Jan 2017 hastuUNI Heft Nr. 70 0

Hallische Köpfe

In dieser Reihe stellt unser Redakteur Paul regelmäßig Persönlichkeiten vor, die Universität und Stadt geprägt haben. Diesmal steht Christian Thomasius im Mittelpunkt, ein genialer Denker und Querkopf, der nicht nur die deutsche Philosophie entscheidend beeinflusste, sondern auch maßgeblich zur Gründung der hallischen Friedrichs-Universität beitrug.

Foto: Paul Thiemicke

Foto: Paul Thiemicke

Wenn die ersten Studierenden des Tages müde oder verkatert mit einem großen Kaffeebecher in der Hand die Treppen des Löwengebäudes erklimmen, werden sie schon erwartet. Mit halb strengem, halb belustigtem Blick sieht er auf sie hinab, wie sie sich die Stufen heraufschleppen. Kaum jemand beachtet ihn, Aufmerksamkeit bekommt er höchstens von kleinen Touristengruppen und den Reinigungskräften. Doch das scheint ihn nicht besonders zu stören, den Mann, der da in Bronze auf dem Treppenabsatz im Herzen des Löwengebäudes steht, in seiner Universität. Doch wer ist dieser Christian Thomasius, dessen Büste noch vor der Luthers und Melanchthons, vor Schleiermachers und Philippis Abbild diesen Ehrenplatz erhält?
Der Herr mit der Allongeperücke wird am 1. Januar 1655 in Leipzig geboren. Sein Vater ist im Geistesleben der Stadt ein wichtiger Mann: Jakob Thomasius, der frühere Konrektor der Nikolaischule, ist seit kurzem Professor für Moralphilosophie an der Alma Mater Lipsiensis. Zu seinen Studenten wird später auch der ebenfalls aus der Pleißestadt stammende Gottfried Wilhelm Leibniz gehören. Christian Thomasius wächst also mit der bestmöglichen Bildung seiner Zeit auf und immatrikuliert sich 1669 an der Leipziger Universität. Schon nach zwei Semestern erhält der hochbegabte Student dort den Baccalaureus, nach drei Jahren den Magistertitel der philosophischen Fakultät. Im Jahre 1675 schreibt er sich schließlich an der Viadrina in Frankfurt an der Oder ein, um sich in die Rechtswissenschaft zu vertiefen. Nach vier Jahren wird er promoviert und kehrt 1679 nach Leipzig zurück.

»Mit vollen Sinnen der Gegenwart zugewandt, bestrebt, sie lebenswürdiger zu machen und von allem Schutt zu entlasten, der die Entwicklung des einzelnen wie der Menschheit umlagerte und bedrückte.«
Pfarrer Schrader, einer der schärfsten Gegner Thomasius, über ihn

In den folgenden Jahren führt der mittlerweile verheiratete und bekinderte Thomasius ein recht beschauliches Leben in seiner Heimatstadt, arbeitet als Anwalt und Privatdozent an der Universität. Im Laufe der 1680er Jahre beginnt er sich vermehrt mit den Denkern Hugo Grotius und Samuel von Pufendorf auseinanderzusetzen, unter deren Einfluss sich seine Auffassungen von Naturrecht und Philosophie immer stärker verändern. In seinem »De Criminie Bigamiae« von 1685 geht er sogar so weit, die Vielehe zu rechtfertigen. Noch schütteln die universitären Autoritäten nur ihre Köpfe über diesen unkonventionellen Privatgelehrten. Am 31. Oktober 1687, ausgerechnet dem Reformationstag, kommt es jedoch zum Eklat: Am schwarzen Brett vor der Universitätskirche können die verwunderten Studenten folgende Vorlesungsankündigung lesen: »Discours Welcher Gestalt man denen Frantzosen in gemeinem Leben und Wandel nachahmen solle?« Eine Vorlesung auf Deutsch und nicht in der heiligen Sprache Latein? Unerhört, ja geradezu unverschämt! Die Doktoren und Professoren sind erzürnt. Und es wird nicht besser mit ihrem geistigen enfant terrible. Thomasius kritisiert in den folgenden drei Jahren die als unantastbar geltende Ethik des Aristoteles und veröffentlicht die »Monats-Gespräche«, eine auf Deutsch erscheinende Zeitschrift, die sich in leichtem Ton mit philosophischen Themen auseinandersetzt. Doch auch an Ironie und Satire spart Thomasius nicht und nimmt sogar die Autoritäten von Universität und lutherischer Kirche aufs Korn. Daraufhin muss er sich gegen Angriffe von allen Seiten wehren, ihm werden Hochverrat und Atheismus vorgeworfen. Als er 1689 in einer Publikation auch noch gegen den kurfürstlichen Hof in Dresden Stellung bezieht, ist das Maß voll: Er erhält Anfang 1690 in ganz Kursachsen ein Lehr- und Publikationsverbot. Notgedrungen verlässt Thomasius Leipzig und reist nach Berlin, wo er kurz darauf vom brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. zum Rat ernannt und an die Ritterakademie in Halle geschickt wird. Hier kann Thomasius endlich seine Vorlesungen halten, auch wenn der Empfang zunächst eher verhalten ist. Der Jurist und Philosoph will aber noch mehr als nur die Beschäftigung an einer Schule für privilegierte Adelssprösslinge: Es braucht eine Universität in Halle! Er nutzt seinen ganzen Einfluss auf den Kurfürsten und erreicht schließlich, dass dieser 1694 eine neue Hochschule in der Saalestadt stiftet. Am 11. Juli 1694 wird die Friedrichs-Universität feierlich in der Alten Ratswaage eröffnet. Thomasius wird Professor an der juristischen Fakultät.

»Solange als die Stunde meiner lectionum währen wird, werde ich eures Standes und Vermögen vergessen und euch bloß als Studenten betrachten, die ihr alle gute Vermahnung und Lehre vonnöten habet. […] Es ist mir ein Geringer, der fleißig ist, lieber als ein Vornehmer, der unfleißig ist […]«
Christian Thomasius, Vom Elenden Zustande der Studenten, Halle 1693

In den folgenden Jahren bleibt der Gelehrte weiterhin umtriebig; 1701 erscheint »De crimine magiae«, in dem er energisch gegen die religiöse Hexenverfolgung vorgeht und die Teufelsaustreibung rational entkräftet. Auch in späteren Jahren veröffentlicht der umtriebige Professor zahlreiche Abhandlungen gegen Hexenwahn und Folter im Allgemeinen. Damit trägt er entscheidend dazu bei, dass diese Praktiken aufhören und schließlich verboten werden. Doch auch andere Themen wie die Reform des veralteten römischen Strafrechts beschäftigen ihn. Thomasius bleibt dabei immer ein kritischer Geist; kein Klassiker ist ihm zu ehrwürdig und keine Autorität zu mächtig, um sie nicht auf den Prüfstand zu stellen. Dem Kurfürsten sagt er ebenso ungeschminkt seine Meinung wie den gelehrten Kollegen; damit macht er sich jedoch nicht nur Freunde. Zu den größten Meinungsverschiedenheiten kommt es mit den hallischen Pietisten um Hermann August Francke, deren Ansichten in krassem Gegensatz zu Thomasius« Ideen stehen. Während Francke und seine Schüler Halle zum Zentrum des deutschen Pietismus machen, sorgen Thomasius und sein Kollege Christian Wolff für die Verbreitung der frühen Aufklärung in den deutschen Ländern. Die scharfe Kritik der beiden Philosophen an religiösen Vorstellungen und der Franckeschen Schule entladen sich 1723 und führen zu einer Verbannung Wolffs, aus der er erst lange nach Thomasius« Tod zurückkehren darf.
Doch nicht nur Themen des Rechts und der Philosophie spielen für Thomasius eine Rolle; besonders am Herzen liegt ihm die Reform des universitären Systems. So liefert er bedeutende Impulse für den Wandel vom mittelalterlichen zum neuzeitlichen Bildungssystem, vom sturen Auswendiglernen alter Schriften zum Forschen und publizistischen Verbreiten von Wissen.
Christian Thomasius stirbt am 23. September 1728 in Halle, beigesetzt wird er auf dem Stadtgottesacker, wo sich sein Grab auch heute noch befindet. Das Erbe seiner frühaufklärerischen Ideen werden später Philosophen wie Immanuel Kant antreten und die deutsche Aufklärung zu ihrer größten Blüte führen. Was sonst noch bleibt von diesem Reformer und Querkopf, vom geschmähten und geschätzten Wandler zwischen Pleiße und Saale, ist eine bis heute lebendige Universität. Die Hunderten Studierenden, die tagtäglich durchs Löwengebäude gehen, bemerken ihn wahrscheinlich kaum noch auf seinem Sockel, wie er da unerschütterlich über sie wacht. Doch wenn man genau hinsieht, kann man in seine bronzenen Augen vielleicht so etwas wie Zufriedenheit sehen, die Zufriedenheit angekommen zu sein.

Über Paul Thiemicke

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Erstellt: 25.01. 2017 | Bearbeitet: 25.01. 2017 19:55