Okt 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 74 0

Of Chance and Choice

Eine vielleicht etwas ambivalente Kolumne über Kommunikation zwischen und mit Menschen. Sie beobachtet und kommentiert. Und vielleicht will sie auch manchmal irgendwie eingreifen. Diesmal geht es um Chancen, über die mehr Für als Wider kommuniziert wird.

Illustration: Katja Elena Karras

»I«ve had choices since the day that I was born.« In dem Lied, das mit ebenjenen Worten beginnt, blickt Country-Sänger George Jones 1998 auf sein Leben, seine damals schon fast 50-jährige Karriere und seine Fehler zurück. Ganz soweit bin ich zum Glück noch nicht, aber nachdenklich macht mich der Text des Liedes dennoch. Es ist etwas dran. Entscheidungssituationen sind quasi omnipräsent. (Auch wenn wir vielleicht in unseren ersten Lebensmonaten noch nicht aktiv welche treffen müssen; aber auf diesem Gebiet bin ich nun absolut kein Experte.)

Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt stetig. Folglich sind wir mittlerweile mit zwanzig – potenziell – noch ziemlich am Anfang unseres Lebens und uns wird kommuniziert, was wir noch alles machen können. Gelegentlich wird zur Betonung auch noch hinzugefügt: »Ich hätte von solchen Möglichkeiten nur träumen können.« Und vielleicht ist da was dran, wahrscheinlich stehen uns wirklich mehr Türen offen als unseren Vorfahren. Wir haben mehr Auswahl und Möglichkeiten als jede Generation vor uns. Und allzu oft scheinen uns diese Möglichkeiten zu überfordern. Die Auswahl an Studiengängen oder Berufen wird immer größer – Front Desk Receptionist, Freizeitwissenschaftler oder der geflügelte Facility Manager. Was sich hinter Begriffen verbirgt, ist oft schwer zu durchschauen. Und auch genaues Lesen empfiehlt sich; sonst wird man vielleicht am Ende Brau- statt Bauingenieur.

Hat man sich dann beispielsweise für ein Studium entschieden, sieht man sich vermutlich irgendwann mit so lebenspraktischen Fragen konfrontiert wie: Shakespeare oder Schrubben, Analysis oder Ausschlafen, Neruda oder Netflix? Einige dieser Fragen haben sicherlich auch schon ganz andere Studenten vor dreißig, siebzig oder hundert Jahren beschäftigt, aber ich möchte doch argumentieren, dass die Anzahl dieser Entscheidungsfragen von Generation zu Generation zunimmt. Vielleicht hier oder da noch ein Jahr für ein soziales Projekt, einen Auslandsaufenthalt oder ähnliches einschieben.

Und auch außerhalb von Alltag und Studium oder Arbeit warten zahllose Entscheidungen darauf, getroffen zu werden. Die Welt wird immer vernetzter, sowohl bezüglich der Kommunikationstechnologien, als auch unter logistischen Gesichtspunkten. Und so ist auch die Freizeit alles andere als frei von Entscheidungen. Im Zeitalter von Billigflügen und teilweise sogar offenen Grenzen stellt sich im Sommer vielen nicht mehr die Frage »Wismar oder Warnemünde?«, sondern vielleicht »Helsinki oder Hurghada?«

Qualität und Quantität

Manchmal kommunizieren wir uns in Grund und Boden. Die Welt, in der wir leben, kommuniziert uns, wie viele Möglichkeiten und Chancen wir in unserem Leben doch haben, und dass wir möglichst viele davon nutzen sollten. Sie bombardiert uns förmlich mit schmackhaft gewürzten Angeboten, die wir uns nicht entgehen lassen sollten. Abenteuer, Wellness oder ein soziales Projekt, das sich im Lebenslauf gut macht. Am besten ein bisschen was von allem.

Dass die Anzahl der ungenutzten Möglichkeiten die derer, die man rein logistisch nutzen kann, immer bei weitem übersteigen wird, ist die Kehrseite der Chancenmedaille. So bringt die immense Anzahl an Möglichkeiten fast zwangsläufig auch einen großen Druck mit sich: Welche Möglichkeiten sollte oder muss man wirklich nutzen? Zählt die Menge der verschiedenen Chancen, die man genutzt hat mehr als die Tiefe, mit der man Chancen wahrgenommen hat? Wie erkennt man gute oder nutzungswichtige Chancen? Dazu kommen dann immer noch die ungenutzten Chancen und die Frage: Was habe ich vielleicht verpasst?

Wir sind die Generation, die wohl mehr in alle möglichen Aktivitäten hereinschnuppert als jede Generation zuvor, sozusagen die »Generation Schnupperkurs«. Damit einhergehend wird aber auch erwartet, dass am Ende all dieser SchnupperAusflüge eine möglichst perfekte und von allen Seiten durchleuchtete und durchdachte Entscheidung steht. Wir haben doch alle Chancen, diese so zu treffen.

Im Nachhinein

Wäre es nicht manchmal schön, einfach sagen zu können, dass irgendetwas scheiße war und dass man sich dies nicht aufgrund einer eigenen Entscheidung selbst eingebrockt hat? Es ist doch oft so: Wenn man sich für eine Option A entscheidet und diese die Erwartungen nicht erfüllt, ist die Gefahr groß, dass hinterher die übergangene Option B glorifiziert wird und man nur noch ihre potenziellen Vorteile betont. Ein Beispiel: Wenn man die Wahl zwischen Auto und Bahn hat, sich für Zweiteres entscheidet und verspätet am Zielort ankommt – ist der erste Gedanke eher »Mit dem Auto wäre ich schon dreimal da gewesen!« oder »Mit dem Auto hätte ich bestimmt im Stau gestanden und noch länger gebraucht«? Ich möchte behaupten: ersteres. Zumindest in meinem Bekanntenkreis. Und mir scheint, dass sich dieses Prinzip problemlos auf Entscheidungen von größerem Belang anwenden lässt – ein anderes Seminar für dasselbe Modul, in dem man bestimmt eine bessere
Note bekommen hätte, oder die andere Wohnung, die kurz nach dem Einzug zur eigentlichen Traumwohnung erklärt wird.

Aber ganz abgesehen davon, ob nun Option B mehr Vor- oder Nachteile gebracht hätte als Option A: Die Zeit, die nun darauf verwendet wird, sich mit dem hypothetischen Ergebnis oder Verlauf der nicht gewählten Option auseinanderzusetzen, ist in jedem Fall schlecht investiert.

Es ist toll, dass wir Chancen und Entscheidungsmöglichkeiten haben, aber auch nicht immer einfach. Ein bisschen können wir das Ganze aber sicher vereinfachen, indem wir versuchen, den jeweiligen Entschluss mit seinen Konsequenzen zu akzeptieren, und nicht all unsere Gedanken auf die hypothetische Entwicklung einer abgelehnten Option zu verschwenden. Denn die nächste Entscheidung wartet vermutlich sowieso schon und fordert unsere Aufmerksamkeit.

Über Caroline Bünning

Caroline Bünning
geboren 1992, bei der hastuzeit seit 2011 - Ich mag Sport, Sprachen, Reisen, ... und noch vieles mehr.

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Erstellt: 18.10. 2017 | Bearbeitet: 18.10. 2017 13:30