Nov 2017 hastuPAUSE Nr. 75 Online 0

Liebe, Lust und Leidenschaft

Von einer fixen Idee zu einem kompletten Theaterstück - der Regisseur und Autor Christian Heß über die Entwicklung seines Stückes „Hugs and Kisses [xoxo]“, das Gefühl der Liebe und deren Rolle in der heutigen Gesellschaft.

Foto: Felix Schickel

Wie bist du überhaupt zum Sprechtheater gekommen?
Ich habe zum Einen schon immer viel geschrieben, und zum Anderen auch schon früh total Spaß am Theater gehabt – auf einer Bühne stehen, etwas spielen, etwas darstellen. Dann hat es sich mit dem Sprechtheater so ergeben, weil ich auch sehr dialoglastig schreibe. Ich komme von Haus aus auch aus keinem künstlerischen Umfeld, deswegen musste ich mich da erstmal reinfinden.

Woher nimmst du die Inspiration, ein solches Stück zu schreiben?
Inspiration kommt eben einfach. Vielleicht bin ich ein aufmerksamer Beobachter, und Kunst hängt viel von Beobachtung ab. Es ist oft so, dass ich im Alltag irgendwelche Situationen erlebe, die mich von der Personenkonstellation her catchen – was einem Menschen so passiert und welche Gefühle dabei rüberkommen. Von diesen Situationen gehe ich dann gerne aus und entwickle sie als Geschichte weiter.

Was ist denn die Geschichte deines Theaterstücks? Es geht vordergründig um Liebe, oder?
Grundsätzlich geht es um Liebe, ich glaube das kann man so sagen. Ich finde, Liebe entfaltet einen ganz speziellen und tollen Raum zwischen Menschen. Wie diese sich dann öffnen, wie sie merken, wie sie geliebt oder angenommen werden können, dafür, dass sie genau diese Person sind. In dem Moment, in dem du liebst, macht es keinen Unterschied, ob du einen Grund dafür hast, oder ob das jetzt dem entspricht, was du vorhattest – oder was rational geplant war. Man muss wissen, es gibt in meinem Stück ja keine Handlung oder Figuren im eigentlichen Sinne. Es ist eher so ein Konglomerat aus Szenen, die über diesen Komplex Liebe, Bindung, Bindungsangst und Vertrauen miteinander verbunden sind. Ein bisschen wie eine Clipshow vielleicht – die Darstellenden schlüpfen immer in andere Rollen. Dadurch ist schon so viel Raum da, dass Inhalt entstehen kann.

Und das ist auch etwas, das in deinem Stück zur Geltung kommen soll?
Ja, aber ulkigerweise hat dieser Aspekt einen relativ kleinen Redeanteil. In meinem Stück wird unheimlich viel gesprochen, und zwar oft nicht über das eigentliche Problem – es ist ein unheimliches Laberstück. Da werden Dinge verhandelt wie: »Ja, ich liebe dich, aber es wird mir hier zu eng mit dir« – so der Klassiker. Dann natürlich das leidliche Online-Dating. Ich habe da so ein entscheidungsorientiertes Gespräch im Stück drin. Das ist tatsächlich ein Verfahren aus der Personalauswahl. Das habe ich dann 1:1 auf eine Dating-Situation übertragen. Es ist irre, wie gut das passt! Man kennt ja so Konzepte wie friendzonen, Freundschaft plus und was es alles so gibt. Alle hetzen sich irgendwie ab, und sobald irgendwas mal Gefühle in dir produziert oder dich einfängt, wird es gefährlich. Denn dann kannst du deinen Plan nicht mehr verfolgen. So kommt es, dass Menschen gar nicht mehr für sich den Raum sehen, sich zu verlieben oder sich auf etwas einzulassen, was einfach nicht vorhersehbar ist.

Fotos: Felix Schickel

Wie hat sich diese anfängliche Idee eines Theaterstücks weiterentwickelt bis hin zu der tatsächlichen Umsetzung?
Ich hatte die schöne Situation, dass ich mit einem Freund, der Theater spielt, irgendwann im März im Charles Bronson bei »Kunst gegen Bares« war. Wir vereinbarten spontan: Ich mache ein Stück und er spielt mit und das findet innerhalb dieses Jahres noch statt. Das ging dann auch untypisch schnell für mich, dass ich das so runtergeschrieben habe. Ich habe für die erste Fassung, die eigentlich für meine Begriffe schon spielbar war, 3-4 Monate gebraucht.
Bei einem anderen Mal »Kunst gegen Bares« bin ich mit Texten aus dem Stück aufgetreten und habe gleichzeitig noch einen Werbeaufruf gemacht, nach dem Motto: »Ich suche noch Darstellende, wenn ihr Lust habt, macht mit!«. Mein Bruder kam auch als Darsteller mit rein, weil ich weiß, was er drauf hat.

Was war dir bei der Umsetzung deines Theaterstücks wichtig?
Ich mache das jetzt ja zum ersten Mal in der Größenordnung und es gibt schon Situationen, in denen man natürlich auch an sich zweifelt. Wichtig war mir, dass es nicht zur totalen Freakshow und Satire wird. Also es ist ein total überdrehter Text, aber ich versuche mit meinen Darstellenden, dass zwischen dem ganzen wirren Gerede auch der Schmerz rüberkommt, der ja da ist. Von Anfang an wollte ich auch, dass wir uns Zeit nehmen, gemeinsam daran zu arbeiten. Ich fände es verarmend für so eine Produktion, wenn einer alles alleine macht. Für mich ist Theater auch so ein Prozess, bei dem ganz viele Menschen was zusammen machen. Dadurch entsteht dann irgendwie ein Ganzes, was mehr ist, als die Summe seiner Teile. Ich arbeite mit richtig coolen Leuten zusammen, die unheimlich pfiffig sind, und auf krasse Ideen kommen – ich habe ja keinen Theatertext geschrieben, der genauso bleiben muss und nicht geändert werden darf. Ich finde, jedes Theaterstück gewinnt dadurch, wenn doch nochmal so eine Doppelbödigkeit entsteht und etwas doch anders läuft, als man es anfangs vermutet hätte. Ich bin mit dem Gedanken daran gegangen, dass es ein Low-Budget-Theaterstück wird. Wir sind ja letztendlich alle Laien, keiner von uns hat Schauspiel oder Regie studiert. Meine Absicht war, dass wir vor allem spielerisch ein gutes Level erreichen, sprich eine gute Qualität, weil ich glaube, dass es für gutes Theater nicht viel mehr braucht.

Wie bist du denn darauf gekommen, das Theaterstück im Hühnermanhattan aufzuführen?
Da hatte ich ziemlich viel Glück und Connections. Durch einen Dichterkreis kenne ich den Betreiber, und dann kam von ihm die Idee: »Wenn du ein Stück machst, kannst du es bei mir aufführen.«. Es ist echt eine tolle Location, voll mit Charakter. Er baut da jetzt auch ein Theater rein, das wir dann sogar einweihen dürfen.

Möchtest du mit deinem Stück einen Appell an die Zuschauer richten?
Ich finde es immer doof, wenn man so appellatives Theater macht. Menschen sollen einfach Lust darauf bekommen, sich darüber auszutauschen. Ich möchte Menschen unterhalten, sie aber doch auch dazu anregen, die eigene Position zu reflektieren und sich somit auch anderen anzunähern. Dann glaube ich schon, dass sich viel ändern kann.

Gibt es schon einen Ausblick auf weitere Stücke von dir?
Auf jeden Fall! Klüger wäre es vielleicht, die Premiere abzuwarten. Aber ich habe da noch was in der Schublade – eine etwas greifbarere Geschichte mit Handlung, in der es unter anderem um gleichgeschlechtliche Liebe und Helikoptereltern geht. Ich habe schon ziemlich fest vor, dass da noch was kommt. Vielleicht nächstes Jahr, jetzt wo wir auch unsere Schauspielgruppe »Machtschieflage« haben.

Foto: Felix Schickel

Über Karoline Bartmann

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Erstellt: 17.11. 2017 | Bearbeitet: 10.12. 2017 00:00