Jul 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 73 0

Insel der Ruhe

Das MDV-Gebiet ist mehr als Leipzig und Halle, denn auch die meist unbekannten Mittelstädte lohnen einen Besuch. Diesmal besuchen wir das sächsische Delitzsch.

Stadtansicht
Foto: Paul Thiemicke

Ein wenig nördlich von Leipzig, gerade an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, liegt die Große Kreisstadt Delitzsch, bekannt für – was eigentlich? Spielkarten oder verschrumpelte Bischofshände sind es sicherlich nicht. Nehmen wir uns also, trotz des nicht gerade sommerlichen Wetters, die Zeit um diesen Ort – MDV-Ticket sei Dank – näher kennenzulernen. Glücklicherweise ist die etwa 34 000 Einwohner zählende Stadt von Halle aus gut zu erreichen: Im Schoße der »S-Bahn Mitteldeutschland« gelangen wir innerhalb von etwa einer Stunde ans Ziel. Ein bisschen Gedrängel beim Umsteigen in Leipzig, dann geht es weiter nach Norden. Der Delitzscher Bahnhof empfängt uns eingerahmt von Kneipe und Supermarkt, während wir begleitet vom der professionell-kühlen S-Bahn-Ansage ins Freie treten.

Hermann-Schulze-Delitzsch-Denkmal
Foto: Paul Thiemicke

Wir machen uns entlang der Eilenburger Straße auf Richtung Altstadt; während wir an den verschiedenen Geschäften vorbeigehen, nehmen wir die Umgebung in uns auf. Die niedrigen Häuser sind sauber und herausgeputzt, doch so richtiges Getümmel sehen wir nicht. Delitzsch macht vorerst den Eindruck einer ordentlichen, allerdings auch verschlafenen Provinzstadt. Doch vielleicht täuscht dieses Bild? Wir gehen weiter, vorbei an der katholischen Pfarrkirche St. Marien aus den dreißiger Jahren und gelangen zu einem baumumstandenen grünen Platz, auf dem uns ein älterer Herr in altmodischem Mantel empfängt, Bart und Haare lang, die Hand wie zum Gruß ausgestreckt. Mit steinernen Augen sieht er an uns vorbei in die Ferne, wirkt gleichzeitig gedankenverloren und aufmerksam – ein Denkmal auf seinem Sockel. Hermann Schulze-Delitzsch, so der Name des über uns Thronenden, wird auf unserer Tour noch eine Rolle spielen.

Stadtkirche
Foto: Paul Thiemicke

Vorerst aber lassen wir den berühmtesten Sohn der Stadt dort, wo er ist, und gehen weiter Richtung Stadtzentrum. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto älter werden die Häuser zu beiden Seiten. Es scheint so, als würde uns die Stadt ganz langsam und sanft in die Vergangenheit mitnehmen, ohne dass wir es richtig bemerken. Auf dem Roßplatz erwartet uns die prächtige Postsäule, die noch von den Zeiten kündet, als Delitzsch zum Kurfürstentum Sachsen gehörte. Gleich daneben flankiert der imposante »Breite Turm« unseren Weg hinüber zur Altstadtinsel; genau das ist der historische Stadtkern nämlich. Der breite Wassergraben, den wir nun im Schatten des ehemaligen Wehrturmes überqueren, lässt die Stärke der alten Mauern erahnen. Wir setzen unseren Gang zum zentralen Marktplatz fort; die vor uns liegende Breite Straße empfängt uns mit zahlreichen barocken Häusern zu beiden Seiten. Die fast flächendeckend historische Bebauung ist wirklich bemerkenswert – im Zweiten Weltkrieg so gut wie unzerstört kann sich Delitzsch nun, nach Jahrzehnten des Verfalls, seinen Besuchern in neuer Frische präsentieren. Während wir an der gotischen Stadtkirche St. Peter und Paul vorbei zum Markt gehen, fällt uns auf, wie ruhig alles ist. Menschen sieht man hier kaum, geschäftiges Treiben fehlt fast gänzlich. Dafür bietet uns der Marktplatz einen echten Hingucker in Gestalt des klassizistischen Rathauses.

Schloss
Foto: Paul Thiemicke

Weiter geht es durch die pittoresken Straßen zum Schatzkästchen der Stadt, dem Barockschloss. Dieses altehrwürdige Gebäude, das im 18. Jahrhundert als Witwensitz des Herzogtums Sachsen-Merseburg und später als Offiziersquartier und Frauengefängnis diente, steht ganz für sich auf einer leichten Anhöhe. Erneut schreiten wir, vorbei an barocken Grünanlagen, über einen tiefen Graben zum Eingang hin; eine Insel inmitten der Insel. Im Inneren des kompakten, aber schmucken Gebäudes erwarten uns die restaurierten Prunkräume der verwitweten Herzoginnen, komplett mit knarrendem Holzfußboden, Kristallkronleuchtern und kunstvollem Mobiliar. Wir können uns ohne Schwierigkeiten vorstellen, wie sich hier der barocke Alltag abgespielt hat – ein standesgemäßes, aber auch etwas trauriges, einsames Leben, das die adeligen Witwen hier führten. Aufheitern kann uns dagegen nur das Spiel zweier Musikerinnen, die hier für ein Konzert proben. Zuletzt besichtigen wir noch den Schlossturm, von dem aus wir eine schöne Aussicht auf die Stadt genießen dürfen – allerdings nur, nachdem wir ein eisernes Ungetüm namens Wendeltreppe bezwungen haben. Nach der gleichzeitig interessanten und unbequemen Kombination von filigranen Verzierungen und niedriger Deckenhöhe müssen wir nun aber wieder an die frische Luft.

Ritterhaus vor Regenhimmel
Foto: Paul Thiemicke

Wir verabschieden uns vom schmucken Schlösschen und gehen weiter durch die Stadt, vorbei am Halleschen Turm und dem altehrwürdigen Ritterhaus in der gleichnamigen Straße. Auch hier sind nur wenige Leute unterwegs, aber das stört uns schon nicht mehr. Vielleicht lagen wir mit unserem ersten Eindruck wirklich falsch: Diese Stadt ist nicht verschlafen; Delitzsch hat Hektik und Eile nicht nötig, die Häuser und Straßen sprechen für sich: eine Insel der Ruhe inmitten einer zu fremden, modernen Welt. Die Zeit ist hier nicht stehengeblieben, sie läuft auf dieser Stadtinsel einfach in einem anderen Tempo. In ihrer historischen Ganzheit versetzt uns Delitzsch auch nicht einfach nur zurück in die alten Zeiten – sie werden hier einfach fortgeführt, sind hier noch irgendwie lebendig.

Schulze-Delitzsch-Haus
Foto: Paul Thiemicke

Unsere letzte Station zeigt uns das auf besonders eindrückliche Weise. Das unscheinbare Haus vor uns beherbergt eine kleine Ausstellung zur Hermann Schulze-Delitzsch, einem der Väter des deutschen Genossenschaftswesens. Im Revolutionsjahr 1849 begründete der linksliberale Abgeordnete in seiner Heimatstadt die erste gewerbliche Genossenschaft des Landes; schon bald breiteten sich nach dem Schulze-Delitzsch» Modell überall Handwerkerassoziationen aus. Diese Zusammenschlüsse einzelner Personen zu einer rechtlichen Gemeinschaft halfen vielerorts, der wachsenden Konkurrenz durch die Industrie etwas entgegenzusetzen und durch Selbstorganisation und Selbsthilfe den Menschen neue Perspektiven zu geben. Nach dem Prinzip »Gemeinsam sind wir stärker« arbeiten noch heute zahlreiche Wohnungsbau-, Konsum-, Kredit- und Produktionsgenossenschaften auf der ganzen Welt.

Auch wenn der Abschied schwerfällt – jeder Besuch hat ein Ende und wir machen uns auf den Weg zurück durch die schläfrigen Straßen, über den Wassergraben zurück in die Welt der Autos und Supermärkte, der Schnellzugverbindungen und S-Bahn-Ansagen. Hinter uns lassen wir eine Insel, die auf seltsame Weise aus der Zeit gefallen ist, eine Stadt, die gleichzeitig schläft und wacht. Zu guter Letzt ist es schließlich Hermann Schulze-Delitzsch, der uns verabschiedet – in Gestalt der genossenschaftlichen Volksbank, die hier nach wie vor ihren Platz hat.

Roßplatz mit Postsäule
Foto: Paul Thiemicke

Hallescher Turm
Foto: Paul Thiemicke

Breite Straße mit Blick auf Breiten Turm
Foto: Paul Thiemicke

Rathaus am Markt
Foto: Paul Thiemicke

Speisesaal im Schloss
Foto: Paul Thiemicke

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 18.07. 2017 | Bearbeitet: 18.07. 2017 20:17