Jul 2018 hastuUNI Heft Nr. 79 1

Die Gesichter des Stura

Sie steigert den Altersdurchschnitt im Haus des Studierendenrates zwar enorm, ist aber dennoch oder gerade deshalb dessen Gedächtnis. Elke, die Büroleiterin und gute Seele des Hauses, spricht über das Leben mit und ohne Stura.

Foto: Jonas Leonhardt

Wer bist du?
Ich bin Elke Lopens und im Juni 1954 in Leipzig geboren. Meine Mutter studierte Lehramt für Grundschulen und mein Vater technisches Zeichnen. Wir sind dann in den Norden zu meinen Großeltern gezogen, an die Elbe, wo ich auch aufgewachsen bin.

Was hast du vor deiner Zeit im Stura gemacht?
Ich habe im Bezirk Schwerin bis zur 8. Klasse eine polytechnische Oberschule besucht und habe dann alles darangesetzt, um aus diesem Kaff wegzukommen. Ich wollte unbedingt auf eine erweiterte Oberschule, was heutzutage Gymnasium heißt. In Ludwigslust konnte ich dann mein Abitur machen, es war aber immer noch ein Kaff. Ich wollte also weiter weg und etwas mit Sprachen machen, also habe ich mich an der MLU auf einen Studienplatz Lehramt Germanistik und Kunst beworben. Ich wäre gerne noch ein bisschen weiter in den Süden gegangen, leider war aber dort die DDR zu Ende. 1977 hatte ich mein Diplom und bin dann als Forschungsstudentin an der Uni geblieben. Dort war auch ein Einsatz im Ausland geplant, als Sprachlehrerin, allerdings wurde dies von der Stasi nicht genehmigt. Wirklich Lehrerin wollte ich aber nicht werden, das hat mir mein Praktikum gezeigt. Ich kann sehr gut mit Leuten arbeiten, die Lust haben und zuhören wollen, aber ich hatte das Gefühl, ich konnte uninteressierte junge Leute für Dinge nur schwer begeistern. Im April 1982 wurde ich dann Abteilungsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit am Theater. Hier musste ich mir meine Aufgaben alle selbst aneignen, denn eine Ausbildung existierte dafür nicht.

Wie bist du denn zum Stura gekommen?
In Folge einer Zusammenführung der Theater in Halle musste ich im Jahre 2008 den Job wechseln. Ich hatte 30 Jahre im Theater gearbeitet und fiel dann in ein tiefes Loch. Ich dachte, ich kann nichts anderes. Dann sah ich die Stellenanzeige vom Stura. Wenn man am Theater arbeitet, muss man einen kleinen Knall haben, beim Stura ist das so ähnlich. Da dachte ich, das könnte passen. Im Januar 2010 wurde ich dann eingestellt.

Was sind deine Herausforderungen?
Jede Legislatur ist ganz kurz. Im Mai wird gewählt, und danach lässt die Motivation nach. Dann ist meine Aufgabe, am Laufen zu halten, dass der Stura funktionsfähig bleibt. Im Oktober sind die Neuen da und erfinden jedes Jahr das Rad neu. Das ist aber auch ihr gutes Recht, es dürfen auch jedes Jahr die gleichen Fehler gemacht werden, und ich bin da, um sie zu unterstützen. Ich versuche, den jungen Leuten den Schrott vom Hals zu halten, damit sie ihr Amt geräuschlos ausführen können. Ich sehe mich auch als Anlaufstelle und Verteilerzentrale und vermittle Anfragen an die richtigen Stellen.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Studierenden?
Am Anfang muss ich den neuen Leuten meine Existenzberechtigung immer nachweisen. Es geht mir manchmal auf die Nerven, dass ich jedes Jahr von vorn anfangen muss, aber das ist natürlich ihr Recht. Das Entscheidende ist, dass ich begriffen habe, dass die Universität ein Ausschnitt aus der Gesellschaft ist. Wenn gesellschaftliche Veränderungen stattfinden, dann merkt man das auch im Stura.

Wie ist es, die Studierenden nach einer Weile »ziehen zu lassen«?
Manche sind für mich wie Kinderchen, und jeder dieser Abschiede ist wie ein kleines Sterben. Aber ich weiß natürlich, dass hier alle Zugvögel sind, trotzdem kommt manchmal eine Träne. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein riesiger Stolz.

Wie hat sich der Stura verändert?
Im Moment ist eine Ruhephase. Wir haben 2010 angefangen, und dann ging es zwei Jahre später gleich mit den Protesten gegen die Bildungsreform in Sachsen-Anhalt los. In diesem Rahmen ist auch der Arbeitskreis Protest entstanden. Heutige Ausläufer davon sind die Proteste gegen die Schließung der Japanologie und der Musik- und Gesangspädagogik. Ohne den AK Protest wäre es damals aber nicht so glimpflich ausgegangen, denn der hat dafür gesorgt, dass sich alle Rektoren in Halle getroffen haben. Weiterhin sind wir mit dem Stura-Haus auch in einer besonderen Stellung; an dem hat sich auch viel verändert. Viele tote Räume wurden wieder nutzbar gemacht, auch ist die Anzahl der Arbeitskreise natürlich nach oben gegangen, und immer mehr suchen das Dach des Sturas, um Projekte zu verwirklichen. Auch sind die Beratungsangebote deutlich angewachsen, anfangs hatten wir nur eine Rechtsberatung.

Befürwortest du alle Entscheidungen des Sturas?
Natürlich nicht. Ich war es gewohnt, eine Abteilung zu leiten, und dass jeder in Besprechungen seine Meinung sagen konnte, aber zum Schluss war ich es gewohnt, dass ich eine Entscheidung treffe. Dann komme ich in den Stura, und es wird über kleine Entscheidungen stundenlang geredet. Ich hatte dann gehofft, es würde endlich jemand auf den Tisch hauen. Ich habe aber jetzt kapiert, dass das wichtig ist. Hier kannst du nämlich alles üben: Argumentieren, Gewinnen, Verlieren, und zwar in einem geschützten Raum. Ich habe natürlich eine persönliche Meinung und politische Haltung, die nicht immer mit den Beschlüssen des Stura übereinstimmt, versuche meine Meinung allerdings meistens zurückzuhalten und sage nur Dinge, die wirklich nötig sind. Der Stura hat nämlich kein Gedächtnis, das liegt aber an der Struktur, und dafür können die Leute nichts. Ich helfe dann zu erinnern.

Was erwiderst du der Kritik, die gegenüber dem Stura geäußert wird?
Zum einen gab es zu meiner Zeit keinen Studierendenrat, höchstens die FDJ, und ich bin froh, dass er existiert. Kritik kommt meistens von den Leuten, die sich selber nicht einbringen. Das ist sehr schade. Bevor Dinge in sozialen Medien verbreitet werden, würde ich mich freuen, wenn sich die jungen Leute auch erst mal schlau machen.

Willst du mit der Rente den Stura verlassen?
Ich habe schon darüber nachgedacht, da die Zeit endlich ist. Die turnusmäßige Altersrente würde bei mir im März 2020 passieren. Für euch ist das viel, für mich ist das wenig Zeit. Grundvoraussetzung für den Job ist: Dass ich die Treppe hochkomme und dass mein Kopf fit bleibt, sodass ich die Erwartungen erfüllen kann.

Hält deine Arbeit jung?
Unbedingt. Ich hatte damals nicht so viele Möglichkeiten gehabt, ich war 55. Ich hätte bestimmt etwas gefunden, aber nicht unbedingt etwas, das mir so viel Spaß macht. Es war immer eine Her­ausforderung, aber die hält unglaublich jung.

Möchtest du unseren Lesern noch etwas mitteilen?
Ich habe ein Studium gehabt, in der ich eine loyale Universität kennengelernt habe in einer Zeit, die nicht loyal war, und habe das sehr genossen. Ich habe viel lernen können, und dafür bin ich unendlich dankbar. Alle sollten diese Zeit nutzen und alles rausholen, was irgendwie geht. Auch alles, was herumwächst, mit abpflücken. Auch ein Stück genießen, denn diese Zeit wird eine bestimmte Rolle im Leben einnehmen und garantiert nicht zurückkommen.

Über Jonas Leonhardt

Jonas Leonhardt
Mensch, welcher lernt.

Erstellt: 03.07. 2018 | Bearbeitet: 03.07. 2018 18:19