Jan 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 76 0

Das Wort zum Wort

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation zwischen und mit Menschen. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie etwas bewegen. Diesmal geht es um schlechte Organisation im Smartphone sowie deren Folgen für die eigene Privatsphäre und die Nerven der Mitmenschen.

Illustarion: Sophie Ritter

»If this is communication, I«ll discon- nect«, schlussfolgerten die Cardigans in einem Liebeslied von 2003. Fernab jeglicher Romantik wünsche auch ich mir immer öfter eine Möglichkeit zur Disconnection, mal für mich selbst, meist aber für andere.

Dass man sich mit seinem Handy selbst im Weg stehen kann, ist das Eine. Dass man vielleicht auch mal total in das Gerät und seine Inhalte vertieft anderen im Weg steht, ist schon etwas anderes. Aber auch damit ist es mittlerweile oft nicht mehr getan. Der multifunktionale Charakter der Smartphones führt nunmehr gerne auch zu Verzögerungen in größeren Betriebsabläufen. Denn während das mobile Wunderwerk zahllose Aufgaben zeitgleich erfüllen kann, ist dies nicht bei jedem Benutzer der Fall.

Wenig Netz

»Kannst du mich hören? Hallo? Hallloo- ooo? Ja, ich bin im Zug. Haha, ja, voll das schlechte Netz. Hallo? Hallllooooo?« Eigentlich hatte ich in der Bahn schlafen wollen, aber da hab ich die Rech- nung ganz eindeutig ohne die Jugendliche mit der großen pinken Tasche und dem farblich abgestimmten Smartphone in der Reihe hinter mir gemacht. (Von dieser perfekten Abstimmung hat sie ihrer Gesprächspartnerin ausführlich berichtet, um ihr jetzt noch ein Bild zu schicken, das aber gerade nicht über- tragen werden kann.) Als wir endlich wieder stabileres Netz haben, erfahre ich gleich noch, dass eine Bekannte von ihr schwanger ist, weil sie dachte, Alkoholkonsum sei auch eine Verhütungsmöglichkeit. Aha.

Irgendwann kommt der Schaffner; ich nutze ganz altmodisch eine Papierfahrkarte vom Ticketautomaten, die ich auch schnell parat habe, nebst meiner Bahncard und meinem Ausweis. Nicht so die junge Dame hinter mir: Der Schaffner wartet. »Duuuu, Chantal, ich muss ma mein Ticket zeigen. Ja, das ist auf dem Handy, haha. Warte ma, ich mach dich kurz laut.« Der Schaffner zieht die Augenbrauen hoch und ist eindeutig schon etwas genervt, als sie beginnt, die Fahrkarte zu suchen, die sie irgendwann vor 3962 Fotos, 207 Videos, 183 Liedern und 55 anderen Dokumenten auf ihrem mobilen Kommunikations- und Allzweckgerät gespeichert hat. Ich blicke auf meine Uhr; bei mir hat die Kontrolle knapp zwanzig Sekunden gedauert; seitdem sind jetzt vier Minuten verstrichen. Zumindest ihre Fahrkarte hat sie nun gefunden. Aber leider war es das noch nicht. Der Schaffner will ihren Ausweis sehen. »Chantal, bleib ma dran, ich muss noch mein« Persi zeigen. Haha, ja, keine Ahnung, der ist wieder ganz unten in meiner Tasche, haha.« Schön, dass sie so viel Spaß bei dem Telefonat hat; und auch Chantal gönne ich diese Unterhaltung von Herzen – aber muss das gerade hier und jetzt sein? Der Mann gegenüber hat die Musik, die aus seinen Kopfhörern schallt, mittlerweile auch lauter gestellt.

Meine Hoffnung, dass sich der Akku doch bald mal dem Ende neigen müsse, wird einige Minuten später zunichte gemacht. »Chantal, ich mach dich nochma laut, erzähl ma kurz nix Peinliches, haha. Ich muss kurz mein Kabel raussuchen, der Akku kackt ab.« Wenn ich jetzt schnell bin, kann ich ihr die Steckdose wegschnappen. Dann müsste sie sich zumindest umsetzen. Leider bin ich noch am Überlegen, ob ich all meine Höflichkeit und Nettigkeit über Bord werfen soll, als sie ihr heiliges Kabel findet.

Wenig Zeit

Bei all meinem Ärger in dieser Situation ermahne ich mich aber, nicht zu vergessen, dass dieses Phänomen nicht nur in der Generation zu finden ist, die von Anfang an mit den digitalen Medien aufwächst. Ganz vorn dabei sind höchst wichtige Geschäftsleute, die sich nachdrücklich und gern lautstark über Flugverspätungen aufregen – und diese dann begünstigen, indem sie mit ihrer Bordkarte alias ihrem Handy am Ohr zum Gate kommen und dann erst mal den aktuellen »Mobile boarding pass«, wie es so schön neudeutsch heißt, suchen müssen. Bei Vielfliegern kann das schon mal dauern. Ähnlich wie in der Bahn kommt dann der Hinweis an den Gesprächspartner: »Bleib mal kurz dran, ich bin am Gate.« Handy weg vom Ohr, das überdimensionierte Handgepäck abgestellt, kurzes Suchen auf dem kleinen Bildschirm. Der erstbeste Boarding-Pass wird gescannt, es gibt Fehlalarm; das Gate-Personal weist

darauf hin, dass es wohl der falsche war, und wird mit einem »Kann nicht sein!« bedacht. Die nächsten Passagiere drängeln sich vorbei und scannen ihre Bord- karten. Irgendwann hat auch der wichtige Gast seine Bordkarte lokalisiert, um als letzter ins Flugzeug einzusteigen. Der Mensch, der am anderen Ende der Leitung minutenlang gewartet hat, wird jetzt – sofern er sich nicht inzwischen für die Option Disconnect entschieden hat – noch kurz informiert, dass das Telefonat dann bitte nach der Landung am Zielflughafen weitergeführt werden müsse.

Sicher haben digitale Lösungen auch Vorteile; die Umwelt dankt es uns, wenn nicht jede Kleinigkeit gedruckt wird, und in der Summe freut sich auch der menschliche Körper über jeden Papierstapel, den er nicht tragen muss. Aber: Die Menschen, die diese Lösungen nutzen, sollen dann doch bitte auch dafür sorgen, dass sie diese parat haben. Das kann im digitalen Zeitalter, in dem man sein akustisches Telekommunikationsgerät nicht mal mehr am Ohr haben muss, um zu telefonieren, doch wirklich nicht so schwer sein. Aber so lange es daran scheitert, bleibt in mir der Wunsch nach gelegentlicher Disconnection.

Illustration: Gregor Borkowski

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 28.01. 2018 | Bearbeitet: 28.01. 2018 16:19