Okt 2017 hastuUNI Heft Nr. 74 0

Fiktionale Realität

261 Studiengänge an 10 Fakultäten bietet die MLU, eine beinahe unübersichtliche Anzahl. In unserer Rubrik »Studiengeflüster« stellen unsere Autoren kurz und knapp interessante Aspekte ihres eigenen Studiums vor. Teil 12: Wie man sich durch Serienschauen zehn Leistungspunkte verdienen kann.

Illustrastion: Katja Elena Karras

Mitten in der Prüfungsphase eine Folge nach der anderen schauen: Binge-Watching nennt man das neudeutsch, eine Bezeichnung für ebenjenes Seriengucken in der Endlosschleife. Dazu eine Packung Chips, vielleicht auch zwei, und am besten noch ein gekühltes zuckerhaltiges Getränk – schon steht dem Fernsehabend, der auch gerne in Form einer Fernsehnacht daherkommt, nichts mehr im Wege. Schlechtes Gewissen inklusive, denn eigentlich sollte man ja lernen oder an der Hausarbeit schreiben. Kann man schließlich auch später noch machen. Wer an der MLU Politikwissenschaft studiert, kann all das sogar ohne diesen negativen Beigeschmack der Pflichtvernachlässigung haben. Seit dem Sommersemester 2016 bietet der Lehrstuhl »Regierungslehre und Policyforschung« das Seminar »Politserien« an, bei dem Fernsehserien nach ihrem Bezug zur Realität untersucht werden. Die Wissenschaftlichkeit kommt hierbei nicht zu kurz, immerhin muss am Ende noch eine Hausarbeit über das Thema geschrieben werden.

Schlecht gestaunt haben dürften die Studierenden nicht, als sie im Frühjahr des letzten Jahres erstmals die Möglichkeit hatten, sich für diese Veranstaltung anzumelden. Auch in diesem Jahr wurde das Seminar durchgeführt, als Bestandteil des Aufbaumoduls Regierungslehre und Policyforschung. Das Modul ist traditionell zweigeteilt, einen Teil absolviert man im Wintersemester, den anderen im anschließenden Sommersemester. Bequemerweise muss die Modulleistung nur in einem der beiden Teile erbracht werden, noch angenehmer wird es, wenn man dafür Serien wie »House of Cards« gucken kann. Ganz so einfach ist es natürlich nicht, auch in diesem Seminar muss man etwas dafür tun, um am Ende die Credit Points zu kassieren.

Bill Clinton: »House of Cards ist zu 99 Prozent real«

Zunächst einmal sollte man sich die erste Staffel der überaus erfolgreichen Netflix-Serie »House of Cards« in voller Länge anschauen und dabei den Fokus vor allem auf das eigene Referatsthema legen. Die Staffel umfasst – fast schon typisch für Netflix – 13 Folgen mit einer Länge von je circa 45 bis 60 Minuten. Dabei folgen die Zuschauer dem machthungrigen Frank Underwood, dessen Aufgabe als »Majority Whip« darin besteht, die Abgeordneten der Regierungsfraktion bei wichtigen Abstimmungen auf Linie zu bringen. Mit seinen Intrigen und Einschüchterungen versucht er, einen Gegner nach dem anderen aus dem Weg zu räumen, um schlussendlich selbst an der Spitze der Hierarchie zu stehen.

Vorrangig geht es um politische Ränkespiele in Washington in all ihren Facetten, die Ex-Präsident Bill Clinton schon mal als »zu 99 Prozent real« bezeichnet hat. Womit wir wieder beim eigentlichen Thema des Seminars wären: Wie nah kommt diese Serie der politischen Wirklichkeit in den USA? Einigermaßen schnell reift in den Teilnehmern die Erkenntnis, dass es auf diese Frage nicht die eine Antwort geben kann. Vielmehr ist es eine Art Mosaik, das sich aus vielen unterschiedlichen Bestandteilen der Serie zusammensetzt und in seiner Gesamtheit betrachtet werden sollte.

Luisa Schittny, die Dozentin der Veranstaltung, hat nur den groben Rahmen für die Ausgestaltung des Seminars festgelegt. Natürlich ist das Schauen der ersten Staffel eine nicht zu verhandelnde Voraussetzung für das Bestehen. Dazu muss jeder Teilnehmer eine Präsentation ausarbeiten, und abschließend sollte man tatsächlich auch anwesend sein, wenn das Blockseminar stattfindet. Der Ablauf im Block ist wohl eine Lehre aus dem ersten Durchgang von 2016, als der Lehrstuhl dieses Seminar erstmals anbot. Dort fanden die Sitzungen noch wöchentlich statt, und jede Woche wurde eine andere Serie behandelt – das kam nicht bei allen gut an; den hohen, vielleicht auch zu hohen Erwartungen der Studierenden konnte es 2016 jedenfalls nicht ganz gerecht werden.

Ein Jahr später darf sich nun die modifizierte Variante beweisen. Den Planern des Seminars gelingt direkt schon der erste Volltreffer mit der Wahl des Ortes: es ist ein Seminarraum am Steintor, bei dem man sich gegenübersitzt und in dem man diskutieren kann. Vergangene Blockseminare haben schon des Öfteren bewiesen, dass eine lebhafte Debattenkultur maßgeblich zu einem erfolgreichen Wochenende beitragen kann. Dass es genau dazu auch kommen sollte, ist nicht nur der Wahl des Raumes zu verdanken, sondern auch durchaus kontroversen Themen.

Frauen und Lobbyismus: zwei Themen sorgen für große Diskussionen

Frauen kümmern sich um Mitmenschen, Männer nicht. Weibliche Journalisten setzen ihren Körper ein, um beruflichen Erfolg zu haben, Männer nicht. Frauen handeln zwar auch schlecht, aber nicht ohne darüber nachzudenken. Männer zeigen keine Reue.

So lauten zumindest einige der Thesen, die die Referentin in ihrem Vortrag »Darstellung von Frauen in ›House of Cards‹, Staffel 1« präsentiert. Demnach seien Frauen unterrepräsentiert, sie würden unterschätzt und benutzt. Fast jede These, die sie aufwirft, wird anhand eines Beispiels aus der ersten Staffel illustriert, wodurch man gut nachvollziehen kann, worauf die Vortragende hinauswill. Zahlen aus der wirklichen Politik belegen, dass Frauen tatsächlich unterrepräsentiert sind. Das Referat provoziert jedoch eine leidenschaftliche Diskussion im Anschluss an die Präsentation, längst nicht alle Zuhörer gehen mit dem Gesagten konform. Es wäre ein Irrtum zu glauben, diese Debatte finde nur zwischen den männlichen und den weiblichen Seminarteilnehmern statt. Viele Stimmen meinen, dass es zwar nötig sei, ein solches Thema zu beleuchten, wünschen sich aber auch eine weniger voreingenommene Herangehensweise, als sie durch die Vortragende teilweise dargeboten wurde.

Eine ebenso rege Debatte entfacht das Thema Lobbyismus. Fortwährend werden in der ersten Staffel Vertreter von Interessengruppen dabei gezeigt, wie sie die Anliegen ihrer Konzerne in der Politik repräsentiert sehen möchten – und ihnen das auch gelingt. Besonders das politische System in den USA, bei dem es wie in keinem zweiten auf Spendengelder zur Wahlkampffinanzierung ankommt, sei daher anfällig für unterschiedliche Spielarten des Lobbyismus. Das Prinzip ist alt und auch in Deutschland Gegenstand vieler Auseinandersetzungen; während einige gänzlich dagegen sind und eine stärkere staatliche Regulierung fordern, sehen andere es nicht ganz so streng oder können diesem System gar etwas abgewinnen.

Nicht nur über diese Themen tauschen sich die Studierenden an den beiden Tagen aus, auch andere sorgen für viel Redebedarf. Vielfältig beleuchtet wird zum Beispiel auch die Rolle der Medien in »House of Cards«, da man in der ersten Staffel als Zuschauer ebenfalls der jungen Journalisten Zoe Barnes folgt.

Insgesamt nehmen die Studierenden das Seminar gut an, sodass es aller Voraussicht nach in einem Jahr wieder stattfinden wird – wenn auch in abermals neuer Form, mit einer neuen Serie als Gegenstand. Für circa 20 Studierende die Möglichkeit, Chips zu essen, Cola zu trinken und die ganze Nacht lang eine Serie zu verfolgen – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Über Alexander Kullick

, , ,

Erstellt: 18.10. 2017 | Bearbeitet: 18.10. 2017 11:51