Mai 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 78 0

Distanz auf engem Raum

In dem Film »Kriegerin« stellte Regisseur und Drehbuchautor David Wnendt im Jahr 2011 Rechtsradikale als saufende und »Heil Hitler« brüllende Prolls dar, die nichts mit der bürgerlichen Mitte zu tun haben. Nun hat Intendant Matthias Brenner den Stoff für das Thalia-Theater in Halle inszeniert – mit einigen neuen Ideen.

Foto: Anna Kolata/ Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

»Demokratie ist das Beste, was wir je auf deutschem Boden hatten. In einer Demokratie kann jeder mitbestimmen. Du, ich, Alkoholiker, Junkies, Kinderschänder, Neger, Leute, die zu blöd sind, ihren Hauptschulabschluss zu schaffen, Leute, denen ihr Land einfach scheißegal ist, denen egal ist, ob hier alles den Bach runtergeht. Aber mir ist es nicht egal. Ich liebe mein Land.«

Marisa (Edda Maria Wiersch), bekennende Anhängerin der Neonaziszene, schreit diese Worte laut heraus, während sie sich von einem Liegestütz in den anderen stemmt, um danach vom Großvater mit der NS-Karriere (Frank Schilcher) stolz in die Arme geschlossen zu werden: »Meine Kriegerin!« Bereits an dieser Stelle wird klar – die kommenden 70 Minuten werden energiegeladen und laut. Und unbequem. Mit dem Schaufenster wurde die kleinste Spielstätte des Theaters ausgewählt, sodass die Schauspieler*innen dem überwiegend aus Schüler*innen bestehenden Publikum teilweise unangenehm nahekommen.

Der Stoff, der hier geboten wird, eignet sich aber auch weniger für ein gemütliches Theatererlebnis: Die junge Marisa hat sich voll und ganz der rechten Szene verschrieben, was in Kleidungsstil, Leidenschaft für Rechtsrock und Angriffen gegen Geflüchtete Ausdruck findet. Erst als ihr Hass eskaliert und sie befürchten muss, ein unschuldiges Menschenleben auf dem Gewissen zu haben, beginnt sie, ihr Leben zu hinterfragen. Sie wendet sich von ihrem Partner Sandro (Tristan Steeg) ab und sucht Kontakt zum – anfänglich von ihr selbst beschimpften – Afghanen Rasul (Ali Aykar). Parallel dazu versucht die fünfzehnjährige Svenja (Noëmi Krausz) ihrem autoritären Elternhaus zu entkommen und findet Anschluss in ebenjener Szene, von der sich Marisa mehr und mehr distanziert.

Bescheidene Bühneneinrichtung vs. geladene Spielenergie

Die konfliktbeladene Geschichte spielt sich auf einer kleinen, ganz in schwarz gehaltenen Bühne ab. Einzelne Gegenstände markieren Szenenschauplätze wie Marisas Auto oder den Esstisch bei Svenjas Familie und werden mit Klettverschlüssen an einer Stoffwand befestigt. Manchen Zuschauer*innen mag das alles unfreiwillig komisch erscheinen (erst recht, wenn Marisa vor einem Autorückfenster aus Pappe hockt und raucht, ohne eine Zigarette in der Hand zu halten); anderen sympathisch selbstironisch.

Foto: Anna Kolata/ Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

In jedem Fall erzeugen die bescheiden eingerichtete Bühne und der sparsame Einsatz von Requisiten einen interessanten Kontrast zur energiegeladenen Ernsthaftigkeit, mit der die sechs Schauspieler*innen die Geschichte erzählen: Edda Maria Wierschs Gebrüll lässt sämtliche Ohren klingeln. Tristan Steeg verlässt die Bühne, um vereinzelte Menschen im Publikum direkt anzusprechen, wenn er als Sandro davon spricht, »bereit für den Krieg« zu sein. Und man kann es bei Frank Schilchers sichtbarem Spielgenuss, mit dem er entweder als Chefnazi Geflüchtete quält oder als Stiefvater Svenja tyrannisiert, direkt mit der Angst zu tun bekommen. Dabei bleibt aber wenig Platz für Zwischentöne. Ob diese aufdringliche Eindeutigkeit nötig ist, um die Schüler*innen zu erreichen, an die sich Matthias Brenners Inszenierung vor allem richten soll? Aber wenn sich zum Beispiel Marisas Mutter (Bettina Schneider) in einer der letzten Szenen den Frust von der Seele schreit, wie sehr sie unter der häuslichen Gewalt ihres NS-Vaters gelitten habe, gewinnt dieser Ausbruch gerade dadurch an Stärke, dass er die vorherigen sechzig Minuten zurückgehalten wurde. Das prägt sich nachhaltiger ein als Marisas stetiges Kampfgebrüll.

Distanzierung von Rassismus leicht gemacht

Kurzer Schwenk zur mittlerweile sieben Jahre alten Filmvorlage, die unter anderem in der anhaltischen Region gedreht wurde: Darin inszenierte David Wnendt die Vertreter*innen der rechten Szene als primitive, dauerbesoffene Jung-Ossis, die sich die Abende mit NS-Propagandafilmen und Pogo in Gasmasken vertreiben. Was 2011 schon nicht glaubhaft war, wäre 2018 angesichts des sogenannten Rechtsrucks der letzten Jahre eine endgültige Farce.

Und richtig – das Inszenierungsteam versucht sichtbar einen Bogen zum mittlerweile salonfähigen Rassismus zu schlagen: So beharrt Svenja hier in braver blauer Bluse auf dem »Recht auf eigene Identität«, anstatt wie im Film in abgewetzten Klamotten den rechten Arm zu heben und »Heil Hitler« zu brüllen (die 88 lässt sie sich dennoch tätowieren). In ihrem ausgesprochenen Wunsch, Kinder zu bekommen und trotzdem beruflich Karriere zu machen, äußert sich zudem, wie sich rechte Bewegungen mittler­weile der bürgerlichen Mitte anzunähern scheinen.

Das war«s dann aber mit den neuen Ideen. Denn Marisa entspricht auch in dieser Inszenierung mit Baseballschläger, weißen Schnürsenkeln und strengen Zöpfen einem Klischee. Sandro steht dem, mit Fraktur-Print auf dem T-Shirt, in nichts nach. Der etwas ältere Chefnazi gibt sich optisch ähnlich bürgerlich wie Svenja, pinkelt dann aber Rasuls Freund Jamil (auch Tristan Steeg) in die Bierflasche. Ja – das ist richtig eklig, davon kann sich bequem distanziert werden.

Natürlich gibt es Rassist*innen, die sich so kleiden und verhalten. Die werden aber nicht in die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eingeladen, um dort im freundlichen Ton gegen Geflüchtete oder Staatsbürger*innen, die in ihren Augen nicht Deutsch genug aussehen, zu hetzen. Auch betreiben sie keine auf den ersten Blick harmlos wirkenden Instagram-Profile oder behaupten von sich selbst, »Farbe auf den Campus« zu bringen.

Foto: Anna Kolata/ Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Neonazis, wie sie in dieser Inszenierung dargestellt werden, sind also nur die Spitze des Eisbergs. Außerdem drohen die optisch wirksamen Bilder die wenigen Szenen, in denen ein differenziertes Bild von der Rechten gezeichnet wird, zu überschatten. Die hallische »Kriegerin« läuft leider Gefahr, gerade von sehr jungen Menschen als Geschichte über irgendwelche Neonazis verstanden zu werden, anstatt als Anstoß, sich detailliert mit politischen Zusammenhängen oder gar dem eigenen Verhältnis zu Geflüchteten auseinanderzusetzen. Das bleibt dann wohl an den Lehrkräften und Pädagog*innen hängen.

  • »Kriegerin« von David Wnendt
    in einer Fassung von Ruth Messing und Sophie Scherer
    Infos und Termine unter buehnen-halle.de/kriegerin

Über Irene Schulz

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 28.05. 2018 17:47