Dez 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 75 0

Jenseits von Google – Die dunkle Seite des Internets

Rezension: »Darknet – Waffen, Drogen, Whistleblower« von Stefan Mey

Verlag C.H.Beck, München 2017, 237 Seiten, 15 Euro

Im derzeitigen Internet ist faktisch niemand anonym.

Was ursprünglich der Schritt in ein neues Zeitalter der digitalen Kommunikation war, Personen quer über den Globus kommunizieren ließ und die Gesellschaft ähnlich stark beeinflusste wie die Erfndung des Buchdrucks, ermöglicht heute eine flächendeckende Überwachung, die an düstere Utopien wie »1984« von George Orwell erinnert. Jede Übermittlung von Daten kann aufgrund der IP-Adresse zu ihrem Ursprungsort zurückverfolgt werden. Dass dieses Potenzial der Überwachung nicht nur in der Theorie vorhanden ist, sondern auch praktisch von Regierungen und Geheimdiensten genutzt wird, dürfte jedem seit den Enthüllungen von Edward Snowden bekannt sein.

Nun wirkt es fast schon ironisch, dass der Lichtblick für ein freies und anonymes Internet ein Ort namens »Darknet« ist, mit welchem sich der Autor Stefan Mey beschäftigt.

Der Autor und sein Werk

Stefan Mey stammt ursprünglich aus Halle und geht derzeit seiner Tätigkeit als freier Journalist in Berlin nach. In seinem Buch beschreibt er sehr ausführlich, aber immer verständlich, die einzelnen Aspekte der »dunklen Seite des Internets«. Zugang zum Darknet erhält man nur mittels spezieller Software, wobei die Anonymität der Nutzer im Mittelpunkt steht. Das Thema selbst wurde schon des Öfteren, vor allem von Nachrichtensendern in Bezug auf illegale Drogen- oder Waffenexporte, aufgegriffen. Es ist jedoch weit entfernt vom Mainstream und der Wahrnehmung der Öffentlichkeit.

Für Neueinsteiger auf dem Gebiet werden zu Beginn recht verständlich die Grundlagen des Darknets beschrieben. Das ist auch wichtig, um reibungslos über Deep Web, .onion-Seiten oder Tor reden zu können. Meist werden Begriffe aber auch im verwendeten Absatz nochmal kurz erklärt. Gleichzeitig hinterfragt Mey einige weitverbreitete Mythen, wie etwa die tatsächliche Größe des Deep Webs, und setzt sie in Relation zu aktuellen Erkenntnissen.

Wer vom Darknet nur durch Nachrichten oder Berichte gehört hat, bekommt sehr schnell ein negatives Bild – wobei der Name schon Schlimmes vermuten lässt: ein gesetzesfreier Raum, welcher sich zwar den Blicken der NSA oder autoritärer Staaten entzieht, gleichzeitig aber als Anlaufstelle für Drogendealer, Pädophile und anderen Kriminelle fungiert. Dies ist natürlich nur eine Seite und wird auch in der zweiten Hälfte des Buches differenziert erläutert. Die negativen Aspekte werden trotzdem dargestellt: Mey beginnt dabei mit der kommerziellen Seite des Darknets: den illegalen Marktplätzen. Mit charmanten Einleitungen wie »Fünf Gramm Koks für 400 Euro« sichert er sich die Aufmerksamkeit der meisten Leser. Bei der Analyse des digitalen Marktes werden oft Parallelen zum legalen (offenen) Netz gezogen, seien es Vermarktung, Regulierung oder gängige Bezahlmethoden. Der Leser erhält hier, wie auch an vielen anderen Stellen des Buches, eine facettenreiche Darstellung der Sachverhalte und kann sich seine eigene Meinung bilden. Besonders aufschlussreich ist die Erläuterung der Selbstregulierung auf den illegalen Märkten und das Unterkapitel »Medikamente: die Ethik der Darknet-Apotheken«, in dem zwei anonyme Darknethändler mit der Frage konfrontiert werden, wie sie ihren illegalen Verkauf von Medikamenten rechtfertigen.

»Das ›böse‹ Darknet – Waffen, Terrorismus und Kinderpornographie«

Hier erläutert Mey die wirklich dunklen Abgründe des anonymen Internets. Am umfangreichsten geht er dabei auf den Anteil der Kinderpornographie ein.

Kurz vorneweg: Wen Nachrichten und mediale Berichterstattung noch nicht abgestumpft haben, könnte hier schnell sprachlos werden. Sobald einem bewusst wird, dass hinter den Zahlen, Berichten und geschilderten Praktiken stets reale Schicksale und minderjährige Opfer stehen, wird dieses Gefühl noch einmal verstärkt. Die Bewältigung dieses doch sehr heiklen Themas gelingt Mey dennoch ausgesprochen gut. Zudem wird auch gezeigt, wie sich Behörden und der restliche Teil des Darknets gegen diese dunkle Szene zur Wehr setzen. Es wird gezeigt, dass dieser Ort im Darknet zwar existiert, gleichzeitig wird aber hinterfragt, welche Rolle das Darknet überhaupt bei der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen hat und ob nicht die Erfndung des Internets an sich diese höchst illegale Szene wachsen ließ.

Die andere Seite der Medaille

Als bewusster Kontrast folgen im nächsten Kapitel die positiven »guten Bereiche« des Darknets. Dafür wird zunächst geklärt, wofür das anonyme Internet genutzt wird. Und hier wird schnell ein für das Buch sehr beispielhafter Tonus deutlich: obwohl die Anonymität viele Nutzer zu illegalen Machenschaften verleitet, bietet sie ebenso unterdrückten Menschen, wie Whistleblowern, eine Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben. Ein Ort der Freiheit und Gleichheit, ohne Angst vor politischer Verfolgung oder machthungrigen Konzernen. Die letzte Überschrift des Kapitels endet mit einer doch sehr schönen Aufforderung an alle, die sich über die illegalen Bereiche des Darknets und die geringe Nutzung auf legale Weise beschweren: »Nicht meckern, sondern machen«. Man soll nicht warten, bis das Darknet im größeren Umfang legale Inhalte bietet, sondern selbst welche schaffen.

Vertiefende Gedanken zum Darknet

Obwohl man, um das Buch zu lesen, kein IT-afner Computerspezialist sein muss, kommen eben jene im sechsten Kapitel des Buches auf ihre Kosten. Wer sich für die Technologie hinter dem Darknet und besonders dem Tor-Browser interessiert, sollte eventuell dieses Kapitel lesen.

Ein sehr interessanter Teil des Buches folgt, als die Finanzierung des Tor-Projekts (als Grundlage des Darknets) näher betrachtet wird. Hier ergeben sich einige kuriose Widersprüche, welche Mey auf gewohnt hohem Niveau hinterfragt. Dabei werden Kritiker des Darknets ebenso betrachtet wie Befürworter. Zudem greift der Autor die Verantwortung des Staates auf sowie die Frage, ob unsere Gesetze noch den aktuellen Geschehnissen gerecht werden.

Zum Schluss wird es etwas philosophisch. Das letzte Kapitel »Ausblick – Vom dystopischen Internet zu einer Utopie des Darknets« wagt einen Blick in die Zukunft des anonymen Internets. Da das Darknet noch vergleichsweise jung ist, lässt sich natürlich schwer sagen, wie es sich zukünftig entwickeln wird. Wer noch mehr rund um das Darknet und die Hintergründe zum Buch erfahren möchte, erhält im Anhang Interviews, Alternativen zum Darknet und andere Gedanken.

Lohnt sich der Kauf?

Stefan Meys Werk richtet sich nicht nur an Personen mit Vorkenntnissen im IT-Bereich oder dem berüchtigten Darknet selbst. Der Autor versucht, das bislang eher unerschlossene Thema Darknet einer breiten Gruppe an potentiellen Lesern näherzubringen, und das gelingt ihm doch sehr gut. Stets werden Begriffe und Themen erklärt, mit Beispielen, Statistiken und Interviews veranschaulicht, und dies meist noch auf eine angenehm differenzierte Art und Weise. Dadurch kann sich der Leser gut eine Meinung zum polarisierenden Darknet bilden. Da das Buch eine Vielzahl unterschiedlicher Themen bezüglich des anonymen Internets beinhaltet, werden für viele Leser jedoch manche Bereiche des Buches interessanter sein als andere. An einigen Stellen überwiegt eine klar positive Darstellung des Darknets, dies geschieht jedoch meist im Kontrast zum negativen Bild aus Sicht der Öffentlichkeit, welches nach Mey und anderen zitierten Personen oft fernab von der tatsächlichen Realität ist. Man will die Sicht auf diesen vermeintlich üblen Ort in eine positivere Richtung rücken, ohne dabei die negativen Aspekte zu missachten. Ob diese Darstellung des Darknets also gerechtfertigt sei, ließe sich wohl erst sagen, wenn man jenen Ort einmal selbst besichtigt. Nicht um sich den Augen des Gesetzes zu entziehen; das ist weder der Sinn der Anonymisierungssoftware noch zu empfehlen, da Täter oft genug, trotz Tor-Browser, ertappt werden. In Zeiten flächendeckender Überwachung ist es gut, Alternativen zum offenen Internet zu haben, und Stefan Mey leistet einen wichtigen Beitrag, diese Technologie der Öffentlichkeit näherzubringen.

»Wenn es also da draußen einmal richtig fnster werden sollte, dann könnte das Darknet zu einem wichtigen Ort der politischen Erleuchtung werden.«

 

  • Deep Web: Alle Webinhalte, welche von normalen Browsern aufgerufen werden können, von Suchmaschinen jedoch nicht angezeigt werden.
  • .onion-Seiten: ».onion« bezeichnet die Endung einer Tor-Darknet Adresse, welche nur durch die Tor-Software aufrufar ist (ähnlich wie ».de« oder ».com«).
  • Tor: Abkürzung für »The Onion Router«. Diese Software ist die Grundlage für die Anonymität der Nutzer im Darknet

Über Dominik Weiß

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Erstellt: 10.12. 2017 | Bearbeitet: 12.12. 2017 00:49