Jul 2017 hastuUNI Heft Nr. 73 0

Langsames Studieren kostet Geld

Die Universität Leipzig plant Gebühren für Langzeit- und Zweitstudium

Foto: Lernfabriken … meutern!

Die mit rotem Teppich überspannten altehrwürdigen Stufen des Rektorats der Uni Leipzig boten zur letzten Senatssitzung am 16. Mai Trillerpfeifenkonzerten und gebrüllten Sprechchören eine Bühne. Die Senatorinnen und Senatoren zogen unter dem lautstarken Protest vieler Studierender zur monatlichen Sitzung ein, wo sich »die Gefühlswelten normalerweise zwischen gelangweilt und leicht erregt bewegen«, wie es der studentische Senator Maximilian König ausdrückte. Zu Beginn der letzten Sitzung kam es zu Zwischenrufen und Störungen von Seiten der Protestierenden. Die Demonstration wurde vom Bündnis »Lernfabriken … meutern« organisiert, das sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, gegen »die von Leistungsdruck geprägte Situation für Studierende« zu kämpfen.

Grund für den Widerstand war ein Tagesordnungspunkt der Sitzung: die Einführung einer Gebührenordnung an der Universität Leipzig. Es geht um die Erhebung von Langzeit- und Zweitstudiengebühren. Der Senat muss die einheitliche Gebührenordnung aufgrund einer Gesetzesvorgabe der Landesregierung durchsetzen. Dabei geht es einmal um eine Gebühr von 500 Euro pro Semester für ein Langzeitstudium (mehr als 4 Semester über der Regelstudienzeit) und 350 Euro pro Semester für ein Zweitstudium.

»Wir können absehen, wie viele das trifft, das sind im Moment sehr wenige, nämlich genau vier Studierende.«, betont die Kanzlerin der Universität, Birgit Dräger. Auch Maximilian König nennt die Langzeitstudiengebühren eine »Nicht-Maßnahme«, da es so wenige Menschen betreffen würde. Beim Zweitstudium müssen in Zukunft jene Studierenden zahlen, die einen zweiten Bachelor- oder Masterabschluss anstreben. Allerdings gibt es hier einen Puffer von sechs Semestern, bevor die Gebühren fällig werden.

Wenn eine Studentin beispielsweise einen Bachelor-Abschluss in Regelstudienzeit macht, anschließend einen Master in fünf Semestern und einen zweiten Master in ebenfalls fünf Semestern abschließt, würde sie keine Gebühren zahlen müssen, wie es Kanzlerin Dräger erklärt. Da diese hypothetische Studentin genau sechs Semester über der Regelstudienzeit für Bachelor und Master liegt, muss sie gerade eben noch nichts bezahlen.

Foto: Lernfabriken … meutern!

Auf der Senatssitzung selbst wurde das Thema äußerst emotional, lautstark und zum Teil polemisch besprochen. Am Ende wurde aufgrund des Protestes der Beschluss auf die nächste Sitzung vertagt. Oft ging es statt um die verhandelten Studiengebühren um generelle Studiengebühren, also Zahlungen zur Aufnahme eines Studiums. Allerdings auch nicht zu Unrecht, wie der studentische Senator Carl Bauer meint: »Zurzeit gibt es keine allgemeinen Studiengebühren in Sachsen, aber die Gebühren könnten ein Brückenkopf in Richtung Einführung allgemeiner Studiengebühren sein.«

Zwischen Bauer und dem Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie, Roger Berger, kam es während der Senatssitzung zu einem heftigen Streit, woraufhin Berger die Sitzung wutentbrannt verließ. Grund dafür war, dass Berger eine soziologische Studie zitierte, die aufzeigt, dass die Studierneigung durch Gebühren nicht beeinflusst wird. Obwohl Berger von allen Beteiligten als zentraler Fürsprecher der neuen Gebührenordnung gesehen wurde, weist er das von sich: »Es ist schlichtweg falsch, dass die Studierneigung bei nichtakademischen Schichten bei der Einführung von Studiengebühren in der Höhe, wie sie von uns besprochen wurden, abnimmt. Das ist ein Argument, das wissenschaftlich belegt werden kann.« Berger warf den Gegnern der Gebühren vor, »ihr ideologisches Süppchen auf Kosten der Allgemeinheit zu kochen«. Bauer entgegnet darauf: »Die Menschen, die diesen Vorwurf äußern, ziehen sich auf das Feld des Unpolitischen zurück. Das lasse ich nicht gelten, die Auseinandersetzung um Studiengebühren ist immer eine politische.«

Der Dekan und auch die Kanzlerin befanden die Störungen der Senatssitzung aus zwei Gründen als unangemessen. Der Senat habe erstens keine Entscheidungsgewalt, er müsse also die Vorgaben der Landesregierung umsetzen und zweitens seien die Maßnahmen so belanglos, dass sich der Protest nicht lohne. Beide sehen die jetzt festzulegenden Gebühren als nicht sehr hoch an, Dräger nennt die 500 Euro für ein Langzeitstudium »behutsam« und Berger entgegnete auf die Frage nach seiner persönlichen Meinung zu den neuen Studienkosten: »Tatsächlich sind mir die Gebühren, in der Form wie sie besprochen wurden, aufgrund ihrer Geringfügigkeit ziemlich egal. Es passiert sowieso quasi nichts.« In der nächsten Senatssitzung wird die Gebührenordnung wieder das zentrale Thema sein, ein noch größerer Protest Leipziger Studierender hat sich bereits angekündigt.

Text: Rewert Hoffer

 

Nachtrag der hastuzeit: Wie sieht es an der MLU aus?

Während in Leipzig noch protestiert wird, müssen in der Saalestadt bereits seit dem Wintersemester 2005/2006 Langzeitstudierende draufzahlen: 500 Euro pro Semester. Damit beugte sich die MLU den Änderungen des Hochschulgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt vom Mai 2004. Der Akademische Senat legte im April 2005 dafür mit seiner Entscheidung zur Verabschiedung der Ordnung zu Gebühren bei Regelstudienzeitüberschreitung die Grundlage.

Als Langzeitstudierender gilt, wer mehr als vier Semester über der Regelstudienzeit liegt; ein Bachelorstudent müsste beispielsweise ab dem 11. Semester den Betrag überweisen, hierbei ist Ratenzahlung möglich. Aktuelle Zahlen über die Lage an der MLU liegen für das Sommersemester 2016 und das Wintersemester 2016/17 vor: 2066 beziehungsweise 2170 Studierende waren von dieser Regelung betroffen, davon mussten jedoch nicht alle die Langzeitstudiengebühren bezahlen. So gibt es nämlich bestimmte Wege, diese zu umgehen – wenn man zum Beispiel unter Belastung steht als LeistungsathletIn im A- oder B-Kader, ein national oder international herausragender NachwuchsmusikerIn oder TrägerIn eines nationalen oder internationalen Kunstpreises ist, wird man von den Langzeitstudiengebühren befreit. Dies gilt auch, wenn das Studium aufgrund der Folgen als Opfer einer Straftat, den Auswirkungen einer Behinderung oder schweren Erkrankung nicht in Regelstudienzeit abgeschlossen werden kann. Günstig wirkt sich der Erhalt von BAföG oder Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz aus, ebenso der Umstand, Eltern zu sein oder bei den Eltern zu wohnen; hierbei gibt es aber bestimmte Einschränkungen. Mildernd im Sinne einer Befreiung wirkt es sich auch aus, wenn man ein Semester seines Studiums damit zugebracht hat, eine Sprache zu lernen, die Voraussetzung für das Studium war. Wenn man im elften Semester studiert, aber in der Lage ist, bis zum 31. Oktober sein Studium komplett zu beenden, erhält man sein Geld zumindest wieder. Sollte dies alles nicht helfen, gibt es immer noch die Möglichkeit, Urlaubssemester zu beantragen.

Auch ein Zweitstudium will finanziert werden: Seit dem Wintersemester 2006/2007 müssen außerdem Zweitstudiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester bezahlt werden. Auch hier ist Ratenzahlung eine Option. Um dies zu umgehen, sollte man das erste Studium in der DDR oder im Ausland abgeschlossen haben und über keinen weiteren (bundesdeutschen) Abschluss verfügen. Wird ein Beruf angestrebt, der nur aufgrund zweier abgeschlossener Studiengänge ausgeübt werden darf, oder sollte das Praktizieren des mit dem Erststudium angestrebten Berufes infolge einer Schwerbehinderung oder erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht in sinnvoller Weise möglich sein, wirkt sich dies ebenfalls dahingehend aus, dass man von den Gebühren befreit wird. Andernfalls gilt auch hier eine Beurlaubung als hilfreich.

Text: Sophie Ritter

Über Rewert Hoffer

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Erstellt: 05.07. 2017 | Bearbeitet: 18.10. 2017 13:46