Dez 2017 hastuUNI Heft Nr. 75 0

Nächste Station: Eigener Boss

Der Traum eines eigenen Unternehmens, sei es ein kleiner Laden oder ein Imperium, wächst und gedeiht in einigen Köpfen jeden Tag mehr. Der Wunsch, einmal sein eigener Chef zu sein, ist jedoch nicht immer einfach umzusetzen. Aber keine Sorge, es gibt Hilfe. Die hastuzeit hat sich für euch bei der »Gründerwoche« umgesehen und sprach außerdem mit Dagmar Kleemann, einer erfolgreichen Gründerin.

Foto: Helena Heimbürge

Wer in Halle beispielsweise ein Unternehmen gründen möchte, kann hier viele Angebote und Anlaufstellen finden, die einem behilflich sind. Auch die Uni hat eine eigene Abteilung, die sich auf das Thema »Gründen« spezialisiert hat: der MLU Gründerservice berät die Selbständigen oder die noch Werdenden mit Hochschul-Hintergrund. Die Gründerberater helfen den Ratsuchenden durch den gesamten Prozess der Gründung, sei es bei der Verifizierung der Idee, bei der Ausarbeitung von Geschäftsmodellen, beim Schreiben von Business- und Finanzplänen oder bei der Fördermittelberatung. Das Angebot ist kostenlos.

Der Gründerservice arrangiert verschiedene Gelegenheiten, um sich Interessierten vorzustellen. So zum Beispiel beim Tag der offenen Tür an der MLU, im Rahmen der Gründernachtschicht, bei der Selbständige von 18 bis 24 Uhr mit Unterstützung an ihren eigenen Ideen arbeiten können, sowie bei verschiedenen Themenworkshops oder auch Universitätsveranstaltungen.

Eine dieser Gelegenheiten fand in der Woche vom 13. bis zum 17. November statt. Der Gründerservice der MLU veranstaltete die »Gründerwoche« im Rahmen einer deutschlandweiten Kampagne, bei der in verschiedensten Workshops und Vorträgen Wichtiges und Interessantes rund um das Thema nahegebracht wurde. Diese Veranstaltungswoche findet in Halle zweimal im Jahr statt, meist noch einmal im Frühjahr.

Diesmal erstreckte sich das Themenspektrum von Finanzierungsmöglichkeiten, über Tipps zum Thema Buchführung und Steuern, bis zu den verschiedenen Rechtsformen. Das Referententeam hat sich dabei sowohl aus Mitarbeitern des Gründerservice als auch aus externen Experten zusammengesetzt, die ihr Wissen gern und bereitwillig an die Workshopteilnehmer und Zuhörer weitergaben. Auch eine Veranstaltung der bereits anerkannten Reihe »Gründerservice Dialog« fand im Wochenprogramm seinen Platz. Hier wird den Interessierten Raum gegeben, mit erfolgreichen Unternehmern in Austausch zu treten, Fragen zu stellen und Ideen zu diskutieren.

»Beim Gründerbier«

Eine weitere etablierte Veranstaltung fand bereits zu Beginn der Woche statt. Am Ende des ersten Tages lud der Gründerservice zum Gründertreff ein. Dieses Event brachte sowohl bereits langjährige und neue Selbständige als auch Themeninteressierte zu einer gemütlichen und kontaktfreudigen Runde zusammen. Das Treffen schafft Möglichkeiten, Erfahrungen auszutauschen, Anderen seine Idee vorzustellen und Kontakte zu knüpfen.

Foto: Helena Heimbürge

So versammelte man sich am Montagabend im Objekt 5. Die Veranstaltung wurde mit einer Präsentation von Johannes Ranscht eingeläutet. Nachdem er sein Studium an der MLU abgeschlossen hatte, fasste er den Entschluss, sein eigener Boss zu werden und ein Unternehmen zu gründen. Im Moment ist er Geschäftsführer von Seedmatch GmbH, einer der erfolgreichsten Plattformen, wenn es um das Thema Crowdfunding in Deutschland geht. Er sprach daher über diese Finanzierungsmöglichkeit, sowie über das Thema Success Stories, da diese Geschichten, wie er findet, in der Öffentlichkeit viel zu kurz kommen.
Nach dem Vortrag war es dann an der Zeit, das heitere Netzwerken in einer entspannten Atmosphäre zu eröffnen.

Treffen wie diese werden von den Gründern gern genutzt. Man wird durch den Austausch mit anderen und vielleicht schon erfahreneren Unternehmern sehr motiviert. Für einige der Anwesenden war schon immer klar, dass sie einmal etwas Eigenes auf die Beine stellen werden. Sei es, weil sie aus einer Unternehmerfamilie stammen oder weil sie sich nicht vorstellen könnten, als Angestellte zu arbeiten. Natürlich gibt es auch noch andere Motive, eine Gründung ins Auge zu fassen. Zum Beispiel, weil der Job, in dem man gerne arbeiten möchte, noch gar nicht existiert. Dann wird er kurzerhand einfach selbst geschaffen. Doch der Prozess der Gründung kann sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Zum Beispiel das Stellen diverser Anträge oder die Ausarbeitung von Businessplänen. Generell stoßen einige Neugründer am Anfang auf Hürden, die ihnen nicht in den Sinn gekommen sind, frei nach dem Motto: »Gründen, das kann doch gar nicht so schwer sein«. Doch dann sitzt man vor dem ersten Antrags- oder Steuerformular und spürt die Wand der Erkenntnis wachsen, dass das alles nicht so einfach ist. Aber selbst wenn man strauchelt und es nicht so klappt, wie in der Vorstellung ausgemalt, gibt es nichts zu verlieren. »Die Erfahrungen, die man beim Gründen macht, sind Gold wert«, so Johannes Ranscht.

»Wenn mir keiner einen Arbeitsplatz gibt, dann schaffe ich mir einen eigenen.«

Eine, die den Sprung in das Unternehmertum erfolgreich geschafft hat und dieses Jahr ihr fünfjähriges Firmenjubiläum feiern konnte, ist Dagmar Kleemann, das Herz und der Kopf hinter »Kleemann-ttc«. Als sie 2005 ihr Geographiestudium an der Universität Halle antrat, konnte sie sich noch nicht vorstellen, einmal eine selbständige Personaltrainerin sowie Individualcoach zu werden, obwohl sie aus einer Unternehmerfamilie stammt. Mittlerweile sagt sie: »Meine Firma ist schon ein Stück weit mein Leben.« Doch es war nicht das Studium, welches sie zu der Idee ihres Unternehmens gebracht hat, zumindest nicht direkt. Neben dem Studium hat sich Kleemann im »AIESEC e. V.« engagiert. Bis heute ist sie dort noch im Alumni-Verband als Vorstandsmitglied tätig. Der Verein leitet auf internationaler Basis Projekte und Teams an und bildet seine Trainer für diese Aufgabe selbst aus. Eben eine solche Trainerausbildung und die Arbeit mit dem Verein haben Kleemann auf die Idee gebracht, dass dies doch ein gutes eigenes Projekt sei. Sie wurde immer wieder angefragt, hat die Ideen und Strukturen aus ihrer Ausbildung weiterentwickelt und ist durch ganz Deutschland gereist, um mit Teams an deren inneren Strukturen zu arbeiten. Hinzu kam, dass sie nach dem Studium und nach acht Monaten des ununterbrochenen Schreibens von Bewerbungen keinen Job finden konnte. »Wenn mir keiner einen Arbeitsplatz gibt«, dachte sie sich, »dann schaffe ich mir einen eigenen.«

In dem knappen Jahr, vom Entschluss bis zur endgültigen Gründung im Oktober 2012, hat sie jeden Morgen am Aufbau ihres Unternehmens gearbeitet und jobbte nebenbei am Nachmittag als Servicekraft. Erst im späteren Verlauf des Gründungsprozesses hat Kleemann begonnen, sich nach Hilfe umzusehen. Bis dato hatte sie sich selber über alles informiert. Die Suche nach dem richtigen Ansprechpartner hat sich schwieriger gestaltet, als sie gedacht hatte. Letztendlich hat sie im Gründerservice und in Hoffmann & Partner, einem Existenzgründerinstitut mit Sitz in Halle, zwei helfende Hände gefunden, die sie auf ihrem Weg unterstützten, sei es beim Korrekturlesen des selbst verfassten Businessplans oder bei der Vermittlung weiterer hilfreicher Partner.

Sie arbeitete zunächst nur von zuhause aus. Das hat natürlich neben den offensichtlichen Vorteilen auch einige Probleme mit sich gebracht. In den ersten Jahren fiel es ihr schwer, den privaten und geschäftlichen Teil zu trennen. Zunächst plante sie Treffen mit Freunden im Terminplaner ein, um überhaupt Zeit außerhalb der Arbeit mit ihnen verbringen zu können. Ein zusätzliches Büro hat da Abhilfe geschafft, ist aber auch aus einem anderen Grund ein wichtiger Schritt für sie gewesen. Ein Büro hat den Vorteil, dass dort mehr Platz zur Verfügung steht als in einem einfachen Arbeitszimmer. Diesen Platz braucht sie, um sich richtig ausbreiten und vor allem um mit Kunden auch vor Ort arbeiten zu können. Das Trennen von Geschäftlichem und Privatem fällt ihr trotzdem noch immer schwer, da viele ihrer Kunden mittlerweile zu ihren Freunden zählen, und so ist es schon vorgekommen, dass bei einer gemütlichen Tasse Kaffee unter Freunden auch mal Geschäftliches besprochen wurde.

Foto: Helena Heimbürge

Die Arbeit und das Vergnügen

Der Ausgleich zu ihrer Arbeit ist der Gründerin sehr wichtig. Neben ihrer Leidenschaft fürs Salsatanzen und Kochen hat sie einen großen Garten, den sie hingebungsvoll pflegt und bepflanzt. Wenn sie Seminare in ihrem Büro gibt, kann es schon mal sein, dass ihre Gäste die Verpflegung aus dem eigenen Garten der Gründerin bekommen. Daher versucht sie jeden Tag im Sommer ein paar Stunden dort zu verbringen.

Für sie als Frühaufsteherin beginnt der Tag mit Computerarbeit. Danach, gegen neun, kommt der übliche Morgenkaffee, nach welchem sie am Vormittag dann entweder im Garten arbeitet oder im Winter neue Programme für ihre Workshops plant. Am Nachmittag hat sie meistens die Trainingstermine, die aber auch ganztägig angelegt sein können.

Bis heute ist sie überrascht und glücklich, dem nachgehen zu können, wofür sie sich jahrelang ehrenamtlich im Verein engagierte, und damit jetzt ihr Geld zu verdienen. Für die Wissensvermittlung und das Trainieren brennt sie. Sie habe es sich aber nicht vorstellen können, dass es so toll sei, der eigene Chef zu sein. Vor allem gefalle ihr die freie Zeiteinteilung und die Möglichkeit sich die Kunden selber aussuchen zu können. Die Frage, ob sie irgendetwas bereue, beantwortete sie mit einem klaren Nein, denn mit allem, was man anfasse und ausprobiere, lerne man dazu.

Sie selbst lässt es sich auch nicht nehmen, neben ihren Workshops für Teambuilding auch Coachings zum Thema Existenzgründung anzubieten. Es sei ihr sehr wichtig, ihre Erfahrungen weiterzugeben und auch Firmen die Möglichkeit zu bieten, sich zu strukturieren und Stolpersteine schon im Vorfeld zu erkennen.
Als Tipp für diejenigen, die etwas Eigenes ins Leben rufen wollen oder mit dem Gedanken spielen, gibt sie den Ratschlag, so viele Fragen wie nur möglich zu stellen. Wer auf Ablehnung trifft und gesagt bekommt: »Das wird nichts« oder »Das kann man nicht machen«, der soll dranbleiben und weitermachen. Durchhaltevermögen und Hartnäckigkeit seien sehr wichtig, »man muss sich wirklich durch ganz viele Sachen durchwühlen, bis man zu seinem eigenen Ziel kommt.« Denn das Wichtigste sei dahinterzustehen, so die Gründerin. »Gründen, niemals aus Geldgründen, sondern nur aus Leidenschaft.«

Über Helena Heimbürge

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 08.12. 2017 16:50