Dez 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 75 0

LGBT-Aktivismus in Halle

Die Ehe für alle findet nach jahrzehntelangem Ringen endlich ihren rechtmäßigen Platz im deutschen Grundgesetz. Was das für Auswirkungen mit sich trägt und welche weiteren Neuigkeiten es in der deutschen LGBT-Community gibt, wurde beim alljährlichen interdisziplinären Fachaustausch »Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt – Update 2017« thematisiert. Dieser wurde vom Begegnungs- und Beratungs-Zentrum »lebensart« e. V. geplant und durchgeführt.

Foto: BBZ »lebensart« e.V.

Angefangen hat die Veranstaltung mit einer stürmischen These des an der Hochschule Merseburg tätigen Sexualwissenschaftlers Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß: »Durch rechte Normierungen gerät geschlechtlichsexuelle Vielfalt unter Druck und unterliegt neuen Restriktionen.« Dies bleibt nicht unbegründet. Mit dem Positionspapier »Magdeburger Erklärung zur Frühsexualisierung« der AfD von 2016 werde für das Land Sachsen-Anhalt eine frühe Aufklärung über geschlechtliche Identitäten und alternative Familienformen bei Kindern von der Partei strikt abgelehnt. Diese Forderungen wiegen besonders schwer, da das Dokument ein enormes Medienecho erhalten hat und die Partei zweitstärkste Kraft in Sachsen-Anhalt ist – somit einen entsprechend starken Einfluss auf die landeseignen Bildungsstädte besitze.

»Heteronormative Matrix« war eine Wortkonstruktion, die man bei Prof. Dr. Voß mehrmals für die Beschreibung von pluralisierten Lebensverhältnissen wiedergefunden hat. So sei es ein Zug unserer modernen Gesellschaft, abweichende

Lebensstrukturen zu normalisieren. Für die Öffnung der Homo-Ehe bedeute das aus gesellschaftskritischer Sicht, dass gleichgeschlechtliche Partner, die sich für eine Vermählung entschieden, eine höhere Toleranz erfahren würden. Das Gleiche gelte für die Adoption von Kindern, welche ebenfalls leichter zugänglich für ein gleichgeschlechtliches Ehepaar gestaltet wurde. Eine Lebensgemeinschaft mit Kindern stellt das ideale Familienmodell dar. So seien zwei verheiratete Väter oder Mütter, die sich jenem traditionellen Modell beugen würden, weniger Diskriminierung ausgesetzt.

Auf Basis des Vortrages lässt sich sagen, dass noch immer ein hohes Entwicklungspotential besteht, regional wie auch gesamtgesellschaftlich. Neue gesetzliche Regelungen, die einen erhöhten Handlungsspielraum für eine heterogene Gesellschaft ermöglichen, ändern diesen Umstand nicht.

»inter/divers« als dritte Option

Diese Neuerung geht auf den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 10. Oktober 2017 zurück. Eine intersexuelle Person, welche sich biologisch gesehen nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen lässt, hat sich für die Realisierung des dritten Geschlechtseintrages »inter/divers« durch die Instanzen geklagt. Zuvor gab es bei intersexuellen Neugeborenen, die Geschlechtervarianten im Genitalbereich aufwiesen, seit 2013 die Möglichkeit, den Eintrag auszulassen. Dem Bund bleibt bis Ende nächsten Jahres Zeit, das Gesetz entsprechend zu novellieren. Dies wird weitreichende Folgen für Behörden, den Arbeitsmarkt und formelle Anreden im Allgemeinen haben. Beispielsweise wird die gängige Abkürzung »m/w« in Jobanzeigen um ein »d« für »divers« ergänzt werden müssen.

Der Biologe Simon Zobel informierte über Intergeschlechtlichkeit und ihre Probleme. Diagnostiziert werde ein intersexueller Mensch in der Regel bei der Geburt durch das Auftreten einer Genitalvariante, während der Pubertät durch hormonelle Diskrepanzen oder im Erwachsenenalter aufgrund von Sterilität. Betroffene Personen seien jedoch meist völlig gesund. Das Gesetz solle allem voran bewirken, dass Intersexuelle mehr Selbstbestimmung erhalten. In der Vergangenheit stellten medizinisch angleichende Maßnahmen im Säuglings- und Kindesalter, ohne die informierte Zustimmung jener Personen und ohne Wissen über ihre tatsächliche Geschlechtsidentität, einen untragbaren Eingriff in das Menschenrecht und die körperliche Unversehrtheit dar. Demnach gab es in den letzten 60 Jahren, dem Zeitalter der erkenntnistheoretischen und expandierenden Chirurgie, entsprechende Probleme.

Transsexualität als Persönlichkeits- und Verhaltensstörung

Auch bei dem Thema trans* hat sich im Jahr 2017 einiges getan. Updates über die wichtigsten Änderungen gab Johannes Hamm, Berater für trans*bezogene Themen in Berlin. Der- zeit werde eine Entpathologisierung des Status »Transsexuell« angestrebt. Diese Begrifflichkeit sei im Katalog der Welt Gesundheitsorganisation noch immer laut ICD-10 unter dem Kapitel der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen wiederzufinden. Mit ihr gehe laut der WHO eine spezifische Symptomatik, wie das dringende Verlangen nach hormoneller und chirurgischer Angleichung, einher.

Mutmaßungen wie diese spiegeln sich im deutschen Transsexuellengesetz (TSG) wieder und resultieren damit in der Begutachtungspflicht betroffener Menschen. Die Antragsteller müssen sich für eine Vornamens- und Personenstandsänderung zwei unabhängigen Gutachten, in denen ihre

Geschlechtszugehörigkeit von Fremden beurteilt wird, unterziehen. Erst wenn die Begutachter der Meinung sind, dass sich die betroffene Person ihre vermeintliche Identität nicht einbildet, wird der Antrag gestattet. Fazit des Referenten: Ein extrem veraltetes Gesetz, welches die Zurechnungsfähigkeit von geistig gesunden Menschen anzweifelt und invalide Eingriffe in ihre persönliche Gedanken-und Gefühlswelt zur Folge hat.

Aufgrund dieser Tatsachen habe sich, laut Hamm, eine interministerielle Arbeitsgruppe des Bundestages Anfang 2017 zusammengefunden und Reformvorschläge für ein neues Gesetz gesammelt. In dessen Vordergrund stehe dabei die Selbstbestimmung von transgeschlechtlichen Personen, die Begutachtungspflicht würde in diesem Zuge entfallen. Dies richte sich nach internationalem Standard, denn auch die WHO wird künftig ein neues Kapitel für Transgeschlechtlichkeit eröffnen. Dieses enthält einen neuen Diagnoseschlüssel, welcher sich nach dem selbst erlebten Geschlecht richte und somit auch nichtbinäre Geschlechteridentitäten inkludieren würde. Zusammengefasst werde die Richtlinie unter dem Namen »Geschlechtsinkongruenz«.

Über Fiona Hruschka

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 19.12. 2017 21:36