Apr 2018 hastuUNI Heft Nr. 77 0

»Die Uni darf nicht nur für ihre Schließungen bekannt sein.«

Über 10 Jahre alte Strukturentscheidungen werfen immer noch ihre langen Schatten: Im Oktober 2018 fällt in der Japanologie die zweite Professur weg. Dafür soll ein neues Studienprogramm für den Bachelor ausgearbeitet werden. Dem Musikinstitut scheint ein ähnliches Schicksal zu drohen, denn die Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) steht vor dem Aus.

Foto: Gregor Borkowski

Seit 2004 steht fest, dass die Professur von Prof. Dr. Gesine Foljanty-Jost in der Japanologie nach ihrer Emeritierung wegfällt und vorerst nicht ersetzt werden kann. Der Forderung eines Konzepts für eine Neuordnung beziehungsweise Weiterführung der noch bis Oktober dieses Jahres bestehenden Professur wurde zumindest in Teilen seitens Prof. Dr. Christian Oberländer nachgekommen. Im vergangenen Jahr (hastuzeit berichtete in Ausgabe 72) debattierte der Senat bereits über mögliche Konzepte und Lösungen zur Aufrechterhaltung der zweiten Professorenstelle am Institut für Japanologie. Die Fakultätsratssitzung am 17. Januar 2018 brachte dazu nicht viel Neues hervor, zeigte aber, wie nah Engagement und Hilflosigkeit beieinanderliegen können.

Neueinrichtung als »Modernes Japan«

Erneut wurde ausführlich und angeregt diskutiert. Fest stand diesmal nur von Beginn an: Eine Einstellung der Professur erfolgt ohne Alternative. Die Neueinrichtung eines Lehrstuhls mit entsprechendem Konzept stand damit nun im Raum. Die Idee, mit »Modernes Japan« eine Richtung einzuschlagen, die bekannte und neue Studien­inhalte in der Japanologie verbinden soll, wurde hinreichend ausgearbeitet und lag dem Fakultätsrat als Vorentwurf vor. Eine ausreichende Prüfung dieses Konzepts steht jedoch noch aus. Studiendekan Prof. Dr. Rahul Peter Das, welcher sich bereits mit den Problematiken der Schließung und Einstellung von Studienprogrammen befasste, vor allem bei der abgewendeten drohenden Schließung der Psychologie 2014, forderte: »Kein Etikettenschwindel. Man muss einen Entschluss fassen und kann nicht verantworten, dass neue Studierende eingeschrieben werden und nachher keine Studienprogramme für die Lehre zur Verfügung stehen.«

Die Neubesetzung der wegfallenden Stelle sei jedoch auch kein Problem, da die Mittel zur Verfügung stünden. Die Voraussetzung dafür ist jedoch eine Umstrukturierung des Studienangebotes. Erneut wurde den Verantwortlichen dafür eine Deadline gesetzt. Am 11. April findet die entscheidende Senatssitzung statt, in der erstens beschlossen werden muss, was mit der wegfallenden Stelle passieren soll, und dem Ministerium entsprechend mitgeteilt werden muss, wie weiter verfahren wird.

Vier SWS fehlen

Foto: Gregor Borkowski

Die Sitzung kam dann zu ihrem Kernpunkt. Detailliert wurde aufgezeigt, wie das in Teilen vorliegende Programm für eine Neustrukturierung der Studien­inhalte aussehen könnte. Im Raum standen dazu immer die vorgeschriebenen benötigten Semesterwochenstunden (SWS), die einen Mindestwert für die Lehrkapazität darstellen. Aktuell besitzt die verbleibende Professur um Oberländer 18 SWS. Damit könnte nur noch der Masterstudiengang, jedoch nicht ein Master- und Bachelorprogramm personell besetzt werden. Somit würde der Bachelor ohne weiteres wegfallen. 30 SWS seien für beide Studiengänge notwendig, geht aus einem Gutachten vom 6. Oktober 2017 hervor. Nach der Handreichung vom Institut der Japanologie wären zur Erreichung dieses Mindestwertes dafür lediglich die Mitarbeiter um die wegfallende Professur von Foljanty-Jost notwendig. Diese Lösung wäre zumindest ein Minimalziel, ein Kompromiss, den die Universität ernsthaft in Betracht ziehen sollte, hieß es auf der Handreichung.

In der Realität sah diese Rechnung jedoch ganz anders aus. Man käme maximal auf 26 SWS. »Es geht um personelle Entscheidungen, wir haben keine zusätzlichen Stellen. Darüber kann nur das Ministerium entscheiden«, ließ Studiendekan Das nochmals verlauten, »der letzte Termin ist heute!«, und verwies auf das andauernde Hin und Her der Konzeptvorlegung im Vorfeld für eine Neustrukturierung des Studiengangs.

Hilfe von außerhalb

Das Ringen um den Versuch, die fehlenden Stunden irgendwie durch neue oder bestehende Mitarbeiter zu erreichen, stand kurz vor seinem Abschluss. Eine letzte Möglichkeit war die Kooperation mit anderen Fakultäten oder Universitäten, um die fehlenden vier SWS ins Studienprogramm zu integrieren. Schließlich gehen alle kleinen Studiengänge in Sachen Lehre Kooperationen mit den Universitäten, wie zum Beispiel in Leipzig und Jena, ein. Oberländer beteuerte daraufhin: »In Leipzig habe ich angefragt, um die Stelle aufrecht erhalten zu können. Dort wurde der Vorschlag genauso abgelehnt wie innerhalb des Hauses dieser Universität.«

Der Ball wurde noch einige Male hin und her gespielt, bevor nach Lob für die Ausarbeitung des Konzeptes »Neues/modernes Japan« und Kritik an der Person Oberländer dem Antrag auf Beenden der Debatte zu diesem Thema mit elf Ja-Stimmen, neun Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen stattgegeben wurde. Ein Sprecher der LISTE fasste die teils absurde und aus seiner Sicht aussichtslose Situation vor der entscheidenden Abstimmung gekonnt zusammen: »Also eigentlich ist es ja egal, was wir heute abstimmen. Wir schicken den Schwarzen Peter einfach weiter.«

Die Aufhebung der Studienprogramme mit 60/90 LP im Bachelorstudiengang Japanologie wurde abschließend mit 13 Ja-Stimmen, vier Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen entschieden. Oberländer steht nun in der Pflicht, mit den bestehenden Stellen um seine Mitarbeiter ein neues Studienprogramm aufzubauen. Erneut hagelte es Kritik in seine Richtung. Prof. Dr. Petra Dobner bedauerte: »Es kann nicht sein, dass für vier SWS ein ganzer Bachelorstudiengang wegfällt!« Den bezeichnenden Schlusssatz zu diesem Thema richtete Studiendekan Das direkt an Oberländer: »Herr Oberländer, Sie haben mir geschrieben, ich habe Ihnen geantwortet, von Ihnen kam nichts zurück. Ich kann Ihnen nur anbieten, kommen Sie auf mich zu. Es ist nicht mehr viel Zeit, ich bin nur noch bis Sommer im Amt.«

»Rettet die Musik!«

Foto: Gregor Borkowski

Die auf die Fakultätsratssitzung folgende Senatssitzung am 24. Januar 2018 hatte in ihrer Tagesordnung einen ähnlich problematischen Punkt wie zuvor die Japanologie. Viele Studierende, Mitarbeiter und Angehörige demonstrierten vor dem Melanch­thonianum mit Reden und Liedern gegen eine mögliche Schließung der Bachelorstudiengänge für Musikschullehrer/innen. Mit gegebener Beschlussfähigkeit begann unter großem Aufkommen von Angehörigen der Instrumental- und Gesangspädagogik dann die Sitzung im Hallischen Saal.

Der siebte Tagesordnungspunkt sollte an diesem Nachmittag der wichtigste unter 20 weiteren sein. Dieser sieht laut Tischvorlage die Aufhebung der Immatrikulation der Bachelorstudiengänge Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) zum Wintersemester 2018/2019 vor. Grund dafür sind, wie zuletzt bei der Japanologie, die Folgen der Landesstrukturpolitik von 2004/2005, die klare Einsparungen im Personalbereich der Universität vorsehen.

Fest steht, dass die Einschreibung für den Bachelorstudiengang Gitarre, Klavier und Gesang im nächsten Wintersemester ausgesetzt werden soll. Die Lage ist insofern kritisch, da sich in Sachsen-Anhalt keine eigenständige Musikhochschule befindet, die diese Kürzungen auffangen könnte. Der Strukturplan steht auch hier seit 2004 fest, womit die Problematik seitdem auch bekannt ist. Der Dekan der Philosophischen Fakultät II Prof. Dr. Georg Maas versicherte mehrfach: »Die Musiklehrerausbildung wollen wir sichern. Es ist jedoch fatal, dass das Land nicht an Musikschulen denkt.« Jedoch sprechen auch die Zahlen der vergangenen Immatrikulationen im Fach für sich. So waren es beispielsweise für das Fach Gitarre: 0. Erneut versuchte Maas zu beruhigen: »Es liegt nicht an der Qualität, die Studierenden kommen nicht.«

Dabei stehen die Fächer insgesamt gut da. Allein 270 Studierende gibt es im Fach der Musikpädagogik, davon 36 im Bereich IGP. Das Fach Klavier hat den höchsten Bedarf an Studierenden, und dieser wird entsprechend wahrgenommen. Wie bei der Japanologie wird versichert: Wer jetzt studiert, soll sein Studium beenden können.

Aussetzung als Notlösung

Auch gibt es schon Pläne beziehungsweise Modelle, wie man den Bachelorstudiengang zukünftig neu gestalten könnte. Durch eine Kombination mit anderen, teils musikfremden Fächern, wie zum Beispiel BWL, aber auch mit Musikpsychologie, könnte der Bachelor so mit einer Doppelqualifikation abgeschlossen werden. Auch die Zusammenarbeit mit dem Fach Kirchenmusik stand im Raum. Viele der Beteiligten im Saal waren diesbezüglich unentschlossen und sahen im Falle einer Schließung den Wiederaufbau in Gefahr. Der Vorstand des Personalrates Bertolt Marquardt äußerte sich mehrfach kritisch zu der Situation: »Es wäre nicht schlimm, wenn wir hier nicht schließen. Eine Aussetzung halte ich für eine Notlösung. Aussetzungen haben immer Konsequenzen.«

Foto: Gregor Borkowski

Ähnlich wie bei der Japanologie geht es auch bei der IGP um Stellenstreichungen. Diese können dann schlicht nicht mehr besetzt werden, weil die Mittel dafür fehlen. Der Einsatz von Juniorprofessoren, der Tausch der Stellen mit anderen Fakultäten innerhalb und außerhalb der Universität sowie eine endgültige Schließung des Bachelorstudiengangs und der Aufbau eines Masterstudienganges wurden dann noch als Vorschläge in die Runde geworfen. Rektor Prof. Dr. Udo Sträter richtete sein Wort dann direkt an Dekan Maas: »Was mich beeindruckt hat, waren die Immatrikulationszahlen. Finden Sie das überzeugend? Ist das ein Studiengang, auf den die Welt gewartet hat? Die Fakultät muss diese Aussetzung als Chance wahrnehmen, um alles sehr viel attraktiver zu machen.«

Ein richtiges Konzept zur Neugestaltung lag zur Stunde der Sitzung nicht vor. »Die Bearbeitung schlug bisher fehl und war nicht möglich«, hieß es von einer studentischen Vertreterin der IGP.

Enttäuscht, aber zuversichtlich

Alles in allem ging es auch um eine Aussetzung, nicht um eine Schließung. Trotz der aussichtslosen Lage war die Stimmung positiv. Man wolle einen neuen Bachelorstudiengang ausarbeiten und zudem die Außenwirkung bewahren. Dekan Maas fasste die Situation schlussendlich gekonnt zusammen: »Sie verschaffen uns viel Arbeit, aber ich würde sie machen.«

In der geheimen Abstimmung zum Antrag der Philosophischen Fakultät II zur Aufhebung von Studienangeboten der IGP im Wintersemester 2018/19 stimmten zwölf Senatoren für und nur elf gegen die Aussetzung der Studiengänge. Es folgte ein weiterer Antrag auf Neukonzeption der Ausbildung für musikpädagogische Lehre für Musikschullehrer, der mit 18 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen klar angenommen wurde.

Auch die Angehörigen der IGP selbst waren trotz des enttäuschenden Ergebnisses zuversichtlich. Ihre Anstrengungen waren nicht umsonst. Der Senat konnte diese Entscheidung auch nicht leichtfertig treffen und scheint die Notwendigkeit der Erhaltung der musikalischen Ausbildung erkannt zu haben. Das spiegelt sich im Antrag für die Neukonzeption wieder. Die Lehrenden und Studierenden des Fachs sind nun in der Pflicht, hier neue Ansätze und Wege zu finden. Ein Konzept zur Erneuerung und Weiterführung des Bachelorstudiengangs muss erarbeitet werden. Angehörige der IGP forderten zudem, dass Politiker und Ministerium sich dieser Senatsentscheidung bewusst sein sollten und entsprechend handeln müssen. Allem voran müsse der Aufbau einer reinen Musikhochschule im Bundesland diskutiert werden. Nur so könnten weitere Kürzungen aufgefangen oder sogar abgewendet werden.

Der 2004 beschlossene Sparkurs geht indes weiter: Die Universität muss insgesamt 100 Mitarbeiterstellen streichen, und 20 davon sind bereits weg. Die Senatssitzung am 11. April 2018 wird in beiden Fällen Aufschluss darüber geben, wie weiter verfahren werden soll.

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Erstellt: 15.04. 2018 | Bearbeitet: 05.07. 2018 18:26