Mai 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 78 0

Den Füßen folgen

Stress und Trott bestimmen oft unseren Alltag. Die Wege, die man Tag für Tag zurücklegt, sind fast immer die gleichen. Wer mal frei hat, fährt meist weg – in der Regel so weit, wie Zeit und Geld es zulassen. Dabei verpasst man so viel in der eigenen Stadt.

Foto: Alexander Kullick

Dieser Artikel wird nicht mit bahnbrechenden Erkenntnissen aufwarten. Doch wird er auf etwas hinweisen, das von den meisten Menschen schlichtweg ignoriert wird: die Schönheit des Banalen, der Reiz des Alltäglichen. Die meisten Leute, die in Halle wohnen, werden sich darauf einigen können, dass die Saalestadt schön ist – aber worauf beziehen sie sich? Auf das Paulusviertel? Auf den Marktplatz? Auf die Raben- oder die Peißnitzinsel? Ohne Frage, die genannten Orte verdienen es alle für sich, als »Sehenswürdigkeit« Halles aufgeführt zu werden. Doch bilden sie nur einen mikroskopisch kleinen Teil von der Schönheit ab, die Halle insgesamt zu bieten hat.

Die Mehrzahl der Besucher, wie auch ein nicht zu unterschätzender Teil der Einwohner, wird es nicht schaffen, in jede schöne Ecke, in jeden pittoresken Winkel der Stadt einzutauchen. Das mag plausible Gründe haben. Die Zeit ist stets knapp, das vollständige Erkunden selbst einer vergleichsweise dörflichen Großstadt wie Halle würde Wochen verschlingen. Doch hauptsächlich scheitert es wohl am Desinteresse und an der fehlenden Bereitschaft, sich auf eine neue Perspektive einzulassen. Dabei kann es so leicht sein – einfach mal aus der Tür treten und der eigenen Neugier folgen, dabei aber darauf achten, bekannte Wege zu verlassen. Es reicht schon, auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit mal eine der Parallelstraßen zu nehmen, von denen man sonst nichts außer dem Straßenschild sieht.

Foto: Alexander Kullick

An dieser Stelle sei noch ausdrücklich erwähnt, dass man dies am besten zu Fuß tut. Man kann anhalten, wo man will, gelangt in Gassen, durch die selbst ein Fahrrad nicht immer passt. Nicht zuletzt bekommt man so ein gutes Gefühl für die Größe einer Stadt. Diese Praxis lässt sich auch vorzüglich beim Besuch fremder Städte anwenden. Während wohl die meisten Touristen von einem vermeintlichen Highlight zum nächsten hetzen und ihren Aufenthalt in der Destination ganz darauf ausrichten, möglichst viel »mitzunehmen«, wie es dann so gerne heißt, machen besonders Entschlossene es ganz anders: Sie achten darauf, Sehenswürdigkeiten komplett wegzulassen.

Derart auf die Spitze treiben muss man diesen Gedanken vielleicht nicht. Einer gewissen Popularität scheint sich diese konträre Art des Reisens aber durchaus zu erfreuen; so erschien vor einigen Jahren ein Buch, welches sich »Reiseführer des Zufalls« nennt und die Leserschaft am Zielort per Zufallsauswahl zum Beispiel nach dem hässlichsten Souvenir der Stadt suchen lässt. Das kann man merkwürdig finden; doch hat dieses Prinzip den unschlagbaren Vorteil, dass seine Natur darin besteht, für oft unerwartete und überraschende Entdeckungen zu sorgen, für all die oft zwischenmenschlichen, bereichernden Momente, die dem konventionellen Touristen durch sein striktes An-den-Plan-halten vorenthalten bleiben. Die Essenz besteht aber darin, dies nicht nur als »Anleitung« für Reisende zu begreifen, sondern sich auch als Bewohner einer Stadt mal daran zu versuchen.

Aber beenden wir diesen kleinen touristischen Exkurs und widmen uns wieder unserer Saalestadt. Es wird sich wohl kaum eine Stadt finden, die für die Anwendung dieses Prinzips besser geeignet wäre als Halle. Das liegt zum einen an der nun mal recht überschaubaren räumlichen Ausdehnung. Wer eine halbe Stunde im normalen Tempo in ein und dieselbe Richtung geht, wird bereits einen gar nicht mal so kleinen Teil der Stadt durchschritten haben. Doch kommt Halle (wie den meisten Städten) auch zugute, dass es viel zu bieten hat, ganz gleich, wohin man geht.

Foto: Alexander Kullick

Statt der Formulierung »viel zu bieten« könnte hier auch das leider oft falsch gedeutete »interessant« stehen. Denn sind wir mal ehrlich: Wenn ein Essen als interessant bezeichnet wird, dann war es miserabel. Wenn ein Date interessant lief, dann wird darauf wohl kein zweites folgen. Doch sollte man dieses Schema nicht auf eine Stadt projizieren, auf Halle schon gar nicht. »Interessant« kann hier auch ein verfallenes Haus sein, der Gedanke an die Geschichten seiner früheren Bewohner etwa. So etwas würde zwar eher keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Doch darum soll es auch nicht primär gehen. Im Vordergrund sollte stehen, wieder mehr ein Gefühl für die eigene Stadt zu bekommen. Oft muss man nur ein paar Minuten lang dem Voranschreiten der eigenen Füße folgen, um an einen Ort zu gelangen, von dem man nicht wüsste, wo er ist – wenn man nicht selbst gerade dorthin gegangen wäre.

Ziellos umherzuschlendern gehört zu den schönsten Dingen, die man an einem freien Tag unternehmen kann. An nahezu jeder Ecke finden sich kunstvoll verzierte Hausfassaden; an dieser Stelle sei ausdrücklich den Architekten der Gründerzeit gedankt. Man muss nur den Kopf etwas heben und drehen, weg vom Smartphone, hin zu den Kunstwerken des Alltags. Die Gebäude, in denen wir selbstverständlich leben, sie in ihrer oft detailverliebten Optik aber nicht richtig kennen, sind nur eines von zahlreichen Beispielen für die Schönheiten, die wir Tag für Tag achtlos links und rechts des Weges liegen lassen. Auch sich so markant voneinander unterscheidende Objekte wie Bäume oder Street-Art sind oft mehr als einen flüchtigen Blick wert. Wenn man bereit ist, sich auf sie einzulassen.

Hin und wieder liest man, es gelte, »die wahre Seele einer Stadt« zu ergründen. Dies stellt fraglos ein hehres Unterfangen dar. Wer sich daran versuchen möchte, muss gleichwohl nicht viel tun. Genügen würde es schon, auch einmal nach oben zu schauen und das Schritttempo zu verringern. Der Rest kommt von alleine.

Foto: Alexander Kullick

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 28.05. 2018 16:30