Mai 2018 hastuUNI Online 1

Die Bürde der Demokratie

Jedes Jahr wieder stehen sie an und sind dabei ähnlich beliebt wie der Besuch beim Zahnarzt – die Hochschulwahlen. Man weiß, sie sind da, aber verdrängt sie lieber. Dabei wissen wir doch alle von klein auf: regelmäßige Zahnarztbesuche erhalten die Gesundheit. Ein Plädoyer für die Hochschulwahl.

Illustration: Eva Feuchter

Ich habe die Wahl. Nicht nur zwischen vegetarisch oder mit Fleisch in der Mensa, zwischen dem früheren oder dem späteren Seminar, zwischen Unisport oder Unichor – nein, ich habe die Wahl zwischen sechs Hochschulgruppen und diversen unabhängigen Wahlvorschlägen. Am 16. Mai werde ich, genau wie letztes Jahr, in den Aufenthaltsraum am Steintor gehen und meinen Studierendenausweis vorzeigen. Ich muss mich hoffentlich anstellen, für mich ein gutes Zeichen. In der improvisierten Wahlkabine werde ich die bunten, überdimensionierten Zettel auseinanderfalten und dann mit dem Kuli ein Kreuz nach dem anderen setzen. Bestimmt habe ich auch in diesem Jahr nicht zu jedem Namen ein Gesicht oder eine politische Gesinnung vor Augen, die spezifischer ist als der Name der Hochschulgruppe und ihr Anliegen selbst. Aber ich werde zumindest dabei sein; ich werde gewählt haben und damit ein Stück Verantwortung dafür tragen, wer ab Oktober dieses Jahres im Stura sitzen wird beziehungsweise wer nicht. Natürlich, auch die Studierenden, die nicht ihr Kreuzchen setzen, tragen dazu bei. Zumindest werde ich das Gefühl haben, aktiv über die Zusammensetzung unserer neuen Studierendenvertretung mitbestimmt zu haben, statt passiv ein Gremium vor die Nase gesetzt zu bekommen. Sich in letzterem Falle dann über Tierpatenschaften, vegane Kondome oder squatty pottys aufzuregen, erscheint mir leicht – aber entbehrt in meinen Augen einer gewissen Grundlage. Nämlich der eines Kreuzes auf dem Wahlzettel.

Und überhaupt: Seit wann sind Wahlen denn selbstverständlich? Fragt mal Eure Eltern und Großeltern, liebe Ossis. Und auch heute, der Mauerfall liegt schon bald drei Jahrzehnte zurück, findet man in Studien der letzten Jahre die Aussage, Westeuropa sei die einzige Region auf der ganzen Welt, in der kein Staat unfrei ist. Dieses Merkmal definiert sich unter anderem über das Recht, in freien Wahlen wählen zu können. Wenn ich solche Berichte lese, erscheint es mir nicht als lästige Zeitverschwendung, sondern als ein großes Privileg, meine Zeit in Wahlkabinen verbringen zu dürfen.

Ein kleines Gedankenexperiment: Würde man die Regel einführen, dass sich nur die Menschen über den Stura aufregen dürften, die ihn auch gewählt haben – was würde geschehen? 75,74 Prozent aller wahlberechtigten Studierenden müssten schweigen. So hoch war nämlich die Nichtbeteiligung an der Hochschulwahl im letzten Jahr. Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein; bei einigen ist es wohl schlicht und einfach Desinteresse oder Bequemlichkeit. Andere hingegen können sich nicht genug mit den Anliegen der Hochschulgruppen identifizieren oder fühlen sich nicht ausreichend über diese sowie die Arbeit des Stura informiert, um qualifiziert eine Entscheidung treffen zu können. Ein weiterer häufig genannter Kritikpunkt ist die Überforderung angesichts all der vielen Namen in der Hochschulpolitik; von den meisten hört man in der Wahlkabine zum ersten Mal.

Über Politik auf Bundesebene kann man sich des Weiteren scheinbar viel einfacher austauschen. Der Söder, klar, der mit seinen Kreuzen – der hat halt Angst vor Vampiren! Ach, und Mutti Merkel, war die doch neulich beim Trump, naja. Aber was ist mit der Politik, die direkt von und für uns gemacht wird? In meinen Augen ist es gerade diese Form der Gestaltung, die uns Studierenden besonders am Herzen liegen sollte. Denn wer schon mal bei einer Stura-Sitzung dabei war, der erlebt so einiges: Parteispitzen-Turteltäubchen, Labertaschen ohne Rücksicht auf die Beschränkung der Redezeit, Döner und Fußball gleichzeitig konsumierende Debattiermeister.

Man erlebt Sitzungen, die vor Ort aufgrund der zu geringen Mitgliederanzahl im Raum und den zu großen Nachts-Im-Freibad-Verlockungen außerhalb abgesagt werden. Dann wiederum gibt es die Sitzungen, die bis spät in die Nacht gehen; Früher war es keine Seltenheit, bis um zwei oder drei Uhr morgens zu debattieren. Mit einem Mal stehen persönliche Überzeugungen über der Hochschulgruppierung; ist jeder der Meinung, das Problem erkannt und die Lösung gefunden zu haben, findet sich für jedes Pro- genauso schnell ein Kontraargument.

Illustration: Eva Feuchter

Offensichtlich ist es also nicht allen Beteiligten egal, welche Ergebnisse am Ende aller Diskussionen stehen. Es mag sein; für manch ein Stura-Mitglied sind die Resultate solcher Abende vielleicht nicht so wichtig wie die Vergünstigung des Langzeitstudiums oder das Sahnehäubchen im Lebenslauf. Aber wer jeden zweiten Montag ab 19 Uhr trotz Uni und Privatleben in der stickigen Burse zur Tulpe Platz nimmt, dem kann es nicht völlig gleichgültig sein, ob wir mehr oder weniger Geld für Hochschulsport ausgeben, auf wie vielen Partys wir die Erstsemester empfangen oder mit welchen Aktionen sich die Vertretung der gesamten Studierendenschaft gegen rechtes Gedankengut wendet. Und solche Menschen verdienen vor allem eines: unsere Stimme. Denn diejenigen, die ab diesem Oktober entscheiden, was mit den 13,95€ Studierendenschaftsbeitrag (ab Wintersemester 2018/19) von etwa 19.500 Studierenden geschieht, sollten in meinen Augen dementsprechend legitimiert sein.

Vielleicht sollte man es wie im Jahre 1966 an der Uni Köln machen – dort wurde unter den Wählern ein brandneuer rubinroter VW Käfer verlost. Das Resultat: 62 Prozent nahmen den Weg zur Wahlurne auf sich. Zugegeben, der ermäßigte Eintritt für alle Wählerinnen und Wähler bei der Wahlparty zur Verkündung der Ergebnisse in der Drushba, sieht im Vergleich dazu etwas mau aus. Lohnt sich aber dennoch; bei keiner anderen Gelegenheit kann man Tukanen, wenn auch nur aus Plüsch, für gerade mal 1€ so nah kommen.

»Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen«, sagte mal der irische Politiker und Satiriker George Bernard Shaw.

Und was verdienen wir?

Über Sophie Ritter

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Erstellt: 08.05. 2018 | Bearbeitet: 14.05. 2018 00:36