Jan 2017 hastuPAUSE Nr. 70 0

Von Gadsen und Atomocado

Als Jodel vor über zwei Jahren gegründet wurde, verstand es sich als eine Art »digitale Uni-Klowand«. Was erst einmal wenig ansprechend anmutet, entpuppte sich schnell als überaus erfolgreich – auch in Halle.

Jodel2Wer kennt sie nicht: Zahllose Flachwitze, Katzenbilder (gerne auch mal als »Gadsen« unterwegs), Witze mit Bezug zum Lörres (gemeint ist das männliche Geschlechtsteil) oder Storys über das berühmte Racingteam der Havag. Zugegeben, diese kleine Auswahl an Running Gags wird der studentischen App »Jodel« nicht ganz gerecht. Dennoch sind es vor allem solche oder ähnliche Beiträge, die die Applikation so erfolgreich machen. In Halle und Umgebung hat eine vier-, vielleicht auch fünfstellige Anzahl an vornehmlich jungen Menschen die kostenfreie Anwendung auf dem Smartphone installiert, genaue Zahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht. Für diejenigen, die Jodel nicht kennen, soll an dieser Stelle eine knappe Beschreibung folgen. Es ist nicht nötig, sich für die Nutzung zu registrieren, wodurch die App komplett anonym gehalten wird. Die Anwendung arbeitet mit GPS und einer Reichweite von zehn Kilometern, in denen den Nutzern Inhalte angezeigt werden. User können Posts (ebenfalls als »Jodel« bezeichnet) schreiben, die dann von anderen hoch- oder runtergevoted werden, und diese auch kommentieren. Die Summe der positiven und negativen Votes steht neben einem jeden Beitrag, wodurch eine Rangliste entsteht. Ganz oben in dieser Liste finden sich die Jodel, welche am beliebtesten sind. Sollte ein Jodel minus fünf Punkte erhalten, wird er automatisch gelöscht.
So viel zum Grundprinzip der App, welche im Oktober 2014 vom Studenten Alessio Avellan Borgmeyer ins Leben gerufen wurde. Der Fokus liegt explizit auf zwei Aspekten: der Anonymität der Nutzer und dem beschränkten Radius, in dem Inhalte zu sehen sind.
Die Wirkung dessen ist ganz simpel: Keiner schämt sich, über sein Sexualleben zu schreiben, schließlich weiß niemand, wer hinter einem Jodel steckt. Außerdem sorgt der enge Radius dafür, dass zumindest ansatzweise eine homogene Gruppe entsteht, da man sich ja in der Nähe befindet. Zwar gibt es hier einige Tricks, beispielsweise das Abschalten der GPS-Funktion am Handy, wodurch das Prinzip von Jodel ad absurdum geführt wird. Offiziell ist das sogar verboten, Gegenmaßnahmen seitens der Macher der App sind aber schwer zu ergreifen oder gar unmöglich. 2016 wurde die »Heimatfunktion« freigeschaltet, seitdem können Nutzer einen Standort dauerhaft abspeichern und der dortigen Gemeinschaft folgen, selbst wenn sie sich nicht an diesem Ort befinden.

Jodel3Alle sind Hauptstadt

Die begrenzte Reichweite eines Jodels sorgt auch dafür, dass die Anwendung in eher kleineren Städten erfolgreicher ist, während es in Millionenstädten wie Berlin schwierig ist, eine homogene Community aufzubauen – der Radius von zehn Kilometern endet dort ja mitunter schon an der Grenze eines Stadtbezirks. Studentenstädte wie Münster gelten daher eher als Ziel für die Entwickler, die Stadt bezeichnet sich gerne als »Jodelhauptstadt«. Damit ist sie nicht alleine, auch in Halle und zig anderen deutschen Städten hört man diese Bezeichnung des Öfteren; frei nach dem Motto: die eigene Community ist immer die beste.
Man darf sich jetzt gerne fragen, welchen Sinn eine App wie Jodel denn eigentlich hat. Zeitvertreib? Sicherlich. Information? Eher weniger, wenngleich man durchaus auch mal danach fragen kann, welcher Zahnarzt empfehlenswert ist oder warum die BWL-Vorlesung heute ausfällt. Ob man darauf eine zufriedenstellende Antwort erhält, steht jedes Mal in den Sternen. Auch das ist der Anonymität geschuldet – niemand kann blöde Antworten ohne Sinn verhindern, die Community kann dem nur durch Selbstregulierung entgegenwirken. Zusätzlich gibt es Moderatoren, welche in besonders strittigen Fällen eingreifen können. Es ist nicht ganz klar, wie und wann man Moderator wird, auf jeden Fall sind es normale Nutzer. Als hilfreich gilt, wenn man gute Posts schreibt und regelmäßig aktiv ist.
Für das Überbrücken von fünf Minuten Wartezeit auf die Straßenbahn taugt Jodel allemal, oft hängt man sogar deutlich länger als beabsichtigt fest und ertappt sich dabei, wie man immer weiter und weiter scrollt. Ab und an verabreden sich Jodler sogar zu gemeinsamen Treffen, aus denen wohl auch schon Beziehungen hervorgegangen sein sollen.

Atomocado1Wenn Avocados Schlittschuh fahren

Manchmal erfährt Jodel auch in Halle eine regelrechte Sternstunde. So geschehen um Weihnachten, als eine als »Atomocado« bezeichnete Avocado tagelang die Liste der beliebtesten Jodel anführte. Neben kurzen Texten kann man nämlich auch Bilder posten, welche allerdings direkt in der App aufgenommen werden müssen – damit wollen die Programmierer sicherstellen, dass das Bild auch wirklich vom Absender des Beitrages stammt. »Atomocado« wurde dabei gezeigt, wie sie – kreativ in Szene gesetzt – ihr kurzes Leben von der Reife bis zum Verfall verbringt, sei es beim One-Night-Stand mit einer Banane, beim Schlittschuhfahren oder zu guter Letzt auf dem OP-Tisch liegend. So viel Kreativität seitens der Jodler ist zwar selten, wird aber von der Community auch entsprechend honoriert.
Neben dem Spaß beim Jodeln, wie man das Scrollen und Schreiben in der App gemeinhin nennt, kann man auch Karma verdienen. Wer auf einen eigenen Jodel eine positive Bewertung erhält oder einen anderen Post zustimmend bewertet, der bekommt so genannte Karmapunkte gutgeschrieben. Davon kann man sich zwar nichts kaufen, aber es sieht wenigstens gut aus. Und darum soll es letztlich ja auch gehen – um den Spaß an der Sache. Ideenreichtum wie im Beispiel ist es, was die App ausmacht und warum sie so erfolgreich ist.
Mittlerweile gibt es sogar Facebook-Seiten, welche sich ausschließlich mit Jodel befassen und beispielsweise die besten Posts aus einer Stadt mit einem überregionalen Publikum teilen. Auch dadurch wächst die Jodler-Gemeinschaft stetig an.
Wohin der Weg führt, ist unklar. Die Entwickler halten sich eher bedeckt. Als sicher gilt, dass die App Stück für Stück weiterentwickelt werden soll, um ihre Attraktivität zu steigern, doch wer weiß schon, ob die nächste Generation von Studierenden sich auch noch an so einer Spielerei erfreuen kann? Die Zukunft wird es zeigen. Einen spannenden Aspekt stellt auch die Finanzierung dar – bisher ist die Anwendung schließlich werbefrei. Um das Produkt langfristig etablieren und auch verbessern zu können, bedarf es hier Lösungen seitens der Entwickler. Neben den Programmierern sind auch die User dafür verantwortlich, dass es mit Jodel weiter bergauf geht. Solange sich jemand findet, der tagelang seine Avocado verkleidet und knipst, kann man durchaus optimistisch sein.

Über Alexander Kullick

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Erstellt: 25.01. 2017 | Bearbeitet: 25.01. 2017 19:52