherrennen. Immer eins nach dem anderen machen, dann erreicht man seine Ziele einfacher. Man sollte sich auch um sich selbst kümmern, damit es einem gut geht. Ich sage immer, wenn es mir persönlich gut geht, geht es auch anderen gut, weil ich dann immer etwas ausstrahle und man sich in meiner Nähe wohl fühlt. Wenn ich mit mir und der Welt im Reinen bin, kann ich viel mehr erreichen, als wenn ich immer straight etwas hinterherrenne. Allerdings sollte man auch eine Richtung der Unabhängigkeit verfolgen, einen guten Job haben und gutes Geld verdienen. Gutes Geld verdienen heißt, dass meine Bedürfnisse gedeckt werden und ich meinen Hobbies frönen kann.

Über Katharina Jannes

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 15.04. 2018 18:39