Jul 2017 hastuINTERESSE Heft Nr. 73 0

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt unser Redakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. Heute geht es um den Agrarwissenschaftler Julius Kühn.

Illustration: Katja Elena Karras

Das flache Ziegelgebäude am Steintor Campus dient in diesen Tagen vor allem als Schattenspender. Nur wenige Studierende wissen vermutlich, dass sich im Inneren des »Julius-Kühn-Museums für Haustierkunde« eine bedeutende Tierskelettsammlung verbirgt. Die vom Bisonskelett bis zum präparierten Ferkel reichende Menagerie zeugt noch heute von der Tatkraft und den Leistungen eines Mannes, der die landwirtschaftliche Forschung wie kaum ein anderer prägte.

In der sächsischen Oberlausitz gelegen, ist die Stadt Pulsnitz vor allem für ihre Pfefferkuchen bekannt. Hier kommt Julius Kühn am 23. Oktober 1825 als Sohn eines Gutsinspektors zur Welt. Nach der Grundschulausbildung strebt auch er in die Landwirtschaft. Obwohl die Familie aufgrund einer Krankheit des Vaters in finanziellen Schwierigkeiten steckt, ermöglicht sie dem Jungen ab 1839 eine Ausbildung an der Technischen Bildungsanstalt in Dresden, der Vorläuferin der heutigen TU. Im Jahre 1841 beginnt er seine berufliche Laufbahn in der Landwirtschaft; von »grün hinter den Ohren« zum sprichwörtlichen grünen Daumen ist es jedoch noch ein langer Weg. Schnell arbeitet sich Kühn vom einfachen Lehrling zum Gutsverwalter hoch und leitet schließlich von 1848 bis 1855 das Gut Groß Krauschen nahe dem niederschlesischen Bunzlau. Hier studiert er erstmals Pflanzenkrankheiten; ein Thema, das ihn sein ganzes Leben lang beschäftigen wird.

Vom wissenschaftlichen Eifer gepackt beginnt er schließlich ein Studium an der landwirtschaftlichen Lehranstalt in Bonn, muss es jedoch schon nach zwei Semestern wieder aufgeben – wieder sind die Geldmittel zu knapp. Einen Julius Kühn kann so ein Rückschlag allerdings nur noch energischer werden lassen. Mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit treibt er seine Studien voran, promoviert schon 1856 an der Universität Leipzig und schließt seinen akademischen Aufstieg noch im gleichen Jahr mit der Habilitation in Proskau (Oberschlesien) ab. Kühns Herz hängt allerdings offensichtlich immer noch an der Praxis: Nach einem kurzen Intermezzo als Privatdozent zieht es ihn wieder in die Landwirtschaft. Im niederschlesischen Glogau findet er 1857 eine Stellung als Wirtschaftsdirektor auf einem gräflichen Gut. Hier heiratet er noch im selben Jahr die Maurerstochter Anna Gansel, mit der er fünf Kinder bekommt.

Der Durchbruch kommt für Kühn, als er 1858 das wegweisende Buch »Die Krankheiten der Kulturgewächse, ihre Ursachen und ihre Verhütung« veröffentlicht. Mit diesem Werk verhilft er dem Wissenschaftszweig der Pflanzenpathologie zum Durchbruch und macht sich auch in akademischen Kreisen einen Namen. Schon drei Jahre später publiziert er ein preisgekröntes und auch international erfolgreiches Buch über die Ernährung von Rindern; die Anerkennung lässt nicht lange auf sich warten. 1862 wird Kühn Professor für Landwirtschaft an der Vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg. Dort hat er endlich die Gelegenheit, die Agrarwissenschaft nach seinen Vorstellungen umzukrempeln. Binnen weniger Jahre wird das neu gegründete landwirtschaftliche Institut zur führenden Forschungsstätte Deutschlands ausgebaut, und von überall her zieht es Studierende zu Kühns Vorlesungen. Auf die Anlage eines Versuchsfeldes folgt schon bald die Errichtung eines botanischen Demonstrationsgartens und schließlich des sogenannten Haustiergartens, in dem landwirtschaftliche Nutztiere gehalten und untersucht werden. Hier entsteht auch die Grundlage für die umfangreiche und weithin bekannte Skelettsammlung.

»So, wie die medizinische Wissenschaft die Erhaltung des Leibes in Kraft und Gesundheit zum praktischen Ziele hat, besitzt unsere Wissenschaft die Pflicht, die Bedürfnisse der Menschheit nach Nahrung und Kleidung zu decken zu versuchen. […] Unsere Aufgabe ist der Nutzen.« Julius Kühn, Rede anlässlich der Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag

Doch nicht nur in baulicher und institutioneller Hinsicht, sondern auch in der Lehre setzt der tatkräftige Kühn, der dem Institut nötigenfalls sogar mit eigenen Mitteln aushilft, neue Maßstäbe. Durch seine jahrelange Berufserfahrung in der Landwirtschaft nimmt praktisches Arbeiten für ihn einen hohen Stellenwert ein: Einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis gibt es für ihn schlichtweg nicht. Von seinen Studenten verlangt er für die Zulassung zum Studium nicht nur mehrere Jahre Berufserfahrung, sondern richtet auch ein »Landwirtschaftliches Conservatorium« ein, um die jungen Leute in Rhetorik und wissenschaftlicher Methode zu üben. Sein universeller Wissenschaftsansatz zeigt sich auch in den zahlreichen Versuchsfeldern, die er im Stadtgebiet anlegen lässt, um etwa Düngungseffekte auf Pflanzen zu studieren. Der sogenannte »ewige Roggenbau« erlangt sogar fachliche Berühmtheit; noch lange nach Kühns Tod wird das Feld weiter bestellt. Neben Lehre und Feldversuchen verliert Kühn jedoch nie sein Herzensprojekt, die Pflanzenpathologie, aus dem Auge.

Angesichts der weitreichenden Bekanntheit und Popularität des Professors bleiben auch Ehrungen nicht aus: Neben der Ernennung zum Geheimen Regierungsrat und später sogar zum »Wirklich geheimen Rat« mit der Anrede »Exzellenz »erhält Kühn nicht weniger als neun fürstliche, königliche und kaiserliche Orden sowie die Goldene Liebig-Medaille. Seine über dreihundert wissenschaftlichen Publikationen werden mit der Mitgliedschaft in berühmten Organisationen wie der Leopoldina und der Akademie der Wissenschaften zu Paris honoriert. 1895 schließlich verleiht die Stadt Halle Julius Kühn die Ehrenbürgerschaft, denn trotz der Angebote anderer bedeutender Standorte wie Göttingen oder Wien bleibt er seiner Wahlheimat immer treu. Auch in akademischen Kreisen genießt der von seinen Studenten nur liebevoll »Vater Kühn« genannte Professor breite Anerkennung; unter seiner Ägide wird das landwirtschaftliche Institut der MLU zur führenden agrarwissenschaftlichen Einrichtung Deutschlands.

Am 14. April 1910 stirbt Kühn in Halle, wo er auf dem Nordfriedhof beigesetzt wird. Sein Erbe lebt in Gestalt der modernen Agrarwissenschaft weiter. Im Gedenken an ihn verleiht die Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft den Julius-Kühn-Preis, die MLU vergibt seit 1980 die Julius-Kühn-Medaille. Im Jahre 2008 wird schließlich sogar das Pflanzenforschungsinstitut des Bundes nach ihm benannt. In Halle erinnern bis heute eine Straße und die ausgestopfte Menagerie am Steintorcampus an den Professor aus Pulsnitz – und ein Feld, auf dem auch nach 139 Jahren immer noch Roggen wächst.

Ein Blick aufs »ewige Roggenfeld«, im Hintergrund die Berliner Brücke.
Foto: Johanna Sommer

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 07.07. 2017 | Bearbeitet: 01.10. 2017 18:10