Jun 2017 hastuUNI Online 0

So lasset sie wählen

Man kann sich Schöneres vorstellen, als bei knapp 30 Grad auf eine Stura-Sitzung zu gehen. Das dachten sich am 29. Mai vermutlich auch die Mitglieder, zumindest sollte die Sitzung an diesem Tag zu einer der kürzesten des Jahres werden. Trotzdem gab es genug zu diskutieren: Dieses Mal zum Beispiel über die AfD, Madrid und leere Trinkflaschen. Und was ist eigentlich ein Awareness-Team?

Tagesordnung aus der Tischvorlage

Tagesordnung aus der Tischvorlage

So leidenschaftlich wie an dieser Stelle sollte es an diesem Abend nicht mehr werden. Um kurz nach 19 Uhr erhebt sie sich aus ihrem Stuhl und setzt an zu einem leidenschaftlichen Plädoyer. Es war kein gewähltes Stura-Mitglied, das sich zu diesem Schritt gedrängt fühlt – es ist Büroleiterin Elke Lopens, die der Sitzung wie immer für einige Zeit beiwohnt. Sie sieht sich genötigt, eine fast schon als banal anmutende Praxis seitens des Sturas öffentlich zu machen: Viel zu wenige Sturamitglieder brächten die von ihnen genutzten Getränkeflaschen, die allen offen zugänglich sind, wieder leer zurück – so entstehen mancherorts Haushaltsdefizite. Aus einigen Gesichtern der zunächst 19 stimmberechtigten Anwesenden sprechen eine Mischung aus Scham und peinlicher Betroffenheit, anschließend kann die Versammlung aber ihren gewohnten Gang gehen.

Es sind einige Themen abzuarbeiten an diesem ungewöhnlich heißen Maiabend. Vielleicht ist die minütlich schlechter werdende Luft im Hallischen Saal über der Tulpe einer der Gründe dafür, dass es bis auf wenige Ausnahmen eher selten richtig kontrovers wird. Anfangs werden zwei Anträge mit Zustimmung aller 23 anwesenden Mitglieder (inzwischen sind noch einige Nachzügler eingetroffen) abgesegnet; dabei geht es um den Erhalt des LaBims als Kulturstätte und um die Beschaffung von Werbematerialien für das Campusfest in Höhe von 1200 Euro. Das Fest, welches am 14. und 15. Juni stattfindet, ist auch Thema des nächsten Antrages: Michele Fischer, Referentin für Hochschulsport und Gesundheit, bringt den Vorschlag ein, wonach ein sogenanntes »Awareness-Team« während der Festivitäten eingesetzt werden soll. Mit dieser Bezeichnung können manche im Saal nicht sonderlich viel anfangen, es gibt ratlose Blicke. Auf Nachfrage erfahren die Stura-Mitglieder, dass es sich hierbei um eine Art Vorstufe zur Security handelt, es also eher um das Wohlergehen der Besucher geht. Konkret soll dieses Team an einheitlichen Shirts erkennbar sein und eher seelischen Beistand leisten, falls es beispielsweise zu sexuellen Übergriffen oder Ähnlichem kommen sollte. Wer in eine Zwangslage gerate, soll eine Anlaufstelle haben, der vertraut werden könne. Hierfür werden rund 1000 Euro benötigt, der Antrag wird in der sich anschließenden Abstimmung mit 21 Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen klar angenommen.

Mit ähnlich deutlichen Ergebnissen werden zwei weitere Punkte der Tagesordnung abgearbeitet, bevor es zum umstrittensten Teil des schwülwarmen Abends kommt: die geplante Exkursion der Orient-Archäologen nach Madrid. Ende September wollen bis zu zehn Studierende im Rahmen eines Seminars für sieben Tage in die spanische Hauptstadt fahren, der Stura soll sich nach den Vorstellungen der Antragsteller mit 800 Euro daran beteiligen. Das Fördern selbst stellt kaum jemand infrage, die Höhe der Beteiligung aber schon. Es fällt das Argument, dass man 300 Euro einsparen könne, wenn man den Eigenbeitrag der Teilnehmer um 30 Euro pro Kopf erhöhe – das seien zwei Bier am Tag, so die lakonische Bemerkung eines Stura-Mitglieds. Letzten Endes geht auch dieser Antrag in die Abstimmung, wenn auch mit der Einschränkung, dass die Beteiligung des Sturas statt 800 nur 500 Euro betragen kann, mit denen vor allem die sechs Übernachtungen mitfinanziert werden sollen. Das Ergebnis fällt ähnlich kontrovers aus wie die Debatte davor: Zwölf Ja-Stimmen stehen neun Gegenstimmen und zwei Enthaltungen gegenüber, die Orient-Archäologen müssen etwas tiefer in die eigenen Taschen greifen.

Langsam aber sicher strebt der Abend seinem Zenit entgegen. Die Luft im Raum ist trotz geöffneter Fenster eher schlechter als besser geworden, währenddessen passiert nicht viel von großer Relevanz. Nun ruft auch schon der nächste Tagesordnungspunkt: die Wahl des Referenten für äußere Hochschul- und Bildungspolitik. Da war doch was – bei der Stura-Sitzung zwei Wochen zuvor hätte eigentlich bereits eine Abstimmung über den geeignetsten Kandidaten stattfinden sollen. Weil von drei Bewerbern aber lediglich einer erschien, hatte sich der Stura für eine Vertagung der Entscheidung entschieden.

So kommt es, dass nun plötzlich vier Bewerber miteinander konkurrieren, zwei davon weiblich, zwei männlich, drei sind Mitglied in einer politischen Organisation, einer nicht. Die Bewerber in Kurzform: Matthias, der in seinem Anschreiben gerne mal auf der Capslock-Taste kleben bleibt; Dörte, Mitglied bei der »sehr guten Partei Die PARTEI« und mit einem Lebenslauf, der einem Telefonbuch in Sachen Umfang in nichts nachsteht; Marie vom RCDS, deren Anschreiben der altbewährten Maxime »In der Kürze liegt die Würze« folgt; und schließlich Johannes, Mitglied beim SDS Halle, der eine grundsolide Bewerbung geschrieben hat. Etwas schwer, hier den Überblick zu behalten. Das Gremium gewährt allen einige Momente, um sich vorzustellen und zu präsentieren, was sie mit unterschiedlichem Erfolg nutzen.

Zum einzigen Mal an diesem Tag wird geheim abgestimmt, das Ergebnis in bester Cliffhanger-Manier um weitere 10 Minuten hinausgezögert – es gibt eine Pause, die dankbar angenommen wird. Pünktlich wiederkommen lohnt sich, es geht direkt in die Ergebnisverkündung, die – wie soll es auch anders sein – eine abermalige Verschiebung mit sich bringt. Glücklicherweise handelt es sich dabei aber nur um eine Stichwahl, in der Dörte und Johannes um den Posten konkurrieren, von dem in der Sitzung etwas unklar bleibt, was dort eigentlich gemacht wird. Egal – Dörte gewinnt mit 15 zu neun Stimmen und wird daher neue Referentin für äußere Hochschul- und Bildungspolitik. Prompt wird sie von einigen Stura-Mitgliedern umschwärmt und direkt in ihre Tätigkeiten eingewiesen.

Die AfD, konkret deren rechter Flügel um Björn Höcke, will im September auf dem Kyffhäuser in Thüringen ein Treffen abhalten. Für Lukas Wanke (OLLi) ist das ein Unding, weshalb er einen Finanzantrag über 850 Euro beim Stura eingereicht hat. Der Löwenanteil dieses Antrages wird von der Busfahrt zum Ort des Geschehens vereinnahmt, die damit rund 100 Studierenden ermöglicht werden soll. Womit wir beim letzten größeren Tagesordnungspunkt wären. Ihm ist es wichtig, dass am 02.09. eine geschlossene Gruppe von Demonstranten aus Halle und anderen Universitätsstädten den Rednern um Höcke nicht die Bühne überlässt, weshalb unter anderem auch Megaphone und ein Lautsprecherwagen benötigt werden. Einen Teil davon soll also der Stura zahlen, was dieser auch tun wird: Mit drei Gegenstimmen und keiner Enthaltung wird der Vorschlag angenommen, allerdings werden 100 Euro weniger als ursprünglich geplant bereitgestellt.

Es ist 21:46 Uhr, für eine Stura-Sitzung ist das gar nicht so spät, nicht einmal drei Stunden. Die Tagesordnung ist bürokratisch-präzise abgearbeitet worden. Alle wollen nach Hause, an einem Tag wie diesem spürt man das ganz besonders deutlich. Bloß raus aus diesem stickigen Saal.

  • Die nächste Sitzung findet am 12.06. statt.
  • Seit diesem Semester berichten wir regelmäßig darüber, was auf den Sitzungen des Studierendenrates passiert und wohin die studentischen Gelder gehen. Damit wollen wir Hochschulpolitik für alle zugänglich und verständlich machen. Unsere anderen Berichte findet Ihr hier.
Foto: Alexander Kullick

Foto: Alexander Kullick

Über Alexander Kullick

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Erstellt: 05.06. 2017 | Bearbeitet: 09.07. 2017 14:56