Apr 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 77 0

Epilog des Todes

Der Verlust einer nahestehenden Person ist wohl eine der gravierendsten und prägendsten Situationen, die ein Mensch erleben kann. Nach einer solchen Hiobsbotschaft stehen bürokratische Verpflichtungen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Einige Bemerkungen zum Umgang mit der schlimmsten aller Erfahrungen.

Illustration: Gregor Borkowski

Ob man sich lang darauf vorbereiten konnte, beispielsweise durch eine andauernde Pflegephase, oder aber unerwartet von diesem Schicksalsschlag getroffen wird – Trauer, Verlust und seelischer Schmerz sind niemals ohne Weiteres zu verkraften. Denn obwohl der Tod zum Leben gehört und man sich dessen normalerweise auch bewusst ist, scheint dieser Gedanke eine völlig neue Bedeutung zu gewinnen, sobald man persönlich von der Erfahrung betroffen ist und sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen muss. Für diese Art von Schmerz ist man vermutlich niemals bereit.

Nach dem ersten Schock und Tagen in vollkommener Lethargie, in denen man das Gefühl hat, sich selbst zu verlieren, und sich um einen Teil der eigenen Biografie betrogen fühlt, hört das Leid nicht auf; eher nimmt es fast schon groteske Formen an: Die Bürokratie verlangt Aufmerksamkeit, und man kommt nicht umhin, sich mit den organisatorischen Aspekten eines Todesfalles zu befassen.

Wenn alles zusammenkommt

Kombiniert man einen Todesfall während der Studienzeit mit dem Stress und Druck einer Prüfungsphase, scheint der absolute Höhepunkt einer Katastrophe erreicht zu sein. Eine Prüfung abzulegen, während alle Gedanken um ein völlig anderes Thema kreisen und von Konzentration keine Rede sein kann, ist nicht besonders ratsam.

Doch was tun, wenn die Rücktrittsfrist zu einer Klausur von einer Woche bereits abgelaufen ist? Im Falle eines Erstversuches lässt sich ein Versäumen der Prüfung vielleicht noch verkraften, aber was ist mit den alles entscheidenden Drittversuchen?

In jedem Fall ist es empfehlenswert, sich an den Dozenten oder die Dozentin sowie das zuständige Prüfungsamt zu wenden und die Situation zu schildern. Oft gibt es Härtefallregelungen, die den Rücktritt von der Prüfung erlauben, auch wenn die Frist dafür bereits abgelaufen ist. In der Rahmenstudien- und Prüfungsordnung findet sich dazu unter § 19 (2) folgende Regelung: »Der für den Rücktritt oder das Versäumnis geltend gemachte Grund muss dem zuständigen Prüfungsamt unverzüglich schriftlich angezeigt und glaubhaft gemacht werden […]. Wird der Grund anerkannt, bleiben der Prüfungsversuch sowie ggf. bereits vorliegende Studien- und Prüfungsergebnisse erhalten.« Dabei ist es unwesentlich, um welchen Versuch es sich handelt. Wichtig ist jedoch, dass man das zuständige Prüfungsamt informiert. Ein Nachweis, wie beispielsweise eine Sterbeurkunde, könne im Zweifel eingefordert werden, meint Susanne Richers vom Prüfungsamt der Philosophischen Fakultät II. Allerdings würde sie davon ausgehen, dass niemand mit dem Tod eines Angehörigen »spielt«.

Zahlreiche Behördengänge kommen ebenfalls auf die Hinterbliebenen zu. Ein erster Schritt ist meist die Sterbeurkunde, die als Nachweis beispielsweise von Krankenkasse, Rentenversicherung, VermieterIn oder aber auch dem Nachlassgericht, gefordert wird. Speziell in Verbindung mit dem Nachlassgericht sind Fristen von größter Bedeutung – das Erbe auszuschlagen ist beispielsweise nur bis zu sechs Wochen nach der Kenntnis des Todes möglich. Danach gilt das Erbe automatisch als angenommen.

Gefangener der eigenen Gedanken

Organisation ist in einem solchen Fall natürlich nicht alles; die Trauerphase geht weit darüber hinaus, auch wenn das Beschäftigen mit solch fast schon banalen Dingen teilweise auch eine ablenkende Wirkung haben kann.

Das eine Patentrezept zur Verarbeitung und Trauerbewältigung gibt es nicht, auch da wohl jeder auf eine andere Art und Weise trauert und es dementsprechend unzählig viele Hilfsmittel oder Methoden gibt. Unsicherheit ist dabei keine Seltenheit, denn oft wird man mit dem Problem konfrontiert, selbst nicht so genau zu wissen, was man eigentlich braucht oder wodurch man sich besser fühlen könnte.

Anfangs kann die Unterstützung durch Familie oder Freunde sehr bedeutsam sein – gerade in den ersten Tagen, wenn man sich fühlt, als ob man sich selbst beim Leben beobachten würde. Doch auch das Alleinsein kann heilende Wirkungen entfalten, wenn man sich ganz in Erinnerungen verliert oder seinen Emotionen freien Lauf lassen möchte, ohne sich mitleidigen Blicken aussetzen zu müssen.

Fokus und Konzentration scheinen anfangs unmöglich, mit abertausenden Gedanken, die permanent im Kopf kreisen und beispielsweise das Einschlafen zur Tortur werden lassen. Ein Tagebuch zu führen kann dabei helfen, den Kopf zu leeren und Gedanken und Gefühle zu manifestieren, die zuvor nicht greifbar waren oder die man sich fast nicht traute zu formulieren. Denn natürlich wird man während der Trauerphase nicht nur von einem einzigen Gefühl oder Gemütszustand übermannt – eher sind es tausende, zum Teil hochgradig widersprüchliche. Dazu könnten Schmerz, Ratlosigkeit, Verwirrung, Perspektivlosigkeit, aber auch Lethargie, Anspannung oder sogar Wut kommen.

Heilt die Zeit alle Wunden?

Es könnte ebenso der Punkt erreicht werden, an dem die Erkenntnis zu reifen beginnt, dass man die Trauer nicht allein bewältigen kann und eventuell professionelle Hilfe in Anspruch nehmen muss. Eine erste Anlaufstelle bietet beispielsweise die psychosoziale Beratung des Studentenwerkes, die mehrmals wöchentlich eine offene Sprechzeit anbietet und auch über die Weitervermittlung an Fachkräfte informiert.

Wichtig ist, mit sich selbst nicht zu hart ins Gericht zu gehen. Nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen ist es mehr als verständlich, sich verloren zu fühlen – wahrscheinlich ist eine solche Erfahrung sogar so prägend, dass man nie wieder die gleiche Person ist. Auch Geduld während des Trauerprozesses ist essentiell: einerseits natürlich mit sich selbst, andererseits aber auch mit dem näheren Umfeld, für das ein Trauerprozess eines Angehörigen ebenfalls nicht leicht zu beobachten ist.

Es bleibt abzuwarten, ob eine vollständige Wiederherstellung der eigenen Persönlichkeit nach einem solchen Schicksalsschlag möglich ist. Gedanken an die verstorbene Person werden wohl niemals völlig schmerzfrei möglich sein, nur die Intensität des Schmerzes wandelt sich möglicherweise im Laufe der Zeit und wird erträglicher.

  • https://www.studentenwerk-halle.de/beratung/psychosoziale-beratung

Über Anne Jüngling

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 15.04. 2018 18:51