Jul 2017 hastuUNI Heft Nr. 73 0

Neue Farben braucht das Land

Jamaika, R2G oder doch Groko? Auf allen Kanälen kämpfen die Kandidaten um Stimmen. Um den medialen Wahlkampf zu durchschauen, lauschte die hastuzeit einem Vortrag des Journalisten Markus Decker.

Foto: Vinzenz Schindler

»Zum Regieren brauch ich nur BILD, BamS und Glotze!« grummelte Gerhard Schröder einst. Dass der Umgang mit den Medien zur Wiederwahl oft wichtiger ist als die eigentliche Politik, hatte er gut erkannt und sich zu Nutze gemacht. 1998 schaffte er es als erster, rot-grüner Regierungschef zu werden. 2002 wurde er nach einer herausragenden Inszenierung als Krisenkanzler beim Elbe-Hochwasser wiedergewählt. Die Rolle der Medien hat seither weiter an Bedeutung für die Politik gewonnen. Ohne sie zu regieren scheint schier unmöglich; die Parteien versuchen sich darauf einzustellen.

Wie verändert sich der Parteienwettbewerb im digitalen Zeitalter? Im Rahmen der »Ringvorlesung zur Bundestagswahl« versucht Markus Decker den Zuhörern das komplexe Thema näherzubringen. Man merkt ihm an, dass er beruflich nicht aus dem wissenschaftlichen Betrieb kommt, er ist Journalist. Bei der DuMont-Verlagsgruppe arbeitet er als Hauptstadtkorrespondent für verschiedene Blätter, unter anderem für die »Mitteldeutsche Zeitung«. Decker redet deutlich, überzeugend und vor allem ohne unnötige Fremdwörter, sodass auch Nicht-Politikwissenschaftler dem Vortrag gut folgen können, selbst wenn davon sicherlich nicht so viele anwesend sind.

»Inhaltlich hat sich in den letzten Jahren in den Wahlkämpfen nicht viel geändert«, betont Decker zu Beginn des Vortrages, »Innenpolitik und Renten sind damals wie heute zentrale Themen.« Ersteres ist ein klassisches CDU-Thema, letzteres gehört zum Standardrepertoire der SPD. Beide ziehen mit ihrem Thema alle vier Jahre in den Wahlkampf und mindestens eine von ihnen ist anschließend an der Regierung beteiligt. Beides Parteien mit einer Wählerschaft im hohen Alter, auch darin sieht Decker ein Problem: »Der Anteil der älteren Wähler ist einfach deutlich höher als der von jüngeren Leuten, wie Studierenden beispielsweise. Deren Schwerpunkte werden deshalb weniger in den politischen Prozess eingebunden.« Es zählt nur die Stimmenmaximierung, keine schöne Aussicht für die Mehrheit der Anwesenden.

Journalismus im Eiltempo

Geändert hat sich dennoch einiges in der Politik, vor allem die Parlaments- und Regierungsbildung unterscheidet sich deutlich von früheren Zeiten. Bis in die 1970er Jahre war klar, dass die CDU oder die SPD mit der FDP regieren wird. Mit der Zeit kamen neue Parteien in den Politikbetrieb, die alten blieben auch. Aus diesem Grund prophezeit Decker ein Sieben-Parteien-System nach der Bundestagswahl. »Dies führt zu einer steigenden Komplexität des politischen Tagesgeschäftes«, sagt er. »Der Wettkampf um Aufmerksamkeit wird härter.« Den Wähler kann es freuen: mehr Kandidaten und mehr Wettbewerb bedeuten auch mehr Alternativen.

Gewandelt hat sich jedoch nicht nur die Politik, sondern auch die Medienlandschaft. »Der klassische Journalismus hat seine Gatekeeper-Funktion verloren.« Ein elementarer Satz von Decker. Während Zeitung und Fernsehen an Bedeutung verlieren, nimmt die des Internets zu. Was in der Öffentlichkeit vorkommt, bestimmen nicht mehr allein Bild, BamS und Glotze, inzwischen kann theoretisch jeder dazu beitragen.

Vor diesem Publikum musste er nicht um Aufmerksamkeit kämpfen: Hauptstadtkorrespondent Markus Decker am 31. Mai 2017 bei der Ringvorlesung zur Bundestagswahl.
Foto: Vinzenz Schindler

Decker und seine Kollegen müssen zunehmend reagieren, statt selbst die Agenda zu bestimmen. Wirklich glücklich wirkt er nicht über die Entwicklung, vor allem die Verschärfung des Tempos beklagt er. Manchmal sei mehr Zeit für die Recherche notwendig, das wäre wichtig für ihn, für die Politiker, aber auch für die Bürger. Das große Geld lässt sich mit ausführlichen Nachforschungen in der Regel jedoch nicht machen. Im Zeitalter des Internets gilt: »Reaktionszeit ist Geld!« Wenn der potentielle Leser nicht sofort aufmerksam auf einen Artikel wird, ist er weg. Kein Klick, kein Geld. Ein fünfseitiger Artikel über die Dioxin-Belastung im Essen in der »Zeit« wird sicherlich nicht die Reichweite erlangen wie folgender Aufreißer von Focus Online: »Terrorgefahr? Das Volk wird aus ganz anderem Grund nicht aufs Oktoberfest gehen«. Das Problem der »Boulevardisierung« erwähnt Decker mehrmals an diesem Abend. Auch sich selbst nimmt er nicht aus und sieht sich manchmal gefangen im Zwiespalt zwischen möglichst hoher Aufmerksamkeit und gutem Journalismus. Während der schnelle Klick wichtiger wird, nimmt die Anzahl der Zeitungen hierzulande stark ab. Vor allem Lokalblätter stehen unter Druck. Decker betont, dass eine »mediale Grundversorgung« essentiell sei für eine Demokratie, doch vor allem auf dem Land sähe es nicht gut aus.

Der Feind: Die Presse

Neben den ökonomischen Zwängen durch sinkende Auflagen wird der Journalismus seit einigen Jahren noch aus einer ganz anderen Ecke in Bedrängnis gebracht: Mit dem Schlachtruf »Lügenpresse« diskreditieren Pegida, AfD und Co. eine ganze Branche. So undifferenziert viele Bemerkungen dieser Art auch sein mögen, sie nehmen selbst einen erfahrenen Journalisten wie Decker mit. »Der Vorwurf der Lügenpresse ist sehr schlimm«, meint er dazu. Er redet nun deutlich langsamer, wägt jedes Wort ab. »Die Feindseligkeit nimmt zu, die Auseinandersetzung mit den Leuten ist schwierig«, fährt er fort. Auch die Zuhörer wollen sich mit derlei Beleidigungen gegenüber den Medien nicht abfinden und appellieren an einen vernünftigen Umgang miteinander. Eine wirkliche Lösung für das Problem hat jedoch keiner der Anwesenden, am Ende herrscht Resignation.

Wenn der 24. September, der Tag der Wahl, näher rückt, wird diese vermutlich wieder geringer werden und die Konflikte zunehmen. Es ist wichtig, jegliche Streitigkeiten auszutragen, ob im Parlament oder im Privaten. Verschiedene Meinungen gehören nun mal zu einer Demokratie dazu, ohne eine richtige Diskussionskultur können diese dem System aber erheblichen Schaden zufügen. Auch wenn Demokratie manchmal anstrengend und langwierig ist, muss man nur mal nach Polen, Ungarn oder in die Türkei schauen, um zu sehen, wie schnell es gehen kann, dass missliebige Stimmen unterdrückt werden. Anschließend kann man froh sein über den liberalen Umgang mit kritischen Standpunkten in Deutschland und vor allem über die große Freiheit der Presse hierzulande.

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Erstellt: 07.07. 2017 | Bearbeitet: 07.07. 2017 15:04