Jun 2017 hastuINTERESSE Heft Nr. 72 0

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt unser Redakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. Diesmal steht der umstrittene Philosoph Christian Wolff im Mittelpunkt.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Chinesen, ausgerechnet die Chinesen! Das ist zu viel. Eigentlich gibt es eine Menge Gründe, den unliebsamen Denker und Universitätsprofessor Wolff beim Landesherrn anzuschwärzen, doch was er da bei seiner Rede am 12. Juli 1721 in aller Öffentlichkeit sagt, bringt das Fass zum Überlaufen. Schon seit einer ganzen Weile sehen die halleschen Pietisten, allen voran der berühmte August Hermann Francke, mit Besorgnis, wie der umtriebige Professor seine Ideen verbreitet. Alle Menschen seien von Natur aus gleich, so hat es Wolff verkündet, und hätten daher auch qua Geburt die gleichen Rechte. Das würde sich vielleicht noch verschmerzen lassen, doch dieser Hallunke von einem Philosophen geht tatsächlich noch weiter und behauptet, die Vernunft allein und nicht Gott würde die Begründung für moralische Prinzipien liefern. Nicht nur für die pietistischen Theologen klingt das gefährlich; die Vertreter der religiösen Orthodoxie warnen nicht ohne Grund, dass, wer nach Halle ginge, entweder als Pietist oder Atheist zurückkehren werde. Und nun auch noch das: Da verkündet dieser Plagegeist Wolff doch tatsächlich, dass die chinesische Philosophie des Konfuzius sich unabhängig von der christlichen Lehre, ja eben gerade ohne sie entwickelt habe, und ihrem abendländischen Pendant durchaus ebenbürtig sei! Nicht nur Francke, sondern auch dem pietistischen Theologieprofessor Joachim Lange platzt daraufhin endgültig die Hutschnur. Schließlich ist für sie die christliche Frömmigkeit die Hauptsache, und dass die Chinesen ohne sie zu einer reichhaltigen Philosophie gelangt sind, rüttelt an den Grundfesten des christlichen Weltbildes.

Der folgende, hauptsächlich auf dem Papier ausgetragene Streit, zu dem über 130 Publikationen erscheinen, zieht an den theologischen Fakultäten der deutschen Länder immer größere Kreise; der umstrittene Professor ist bald weithin bekannt, von den einen als Glanzlicht aufgeklärten Denkens gefeiert, von anderen als gottloser Unhold verteufelt. Schließlich nutzen Francke und seine Gesinnungsgenossen ihren erheblichen Einfluss in Fürstenkreisen aus, um bei Landesherr Friedrich Wilhelm I., Kurfürst von Brandenburg und König in Preußen, Beschwerde gegen Wolff einzulegen. Mit Erfolg: Am 8. November 1723 erreicht den Professor die erschütternde Nachricht, dass er innerhalb von 48 Stunden Stadt und Land zu verlassen hat – andernfalls droht ihm der Tod durch den Strang. Schweren Herzens packt er daraufhin seine Habseligkeiten zusammen und verlässt Halle mit Frau und Kind. Aufgenommen wird er schließlich in der hessischen Universitätsstadt Marburg, wo ihm ein glanzvoller Empfang bereitet wird.

Der Mann, den die Marburger wie einen Popstar empfangen, der mit seinen Ideen einen europaweit beachteten Streit vom Zaun gebrochen hat, wird ganz bescheiden am 24. Januar 1679 im schlesischen Breslau als Sohn eines Gerbers geboren. Die Stadt ist sowohl protestantisch als auch katholisch geprägt; in diesem offenen Umfeld kann der junge Christian, selbst Lutheraner, früh Kontakte zu Katholiken knüpfen. Auch zeigt er sich schon in jungen Jahren sehr wissbegierig und interessiert sich besonders für die Felder der Philosophie und Mathematik. Von seinen Lehrern am örtlichen Gymnasium bestärkt, verlässt er 1699 seine Heimatstadt, um in Jena Mathematik, Physik und Theologie zu studieren. Schon 1703, im Alter von 24 Jahren, erhält der bereits habilitierte Wolff einen Lehrauftrag an der Universität Leipzig. Obwohl er in der Messestadt anfangs sogar predigt, wendet er sich bald seinen eigentlichen Interessen, der Philosophie und Mathematik, zu.
Die Kontakte, die er in der akademischen Gesellschaft knüpfen kann, zahlen sich offensichtlich aus, denn 1706 kann er auf Empfehlung des berühmten Denkers und gebürtigen Leipzigers Gottfried Wilhelm Leibniz als Professor für Philosophie und Mathematik an die erst seit zwölf Jahren bestehende Friedrichs-Universität Halle wechseln. Schon bald erringt der Ausnahmedenker Ruhm und Anerkennung in der Gelehrtenwelt, so wird er 1710 Mitglied der angesehenen Royal Society und ein Jahr später auch in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Zur gleichen Zeit beginnt Wolff sich mit den gerade übersetzten Klassikern der chinesischen Philosophie auseinanderzusetzen; besonders Konfuzius hat es ihm bald angetan. Bis an sein Lebensende sind die Weisheiten des antiken chinesischen Denkers für ihn Vorbild und Inspirationsquelle.

Möglich wird diese offene Haltung durch die neue Bewegung, die Philosophie und Gesellschaft aufrüttelt und das alte Denken über den Haufen wirft: Die Aufklärung. Nicht mehr überlieferte Dogmen und überkommene Theorien, sondern wissenschaftliche Methodik und die Klarheit der Vernunft sollen den Weg in eine neue Zeit weisen. Immanuel Kant wird 1784 in seinem berühmten Aufsatz »Was ist Aufklärung?« gleichsam rückblickend »Sapere aude – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« als Wahlspruch dieser geistigen Bewegung prägen. Auch die Universitäten werden von dieser wissenschaftlichen Frischzellenkur erfasst, durchaus nicht zum Wohlgefallen mancher Professoren oder Geistlicher, die wie die Pietisten oder die Jesuiten eine Rückkehr zur alten, mittelalterlichen Frömmigkeit erreichen möchten.

Christian Wolff dagegen wird bald zu einem der führenden Vertreter der deutschen Aufklärung und entwickelt, von Leibniz, Descartes und anderen Denkern beeinflusst, eine rationalistische Philosophie, in welcher der Verstand und die Vernunft des Menschen die Hauptrolle spielen. Auch ist er einer der wichtigsten Denker des Naturrechts, welches davon ausgeht, dass alle Menschen von Geburt an unveräußerliche Rechte besitzen; diese Idee der Freiheit und Gleichheit spielte nicht nur später in der Amerikanischen und Französischen Revolution eine entscheidende Rolle, sondern ist auch bis heute der Grundpfeiler der Menschenrechte. Wolff prägt Worte wie Bewusstsein, Bedeutung, an sich, Aufmerksamkeit, Begriff oder Vorstellung, die heute ganz selbstverständlich zu unserem Wortschatz gehören. Der Universalgelehrte beschäftigt sich nicht nur mit Philosophie und Mathematik, sondern führt in Halle astronomische Beobachtungen durch, studiert die Nützlichkeit von Globen für die Geographie und veröffentlicht Abhandlungen zu so delikaten Themen wie der Fortpflanzung.

Seine revolutionären Ideen bringen Wolff jedoch nicht nur die Anerkennung der intellektuellen Oberschicht, sondern auch die Abneigung einflussreicher Persönlichkeiten wie August Francke ein. Sein erbittertster Gegenspieler wird der Theologieprofessor Lange, der es im Zuge des »Hällischen Streits« schließlich mithilfe seiner Mitpietisten schafft, den unbequemen Denker verbannen zu lassen. Der Theologe schreibt triumphierend: »Gefallen! gefallen [sic!] ist die Wolffische Philosophie und, vom Sturmbock der königlichen Majestät getroffen, zusammengebrochen«.

Doch so einfach ist Wolff nicht kleinzubekommen. In Marburg finden er, seine aus Halle stammende Frau und ihr gemeinsamer Sohn schließlich ein neues Domizil. Nun zum Superstar der Intellektuellen avanciert, entwickelt Wolff seine Ideen weiter. Bald bildet sich eine eigene Denkschule, die Wolff ianer, die schon bald die philosophischen Lehrstühle in den deutschen Ländern dominiert und zu denen Persönlichkeiten wie Alexander Gottlieb Baumgarten, der Begründer der modernen wissenschaftlichen Ästhetik, gehören. In Brandenburg-Preußen dagegen werden Wolffs Schriften zunächst verboten; erst 1735 werden sie vom Index genommen.

Inzwischen hat sich die Stimmung bei Hofe zugunsten des berühmten Gelehrten gewandelt, besonders da die Universität Halle ohne ihn bald an Bedeutung verliert. Ein 1739 gemachtes Angebot, nach Frankfurt an der Oder zu kommen, schlägt Wolff jedoch aus. Erst als der von ihm in Jugendjahren beeinflusste Friedrich II. auf den Thron kommt, ändert der mittlerweile 61-jährige Gelehrte seine Meinung und kehrt 1740, wiederum mit glanzvollem Empfang, nach Halle zurück. Er wird erneut an der Friedrichs-Universität Professor, drei Jahre später sogar Kanzler. 1745 schließlich wird Wolff vom bayrischen Kurfürsten Maximilian Joseph in den Freiherrenstand erhoben. Auch wenn er sich inzwischen einige intellektuelle Auseinandersetzungen mit den von Newton geprägten britischen Empiristen und den französischen Aufklärern geliefert hat, bleibt der Philosoph bis zu seinem Tod am 9. April 1754 eine angesehene Persönlichkeit.

Was die Erinnerung angeht, scheint heute sein pietistischer Gegenspieler Francke die Nase vorn zu haben; während die Franckeschen Stiftungen für das Weltkulturerbe nominiert wurden, sagt der Name Christian Wolff außerhalb der universitären Philosophie nur wenigen etwas. Vielleicht aber besteht die mächtigste und nachhaltigste Wirkung nicht aus Bauwerken, sondern aus Ideen. Während der Pietismus nach und nach an Bedeutung verloren hat, sind die Ideen der Aufklärung zur Grundlage des modernen Denkens geworden, haben Wolffs Nachfolger, wie etwa Immanuel Kant, seine Theorien und Ansichten weiterentwickelt. Aber das ist, an sich, eine ganz andere Geschichte.

  • Leider ist Christian Wolffs Grab auf dem Stadtgottesacker verschollen; sein ehemaliges Wohnhaus in der großen Märkerstraße 10 existiert jedoch noch und kann als Teil des Stadtmuseums besichtigt werden. Öffnungszeiten Di – So 10 – 17 Uhr, ermäßigter Eintritt 3 Euro.

»Der Mensch hat nichts vortrefflicheres [sic!] von Gott empfangen, als seinen Verstand […] Je mehr er die Erfahrung macht … desto mehr weiß der Mensch die Kräfte des Verstandes zu gebrauchen und gelangt mittels der mathematischen Denkmethode zur gründlichen Wahrheit.« Christian Wolff, Vernünfftige Gedancken von den Kräfften des menschlichen  Verstandes und ihrem richtigen Gebrauche in Erkäntnis der Wahrheit, Halle 1713

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 05.06. 2017 | Bearbeitet: 05.06. 2017 16:45