Apr 2017 hastuPAUSE Heft Nr. 71 0

Gestern, Heute und Morgen

In kaum einer mitteldeutschen Stadt findet man mehr von ihnen als in Halle: Lost Places. Manche dieser Gebäude stehen erst kurzzeitig leer, andere seit Jahrzehnten. Zu Besuch an zwei Orten, deren Schicksal unterschiedliche Wege zu gehen scheint.

Foto: Alexander Kullick

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Es ist einer dieser typischen grauen Tage im März. Die Temperaturen steigen langsam, überall sprießen die Knospen der Frühblüher, doch stets wird man vom kräftig blasenden Wind und dem trüben Himmel daran erinnert, dass der Winter erst wenige Wochen zurückliegt. Die Saale plätschert wie eh und je vor sich hin, man sieht viele Spaziergänger mit Hunden an ihren Ufern entlanglaufen, hin und wieder auch Jogger. Halle erwacht langsam aus seinem Winterschlaf.

Dies gilt aber nicht für die ganze Stadt. Wer auf seinen Wegen durch die Händelstadt einen aufmerksamen Blick für die Umgebung hat, wird in steter Regelmäßigkeit auf sie stoßen: Gebäude, die aus einer längst vergessenen Zeit stammen, für die man hier schon lange keinen Nutzen mehr hat. Besonders die Städte der ehemaligen DDR können mit vielen solchen Ruinen aufwarten. Während in der alten Bundesrepublik architektonisch viel dem Pragmatismus geopfert wurde, fehlte in der DDR oft das Geld für Abrisse oder gar Sanierungen. Eine Folge daraus ist, dass es noch immer dutzende leerstehende Bauten gibt, die ohne Perspektive vor sich hin rotten.

Foto: Alexander Kullick

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Ehrgeizigen Stadtplanern mag das ein Dorn im Auge sein, Anderen hingegen eine Quelle zum Stillen der persönlichen Neugier. Schon immer interessierten sich die Menschen dafür, wie die Vergangenheit ausgesehen haben muss; seit einigen Jahren gibt es vermehrt den Drang, diese Formulierung beim Wort zu nehmen und der Geschichte aktiv nachzuspüren.

Lost Places also. Hinter diesem verklärend-romantischen Ausdruck verbergen sich oftmals Industriekomplexe aus den letzten beiden Jahrhunderten, in denen die Maschinen schon lange ruhen. Auch alte Krankenhäuser oder Schulen haben für manche einen ganz eigenen Reiz, dem man, wenn man einmal damit angefangen hat, immer weiter nachspüren will. Ein bisschen Druck besteht aber auch beim Aufsuchen dieser Relikte aus früheren Tagen: Immer häufiger rücken die Bagger mit der Abrissbirne an und machen die einstigen Stätten hehrer Produktivität rigoros platt. Wieder anderen wird immerhin die Ehre zuteil, in einen modernen Wohnkomplex oder einen Supermarkt verwandelt zu werden. Auch in Halle ist dieser Trend zu beobachten, die Vergangenheit wird immer weiter verdrängt und schließlich ausgelöscht. Jeder darf sich selbst aussuchen, ob er diesen Vorgang gutheißt oder verteufelt. Tatsache ist jedoch, dass ein Gebäude nach dem anderen förmlich über Nacht verschwindet.

Halle, Stadt des Bieres

Foto: Alexander Kullick

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Beinahe wäre die alte Freyberg-Brauerei am Saaleufer diesem Schicksal endgültig entgangen. Die Pläne zur Kernsanierung waren weit vorangeschritten, auf dem Gelände im Stadtteil Glaucha sollten fast 100 Wohnungen entstehen, integriert in den fast 150 Jahre alten Komplex. Etwa 30 Millionen Euro wollte man in die Hand nehmen, wurde noch vor wenigen Jahren optimistisch verkündet.

Foto: Alexander Kullick

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Es sollte anders kommen. Im heißen Sommer 2015 wütete ein Großbrand auf dem Gelände, das Bauvorhaben wurde mit Bekanntwerden des Ausmaßes der Zerstörung rasch fallengelassen. Seitdem ist es still geworden um die ehemalige Produktionsstätte von »Meisterbräu«.

Foto: Alexander Kullick

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Still ist es auch auf dem Innenhof der Brauerei. Man kann die Autos noch hören, die mit 50 Sachen auf der Glauchaer Straße in Richtung Innenstadt brettern, gefühlt ist man aber weiter weg von ihnen als 100 Meter Luftlinie. Ein breites Metalltor versperrt die Zufahrt zu diesem Innenhof, die Fenster der burgartigen Gebäude wurden verrammelt, Löcher in der Mauer notdürftig abgedichtet. Man möchte anscheinend niemanden hier haben. Verwunderlich ist das nicht wirklich – bei dem Feuer vor zwei Jahren handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um Brandstiftung. Dem Entdeckerdrang und leider auch der Zerstörungswut einiger Weniger können aber auch Metalltore und schwere Ketten nicht beikommen. Neben den fast schon obligatorischen Graffiti finden sich noch zahlreiche andere Zeichen menschlicher Aktivität auf dem Mitte der Neunziger stillgelegten Komplex. Leere und zersplitterte Flaschen, Matratzen, Gummistiefel. Man fragt sich, ob Letztere vielleicht tatsächlich noch von ehemaligen Arbeitern der Brauerei stammen. Die Antwort auf diese Vermutung bleibt genauso rätselhaft wie die auf die Frage, woher die Geräusche stammen, die immer wieder aus dem Inneren der unübersichtlich vielen, verwinkelten Häuser nach außen dringen. Es fällt fast schwer zu glauben, man sei hier allein, dafür ist das Areal schlichtweg zu riesig. Sollten Entwicklern von Horrorfilmen oder -videospielen der Zukunft mal die Ideen ausgehen: hier finden sie mit Sicherheit Inspiration.

Foto: Alexander Kullick

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Das Bierbrauen hat in Halle eine lange Tradition. Schon im Spätmittelalter wurde der Deutschen liebstes Kaltgetränk in der Stadt gebraut, die man heute vor allem mit Salzförderung in Verbindung bringt. 1816 begann Christian Gottfried Rauchfuß mit dem industriellen Brauen, einer seiner Nachfahren bezog als neuer Eigentümer des Familienunternehmens 1886 das nun als Freyberg-Brauerei bekannte Gelände an der Saale in Glaucha. Es folgten Jahrzehnte der anhaltenden Expansion, 1912 entstand mit der Abfüllhalle der Gebäudeteil, dessen Jugendstilfassade jeder Spaziergänger an der Saale auf dieser Höhe bis heute bewundern kann. Mitte der Dreißigerjahre galt sie als größte Privatbrauerei Deutschlands. Nach dem Krieg ereilte die Familie das gleiche Schicksal wie Tausende andere – ihr Betrieb wurde von der DDR-Führung enteignet und verstaatlicht. Fortan braute man hier unter der Schirmherrschaft des »VEB Getränkekombinat Halle«, die Namen wechselten gefühlt mit jeder neuen Jahreszeit. Es kam die Wende und mit ihr langsam aber sicher auch das Ende des Brauereiwesens in Halle, gegen Mitte der Neunzigerjahre wurde die letzte Flasche des bekannten »Meisterbräus« abgefüllt. Seitdem gerät dieser einst stolze Komplex nur noch in die Schlagzeilen, wenn es mal wieder brennt – vor 2015 war das zum Beispiel auch 2000 schon der Fall.

Fünf Minuten von der Sorge zur Hoffnung

Foto: Alexander Kullick

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Manche Räume sind regelrechte Dunkelkammern, in die man sich vielleicht besser nicht zu tief hineinwagt; andere sind aufgrund des fehlenden Daches beinahe taghell mit Licht durchflutet. Wer es darauf anlegt, kann hier Stunden verbringen, denn man befindet sich zwar noch mitten in der Stadt, aber doch in einer eigenen Welt. Es bleibt abzuwarten, wie es hier weitergeht. Mehrere Teile des Grundstücks sind stark einsturzgefährdet, man hinterfragt jeden Schritt, den man setzt. Vielleicht findet sich doch noch ein Investor für den Wiederaufbau. Es wäre schade um dieses architektonisch äußerst charmante Bauwerk, wenn man auch hier mit der Abrissbirne vorfährt. Bis dahin wird dieses Anwesen mit all seinen knarzenden Türen und raschelnden Papierstreifen im Treppenhaus weiter Zeuge lange vergessener Tage bleiben.

Foto: Alexander Kullick

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Das Schicksal kann aber auch anders. Nur fünf Minuten zu Fuß entfernt befindet sich mit dem 1891 fertiggestellten Gasometer ein weiterer Lost Place der Saalestadt. Man überquert den Fluss und geht ein paar Schritte nach rechts, schon wartet der nächste Zeuge der Industrialisierung in Halle. Auch wenn die Arbeit hier sogar schon 1972 niedergelegt wurde: Dieses Gebäude steht vor einer umso vielversprechenderen Zukunft. Nachdem hier seit einigen Jahren schon vermehrt kulturelle Veranstaltungen wie Theateraufführungen stattfinden, wird in diesem Jahr aller Voraussicht nach der Umbau hin zu einem Planetarium beginnen. Ähnlich dem Pendant in der Leipziger Südvorstadt macht man sich die »natürliche« Form eines Gasometers zunutze: Während in der sächsischen Nachbarstadt seit einiger Zeit riesige Panoramabilder gezeigt werden, bekommen die Hallenser ab 2019 eine neue Gelegenheit zum Sternegucken. Das in den Fluten der Saale 2013 schwer beschädigte Planetarium auf der Peißnitzinsel hatte keine Zukunft mehr, sodass der Stadtrat die 14 Millionen Euro für den Bau aus dem Fluthilfe-Fonds gerne locker macht.

Noch merkt man hier wenig vom ambitionierten Vorhaben der Stadt. Fast schon friedlich liegt das kreisrunde Gebäude, dem das Dach fehlt, nur wenige Meter von der Saale entfernt. Bis hier im Sommer die Bagger und Kräne zu Werke gehen, kann man ungestört um das alte Gasometer herumschreiten und an seinen beiden Eingängen durch das gitterartige Tor einen Blick nach innen erhaschen. Zu sehen gibt es hier eher wenig: es ist hohl und gespenstisch leer.

Die Brauerei mit ihrer markanten Jugendstilfassade ist von hier gerade noch zu erspähen. Sollte sich das Schicksal für sie aber nicht bald zum Guten wenden, dann fragt sich nur, wie lange das noch so sein wird.

Foto: Alexander Kullick

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Über Alexander Kullick

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Erstellt: 14.04. 2017 | Bearbeitet: 14.04. 2017 22:13