Jan 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 76 0

Da steppt der Faden

Zu Hause schaltet man den Fernseher oder den Computer ein. Man sucht Ablenkung mit seinem Smartphone oder Handy. Diese Art des Zeitvertreibs sieht man mittlerweile vermehrt auch in den Hörsälen. Man blickt durch die Reihen und erwischt nicht nur sich dabei, wie man auf irgendein Display starrt. Doch mittlerweile nimmt man auch Studenten wahr, die eine andere Lösung gefunden haben.

Foto: Helena Heimbürge

Was früher als fast selbstverständlich galt, ist heute kaum noch eine übliche Beschäftigung. Doch der Zweig der Handarbeit scheint sich in letzter Zeit wieder an einem aufsteigenden Ast zu befinden. Der Trend begann schon vor einigen Jahren und hatte 2015 und 2016 seine Hochzeit. In diesen Jahren stieg nicht nur die Zahl der Menschen an, die Handarbeit als Hobby betrieben. Ebenso erlangten Projekte wie das Guerilla Knitting oder auch Urban Knitting großen medialen Zuspruch. Das Guerilla Knitting etablierte sich als eine Form der Streetart bereits ab 2010 in Deutschland. Seinen Anfang nahm dieses Phänomen aber 2005 in den USA, in Form von selbstgestrickten Accessoires, mit denen Türklinken verschönert wurden.

In den Medien wurde im Zusammenhang mit dem sich erhebenden Trend oft darüber berichtet, dass jetzt auch zunehmend junge Menschen Handarbeit ausüben. Dabei können die Quellen, aus denen sie ihr Wissen zum Thema beziehen, verschieden sein. In Zeiten von YouTube-Tutorials und DIY-Büchern bieten diese einen leichten Weg, sich Stricken, Häkeln oder jegliche andere Art von Handarbeit autodidaktisch beizubringen. Ebenso beliebt ist die Möglichkeit, sich die handwerklichen Tricks und Kniffe von Oma zeigen zu lassen.

Zu Omas Zeiten

Handarbeit war zur Zeit meiner Oma, also in den 1940ern, ein Schulfach, in welchem nur Mädchen unterrichtet wurden. Die Grundlagen der Handarbeit wurden ihr aber von ihrer Mutter gezeigt, als sie acht Jahre alt war. Stricken, Häkeln, Sticken und Nähen. Später arbeitete sie als Näherin. Auf meine Frage, ob sie das alles gelernt habe, weil es eine Pflicht war, sagte sie: »Nein, ich hab Interesse gehabt, und es hat mir eben Freude gemacht, das zu machen«. Das sei überhaupt das Allerwichtigste. Fehlte das Interesse, dann komme man auch nicht weit. Damals waren die Gegebenheiten noch ganz anders. Man kaufte sich Zeitschriften mit den neusten Strickmustern und Schnitten, und seine Utensilien bekam man nur in Handarbeitsläden, die man heute wieder vermehrt im Stadtbild finden kann.

Katharina ist 21 Jahre alt und studiert Medizin in Leipzig. Seit Kurzem strickt auch sie in der Vorlesung. Sie dachte zuerst, das wäre eine zu große Ablenkung, merkte aber schnell, dass man dadurch sogar mehr von den Inhalten behalten konnte. »Ich stricke ja, dann kann ich nichts aufschreiben, und dann denk ich mir: Das musst du dir merken«, sagte sie lachend. »Und dann merk ich es mir wirklich.«

Mit acht Jahren lernte sie von ihrer Oma, wie man strickt. »Dann hab ich es immer wieder verlernt, und dann hat sie es mir immer wieder gezeigt.« Aber nach der Fertigstellung ihres ersten eigenen Stückes hat sie einfach immer weiter gemacht. Im Laufe der Zeit konnte sie sich mithilfe von Strick-Büchern auch einige neue Dinge beibringen.

Katharina strickt in den unterschiedlichsten Situationen, in gemütlichen Runden mit Freunden, aber auch im Zug, auf Reisen oder zu Hause bei ihren Eltern. »Ich kann beim Stricken nebenbei ganz viel machen, zuhören oder erzählen.« Es begeistere sie einfach, weil man sehe, wie etwas entsteht, woran man selbst beteiligt ist.

Bei all dem Positiven bilden die Kosten eine negative Seite dieses Hobbys. Im Internet kosten die Utensilien zwar weniger, aber wenn man diesen Weg nicht nutzen kann oder möchte, dann haben gute Wolle oder guter Stoff schon ihren Preis. Der Trend, dass die jüngeren Generationen sich jetzt in Handarbeit versuchen und diese als Hobby ausüben, findet sie gut, sonst gingen diese verloren, wie andere handwerkliche und vermeintlich ältliche Traditionen, zum Beispiel der Sonntagsbraten.

Foto: Helena Heimbürge

Der Trend macht den Beruf

Eines der ersten Dinge, die mir meine Oma in Sachen Handarbeit beigebracht hatte, war der Umgang mit der Nähmaschine. Leider haben bei mir nie die Begeisterung und das Interesse ausgereicht, um es weiterzuführen. Ganz anders ging es Grit Weigmann.

Im Jahr 2005 eröffnete sie ihr eigenes Geschäft »Patch & Work« in Halle, ein Ladengeschäft für Stoffe, Nähmaschinen und anderes Zubehör. Die Wände des Ladens sind mit hohen Schränken bestückt, in denen sich Stoffe aller Art, Farbe und Musterung finden lassen. Mit der Eröffnung des Ladens machte sie ihr Hobby zum Beruf.

Alles begann mit einer Auszeit, die sie damals auf Grund der Geburt ihrer Kinder einlegte. Weigmann überlegte, wie es danach für sie weitergehen sollte. Sie hatte einen Beruf gelernt und ebenso ein Studium angefangen, aber in dieser Auszeit war ihr eine andere Idee für ihre Zukunft gekommen. Sie nähte schon immer gerne. »Das war wirklich mein ganz eigenes Ding«, so die Ladenbesitzerin. Auch während der Elternzeit habe sie »nebenbei immer genäht«, das war ihr Lebenselixier. Mit dieser Leidenschaft und der Feststellung, dass Halle einiges zu bieten hatte, außer wirklich schönen Stoffläden, entwickelte sie die Idee, dass so ein Geschäft doch vielleicht etwas für sie wäre. Gesagt, getan.

Leider erwies es sich als ein langwieriger Prozess, den Handarbeitsladen auf einen profitablen Weg zu bringen. Doch dann kam »der Boom«, wie sie es nennt. Dieser Trend, wieder mit Handarbeit seine Zeit zu verbringen, führte dazu, dass der kleine Laden bald aus alle Nähten platzte und in eine neue Räumlichkeit umziehen musste. »Ich hab immer gesagt: das ist jetzt auch ein bisschen der Lohn der Arbeit vorher«, reflektiert sie heute.

»Ach, das hast du selber gemacht?«

Heute besuchen Menschen aller Alters- und Erfahrungsklassen, Frauen wie auch Männer, ihren Laden. Neben ihrem Sortiment bietet Grit Weigmann auch verschiedene Nähkurse an. Diese gehören einfach dazu, findet sie. Unter anderem gibt es auch Kinderkurse. Mädchen und Jungen ab sieben Jahren lernen dort in kleinen Gruppen den Umgang mit der Nähmaschine und können einen »Nähmaschinenführerschein« machen. Die Nachfrage war gegeben. So auch in ihrer eigenen Familie.

Ihre Tochter Anna arbeitet neben dem Studium ein paar Mal die Woche im Laden. Auch sie näht in ihrer Freizeit. Vor allem Kosmetiktaschen, die auch im Laden verkauft werden. Als Kind hatte sie wenig Affinität zur Handarbeit und entdeckte diese erst 2012 als Hobby für sich. Seitdem blieb sie dabei und findet darin, aber vor allem in der Arbeit im Laden, einen guten Ausgleich zu ihrem theorielastigen Studium.

Grit Weigmann selbst näht immer noch leidenschaftlich gern in ihrer Freizeit. Im Laden käme sie nicht wirklich dazu, sie bräuchte dafür Ruhe. Um neue Ideen zu entwickeln und kreativ zu werden, sagt sie, muss sie sich einschließen.

Dass Handarbeit jetzt von der jüngeren Generation für sich entdeckt und wieder mehr selber gemacht wird, findet sie super. »Ich denke, dass das auch irgendwie zum Menschen dazugehört, irgendwas zu schaffen und ich glaube, daran erklärt sich auch irgendwie der Boom.« Aus diesem Grund, glaubt Weigmann, seien die Menschen dabei auch so glücklich. Weil sie nach einem möglicherweise stressigen und computerlastigen Arbeitstag mit Hilfe der Handarbeit ein Ergebnis in den Händen halten können, welches nach ihren eigenen Vorstellungen entstanden ist.

Die Frage »Ach, das hast du selber gemacht?« wird jetzt mit ganz anderer Betonung geäußert, sie hat sozusagen in den vergangenen Jahren eine Wertsteigerung erfahren.

Aber nicht nur die Frage vollzieht diesen Wandel, sondern auch die selbstgemachten Ergebnisse, die ihren Ruf der ungewollten, kratzigen Weihnachtgeschenke abgeworfen und den Charakter des Kultigen gewonnen haben.

  • Wer diesem Trend selbst auf den Grund gehen möchte, der findet beim Studentenwerk Halle verschiedene kreative Kursangebote, die jedes Semester neu angeboten werden.

Über Helena Heimbürge

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Erstellt: 28.01. 2018 | Bearbeitet: 28.01. 2018 16:06