Mai 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 72 0

Leid und Erlösung

Jawlensky malte wie besessen immer wieder dasselbe Motiv, selbst als er kaum noch einen Pinsel halten konnte. Rouault identifizierte sich mit der tragischen Figur des traurigen Clowns. Eine Gegenüberstellung der Figurenbilder dieser beiden tief religiösen Künstler wird in der Sonderausstellung »Sehen mit geschlossenen Augen« im Kunstmuseum Moritzburg gezeigt.

Foto: Marcus-Andreas Mohr

Foto: Marcus-Andreas Mohr

Alexej von Jawlensky und Georges Rouault – zwei Namen, die nicht unbedingt jedem bekannt sein dürften. Beide waren Künstler, beide wirkten vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre Figurenbilder zeigen auffallende Parallelen, doch ist es nicht bekannt, ob sich die beiden Künstler je persönlich gegenüberstanden. Das jedenfalls erfährt der Besucher dank Audioguide bereits zu Beginn des Rundgangs der Sonderausstellung »Sehen mit geschlossenen Augen« im Kunstmuseum Moritzburg. Über 120 Werke der beiden Expressionisten werden dort in einer Gegenüberstellung gezeigt. Etwas versteckt liegt der kleinere Ausstellungsraum in der oberen Etage des Nordflügels der Moritzburg, der das Frühwerk der Künstler beherbergt und zugleich den Beginn des Rundgangs markiert.

Jawlenskys frühe Bilder sind vor allem eins: knallbunt. Ausdrucksstarke Portraits, wie die »Prinzessin Turandot« von 1912, zeigen nicht nur fast jeden einzelnen Pinselstrich des Künstlers, sondern auch deutlich Jawlenskys offensichtliche Aversion, einfach nur naturalistisch, sprich eine realistische Abbildung, zu malen. Deutlich abstrahiert er bestimmte Gesichtsmerkmale: Die Augen sitzen katzenhaft unter dicken schwarzen Augenbrauen, dazwischen eine längliche Nase und darunter als dunkler Fleck die Lippen der stolz dreinschauenden Prinzessin.
Als gebürtiger Russe musste Jawlensky Deutschland bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlassen und verbrachte die nächsten Jahre in der Schweiz. Dort wandte er sich für kurze Zeit von seinen Figurenbildern ab und malte stattdessen die Landschaft, die er von seinem Fenster aus betrachten konnte. Eine Reihe von Bildern entstand, die sich alle in ihren Grundzügen ähneln. Stets zeigen sie dieselbe Szenerie in abstrakten, bunten Formen, die nur zusammengefügt erkennbare Landschaftselemente wie Büsche und Bäume bilden können. Erst nach dem Krieg begann er wieder zum menschlichen Bild zurückzufinden.
Rouault dagegen befasste sich vor allem mit gesellschaftskritischen Darstellungen, darunter meist von Prostituierten und anderen Personen aus dem Rotlichtmilieu. Doch besonders die Figur des »traurigen Clowns« taucht immer wieder in seinem Werk auf, wie zum Beispiel in seinem 1910 entstandenem Gemälde »Polichinelle«, zu Deutsch »Hanswurst«. Vielleicht sollte man an dieser Stelle bei der französischen
Bezeichnung bleiben. Tatsächlich scheint er eine Art persönliche Verbindung zu dieser tragischen Figur gehabt zu haben, die eigentlich aus dem süditalienischen Theater stammt, malte er sich doch in seinen Selbstportraits oft mit ihrer typischen Kopfbedeckung. Seine Bilder erscheinen im Gegensatz zu Jawlensky deutlich düsterer, sind jedoch dadurch nicht weniger ausdrucksstark.

Stets dasselbe Gesicht

Wer keinen Wert auf die künstlerische Auseinandersetzung mit Religion und Rezeption religiöser Bildtraditionen legt, könnte den Rest seiner Zeit damit verbringen, das Frühwerk beider Künstler weiter zu bestaunen. Doch auch weniger fromme Kunstinteressierte sollten darüber hinaus ihre Freude am Lebensweg Jawlenskys und Rouaults und ihren beeindruckenden Gemälden finden. Verlässt der Besucher den kleinen Ausstellungsraum, kann er bereits von oben einen Blick auf die Fortsetzung der Sonderausstellung in der unteren Etage werfen. In deren Mitte liegt gut sichtbar der wortwörtliche Kern der Ausstellung – ein angedeuteter kleiner Kreis, um den sich, dem Lebensweg der beiden Künstler folgend, die restlichen Werke gruppieren.
Während man sich nach der Betrachtung des Frühwerks noch fragt, worin genau die Ähnlichkeit in der Kunst Jawlenskys und Rouaults liegt, wird dies im Hauptteil der Sonderausstellung deutlich. Jawlensky wandte sich nach Ende des Krieges wieder der Figurenmalerei zu, bis er schließlich mit seiner Serie von Heilandsgesichtern begann. Sehr eindrucksvoll wird an dieser Stelle der Übergang beziehungsweise die Evolution von Jawlenskys Figurenbildern aufbereitet. Fast wirkt es wie eine natürliche Entwicklung: Die Gesichter werden immer frontaler zum Betrachter ausgerichtet, die Farbgebung bleibt alles andere als naturalistisch, sondern wird eher noch kräftiger. Dennoch beweist Jawlensky, dass nach dem Prinzip Pünktchen-Pünktchen-Komma-Strich ein Gesicht entstehen kann. Zwei schräge Linien stellen die Augen dar, unklar bleibt jedoch, ob diese geöffnet
oder geschlossen sind. Ein langes »L« deutet die Nase an, der darunter verlaufende Strich den Mund. Die ovale Form um diese Linien bildet den Rahmen und vollendet das abstrakte Gesicht. Gerade das Zurücknehmen von Formen scheint das Gesicht als Grundform hervorzuheben.

Suche nach Gott?

Neben Jawlenskys Serie setzt sich plötzlich Rouaults Reihe von Gesichtern fort, welche durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit den Heilandsgesichtern aufweisen. Auch er zeigt das Gesicht Christi, frontal und mit auffallender Schlichtheit im Vergleich zu seinen sonstigen Gemälden. Rouault stellt jedoch einen leidenden Christus mit Dornenkrone dar, während Jawlensky den bereits erlösten Christus, angelehnt an religiöse Ikonenbilder, zeigt. Jene Ähnlichkeiten im Werk der beiden Künstler sind der Kern der Ausstellung und werden in der Mitte des Raumes gegenübergestellt. So stehen sich dort nicht nur die Künstler, sondern auch ihre religiösen Konzepte gegenüber: Das Bildnis des leidenden und des erlösten Christus.
Ob sich beide Künstler jemals über ihr Werk ausgetauscht haben, ist an dieser Stelle gar nicht mehr so wichtig, sind die Ähnlichkeiten in ihrem Werk doch wahrscheinlich viel mehr in ihrer Religiosität begründet. Rouault war Zeit seines Lebens gläubiger Katholik, und auch Jawlensky wuchs streng religiös in einer russisch-orthodoxen Gemeinde auf. Vielleicht ist es die Suche nach Gott, die persönliche Auseinandersetzung mit Religion, die beide Künstler antrieb. Rouault leidvoll, mit dem sehnsüchtigen Blick seines Polichinelle, und Jawlensky mit der Hoffnung auf Erlösung. Selbst als er an Polyarthritis erkrankte, hörte der Strom seiner Malerei nicht auf, trotz immer schlimmer werdender Lähmungserscheinungen. Als er schließlich den Pinsel nicht mehr halten konnte, band man ihn an seine Hand. Zu diesem Zeitpunkt war es ihm nur noch möglich, senkrechte Linien zu ziehen; seine so entstandenen, eher kleinformatigen Bilder sind ungewohnt düster. Hier und da schimmert ein Hauch von Farbe unter der Dunkelheit hervor, während das angedeutete Gesicht nun kaum mehr ist als ein schwarzes Kreuz. Ob er nach seinem Tod Erlösung fand, bleibt ungewiss, doch der Betrachter könnte sie in seinen
Bildern finden.
  • Sonderausstellung Jawlensky/Rouault: »Sehen mit geschlossenen Augen«, vom 19. März bis 25. Juni 2017 im Kunstmuseum Moritzburg, Eintritt: 9 Euro (erm. 7 Euro)
  • Die Audioführung für Erwachsene (2 Euro) und Kinder (kostenlos) ist für eine tiefere Auseinandersetzung mit ausgewählten Bildern empfehlenswert, besonders zum besseren Verständnis für Laien.
  • An dieser Stelle sei außerdem auf die parallele Ausstellung des Kunstvereins »Talstrasse«über Georges Rouaults Druckgrafiken hingewiesen.

Über Silvia Claus

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Erstellt: 31.05. 2017 | Bearbeitet: 03.06. 2017 02:44