Mai 2017 hastuINTERESSE Heft Nr. 72 0

Kant in aller Munde

Am Wochenende vom 28. bis zum 30.4.2017 kamen rund 90 philosophiebegeisterte Menschen zusammen, um Vorträge über Auseinandersetzungen mit den Schriften des kritischen Kant zu diskutieren. Professoren, Dozenten und Studierende fanden alle den Weg zum Uniplatz der MLU und freuten sich auf eine lehrreiche und zum Nachdenken anregende Zeit.

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Foto: Daniel Stader

Von draußen kann man die leisen Geräusche schon hören, die auf Unterhaltungen schließen lassen. Nachdem die steinerne Treppe des Unigebäudes erklommen wurde, sind die Personen zu sehen, zu denen die Stimmen gehören. Das Gefühl, etwas Besonderem beizuwohnen, macht sich in einem breit, denn dass so viele Persönlichkeiten zusammengekommen sind, um gemeinsam an einem philosophischen Thema zu wirken, ist fast unvorstellbar.

Was 2006 als Veranstaltung mit drei teilnehmenden Nationen begann, wurde unter den Philosophen schnell beliebt und weckte immer mehr internationales Interesse. Ab 2008 folgten Tagungen in regelmäßigen Abständen, von ein oder zwei Jahren, in Städten wie Verona, Lissabon, dem brasilianischen Tiradentes und New York. Dieses Jahr wurde sie das zweite Mal in Deutschland, jedoch erstmalig in Halle an der Saale abgehalten. In Zusammenarbeit mit einigen Organisationen, mit Unterstützung der Stadt Halle und überdies mit studentischer Hilfe konnte nun das offizielle VII. multilaterale Kant-Kolloquium mit dem Titel »Kant und seine Kritiker« an der MLU stattfinden. Professor Heiner Klemme, einer der Organisatoren, zeigte sich über das zahlreiche Erscheinen erfreut; 80 offiziell Mitwirkende und weitere Studierende nahmen teil. Es waren rund 60 Referenten aus 19 verschiedenen Ländern, die ihre Ausarbeitungen vortrugen, vor Ort.

Was genau aber machte diesen Philosophen so bedeutsam, dass es sich mit seinem Gedankengut zu beschäftigen lohnt?
Immanuel Kant war ein deutscher Philosoph, der im Dienste der Aufklärung jeden Menschen aufforderte, den eigenen Verstand zu nutzen. Eine seiner berühmtesten Schriften ist die »Kritik der reinen Vernunft«. Diese kennzeichnete 1781 einen Wendepunkt in seiner Denkweise und beeinflusst bis heute die Welt der Philosophie. Bei allen Schriften, die vor dieser veröffentlicht wurden, ist vom vorkritischen Kant die Rede. Bei folgenden Schriften, darunter auch »Die Kritik der reinen Vernunft«, wird dann vom kritischen Kant gesprochen. Zu dieser Zeit hat Kant angefangen, seine eigenen Thesen in Frage zu stellen, sie nochmals zu überdenken und zu überarbeiten. Er hat damit für aufklärenden Wirbel und einen Umschwung in den Denkrichtungen auf der ganzen Welt gesorgt, weil er seine Position in ein anderes Licht rückte und aus einer neuen Perspektive betrachtete.

Der Kongress begann am Freitag mit der Eröffnung und einem Vortrag, in dem Walter Zimmerli von der HU Berlin die Aktualität von Kants Theorien erläuterte. Das Hinterfragen und Überdenken der eigens verfassten Thesen ist auch heutzutage eine wichtige Hilfe in der Philosophie und sorgt für weitere Erkenntnisse. Insgesamt gab es 62 Vorträge, die hauptsächlich in deutscher und englischer Sprache gehalten wurden. Einerseits wurden Positionen früherer Philosophen diskutiert, die sich mit Kant beschäftigt haben, und Theorien anderer Philosophen mit ihm verglichen, wie beispielsweise die von Hegel, Popper und Husserl. Andererseits präsentierten die Referenten eigene überdachte Darstellungen oder in Kants Sinne weitergeführte Konzepte. Es gab hinzukommend neue Eindrücke durch gewagtere Gegenüberstellungen mit Kant. Margit Ruffing (Johannes-Gutenberg-Uni Mainz) erläuterte Schopenhauers Moralverständnis und deckte Parallelen zu Kants Moralphilosophie auf. Die Hauptfrage bei Schopenhauer ist in dem Bereich der Ethik, ob die Handlungs- und Willensfreiheit doch determiniert oder wirklich frei ist. Diese Theorie behandelt er in seinem Hauptwerk »Die Welt als Wille und Vorstellung«, in dem er auch Kants Welt als Vorstellung übernimmt und weiterführt. Kants Auffassung des Dings an sich beschreibt die Betrachtung von Gegenständen aus dem menschlichen Auge als solche und die dadurch entstehende Wirkung der Welt auf den Menschen, die ihn beeinflusst. Er meint, dass der Mensch seine Umgebung nicht so erkennt, wie sie an sich ist, sondern nur so wie sie ihnen durch ihre menschlichen Fähigkeiten des Sehens und Spürens erscheinen kann.

Diese Vergleiche zwischen den beiden Philosophen wurden vom Publikum mit offenem Geist empfangen, jedoch zum Teil auch in hitzigen Debatten auseinandergenommen, da überzeugte Kantianer Schopenhauers Weiterführungen nicht gänzlich akzeptieren wollten. Eine andere Neuheit war die Arbeit von Marita Rainsborough (Universität Hamburg/Kiel). Sie beschäftigte sich mit der Wirkung von Kants Universalismus und Kosmopolitismus auf afrikanische Philosophen. Diese Auseinandersetzung der afrikanischen mit der deutschen Philosophie war für viele Besucher eine völlig neue Erfahrungsrichtung und wurde hoch gelobt.

Da sich so viele Referenten angemeldet hatten, fanden immer drei Präsentationen gleichzeitig in nebeneinanderliegenden Hörsälen des Melanchthonianums statt. Zwischendurch konnten die Gespräche auf persönlicher Ebene bei Kaffeepausen und dem Mittagessen weitergeführt werden. Denn auch aus Kants Sicht sei das Essen, in nicht zu großer Gesellschaft, durch ungezwungene Unterhaltungen äußert fördernd für die Erholung des Verstandes.

Abgesehen von den Vorträgen gab es am Freitagabend noch einen Empfang im Stadthaus Halle, bei dem auch Vertreter der Stadt anwesend waren. Das Wochenende wurde mit einem Kulturprogramm abgerundet. Dazu gehörten zwei Führungen durch die Franckeschen Stiftungen in deutscher und englischer Sprache. Anschließend wurden im Christian- Wolff-Haus von Heiner F. Klemme und Falk Wunderlich (MLU Halle-Wittenberg), sowie von Corey Dyck (University of Western Ontario/MLU) drei weitere Vorträge präsentiert. Sowohl die Themen des Werdegangs der Philosophie innerhalb und außerhalb Halles als auch die Entwicklung der Frauen in der Philosophie im 18. Jahrhundert sollten das Interesse für dieses Gebiet bei externen Besuchern wecken. Die vielen kritischen Untersuchungen von Kants Philosophie auf praktischer und theoretischer Ebene versetzten den Zuhörer in die Lage, eigene Schlüsse zu ziehen und gebildete Meinungen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. Denn gerade die Philosophie lebt von der Aufklärung und dem Hinterfragen von Positionen und Thesen, wie Kant es gelehrt hat.

Die Veranstaltung war in dem Sinne also ein voller Erfolg und macht Vorfreude auf ähnliche Organisationen der philosophischen Fakultät.

Über Esna Schirle

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Erstellt: 31.05. 2017 | Bearbeitet: 31.05. 2017 17:42