Okt 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 74 0

Westfälische Verwandtschaft

Wer sich schon immer einmal gefragt hat, weshalb dem Namen unserer Stadt noch ein »Saale« angefügt wird, der findet die Antwort darauf am Rande des Teutoburger Waldes. Zu Besuch in der westfälischen Kleinstadt Halle.

Foto: Alexander Kullick

Es ist nicht hinreichend belegt, ob sich die Geschichte wirklich so zugetragen hat. Dennoch kann man wohl davon ausgehen, dass sich der Ablauf dieser Anekdote eines schönen Sommertages vor wenigen Jahren mit dem Inhalt der Erzählung deckt. Eine Gruppe Touristen erkundigt sich bei einem ortskundigen Passanten nach dem Weg zum Gerry-Weber-Stadion, in dem wie in jedem Sommer die gleichnamigen Tennis-Open ausgetragen werden, ein Turnier in der Vorbereitung auf die renommierten Wimbledon-Championships einige Tage später. Der Fußgänger, den die Touristen fragen, kennt seine Stadt eigentlich sehr gut. Jedoch kann auch er den ratlosen Gästen aus dem Ausland keine Antwort auf ihre Frage liefern. Das Problem bei der Sache: die Touristen haben sich nicht in der Stadt verlaufen – sie haben sich in der Stadt vertan.

Foto: Alexander Kullick

Ihr eigentliches Ziel befindet sich nicht in Sachsen-Anhalt, sondern im 260 Kilometer entfernten Halle in Westfalen, welches idyllisch zwischen Bielefeld und Osnabrück liegt. Überregionale Bedeutung erlangt diese Stadt nur einmal im Jahr: im Juni, wenn genau jene Gerry-Weber-Open an Ort und Stelle stattfinden. Die wenigen Hotels, die es im Ort gibt, sind dann ausgebucht, die gut 20 000 Einwohner zählende Stadt steht für ein paar Tage im internationalen Rampenlicht. Den Rest des Jahres über geht es hier aber eher beschaulich zu. Das soll keinesfalls negativ gemeint sein, vielmehr ist es der Grund dafür, weswegen die Menschen hier ein gutes Leben führen. Dass ihre Heimat nur durch Tennis ein wenig Bekanntheit erlangt, stört die Leute hier nicht. »Viel bekommt man in der Stadt selbst davon gar nicht mit, die Sportstätten befinden sich ja etwas außerhalb vom eigentlichen Ort. All die Leute, die dann kommen, verirren sich eher selten ins Zentrum«, sagt ein Buchhändler, dessen Geschäft in einem jahrhundertealten Fachwerkhaus mitten im historischen Herz Halles untergebracht ist. »Für die Wirtschaft wäre es sicher nicht schlecht, wenn die Touristen auch mal durch die Stadt laufen. Wir haben uns mittlerweile aber daran gewöhnt, dass sie das eher selten tun«, fügt er noch schmunzelnd hinzu.

Einmal im Jahr kommt Legende Roger Federer zum Gewinnen

Die Menschen hier sind freundlich und haben stets ein Lächeln für Fremde übrig. Einen Fehler sollte man aber lieber nicht machen, wenn einem daran gelegen ist, dass dies so bleibt: die Einwohner als »Hallenser« bezeichnen. Henry verkauft an zwei Tagen die Woche selbstproduzierte Bratwürste in der kleinen Fußgängerzone und kann davon ein Lied singen. Er stammt aus einem Ort in der Nähe und war vor vielen Jahren beruflich manchmal im deutlich größeren Halle an der Saale unterwegs, als er noch für Radio Brocken arbeitete. Als er später dann erstmals im kleinen Halle in Westfalen seine Bratwurst anbot und die Kunden »Hallenser« nannte, erntete er eine Mischung aus Spott und Ablehnung. Niemand hier hat etwas gegen die Bewohner der Saalestadt im Osten, dennoch legt man Wert darauf, ein waschechter »Haller« zu sein. Nachhaltig übel genommen hat man ihm diesen Fauxpas zum Glück nicht: sein mobiler Grill erfreut sich großer Beliebtheit, das Geschäft läuft gut.

Gut laufen die Geschäfte auch für die »Gerry Weber World«. Es ist wirklich nicht leicht, dem Unternehmen in Halle aus dem Weg zu gehen, zu omnipräsent ist es hier. Im Westen Halles hat es im Laufe der letzten Jahre fast schon eine Stadt in der Stadt etabliert, in der sich vieles um Tennis dreht. Eine kleine Auswahl von Dingen in Halle, die neben dem Tennis-Wettbewerb nach dem Textilienfabrikanten benannt sind: ein Stadion, ein Event-Center, mehrere Hotels und ein Sportpark. Was auch daran liegen könnte, dass all diese Einrichtungen ohne das Engagement des Unternehmens wohl nicht dort stehen würden.

Foto: Alexander Kullick

Architekten und Stadtplaner sprechen ja gerne von der »grünen Wiese«, auf der man dies und das bauen könnte. Im westfälischen Halle, wo sowieso alles grün ist, wenn man nur lang genug in irgendeine Richtung läuft, hat man das beim Wort genommen. Seit den frühen 1990er-Jahren entsteht hier ein Projekt nach dem anderen, am prominentesten ist sicherlich das Stadion, in dem fast 12 000 Zuschauer Platz finden. Neben dem jährlichen Großereignis im Tennis finden hier auch Handballspiele und Konzerte statt, für Ende 2017 haben sich gar nicht mal so unbekannte Künstler wie Mark Forster, Adel Tawil und James Blunt angekündigt.

Besonders stolz ist man hier auf das Dach des Stadions, welches sich in handgestoppten 88 Sekunden verschließen lässt und das Stadion zur Arena macht, falls das Wetter mal nicht so mitspielt. Im Sommer, wenn die internationalen Größen des Tennissports in Halle Station machen, ist das aber nur äußerst selten vonnöten. Dann, wenn sich die Blicke der Fans auf den Rasen richten, und am Ende wieder einmal Roger Federer zum Sieger gekürt wird. Auch in diesem Jahr führte kein Weg am Schweizer vorbei, der alleine in Halle schon neun Mal triumphierte und nach dem man hier inzwischen eine Straße benannt hat. Dieser zugegebenermaßen eher unscheinbare Weg befindet sich natürlich auch im Tennis-Komplex am Rande Halles, der mit der eigentlichen Stadt außer der Postleitzahl nicht sonderlich viele Gemeinsamkeiten hat.

Haller Herzlichkeiten

Es ist wirklich nicht ratsam, Halle in Westfalen ausschließlich mit Tennis in Verbindung zu bringen. Wer diesen Fehler macht, dem entgeht ein pittoresker Stadtkern, dessen enge und gewundene Wege von gut erhaltenen Fachwerkhäusern gesäumt sind. Besonders imposant ist hierbei das sogenannte Haller Herz, welches den Namen seinem Anblick aus der Vogelperspektive verdankt, bei dem man mit ein wenig Fantasie die Form eines Herzens zu erkennen glaubt. Das Haller Herz ist ein kleiner Platz inmitten der historischen Stadtgrenzen, der beinahe vollständig von jahrhundertealten Fachwerkhäusern umringt ist und in dessen Mitte sich eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert erhebt. Eines der Häuser beherbergt heute ein kleines Museum, in dem man sich Werke bekannter Künstler aus deren Kindertagen anschauen kann. Das Gebäude selbst ist auch eine kleine Attraktion: es steht in seinen Grundmauern schon seit 700 Jahren an dieser Stelle, auch wenn es in dieser langen Zeit unzählige Male baulich verändert wurde. Von seiner historischen Bedeutsamkeit künden noch heute die Schießscharten, die an seiner nach außen gerichteten Fassade (also die nicht auf den Platz zeigende) zu sehen sind. Heute ist der Kirchplatz, wie das Haller Herz offiziell genannt wird, ein sehr friedlicher Ort; doch war er mehrfach in der Geschichte ein letztes Refugium für die Bauern der Gegend, welche sich in der Aussicht auf Schutz dort versammelten und neben göttlichem Beistand wohl auch auf das Standhalten der Mauern hofften.

Foto: Alexander Kullick

Die Stadt ist nicht groß, alles liegt nah beieinander. Wer mit dem Zug aus
Bielefeld oder Osnabrück am Haller Bahnhof ankommt, hat es nicht weit bis in den Teutoburger Wald, an den die Lindenstadt, wie man sie nicht ohne Grund nennt, unmittelbar angrenzt. Der Hermannsweg ist 157 Kilometer lang und fehlt in keinem Buch der schönsten deutschen Wanderwege, er verläuft auf einem Teil auch ganz in der Nähe von Halle. Wer nicht ganz so ambitioniert ist, der kann es auch etwas gemütlicher haben und die dreißig Minuten vom Zentrum entfernte Kaffeemühle aufsuchen. Dabei handelt es sich um eine Aussichtsplattform, die mitten im Wald liegt und einen schönen Ausblick auf Stadt und Land bietet.

Deutschland ist ein dichtbesiedeltes Land, doch davon spürt man hier nicht sonderlich viel. Obwohl mit Bielefeld, das manch gegensätzlich lautender Vermutung zum Trotze tatsächlich existiert, die nächste Großstadt keine fünfzehn Kilometer entfernt liegt, ist Halle in Westfalen ein sehr gemächlicher, bescheidener Ort. Die wenigen Gemeinsamkeiten mit Halle an der Saale sind übrigens schnell erzählt: der Name kommt, wenngleich es hier keine wasserdichten Beweise gibt, ebenfalls aus der Sprache der Salzförderer. Vielleicht heißt Halle aber auch Halle, weil es hier hügelig und abschüssig ist und weil die Straßen schräg sind. Das behauptet zumindest ein ehemaliger Professor der Uni Leipzig. An der Frage scheiden sich die Geister, wahrscheinlich wird man irgendwann wissen, wer nun im Recht ist, vielleicht aber auch nicht. Ganz gewiss wird es aber einen fernen Tages noch Touristen geben, die auf der Suche nach einem Tennisturnier in der Saalestadt landen. Die soll ja auch ganz nett sein.

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Erstellt: 18.10. 2017 | Bearbeitet: 18.10. 2017 13:00