Dez 2017 hastuINTERESSE Heft Nr. 75 2

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt unser Chefredakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. In dieser Ausgabe steht der zu seiner Zeit ebenso schillernde wie umstrittene Kardinal Albrecht im Mittelpunkt.

Illustration: Katja Elena Karras

»Mein Lebtag hat mich kein Mensch so beschissen wie dieser Pfaff!« Die Worte, welche da aus dem kurfürstlichen Munde kommen, sprechen Bände – Friedrich III., Kurfürst von Sachsen, den die Nachwelt als »den Weisen« kennt, ist außer sich. Mehr als zwanzig Jahre der Mühen, Intrigen und Machtspiele, große Geldsummen und einen Berg von Baumaterial hat er geopfert, nur um jetzt mit leeren Händen dazustehen. Seine Dynastie, das Haus Wettin, hat vieles unternommen, um sich in Gestalt von Friedrichs jüngerem Bruder Ernst zwei der wichtigsten Kirchenämter Mitteldeutschlands zu sichern. Die sächsischen Kurfürsten haben die reiche Salzstadt Halle militärisch unterworfen und sogar eine moderne Festung, die Moritzburg, bauen lassen, um die unbotmäßigen Bürger in Schach zu halten. Doch nach Ernsts plötzlichem Tod im Jahre 1513 erntet nun überraschend ein Anderer die Früchte dieser Arbeit: niemand geringeres als Albrecht von Brandenburg, Hohenzoller und damit Erzfeind der Wettiner. Kein Wunder, dass der nicht gerade zart besaitete Friedrich III. sich ob dieser Schmach zu solch derben Äußerungen hinreißen lässt. Doch das letzte Wort in dieser Angelegenheit, so beschließt es der wütende Kurfürst, ist noch nicht gesprochen. Seine Rache wird er bekommen – und nebenbei die Welt für immer verändern.

Ämterkauf und Humanismus

Der Mann, der in der Wittenberger Residenz für so viel Ärger und Verbitterung sorgt, wird am 28. Juni 1490 in Cölln an der Spree – damals noch kein Teil von Berlin – geboren. Sein Vater Johann Cicero ist Kurfürst von Brandenburg und damit einer der mächtigsten und bedeutendsten Fürsten im Heiligen Römischen Reich. Dementsprechend genießt der junge Albrecht als Sohn der hochadeligen Hohenzollern eine höfische Bildung, die vor allem Latein, Rechtslehre und elegante Umgangsformen beinhaltet. Er ist jedoch nicht alleiniger Erbe seines Vaters, als dieser neun Jahre später stirbt: Sein älterer Bruder Joachim I. »Nestor« folgt auf dem Kurfürstenthron nach. Zunächst regieren die Brüder formal noch gemeinsam über das Kurfürstentum, doch endlos kann das so nicht weitergehen. Albrecht muss sich nach einer anderen Position umsehen, die er 1513 dann auch findet.

Mit vielen Versprechungen, Absprachen, Manipulationen und vor allem einer Menge Geld von der reichen Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger gelingt es dem 23-Jährigen zum Erzbischof von Magdeburg gewählt zu werden. Mehr noch, das Domkapitel kürt ihn sogar zum Administrator des benachbarten Bistums Halberstadt. Albrecht ist damit zu einem der wichtigsten Kirchenfürsten des Reiches aufgestiegen – ein Priester ohne großes Interesse an geistlichen Angelegenheiten. Diese Art der Karriere ist zu der Zeit nichts Ungewöhnliches für die nachgeborenen Söhne mächtiger Fürsten, die auf diese Weise nicht nur materiell versorgt sind, sondern auch die Macht und den Einfluss ihrer Dynastie steigern. Mit diesem Coup hat der junge Albrecht den konkurrierenden Wettinern ihre jahrelang sorgsam ausgebaute Macht in den beiden Diözesen vor der Nase weggeschnappt – als er triumphal in der von sächsischem Geld gebauten Moritzburg nahe dem mit sächsischer Unterstützung unterworfenen Halle einzieht, ist die Blamage komplett. Mit Friedrich III. hat er sich so einen erbitterten und unversöhnlichen Gegner geschaffen, der nichts unversucht lassen wird, um sich an Albrecht zu rächen.

Zunächst einmal aber befindet sich Albrecht im Höhenflug: Schon 1514 wird er Erzbischof von Mainz und steigt damit in die Riege der Kurfürsten und Reichserzkanzler auf. Er gebietet nun über weite Territorien an Rhein, Main, Elbe und Saale, ist Oberhirte zweier bedeutender Kirchenprovinzen und erster Bischof in deutschen Landen. Sowohl in der Kirche als auch unter den Reichsfürsten zählt er nun zu den mächtigsten Persönlichkeiten. Einige Jahre später ernennt ihn der Papst sogar zum Kardinal – mit diesem Titel wird der Brandenburger der Nachwelt auch in Erinnerung bleiben, als »Kardinal Albrecht«. Vorerst genießt er das Leben in seiner neuen Residenz und ruft bedeutende Denker an seinen Hof, so etwa den Schriftsteller Ulrich von Hutten oder den Astronomen Johannes Carion. Albrecht ist ein typischer Renaissancefürst seiner Zeit: Als Anhänger des Humanismus fördert er Kunst, Kultur und Geistesleben; unter seiner Herrschaft entwickelt sich Halle zu einem der wichtigsten höfischen Zentren Deutschlands. Er lässt die vorhandene Stiftsbibliothek erweitern und gibt zahlreiche, vor allem religiöse Kunstwerke in Auftrag. Außerdem überzieht er in den folgenden Jahrzehnten die Residenzstadt an der Saale mit einem Netz aus repräsentativen Renaissancebauten wie etwa dem hallischen Dom oder der als Hof- und Verwaltungskomplex errichteten Neuen Residenz. Auch die Moritzburg lässt er umbauen und erweitern. Mit der Ausschmückung des Doms, der neuen Stiftskirche des Erzbistums, beauftragt Albrecht ab 1523 berühmte Maler wie etwa Lucas Cranach den Älteren, der sage und schreibe 16 Altäre mit insgesamt 140 Bildern schafft. Aus der bis dahin eher unauffälligen Klosterkirche wird auf diese Weise eines der prächtigsten Sakralbauwerke Mitteldeutschlands. Auf seinen Befehl werden, gegen den Willen der Bürger, 1529 auch die beiden zen­tralen Kirchen der Stadt, die Salzwirkerkirche St. Gertrud und die Händler- und Handwerkerkirche St. Marien, abgerissen. Unter Einbeziehung der vier übriggebliebenen Türme wird mit dem Bau der spätgotischen Marktkirche begonnen, die allerdings erst 1554 unter Al­brechts Nachfolger fertiggestellt wird. Außerdem erweitert er die einzigartige und wertvolle Reliquiensammlung seines Vorgängers Ernst, das sogenannte »Hallesche Heiltum«.

Ein Kardinal im Kreuzfeuer

Natürlich verschlingen all diese Baumaßnahmen enorm viel Geld – auch was den Geldbedarf und die Verschwendungssucht angeht, unterscheidet sich Albrecht kaum von den anderen Fürsten der Zeit. Schon seit Beginn seiner Herrschaft verlässt er sich daher nicht nur auf die Einnahmen aus den erzbischöflichen Ländereien, sondern erlaubt und fördert den allgemein üblichen Ablasshandel – natürlich gegen einen entsprechenden Anteil am Profit. Nur so ist er in der Lage, nicht nur seine Bauprojekte und Hofhaltung zu finanzieren, sondern auch das gewaltige Darlehen der Fugger zurückzuzahlen, mit dem er sich das Wohlwollen des Domkapitels gesichert hat. Simonie, also der Handel mit Kirchenämtern, gilt eigentlich als Sünde, wird aber von den meisten Zeitgenossen betrieben, einschließlich des Papstes Leo X. Auch dieser profitiert in Rom vom Ablasshandel, nicht zuletzt um den gewaltigen Neubau des Petersdoms zu finanzieren. Albrecht beauftragt daher den Ablassprediger Johann Tetzel, tüchtig für Einnahmen zu sorgen. Dieser zieht nun durch die Orte des Erzbistums Magdeburg und gibt nach Art eines Marktschreiers etwa bekannt: »Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt«.

In Wittenberg erregt er damit jedoch den Zorn eines einzelnen Mönchs, dem Ämterhandel, Ablass und das wenig priesterlich-fromme Gebaren der Kirchenfürsten ein Dorn im Auge ist: Martin Luther. Am 31. Oktober 1517 ist für ihn das Maß voll; mit dem Anschlag seiner 95 Thesen an die Türen der Schlosskirche von Wittenberg beginnt die Reformation. Zunächst setzt Luther noch Hoffnung in den weltoffenen und humanistisch geprägten Erzbischof Albrecht, obwohl gerade dieser die Zielscheibe seiner Polemik ist. Albrecht denkt jedoch nicht daran, dem Mönch nachzugeben, und zeigt diesen beim Papst an. 1518 wird Luther zum Prozess nach Rom geladen; für ihn eine gefährliche Situation, endeten doch in der Vergangenheit Anklagen nicht selten auf dem Scheiterhaufen. Er benötigt dringend Unterstützung – und findet sie in Gestalt von Friedrich III. von Sachsen, für den nun endlich die Stunde der Abrechnung gekommen ist. Denn mit dem Wittenberger Mönch hat der ebenfalls in der Elbestadt residierende Kurfürst nun endlich ein Werkzeug, mit welchem er dem verhassten Erzbischof zusetzen kann. So kommt es, dass der immerhin 54-Jährige, äußerst fromme und kirchlich traditionell eingestellte Wettiner den Reformator unterstützt – Überzeugungen sind im Spiel der Macht eher zweitrangig. Dank seiner Hilfe muss sein Schützling nun nicht mehr nach Rom, sondern sich in Deutschland in mehreren Disputationen verantworten, zuerst in Heidelberg, später in Leipzig. Nun versucht der theologisch nur wenig gebildete oder interessierte Albrecht, trotz anfänglicher Ablehnung, zu vermitteln. Ganz im Sinne des humanistischen Gedankens fördert er Gespräche zwischen reformwilligen und konservativen Gelehrten. Letztlich ist jedoch, wie bei seinem sächsischen Gegenspieler, die Machtpolitik ausschlaggebend und der Kardinal stellt sich auf die Seite der Reformgegner.

Zur Eskalation kommt es schließlich 1521 auf dem Reichstag in Worms, an dem neben Kaiser Karl V. sowohl Friedrich von Sachsen als auch die Brüder Joachim von Brandenburg und Kardinal Albrecht, Kurfürst von Mainz teilnehmen. Das Streitthema Luther erhitzt die Gemüter, bis der sächsische und der brandenburgische Kurfürst sogar fast handgreiflich werden. Als schließlich Luther persönlich auftritt und mit dem Bann belegt wird, ist der Konflikt nicht mehr zu verhindern. Kurfürst Friedrich nimmt »seinen« Luther in Schutzhaft auf der Wartburg, denn inzwischen ist der Mönch nicht nur eine Waffe gegen Albrecht, sondern auch ein Mittel zur Durchsetzung der fürstlichen Interessen gegenüber der Macht des katholischen Kaisers. Das erkennen bald auch andere Fürsten: Das Zeitalter der Religionskriege hat begonnen. Der in religiösen Fragen eher zögerlich-konservative Friedrich III. tritt erst 1525 auf seinem Totenbett zum protestantischen Glauben über; seine Nachfolger beschützen Luther jedoch weiterhin und setzen sich so an die Spitze der protestantischen Fürstenbewegung.

Justizskandal und Vertreibung

Kardinal Albrecht kehrt unterdessen nach Halle zurück und widmet sich weiterhin seiner Bau- und Kulturtätigkeit. Gleichsam aus Trotz lässt er den Dom besonders prächtig ausschmücken und sogar eigene Münzen prägen, während er politisch weiterhin gegen die Anhänger und fürstlichen Unterstützer Luthers vorgeht. Obwohl Halle als Residenzstadt immer mehr an Bedeutung gewinnt, gärt es im Erzbistum: In der Bevölkerung greifen die reformatorischen Ideen immer weiter um sich. Während Albrecht 1534 noch zwischen protestantischen Fürsten und König Ferdinand vermittelt, schließt er vier Jahre später mit seinem Bruder ein militärisches Bündnis, den »Halleschen Bund«, gegen den protestantischen Schmalkaldischen Bund. Kurz darauf lässt er seinen aus Halle stammenden Kämmerer Hans Schenitz gefangen nehmen und wegen angeblich unlauterer Finanzgeschäfte hinrichten. Ob es sich dabei um einen Justizmord des selbst finanziell oft dubios agierenden Kardinals handelt, ist nicht klar. Die Quittung in Gestalt einer heftigen Schmähschrift Luthers folgt jedoch auf dem Fuße.

Illustratrion: Katja Elena Karras

Zunehmend in der Rolle als Gegenspieler des Wittenberger Reformators wächst Albrechts Verschuldung mit der Zeit immer mehr an, ebenso wie die Unzufriedenheit seiner Schäfchen. Schließlich muss er, der katholische Kardinal, seinen protestantischen Untertanen sogar Religionsfreiheit zusichern, damit sie seine Schulden übernehmen. 1541 ist dann das Maß voll: Der unliebsame Kardinal wird nach 27 Regierungsjahren aus Halle vertrieben und flieht mit einer großen Gemälde- und Reliquiensammlung in seine Zweitresidenz Aschaffenburg. Doch auch dort bleibt er vom Pech verfolgt: Kurz nach seiner Ankunft zerstört ein Brand viele der wertvollen Stücke. In seinen letzten Lebensjahren kämpft Albrecht mit zunehmender Erbitterung gegen die Protestanten und ruft den Kaiser sogar zum Krieg gegen Luthers Anhänger auf. Am 24. September 1545 stirbt der Hohenzoller schließlich in Mainz.

Der Nachwelt bleibt Kardinal Albrecht als vielschichtige Persönlichkeit in Erinnerung: Einerseits war er ein ämterkaufender und verschwenderischer Kirchenmann, der auch vor der – letztendlich misslungenen – Ausweisung der Juden aus Mainz 1515/16 nicht zurückschreckte, sich mehrere Mätressen leistete und mithilfe des Ablasshandels aus der von der eigenen Kirche eingepflanzten Furcht der Menschen vor dem Jenseits Profit schlug. Andererseits gelang es ihm, Renaissance und Humanismus in Mitteldeutschland zu etablieren und aus Halle ein Zentrum der Kultur, Kunst und Bildung zu machen. In diesem Licht sind auch seine Versuche zu sehen, in Halle eine katholische Universität zu gründen und damit dem lutherischen Wittenberg etwas entgegenzusetzen. Die Umsetzung dieses Plans, allerdings unter protestantischen Vorzeichen, sollte den Hohenzollern erst 1694 gelingen (siehe hastuzeit Nr. 70). Nach Albrechts Tod bildete das inzwischen protestantische Erzbistum Magdeburg und somit auch Halle noch lange einen Zankapfel zwischen Wettinern und Hohenzollern, bevor es 1680 endgültig Brandenburg einverleibt wurde. Albrechts Spuren sind dennoch nach wie vor in Halle zu finden, seien es seine Prachtbauten oder die Kardinal-Albrecht-Straße in der nördlichen Innenstadt. Sein folgenreichstes Erbe ist es jedoch, der Stein des Anstoßes gewesen zu sein, ohne den es die Reformation so wohl nie gegeben hätte.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 08.12. 2017 | Bearbeitet: 08.12. 2017 19:55