Mai 2018 hastuPAUSE Heft Nr. 78 0

Ballett – nein, danke?

Seit Jahren altert das Publikum in diversen Kulturbereichen – in Museen, Theater- und Opernhäusern bleiben immer häufiger die jungen Zuschauer aus. Mit dieser Problematik kämpft auch das von Ralf Rossa geleitete Ballett-Ensemble in Halle. Auf der Suche nach den Ursachen hat die hastuzeit mit dem stellvertretenden Ballettdirektor Michal Sedláček und dem vermissten Publikum gesprochen: mit Euch!

Foto: Anna Kolata/ Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Es ist Samstagabend. Die heutige Vorstellung von »Groovin« Bodies« ist nahezu ausverkauft, und das Haus voll. Im Foyer wird vereinzelt noch das Programmheft studiert, an der Garderobenabgabe gewartet oder ein letzter Drink genommen. Doch anstelle der erwarteten Ansammlung von älteren Herrschaften wimmelt es nur so von Turnschuhen, Stoffbeuteln und Club-Mate. Natürlich entdeckt man hier und da zurecht gemachte ältere Damen, Ehepaare und Familien mit Kindern, doch die Mehrzahl der Besucher sind junge Paare und vor allem kleinere und größere Freundesgruppen, die sich auf die bald beginnende Inszenierung einstimmen.

Auf der Bühne entfachen Tänzer und Perkussionisten ein Feuerwerk aus lebendigem Tanz und rhythmischer Musik, das die Zuschauer beschwingt nach Hause gehen lässt. Eins bleibt jedoch im Gedächtnis: Die Verteilung von Jung und Alt. Aber ist es tatsächlich ungewöhnlich, im Ballett auf Gleichaltrige zu treffen? Und wenn ja, woran liegt das?

Fehlender Besuchernachwuchs

Längst ist das alternde Publikum in vielen Kulturinstitutionen kein Einzelfall mehr und beschäftigt deshalb Intendanten, Kulturmanager und Forscher im ganzen Land. 2010 konnte das Marktforschungsinstitut »markt.forschung.kultur« nachweisen, dass in den vorangegangenen 20 Jahren das Alter der Besucher um 11 Jahre, das der deutschen Gesamtbevölkerung aber nur um circa 3,4 Jahre gestiegen ist. Selbst in jungen urbanen Ballungsgebieten wie Köln verschob sich die Generationsverteilung der Operngäste um 17 Jahre. Als Gründe nennen die Bremer Forscher unter anderem die steigende Vielfalt der Freizeitmöglichkeiten sowie die fehlende Anpassung der Themen an verschiedene Bedürfnisse und Altersklassen. Ein grundsätzliches Problem, das verhindert, junge Menschen anzulocken, bildet zudem die Informationsbeschaffung. Musicalveranstalter setzen zu Werbezwecken verstärkt auf das Internet und soziale Netzwerke, um »Digital Natives« zu erreichen, und der Erfolg scheint dieser Strategie Recht zu geben. Musicals erfreuen sich nämlich nicht nur einer ausgeglichenen Altersstruktur, sondern auch einer wachsenden Besucherzahl. Die Studie verneint jedoch klar, dass das veraltete Image von Theater, Oper und Co. verantwortlich für die sinkende Nachfrage ist und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse der Jugend nach Spontaneität, Geselligkeit und Unterhaltung.

Foto: Anja Thomas

In Halle trafen sich am 24. April Experten aus Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um im Rahmen der »Deutschen Orchesterkonferenz« über Musikvermittlung für die ganz Kleinen sowie Qualitätsmanagement für Orchester, Rundfunk und Konzerthäuser zu beraten. In den letzten Jahren wurde zwar viel dafür getan, Kinder und Jugendliche an klassische Musik heranzuführen, doch das diesjährige Motto »Da geht noch was!« verdeutlicht, dass noch längst nicht alles Potenzial ausgeschöpft ist. Handlungsbedarf schafft neuerdings vor allem die Erkenntnis, dass der Musikgeschmack von Heranwachsenden bis zum sechsten Lebensjahr grundsätzlich geprägt wird und kurze Zeit später, mit dem Eintritt in die Pubertät, komplett manifestiert ist. Kommende Generationen sollen also durch Eltern, Kindergärten und Schulen noch zeitiger mit klassischer Musik in Berührung kommen, um Desinteresse von vorneherein entgegenzuwirken.

»Fabrik für Kunst und Kultur«

Zahlen, Studien und Theorien hin oder her – um herauszufinden, wie es wirklich um das Ballett steht, fragen wir jemanden, der es wissen muss: Michal Sedláček. In diesem Jahr feiert der stellvertretende Ballettdirektor sein 18. Jubiläum an den Bühnen Halle, und man stellt fest, dass er inzwischen nicht mehr aus der kulturellen Szene der Stadt wegzudenken ist. Er begann seine Karriere als Tänzer, arbeitete sich zum ersten Solotänzer, choreografischen Assistenten, Trainingsleiter und stellvertretenden Ballettdirektor hoch und prägt somit schon jahrelang nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne die Vielfalt des Ballettensembles Rossa.

Gleich zu Beginn des Gesprächs, auf die Frage hin, was sich während seiner Laufbahn am Ballett verändert habe, schwärmt Sedláček von den so genannten »guten alten Zeiten«. Er erinnert sich gerne an eine Zeit, in der die Atmosphäre in den Spielstätten eine besondere war: »Es roch nach Kolophonium (ein Baumharz, das an den Schuhen der Tänzer verwendet wird, um Ausrutschen auf der Bühne zu verhindern; Anm. d. Red.) und Schminke«, alle Gäste hätten sich heraus geputzt und voller Vorfreude darauf gewartet, einen einzigartigen Abend zu genießen. Doch auch heute noch sei der Reiz der Ballettaufführungen geblieben, dem selbst neue Medien nicht vollständig gerecht werden könnten. Tänzer wie auch Zuschauer befänden sich während der Vorstellung nur »im Moment, und einmal angefangen, ist es nicht mehr zu stoppen«, jeder Fehler sei sofort sichtbar und könne im Nachhinein nicht mehr herausgeschnitten werden. Sedláček bekräftigt zwar, dass Inszenierungen immer eine Illusion seien, diese aber live und unmittelbar geschehen, sodass sie jeweils ein einmaliges Erlebnis blieben. Nach wie vor stehen zudem die Emotionen, die auf das Auditorium übertragen werden sollen, im Vordergrund. Nicht zuletzt aus diesem Grund sei es für ihn ein Bedürfnis, die Tradition des Balletts als eine Tanz- und Kunstform zu pflegen.

Und wo gerade die Themen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne anklingen: Wie steht es heutzutage um das Publikum des Balletts? Muss man sich um den Nachwuchs Sorgen machen? Sedláček macht schnell klar, dass in der Tat viele junge Leute zu den Vorstellungen kommen, er sich aber wünscht, noch mehr Studierende mit dem Programm anzusprechen. Kurz redet er über das Stück »Werther – oder ich werde geliebt, also bin ich« nach Goethes Romanvorlage. In der aktuellen Spielzeit konnte man damit eine Vielzahl an Gästen in das Opernhaus locken, wie er berichtet, doch ein bisschen Schwermut schwingt bei Sedláčeks Ausführungen mit. Er erzählt von den Ideen und Gedanken, die er und seine Kollegen bei der Entstehung des Werkes hatten: »Welche Werte sind uns wichtig? Wäre ein Suizid aus Liebe heute noch denkbar?« Liebe – wie sie einem im Leben immer wieder begegnet und wie sie einen verändert, dies sind Themen, die Menschen schon seit Jahrhunderten beschäftigen und wahrscheinlich nie an Aktualität verlieren. Trotzdem konnten damit nicht allzu viele Schulklassen und junge Erwachsene begeistert werden, das Opernhaus zu besuchen. Sedláček fragt sich also: Was wünschen sich Studierende vom Ballett, welche Themen interessieren und beschäftigen sie wirklich?

Was bekommst du über das Angebot des Ballett Rossa mit? – »Nichts.«

Die schlechte Erkenntnis zuerst: Nur etwa 3 von 20 befragten Studierenden waren überhaupt schon einmal bei einer Ballettaufführung oder besuchen diese regelmäßig. Die gute Nachricht für alle Kulturliebhaber: Das liegt nicht so sehr an grundsätzlichem Desinteresse oder einem schlechten Image, sondern viel mehr an der fehlenden generationsgerechten Werbung.

Ein wichtiger Faktor ist natürlich das moderne Medienangebot und die damit verbundene Veränderung der Kultur und Freizeitgestaltung. Maike* (20) beispielsweise empfindet den Besuch eines Konzertsaals als zu »aufwendig« und genießt lieber Filme und Fernsehen von zu Hause aus. Die Wünsche interessierter StudentInnen gehen vor allem in die Richtung, traditionelle Muster aufzubrechen. »Mehr moderne Inszenierungen von klassischen Stücken mit modernen tänzerischen und musikalischen Einflüssen« empfiehlt Natalie (20) oder auch Schnupperangebote und Kombinationen aus Ballett und Theater sind Ideen einiger Studierender. Verändern muss sich im Übrigen auch das Bewusstsein, denn Ballett »steht nicht in der Mitte der Gesellschaft«, wie es ein befragter Psychologiestudent formuliert. Das Gefühl, dass Ballett etwas Exklusives für ältere und gehobenere Kreise sei, treibt auch Fabian* (22) um. Die meisten gaben an, Ballett mit klassischer Musik, tanzenden jungen Frauen in Tutus sowie mit Eleganz, Perfektion, Disziplin und Leidenschaft zu verbinden. Außerdem natürlich mit bestimmten Werken, wie etwa dem »Nussknacker«, »Schwanensee« oder auch der »Kleinen Meerjungfrau.«

Doch bei der Frage nach dem aktuellen Programm müssen viele passen. Marie* (20) erzählt, dass sie über das Ballett »fast gar nichts« mitbekommt, außer wenn sie mal am »neuen theater« langgeht und dort Werbung gezeigt wird. So scheint es fast allen zu gehen, denn die mit Abstand häufigste Antwort lautet: »Ich bekomme nichts über das Angebot mit.« Lediglich eine Kommilitonin, die Germanistik und Politik studiert, berichtet, dass sie ausreichend »über den Newsletter der Bühnen Halle, aber auch Plakate, Aushänge, Anzeigen oder das Internet generell« informiert werde. Also gibt es de facto Informationsquellen, diese werden aber hauptsächlich von Stammgästen genutzt und ziehen somit kaum potenziell neue Zuschauer an. Immer wieder wird außerdem kritisiert, dass es keinen Rabatt für Studierende gäbe. Tatsächlich aber zahlen Studierende, wie auch Auszubildende, lediglich die Hälfte des Normalpreises und können an den Abendkassen noch größere Schnäppchen erzielen. Doch das hat sich anscheinend noch nicht bei der Zielgruppe herumgesprochen. Angepasst werden sollte deshalb der Auftritt im Internet, speziell in den sozialen Netzwerken, denn Facebook, Twitter, Instagram und Co. gehören für uns selbstverständlich dazu.

Der schwarze Peter wird von einigen jedoch nicht nur der PR-Abteilung des Ballett Rossa zugeschoben, sondern auch unsere Gesellschaft und die Medien insgesamt seien schuld an dem schwierigen Verhältnis zum Ballett. Eine Vielzahl beklagt sich, nicht an klassische Musik und Tanz herangeführt worden zu sein und auf Grund der Unerfahrenheit nicht zum Ballett zu gehen. Julia* (20) erzählt von ihrer Scheu, eine
Veranstaltung zu besuchen, da es »manchmal kompliziert und unübersichtlich ist, die Geschichte dahinter zu verstehen, wenn man nicht so viel Ahnung hat.« Alex* (23) pflichtet ihr bei und wünscht sich durch Print, Funk und Fernsehen einen Bezug und Vorwissen zu bekommen und vor allem in der Uni von Neuheiten sowie dem aktuellen Programm zu erfahren.

Tradition und Moderne

Foto: Anna Kolata/ Theater, Oper und Orchester GmbH Halle

Ballett und junge Zuschauer zusammenzubringen kann aber auch ganz einfach sein, wie Hollywood beweist: Der Psychothriller »Black Swan« stellte 2010 die Geschichte einer überehrgeizigen Ballerina in den Mittelpunkt und zog damit ein Millionenpublik in seinen Bann. Ganz aktuell weckt Jennifer Lawrence mit beeindruckenden Ballettszenen im Film »Red Sparrow« das Interesse der Kinobesucher. Natürlich wird Ballett auch in Zukunft nicht bei jedem auf große Begeisterung stoßen, doch wenn alle Beteiligten offen für etwas Neues bleiben, könnten auch in Zukunft Tradition und Moderne wunderbar miteinander harmonieren. In Halle darf man nun gespannt sein, was sich das Ballett Rossa für die nächste Spielzeit ausgedacht hat.

* Namen geändert

 

Über Anja Thomas

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Erstellt: 28.05. 2018 | Bearbeitet: 28.05. 2018 17:47