Apr 2017 hastuUNI Heft Nr. 71 0

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt unser Redakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. In der vorliegenden Ausgabe geht es um August Hermann Francke, einen vielseitigen Mann, der gleichzeitig Theologe und Unternehmer, Pfarrer und Pädagoge war.

Illustration: Katja Elena Karras

Illustration: Katja Elena Karras

Vier Taler und sechzehn Groschen. Etwas ungläubig starrt der Pfarrer der kleinen Kirchengemeinde auf den Inhalt seiner Spendenbüchse. An diesem Ostertag im Jahre 1691 scheint es jemand gut mit dem Siebenundzwanzigjährigen gemeint zu haben. Doch was soll er jetzt mit diesem ansehnlichen Geldbetrag anfangen? Sicherlich denkt er an die Armut und Verelendung, die Krieg und Pest über das kleine Amtsstädtchen Glaucha gebracht haben, an die düsteren Aussichten für die vielen Waisen und Armen, an die schreckliche Unbildung und Verrohung der Gesellschaft – und plötzlich kommt ihm die entscheidende Idee. Er ruft aus: »Das ist ein ehrlich Kapital! Davon muß man etwas rechtes stiften! Ich will eine Armenschule damit anfangen!« Gesagt, getan, schon wenig später beginnt der junge Pfarrer damit, die armen Kinder der Umgebung in seinem Pfarrhaus zu unterrichten. Bald spricht sich die Qualität seines Unterrichts herum, und steigende Schülerzahlen erfordern die Anmietung von zusätzlichen Gebäuden. Im Laufe der Zeit entsteht nicht nur ein eigenes Gebäude für die Waisenkinder, sondern eine ganze Schulstadt mit Tausenden von Bewohnern. Aus dem unscheinbaren Dorfpfarrer wird eine der einflussreichsten Persönlichkeiten ihrer Zeit, Briefpartner von Leibniz und Friedrich Wilhelm I. von Preußen und Herr über einen straff organisierten Wirtschaftsbetrieb.

August Hermann Francke wird am 22. März 1663 in Lübeck als Sohn des Juristen Johann Francke geboren. Die Eltern stammen beide aus dem städtischen Bürgertum, sind einigermaßen wohlhabend und einflussreich. Schon drei Jahre später wird der Vater Hofrat bei Herzog Ernst I. »dem Frommen« von Sachsen-Gotha. In der thüringischen Residenzstadt Gotha wächst August recht behütet auf, seine privilegierte Herkunft ermöglicht ihm eine für die damalige Zeit hervorragende Schulbildung. Es trifft sich, dass Herzog Ernst ein Förderer des Bildungswesens ist und als erster deutscher Fürst ein Elementarschulwesen einführt. Auch ein Waisenhaus entsteht auf die Anweisung Ernsts. Diese von Bildung und Religiosität gleichermaßen geprägte Umgebung beeinflusst den Jungen sicherlich sehr. Nach seiner Schulzeit studiert der junge Mann Philosophie und Theologie in Erfurt, Kiel und Leipzig, wo er schließlich 1685 den Magistertitel und wenig später die Habilitation erlangt. Der frischgebackene Priester fängt auch an zu predigen, allerdings ist er offenbar nicht so richtig bei der Sache.

Dann, 1687, bewegt ihn eine Bekehrungserfahrung in Lüneburg zum radikalen Umdenken; nach einer Glaubenskrise stürzt er sich ins Bibelstudium und wendet sich schließlich der religiösen Strömung des Pietismus zu. Bei dieser Variante des orthodoxen Luthertums stehen weniger Kirche und Priester, sondern vielmehr der gläubige Mensch selbst im Vordergrund. Seine radikalen missionarischen Predigten und theologischen Ansichten machen den jungen Priester unbeliebt. Nicht nur aus Leipzig, sondern auch aus Erfurt vertreibt man ihn. Schließlich findet er als Dorfpfarrer in der hallischen Vorstadt Glaucha eine Stelle und wird als Professor für Griechisch und orientalische Sprachen an die neugegründete Universität berufen. Francke heiratet, ebenfalls in Halle, die Adelige Anna Magdalena von Wurm, mit der er drei Kinder bekommt. Von den schlechten Verhältnissen in Glaucha im Speziellen und der Gesellschaft im Allgemeinen ist er währenddessen nicht sehr angetan. Mehr als zu predigen kann er jedoch nicht tun, denn ihm fehlen größere finanzielle Mittel, um sein Ideal – Bildung und Frömmigkeit für alle – Realität werden zu lassen. Bis zu jenem Ostertag 1691, an dem sich ihm in Gestalt einiger Silbermünzen endlich das geeignete Startkapital präsentiert.

Mit Elan und unternehmerischen Geschick macht sich Francke ans Werk. Da er die Kinder bald schon nicht mehr allein unterrichten kann, kommt er auf eine geniale Idee: Er holt Theologiestudenten der Universität und lässt sie, im Austausch gegen kostenlose Verpflegung, die Waisen unterrichten. Da sich der Ruf der Schule schnell verbreitet, schicken bald auch wohlhabende Bürger und sogar Adelige ihre Kinder nach Glaucha. Mit dem Schulgeld kann er die Einrichtung des Waisenhauses vorantreiben, für dessen Hauptgebäude 1698 der Grundstein gelegt wird. Zwar besitzt Francke nun Privilegien des Königs und erhält größere Spenden, doch ihm schwebt mehr vor: Unternehmerisch geschickt richtet er eine Apotheke und eine Buchhandlung nebst eigener Druckerei und Papierherstellung ein. Seine Arzneien gehen buchstäblich in alle Welt, und seine Publikationen verkaufen sich so gut, dass er bald weiter expandieren kann. Eine richtige Schulstadt entsteht, mit Raum für über zweitausend Schüler, einer Bibliothek, einem Krankenhaus und mehreren Wirtschaftsbetrieben.

Das Konzept Franckes ist dabei wegweisend und prägt das Bildungswesen bis heute: Von den ärmsten Waisen bis hin zu den Kindern reicher Adeliger, Jungen und Mädchen gleichermaßen werden bei ihm unterrichtet. Er richtet das erste Lehrerseminar überhaupt ein, um auch seinen Lehrkräften eine geregelte Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen. Am Wichtigsten jedoch ist der von ihm konzipierte Anschauungsunterricht: Anstatt das Wissen nur über Bücher und die Lektüre antiker Klassiker zu vermitteln, veranschaulicht er es mithilfe von Modellen und ausgestopften Tieren aus seiner »Kunst- und Naturalienkammer«. Damit ist die »Realschule« geboren, die vor allem praktisch orientiert ist. Francke lässt die Schüler auch handwerkliche Tätigkeiten erlernen, bietet armen wie privilegierten Mädchen Ausbildungschancen.

Dieser für die damalige Zeit revolutionären Einstellung ist es zu verdanken, dass Francke bald zum gefragten Berater und Briefpartner von Gelehrten und Fürsten wird. Leibniz erwirkt 1701 sogar seine Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften. Denn anders als manch andere Pietisten lehnt Francke die Naturwissenschaft nicht ab, sondern sieht in ihr ein Mittel zum Studium des göttlichen Werkes. Das ist seine zentrale Motivation: Mit Frömmigkeit und religiöser Hingabe sollen die Schüler zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden, sollen Rohheit und Unmoral beseitigt werden. Gottvertrauen ist für ihn der zentrale Begriff des Lebens. Diese pietistische Einstellung treibt er sogar so weit, dass er Missionare ausbildet und losschickt, um in fremden Ländern Luthers Lehre zu verbreiten. Noch heute kann man in den Franckeschen Stiftungen Lutherübersetzungen auf Tschechisch, Russisch, Englisch, Arabisch, Chinesisch, in indischem Sanskrit und tamilischen Schriftzeichen von Ceylon bewundern. Franckes Missionare dringen bis nach Indonesien und Nordamerika vor und bringen von dort neue, exotische Anschauungsmaterialien mit nach Halle, während seine »Cansteinsche Bibelanstalt« preisgünstig Bibeln in vielen Sprachen druckt und in alle Welt schickt. Eine Vollbibel kostet etwa nur sechs Groschen, umgerechnet etwa drei Euro. Auch die erste Zeitung Halles wird dort gedruckt, um religiös zu bekehren und wissenschaftlich zu belehren.

Am 8. Juni 1727 stirbt August Hermann Francke schließlich in Halle; sein Leichnam wird auf dem Stadtgottesacker beigesetzt. Seine Stiftungen bestehen bis heute fort, wenn auch seit 1946 mehrheitlich der Universität angegliedert. Doch nicht alles an Franckes weitreichendem Erbe ist zukunftsweisend: Nach seinem Tod wird der Schulbetrieb nach pietistischen Idealen weitergeführt und verpasst nach und nach den Anschluss an das Bildungswesen der Aufklärung. Erst um 1800 gelingt eine Erneuerung nach aufgeklärt-humanistischem Bildungsideal.

Schon zu Franckes Lebzeiten lieferten sich die Pietisten heftige Auseinandersetzungen mit Aufklärern wie Thomasius oder Wolff, die ebenfalls in Halle wirkten und eher religionskritisch eingestellt waren. Denn bei allen Verdiensten war er doch ein Kind einer Zeit: Während er einerseits im sozialen, pädagogischen und unternehmerischen Bereich modern und zukunftsweisend eingestellt war, rührte seine religiöse Auffassung von weltweiter Mission und dem alles bestimmenden Einfluss der Frömmigkeit aus den Religionskonflikten des siebzehnten Jahrhunderts. Franckes religiöse Vorstellungen wurden vom Lauf der Zeiten überrollt. Was jedoch bleibt, sind die Franckeschen Stiftungen als Symbol für ein gerechtes und praktisch orientiertes Bildungswesen.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 14.04. 2017 | Bearbeitet: 14.04. 2017 21:29