Dez 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 75 0

Kasperle war gestern

Der Hamlet modernisiert? Mit Puppen? Geht das überhaupt? Natürlich geht es, wie das Puppentheater Halle unter Beweis stellt

von links: Christian Sengewald, Lars Frank, Nils Dreschke, Ines Heinrich-Frank
Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel

Mitten auf der Bühne thront ein dunkler Kubus. Mit schwärzlichem Stoff bespannt gibt dieses Bühnenbild, gefertigt von Angela Baumgart, Einblicke in die Gefängniszelle innerhalb – besser gesagt in das Gemach des Prinzen Hamlet, welches völlig in Schwarz gehalten und spärlich mit futuristischen Möbeln eingerichtet ist. Hier steht eine nackte Pritsche, dort ein Tisch – es wirkt klinisch rein, und so bewegen sich die weißgekleideten Figuren auch wie Fremdkörper im Raum. Man merkt sofort, es wird eine düstere, ja bedrückende Hamlet-Inszenierung, die Regisseur Christoph Werner in dieser Spielzeit am Puppentheater Halle darbietet.

Dabei kommt er mit relativ wenig Puppenspiel aus, was an der Fokussierung des Regisseurs liegt: Das Drama um die jungen, beinahe kindlichen Charaktere wie Hamlet, Ophelia oder Laertes steht im Mittelpunkt. Diese werden folglich durch Gliederpuppen dargestellt, wohingegen die restlichen Rollen von menschlichen DarstellerInnen verkörpert werden. Dabei ist der Sprung ins Hier und Heute gut geglückt; man kommuniziert via Videokonferenz, spielt Videospiele und trägt Pistolen. Auch an der Sprache ist dies zu erkennen, welche sich zwar am Original orientiert, aber dezent einen modernen Stil einfließen lässt, der sich nahtlos eingliedert.

Einher geht damit auch eine rigorose Kürzung des Originals – der umfangreiche Stoff ist auf satte 90 Minuten zusammengestrichen worden und bedient nur die notwendigsten Schauplätze. In einem Moment wandelt der Geist von Hamlets Vater (Lars Frank) im projizierten Regen, im nächsten hat er seinen Sohn im Würgegriff und flüstert ihm die Rache ein. Gleich darauf pendelt Hamlet (Ines Heinrich-Frank) zwischen Verzweiflung und Hass, und mittendrin wird Ophelia (Ivana Sajevic) in den Wahnsinn getrieben; kurz und gut: ohne sich groß aufzuhalten, strebt man zügig auf das blutige Finale zu.

Dieser fokussierte Zugriff ist eine ansehnliche Leistung, birgt jedoch die Gefahr, Nebenfiguren in einer Eindimensionalität untergehen zu lassen, wie beispielsweise die Rolle des Stiefvaters und nun neuen Königs Claudius (Nils Dreschke).

von links: Lars Frank, Louise Nowitzki, Nils Dreschke, Ines Heinrich-Frank
Foto: Theater, Oper und Orchester GmbH, Falk Wenzel

Leider verliert die Inszenierung spätestens ab der Hälfte ihre Energie. Bildliche Auflockerungen oder Projektionen bleiben hier fast gänzlich aus, und das bloße Sprechtheater bietet keine Abwechslung mehr. Ebenso scheint die Inszenierung an einigen Stellen unsauber ausgearbeitet zu sein. So hören beispielsweise die jugendlichen Charaktere lauten Heavy Metal oder zocken einen Shooter auf der Spielekonsole. Möchte Werner diese Mittel mit dem amokähnlichen Blutbad am Ende verbinden, hantiert er folglich ironisch mit Klischees oder führt er nur inhaltsleere Provokationen auf? Es lässt sich nicht abschließend sagen, und die Bilder bleiben unbeantwortet im Raum hängen.

Doch am Ende kommt mit dem Tod Ophelias wieder Fahrt auf. Mit Hilfe einer farblichen Videoeinspielung ist ihr Ertrinken deutlich und eindrucksvoll kontrastiert, auf der Projektionsfläche sprießen blutrote Blumen – das Finale naht. Als Videospiel-Contest verpackt bietet es auch eindrückliche Bilder, und man fühlt sich nicht enttäuscht, wenn nach dem großen Morden der Geist von Hamlets Vater den toten Körper seines Sohnes behutsam davonträgt; hier hat die Inszenierung sich wiedergefunden und ist wieder ganz Puppenspiel mit starken Augenblicken. Mehr von diesen wäre schön gewesen, und doch bietet dieser Hamlet Raum zum Staunen und Diskutieren.

  • Nächste Vorstellungen von »Hamlet, Prinz von Dänemark«:
    Donnerstag, 21. Dezember 2017, 20.00 Uhr
    Freitag, 22. Dezember 2017, 20.00 Uhr
    Freitag, 26. Januar 2018, 20.00 Uhr
    Samstag, 27. Januar 2018, 20.00 Uhr
    Donnerstag, 01. Februar 2018, 20.00 Uhr
    Freitag, 02. Februar 2018, 20.00 Uhr
    Donnerstag, 08. Februar 2018, 20.00 Uhr
    Freitag, 09. Februar 2018, 20.00 Uhr

Über Jost Plate

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 10.12. 2017 00:01