Okt 2017 hastuUNI Heft Nr. 74 0

Gedopte Uni

Jeder kennt und fürchtet diese Zeit im Jahr, in der man Nachtschichten in der Bib schiebt, sich in Lerngruppen zusammenrottet oder im Zimmer verschanzt, zwischen Energydrink, Tiefkühlpizza und Aufzeichnungen: die Prüfungen stehen an. Manch einer verlässt sich beim Pauken nicht nur auf die belebende Wirkung von Club-Mate und Cola, sondern greift auch zu anderen Mitteln.

Foto: Sophie Ritter

Gerade wer nur auf Druck lernen kann, kennt das Phänomen: um den Lernstoff bis zur Prüfung drin zu haben, müssen pro Tag mehrere Stunden durchgelernt werden. Ohne Hilfsmittel ist dies kaum zu bewerkstelligen. So geht es auch Miriam*: während sie im ersten Semester in der Prüfungsphase noch fleißig Kaffee schlürfte, greift sie mittlerweile zu Guarana.

Die Samen dieser Pflanze werden meist in Form von Pulver oder Kapseln verkauft und sind frei erhältlich in Apotheken oder über diverse Online-Händler – für beispielsweise etwa 60 Kapseln liegen die Kosten meist zwischen 10 und 20 Euro. Ursprünglich von der indigenen Bevölkerung in den Gebieten des Amazonas während mehrtägiger Jagdausflüge gegen Hunger- und Durstgefühle genutzt, dient es heute dazu, die Konzentration und Leistungsfähigkeit bei Arbeit oder Studium zu steigern. So besitzt Guarana im Vergleich zu Kaffee die fünffache Menge an Koffein. Im Gegensatz dazu entfaltet Guarana allerdings erst nach und nach eine stimulierende Wirkung, diese jedoch über etwa sechs Stunden hinweg. Somit eignet es sich ideal dafür, wenn man längere Zeit am Stück lernen muss. Nebenwirkungen der Einnahme sind hierbei allerdings Schlafprobleme, Kopfschmerzen oder Herzrasen, aber auch Zittern und innere Unruhe. Im ersten Moment scheinbar nicht schlimmer als übermäßiger Kaffee-Konsum, allerdings treten sehr schnell Gewöhnungseffekte auf und damit das Gefühl, ohne die Einnahme der Kapseln nicht mehr richtig produktiv zu sein.

Miriam nimmt Guarana weiterhin nur während der Prüfungsphase ein – obwohl an besonders stressigen Tagen abseits der Prüfungsphase die Verlockung natürlich groß ist, jetzt einfach eine Kapsel einzuschmeißen, um Uni und Privatleben ohne Abstriche unter einen Hut bringen zu können. Allerdings ist ihr bewusst, dass Kapseln langfristig keine Lösung für den Druck, »nichts zu verpassen« darstellen. »Es kommt darauf an, Prioritäten zu setzen.« Dann gehe an manchen Tagen eben mal die Uni vor und andere Dinge fallen unter den Tisch – oder umgekehrt. Beim Lernen empfindet sie Guarana allerdings dennoch als hilfreich und will es weiterhin einnehmen: »Das ist praktischer als drei Tassen Kaffee nacheinander zu trinken.«

Nicht nur für den Zappelphilipp

Der Konsum von Guarana fällt noch unter die Begrifflichkeit »Neuro-Enhancement« (in leichter Form »Soft-Enhancement«), welches als Einnahme psychoaktiver Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung definiert wird. Mit dem Gebrauch von Ritalin zu solchen Zwecken geht man allerdings schon eine Stufe weiter: Hirndoping meint die missbräuchliche Einnahme solcher Präparate, die verschreibungspflichtig oder illegal sind. Somit sind diese beiden Begriffe nicht als Synonym zu verwenden, wie es im Volksmund häufig geschieht.

Ritalin muss laut Betäubungsmittelgesetz auf einem nummerierten Rezeptformular verschrieben werden. Es enthält Methylphenidat (MPH), welches normaler- weise zur Behandlung von ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizits-/ Hyperaktivitätsstörung) genutzt wird, ist aber mittlerweile eines der bekanntesten Aufputschmittel abseits legaler Verwendungszwecke.

Florian* kam mit 23 Jahren durch die Diagnose »mittleres ADS-Syndrom« zum Ritalin. Seine Erfahrungen: »Mit der Einnahme betritt man eine andere Welt.« Ihm zufolge sei es wie ein Schalter, der sich in einem umlegt. Zehn Stunden könne er vor einem Buch sitzen, ohne Hunger oder Durst zu verspüren. Das Ritalin sorge dafür, dass er völlig fokussiert bei einer Sache bleibe, alles andere werde nebensächlich.

Wer sich an der MLU auf die Suche nach dem Ritalin-Schwarzmarkt macht, wird nicht leicht fündig. Die Zahnmediziner und Pharmazeuten, aber auch BWLer und Juristen, so hört man es munkeln, sollen zu solchen Mittelchen greifen. Die Preisklasse reiche von sieben bis zwölf Euro pro Pille mit der höchsten Dosierung von 40 mg, welche etwa acht bis zwölf Stunden wirkt.

Florian, der keines dieser Fächer studiert, wurde auch schon von einem Kommilitonen nach Ritalin gefragt, verweigerte es ihm aber. Er selbst hat sich gegen Ritalin entschieden. Sein ADS-Syndrom kompensiere er anderweitig, vor allem durch Sport – und was das Lernen angeht, habe er auch da Strategien entwickelt, um ohne irgendwelche Präparate auszukommen. Zu groß seien die Nebenwirkungen, wenn zum Beispiel nach einem auf Ritalin durchgemachten Wochenende der große »Zusammenbruch« folge. Nicht zu vergessen weitere Erscheinungen wie Schlafstörungen, Schwindel, Nervosität oder Bluthochdruck. Er hatte das Gefühl, auf Ritalin »neben sich zu stehen«, nicht er selbst zu sein. Für ihn kein sonderlich erstrebenswerter Zustand.

In Florians Augen sind unsere Leistungsgesellschaft und der Überfluss an Informationen sowie die übertrieben hochgeschraubten Anforderungen in allen Lebensbereichen der Grund dafür, dass Studenten anfangen zu dopen. Er rät zum Besuch beim Psychotherapeuten statt zu Aufputschmitteln, denn häufig gebe »es da einfach noch andere Dinge, die nicht richtig aufgearbeitet sind.« Den oftmals stressigen Alltag zwischen Uni, Privatleben und Nebenjob könne man auch ohne pharmazeutische Hilfsmittel bewältigen; man müsse sich eben nur von dem Gedanken lösen, alles immer in Perfektion erledigen zu wollen oder der/die Beste sein zu müssen.

Illustration: Katja Elena Karras

Tatsächlich weisen einer Studie vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zufolge, bei der im Wintersemester 2014/15 rund 6700 Studierende an Universitäten und Fachhochschulen befragt wurden, die Konsumenten von sowohl illegalen als auch legalen Mitteln im Vergleich zu Nicht-Konsumenten eine geringere Lebenszufriedenheit auf. Grund hierfür ist wohl vor allem Stress – nicht nur mit der Uni, sondern auch in anderen Lebensbereichen wie etwa in der Partnerschaft. Dieser Druck führt vermutlich erst zur Einnahme von diversen Substanzen, welche aber anscheinend nicht bei der Bewältigung dahinterliegender Probleme helfen.

Wirklich nur Ritalin im Kopf?

Verlässliche Zahlen und Fakten, wie es an der MLU hinsichtlich Hirndoping und Neuro-Enhancement aussieht, sind leider nicht zu finden. Aufsehen erregte allerdings eine Studie der Uni Mainz im Jahr 2013 mit 2600 befragten Studenten, der zufolge jeder fünfte Student zu leistungssteigernden Mitteln greife. Dazu zählten die Autoren Aufputschmittel wie Koffeintabletten, aber auch verschreibungspflichtige oder illegale Substanzen wie Ritalin oder Kokain.

Laut der etwas aktuelleren Studie der DHZW ist die Lage nicht ganz so dramatisch: nur sechs Prozent der befragten Studenten betreiben Hirndoping und acht Prozent gehören zu den Soft-Enhancern. Am häufigsten werden dabei sowohl unter Soft-Enhancern als auch unter Hirndopenden pflanzliche und/oder homöopathische Substanzen konsumiert (54 Prozent), darauf folgen Schlaf- und Beruhigungsmittel (37 Prozent), Vitaminpräparate (29 Prozent) und Energy Drinks (27 Prozent). Immerhin ein Fünftel der hirndopenden Studenten allerdings greift auf verschreibungspflichtige Mittel wie Methylphenidat oder Antidepressiva zurück, um das Studium zu stemmen.

Diese gemäßigten Ergebnisse decken sich mit der Kritik vieler Wissenschaftler und Experten auf diesem Feld: So beklagen Boris Quednow (Uni Zürich) oder Jayne Lucke (La Trobe University Melbourne) eine »Phantomdebatte« oder gar eine »Neuro-Enhancement-Blase« in der öffentlichen Wahrnehmung. Der Missbrauch von Arzneimitteln wie Ritalin sei gar nicht so weit verbreitet, wie es medial vermittelt werde. Das jüngste prominente Beispiel hierfür ist der Wiener »Tatort« vom Anfang des Jahres mit dem Titel »Schock« über die völlig überforderte, »aus Vernunft süchtige« Generation Y, die ihr Studium nur mithilfe von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln schafft. Der Krimi suggeriert, dass jeder zweite Student vor Prüfungen schon einmal Medikamente oder Drogen genommen hat, insbesondere Ritalin und Speed stehen hoch im Kurs. Besonders drastisch: Fällt man durch eine Prüfung, wählt man den Freitod.

Solche Verhältnisse sind wohl nicht einmal in der österreichischen Hauptstadt anzutreffen, sondern wohl eher »Tatort«-Bedingungen – und entsprechen hoffentlich nicht dem, was die meisten von uns tagtäglich im eigenen Umfeld erleben. Auch wenn man manchmal nicht weiß, wo einem der Kopf steht, lohnt es sich langfristig vermutlich mehr, sich dann ein Mate-Erfrischungsgetränk oder einen Kaffee mit Freunden zu gönnen.

*Namen von der Redaktion geändert

Über Sophie Ritter

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Erstellt: 18.10. 2017 | Bearbeitet: 18.10. 2017 13:47